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Tilman Thaler: Methodologie sozialpädagogischer Forschung

Cover Tilman Thaler: Methodologie sozialpädagogischer Forschung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 215 Seiten. ISBN 978-3-658-00215-2. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Research. Soziale Arbeit in Theorie und Wissenschaft.
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Thema

Tilman Thaler legt den Versuch einer Systematisierung von Methoden „sozialpädagogischer“ Forschung vor. Paradigmatische Orientierung bietet dabei der „Kritische Rationalismus“, ohne dass jedoch eine Engführung auf Quantitative Sozialforschung vorgenommen wird. Bezugswissenschaftlich wird Sozialpädagogik unter die Allgemeine Pädagogik subsumiert. Gegenstandsorientiert soll Sozialpädagogische Forschung sich auf vier „Soziale Tatbestände“ beziehen:

  1. Lebensbewältigung und Lebensführung,
  2. Soziale Probleme,
  3. Die Erziehungstatsache,
  4. Bildung und Befähigung.

Die Erforschung dieser Gegenstände wird systematisch unterschieden in Zugänge durch „Praxisforschung“, durch „Handlungswissenschaftliche“ Forschung und „Disziplintheoretische“ Forschung.

Autor

Der Autor ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozialpädagogik an der KU Eichstätt-Ingolstadt tätig.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit wurde 2013 von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt als Dissertation angenommen.

Aufbau

Zunächst werden in der Einleitung (Kap. 1) Forschungsfrage und Vorgehen erläutert sowie ein Überblick über verschiedene Forschungsansätze gegeben.

Sodann wird auf die Allgemeine Pädagogik und darauf bezogene Sozialforschung eingegangen (Kap. 2, Grundprobleme und Methodologie), da Sozialpädagogik als Teildisziplin der Pädagogik verstanden wird. Pädagogik wird dabei als Sozialwissenschaft und als Philosophie diskutiert.

Es schließt sich ein Kapitel (3) über Sozialforschung und Philosophie an, in welchem qualitative und quantitative Forschung ebenso wie geisteswissenschaftliche Methoden (Klassische Hermeneutik, Klassische Phänomenologie, Klassische Dialektik) vorgestellt werden.

Im nächsten Schritt (Kap. 4) wird – überraschend - Sozialpädagogische Forschung auch als Teildisziplin der „Sozialen Arbeit“ eingeführt, Sozialpädagogik also auch als eine Subdisziplin der „Sozialen Arbeit“ verstanden (S. 162 ff.). Dieses Kapitel „Sozialpädagogische Forschung“ ist untergliedert in 1. „Soziale Arbeit und Forschung“, ein Unterkapitel lautet „Soziale Arbeit: Sozialpädagogik und Sozialarbeit“, 2. „Sozialpädagogik und Sozialforschung“, 3. „Gegenstandstheoretische Forschungsprogrammatik“, worunter a) „Handlungswissenschaftliche Forschung“, b) „Praxisforschung“ und c) „‘Disziplintheoretische Forschung“ in Unterkapiteln dargestellt werden (S. 155-182). Während a) an dem wissenschaftlichen Kriterium der Wahrheit orientiert ist, entfernt sich b) davon, indem die „an Praxiswirksamkeit orientierte Profession“ (S. 155) fokussiert wird. Praxisforschung wird insofern als unwissenschaftlich verstanden, da nicht an der Erzeugung von Wissen, sondern an der Verbesserung der Profession interessiert.

Zur Besonderheit sozialpädagogischer Forschung wird ausgeführt, „dass der Gegenstand der Sozialpädagogik zum Gegenstand der Sozialforschung wird“ (S. 155). Die vorgenommene Systematisierung, auch als Forschungsprogrammatik bezeichnet, wird sodann (Kap. 5) anhand der vier Gegenstände (auch: „Soziale Tatbestände“) „Lebensbewältigung/ Lebensführung“, „Soziale Probleme“, „Erziehungstatsache“ sowie „Bildung und Befähigung“ illustriert. Zusammenfassung (Kap. 6) und Ausblick (Kap. 7) schließen die Arbeit ab.

Inhalt

Zusammengefasst sind die folgenden Punkte hervorzuheben:

  1. Forschungsmethoden werden nicht nach Theorieansätzen systematisiert, da dies bereits von Anderen geleistet sei, Ordnungsgesichtspunkt sollen vielmehr Fragestellungen und Gegenstände (S. 15) sein.
  2. Konstatiert und geteilt wird die Sicht des in der vorliegenden Literatur herrschenden Mainstream zu empirischen Forschungsmethoden: Es gibt keinen Königsweg, forschungsrelevant und in Abhängigkeit vom Forschungsgegenstand ist vielmehr entweder das qualitative oder das quantitative Paradigma oder eine Kombination beider zu wählen („forschungspragmatische Unterscheidung“ statt einer wissenschafts- oder erkenntnistheoretischen Abgrenzung, S.88).
  3. Als Gegenstand der sozialpädagogischen Forschung wird „Praxis“ identifiziert, verstanden als praktische Tätigkeit des in einer Krise befindlichen Menschen als Handelndem, die „soziale Welt“ bezogen auf die o. g. vier Gegenstände. Es geht explizit NICHT um die sozialpädagogische Praxis (S. 13), da sonst das wissenschaftliche Kriterium „Wahrheit“ durch das unwissenschaftliche der „Wirksamkeit“ ersetzt werden würde.
  4. Mit Forschungsergebnissen sind philosophische Fragen verbunden: Sollensfragen, die sich der „sozialpädagogischen Perspektive“ stellen, um einen Auftrag zielorientiert zu erfüllen. Wer definiert dieses Sollen, und wie wird es definiert? Sollensfragen werden als Setzungen außerhalb der Wissenschaft angesiedelt.
  5. Auch „Anwendungsforschung“ ist für SozialpädagogInnen bedeutsam, um Praxis wirksamer und effektiver zu gestalten. Diese – unwissenschaftliche – Art der Forschung wird von „Grundlagenforschung“ unterschieden.
  6. Sozialpädagogik wird nicht nur als Subdisziplin der Allgemeinen Pädagogik sondern auch der „Sozialen Arbeit“ gesehen; ebenfalls Subdisziplin der „Sozialen Arbeit“ sei „Sozialarbeit“ (S. 155). Soziale Arbeit wird also als Oberbegriff von Sozialpädagogik und Sozialarbeit verwandt.
  7. Soziale Arbeit werde disziplintheoretisch unterschiedlich aufgefasst und könne „… als unterscheidbare Perspektiven der Sozialarbeitswissenschaft auf der einen Seite und der Sozialpädagogik auf der anderen Seite identifiziert werden …“ (163). Der Gegenstandsbereich der Sozialarbeitswissenschaft beziehe sich auf die professionelle Praxis, demgemäß Sozialarbeitsforschung v. a. auf „die Entwicklung und Evaluation von praxisbezogenen Problemstrategien…“ (164). Diesem „eindeutigen Akzent auf der Ebene der Praxisforschung“ stehe sozialpädagogische Forschung als Handlungsforschung gegenüber.
  8. Sozialarbeitswissenschaft und Sozialarbeitsforschung seien durch ihren Bezug auf die professionelle Praxis dem Kriterium der Wirksamkeit verpflichtet, auf Veränderung hin angelegt, damit unwissenschaftlich, während Sozialpädagogik als eine „Handlungswissenschaft“ diesen engen Bezug zur Professionspraxis nicht aufweise (163). Vielmehr habe „das theoretische Interesse an der Verbesserung wissenschaftlicher Aussagensysteme … einen … hohen Stellenwert“ (S. 164), damit die Orientierung an dem wissenschaftlichen Kriterium der Wahrheit. Handlungswissenschaftliche Forschung auf Seiten der Sozialpädagogik, Praxisforschung auf Seiten der Sozialarbeitswissenschaft, so stellt der Autor die beiden Disziplinen gegenüber.
  9. Sozialpädagogik wird als Handlungswissenschaft gekennzeichnet. Darin inbegriffen soll auch der Systembegriff sein (172 ff.).

Diskussion

Wer Grundprobleme der Pädagogik, Charakteristika quantitativer resp. qualitativer Sozialforschung, die damit verbundenen Erhebungs- und Auswertungsverfahren vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Paradigma (Empirie, Hermeneutik, Phänomenologie, Dialektik) nachlesen will, findet hier eine knappe, dabei informative Zusammenfassung. Allerdings leuchtet nicht ein, warum alte Hüte wie beispielsweise die Unterscheidung zwischen Handlung und Verhalten aufgewärmt oder die Beziehung zur Allgemeinen Pädagogik und ihren Grundfragen einen breiten Raum einnehmen. Auffallend ist die weniger differenzierte Darstellung der qualitativen Sozialforschung gegenüber der quantitativen (bspw. wird die Umformulierung der klassischen Gütekriterien nur erwähnt, aber nicht ausgeführt, S. 92; die Darstellung „Gegenstandsorientierter Methodologie“ ist nahezu ausschließlich an nur einem Autor – Bohnsack – orientiert, S. 96 ff). Für das Verständnis hilfreich sind systematisierte Tabellen, mit denen wesentliche Erkenntnisse zusammengefasst werden.

Kritisch beurteilt werden:

Die doppelte disziplinäre Zuordnung der Sozialpädagogik und ihrer Forschung zur Allgemeinen Pädagogik einerseits und zur „Sozialen Arbeit“ andererseits wird nicht nachvollziehbar begründet und erscheint als wenig anschlussfähig. Ebenso wenig überzeugt die Unterscheidung zwischen einerseits sozialpädagogischer Forschung als insbesondere an „handlungswissenschaftlichen“ Fragen orientiert, die der Sozialen Arbeit methodisch kontrolliertes Wissen liefere, während andererseits Sozialarbeitsforschung mit Praxisforschung gleichgesetzt wird. Da die internationale Bedeutung, die Participatory action research and participatory research methodology zukommen, nicht zur Kenntnis genommen wird, kann das spezifische Verständnis des Autors auch nicht erschüttert werden. Generell erscheint die doch begrenzte deutsche Sichtweise auf Sozialpädagogik und Sozialarbeit als mittlerweile eher langweilig, während englischsprachige Publikationen zu Social Work als Äkquivalent zur Sozialarbeitswissenschaft – und eben nicht zur Sozialpädagogik – eher wissenschaftlich bereichern. Grundlagenforschung und Auftragsforschung oder Praxisforschung kann aus einer anderen wissenschaftstheoretischen Perspektive als der des Autors weniger traditionell hierarchisch als wissenschaftlich/unwissenschaftlich gegenübergestellt, vielmehr als „kooperative Praxisentwicklung“ unter Beibehaltung des wissenschaftlichen Referenzsystems verstanden werden (Peter Sommerfeld 2000).

Ärgerlich ist, dass namhafte, für die (Weiter)Entwicklung der Sozialarbeitswissenschaft stehende AutorInnen, wie beispielsweise Anton Hunziker, Peter Erath, Albert Mühlum, Ernst Engelke, Silvia Staub-Bernasconi, Wilhelm Klüsche (Herausgeber der Arbeitsergebnisse von neun ProfessorInnen), mit denen Gegenpositionen hätten deutlich werden können, kaum zitiert werden. Sozialarbeitsforschung hätte dann keineswegs ausschließlich mit „Praxisforschung“ identifiziert, Sozialarbeitswissenschaft nicht auf diese simplifizierte Art und Weise als nur auf die professionelle Praxis bezogen dargestellt werden können.

Abschließend sei eher am Rande erwähnt, dass Handlungs- und Systembegriff bisher mit sich ausschließenden Paradigmen verbunden sind; den Systembegriff einfach unter der „Handlungswissenschaft“ Sozialpädagogik zu subsumieren erscheint als unüblich.

Fazit

Die Ausführungen zur Sozialarbeitswissenschaft und Sozialarbeitsforschung sind als tendenziös einzuschätzen; Gegenpositionen kommen kaum zur Sprache, begriffliche Unschärfen (Sozialarbeit, Sozialarbeitswissenschaft, Soziale Arbeit) fallen auf. Befremdlich ist, dass die Ausführungen zur „Methodologie sozialpädagogischer Forschung“ an keiner Stelle mit Verweisen auf vorliegende empirische Forschungsarbeiten belegt werden. Insofern ist die Gegenüberstellung und Charakterisierung von sozialarbeitswissenschaftlicher und sozialpädagogischer Forschung als nicht gänzlich vorurteilsfrei zu bezeichnen.


Rezensentin
Prof. Dr. Erika Steinert
Prof. i. R., Hochschule Zittau/Görlitz
Homepage www.erika-steinert.de
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Zitiervorschlag
Erika Steinert. Rezension vom 29.01.2014 zu: Tilman Thaler: Methodologie sozialpädagogischer Forschung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-00215-2. Reihe: Research. Soziale Arbeit in Theorie und Wissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15405.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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ISSN 2190-9245

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