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Tobias Ruberg, Monika Rothweiler u.a.: Spracherwerb und sprachliche Bildung

Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 15.05.2014

Cover Tobias Ruberg, Monika Rothweiler u.a.: Spracherwerb und sprachliche Bildung ISBN 978-3-427-04623-3

Tobias Ruberg, Monika Rothweiler, Levka Koch-Jensen: Spracherwerb und sprachliche Bildung. Lern- und Arbeitsbuch für sozialpädagogische Berufe. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2013. 220 Seiten. ISBN 978-3-427-04623-3. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
Reihe: Ausbildung und Studium.

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Aufbau und Inhalt

Der Untertitel („Lern- und Arbeitsbuch für sozialpädagogische Berufe“) gibt die Zielgruppe des Buchs an. Es enthält vier einführende „Bausteine“, nämlich

  1. „Grundlagen“,
  2. „Sprachlaute“,
  3. „Lexikon und Semantik“ und
  4. „Grammatik“,

welche weiter in je vier Unterkapitel gegliedert sind, die sich – bezogen auf die jeweilige Bausteinthematik – mit linguistischen Grundlagen, den Erscheinungen des Spracherwerbs, sowie mit Sprachentwicklungsdiagnose und Fördermöglichkeiten („Sprachbildung“) beschäftigen.

Baustein 1 enthält linguistische Grundlagen (zu den in der Linguistik unterschiedenen Sprachebenen, zu Sprachvarietäten, Spracherwerb, Mehrsprachigkeit u.a.) und eine Einführung in die Sprachstandsdiagnose. Am Anfang jedes Unterkapitels werden Lernziele angegeben. Zu jedem Abschnitt werden farblich markiert fachsprachliche Begriffe („Werkzeugkiste“), tabellarische Überblicke (z.B. zu den Spracherwerbsphasen), Textbeispiele, Analysevorlagen und Aufgaben angeboten. Sind solche Teile mit „Web“ markiert, können die LeserInnen über einen Zugangskode, der sich auf der Rückseite des vorderen Umschlags befindet, den Buchanhang, die „Werkzeugkisten“ und einige auch im Buch befindliche Texte zu verschiedenen Aufgaben ausdrucken.

Kapitel 2-4 beginnen jeweils mit einem „Eingangsdialog“, welcher die Thematik beispielhaft illustrieren soll.

„Sprachlaute“ (Baustein 2) gibt eine Einführung in Phonetik/Phonologie, in den Erwerb des Lautsystems und entsprechende Diagnose- und Fördermöglichkeiten.

„Lexikon und Semantik“ beschäftigt sich mit dem Begriff des Wortes und seiner Bedeutung, der Wortschatzentwicklung (hier auch Bezug zur Mehrsprachigkeit), der Analyse der Sprachentwicklung in diesem Bereich und schließlich im Rahmen der Sprachbildung auch mit entsprechendem Förderverhalten.

Parallel im Aufbau, bietet „Grammatik“ ebenfalls die entsprechende linguistische Einführung, geht (unter Verwendung des Feldmodells ) speziell auf die Satzstruktur ein, gibt Erwerbsbeispiele für ein- und mehrsprachige Kinder sowie entsprechende Diagnose- und Fördermöglichkeiten.

Der Anhang enthält Anleitungen zum Umgang mit Analysevorlagen sowie „Checklisten“ zu den Erwerbsprozessen, bezogen auf die Bausteinthemen. Literaturverzeichnis und Sachregister schließen das Buch ab.

Diskussion

Die insgesamt 124 Aufgaben zeigen, dass das Buch tatsächlich als „Arbeitsbuch“ dienen soll. Allerdings habe ich große Zweifel, dass diese Aufgaben im Selbstlernverfahren ohne Anleitung wirklich alle zu erledigen sind. Hier werden wohl Gruppenarbeit und zusätzliche Informationen notwendig sein.

Es werden in jedem Baustein ca. zehn Seiten für die sprachwissenschaftlichen Grundlagen und die jeweiligen Erwerbsprozesse aufgewendet. Zumindest für die sprachwissenschaftlichen Grundlagen erhebt sich schon die Frage, warum man nicht eine einfache Einführung in die Linguistik benutzt bzw. empfiehlt, insbesondere, weil sich im Buch schon einige „Erinnerungen“ an nicht mehr gar so aktuelle Ansätze finden, sozusagen „aus zweiter Hand“ und wenig systematisch. Die Bezeichnung „Werkzeugkiste“ ist leider irreführend, da diese nur Ansammlungen von Fachbegriffen enthalten, die keine Verweise auf deren Definitionen oder auf Literatur enthalten und auch nicht immer den erforderlichen Überblick garantieren (so werden auf S. 157 unter „Satz“ nur „Haupt-“, „Neben-“ und „Fragesatz“ angeboten).

Bei den Beispielen wird manchmal nicht klar, worauf die AutorInnen hinauswollen. So verlangt Aufgabe 9 für einen Dialog, der sich in einer praktischen „Arbeitssituation“ mit dem Kind abspielt, offensichtlich „bildungssprachliche Verbesserungen“ im Hinblick auf die hier völlig unsinnige Loslösung vom Hier und Jetzt oder vielleicht auch standardsprachliche Formulierungen für umgangssprachliche, deren Einsatz aber vom kindlichen Sprachstand abhängig gemacht werden muss.

Es finden sich auch linguistisch fragwürdige, völlig übertriebene Kontrastierungen: Sehr ärgerlich ist die dichotomische Darstellung von „Bildungs-“ gegen „Umgangssprache“, bei der Textsorten und Sprachvarietäten verwechselt werden (erstere sei sehr viel mehr vom Hier und Jetzt abgelöst): „in Alltagssituationen hingegen müssen wir uns nicht ganz so präzise ausdrücken“ (S. 19; die AutorInnen haben offensichtlich noch keine Handwerkerfachsprache gehört; auch die Feuerwehr wird mit solchen Behauptungen keine Freude haben). Was die AutorInnen für „Umgangssprache“ halten, wird in Aufgabe 10 zur Fachsprache (Beispiel b) nochmals deutlich: Diese simple Zweiteilung der „Sprachwelt“, die an die alte BernsteinscheDichotomie „elaboriert“ (Bildungssprache) vs. „restringiert“ (=Umgangssprache) erinnert, widerspricht im Übrigen auch dem, was die AutorInnen anderswo über Varietäten schreiben. Sogar die armen Schlümpfe müssen für die Illustration der „schlechten Umgangssprache“ herhalten.

Die Spezifische Sprachentwicklungsstörung wird unkritisch dargestellt, insbesondere wird nicht erklärt, warum eine solche genetisch bedingt sein, soll, wenn sich eines ihrer Hauptkennzeichen, spätes Sprechen (erst mi etwa mit 2 Jahren) in nur 50% der Fälle als zutreffend herausstellt (S. 42f). „Auffälligkeiten“ werden sofort zu „Störungen“ uminterpretiert.

Dass die AutorInnen ihre eigene nördliche Aussprache unreflektiert als Norm ansehen und sie auch nicht distributionsgerecht analysieren, geht aus folgender Passage hervor: „Während in Franken das „R“ häufig gerollt wird, ist es in den meisten Regionen Deutschlands üblich, das „R“ als Reibelaut zu bilden.“ (S. 70). Eine Aussprache von „R“ als Frikativ kommt nie am Silbenanfang vor, nur im Silbenauslaut; das angegebene Beispiel „Rad“ wird also nirgends in Deutschland mit Frikativ ausgesprochen.

Die Verwendung des Sprachentwicklungstagebuchs der Familie Stern aus dem Jahr 1907 ist vielleicht nicht die im angezielten Kontext heutiger Frühpädagogik nützlichste.

In Kapitel 2 wird auf Mehrsprachigkeit überhaupt nicht eingegangen, obwohl gerade auch in diesem Bereich Interferenzen zwischen verschiedenen Sprachen auftreten. Über Pragmatik = Sprachhandeln wird recht wenig gesagt.

Die Darstellung zu phonologischen Prozessen ist recht anschaulich; die von den AutorInnen gewünschte „gezielte Unterstützung bei der Überwindung phonologischer Prozesse“ (S. 84) sollte wohl besser „Entwicklung erwachsenensprachlicher phonologischer Prozesse“ genannt werden.

Die Beispiele zur Grammatik, welche sinnlose Wörter zusammen mit grammatischen Morphemen verwenden, erinnern frappant an die frühe generative Grammatik (Chomskys berühmtes „senseless green ideas sleep furiously“); sie brechen zusammen, wenn man die eingesetzten männlichen durch weibliche oder neutrale Hauptwörter ersetzt (dann lassen sich nämlich Nominativ und Akkusativ nicht mehr unterscheiden). Mithilfe der aktuellen kognitiven Linguistik ließen sich bessere Beispiele für die Grammatikentwicklung finden, die wegen ihrer Szenenbasierung gerade auch für die Zielgruppe der Kinder geeigneter wären, als das hier vorgestellte Modell. In diesem Zusammenhang ist bedauerlich, dass die AutorInnen den LeserInnen nicht klar machen, dass referierte Begriff wie „Lexikoneintrag“, „grammatisches Wort“ u.ä. aus bestimmten linguistischen Modellen stammen und keinesfalls mit einfachen Realitätsbezeichnungen verwechselt werden sollten.

Fazit

Die als einführende zu verstehenden Texte sind – bezogen auf die Zielgruppe - gut lesbar und in den allermeisten Fällen auch gut brauchbar; das Buch enthält viele Informationen und Anregungen. Das zugrundeliegende sprachwissenschaftliche Modell sollte aber unbedingt verbessert/modernisiert werden, ansonsten sind die Angehörigen der Zielgruppe im praktischen Umgang mit den Sprachvarietäten der Kinder ziemlich alleingelassen.

Wenn man es entsprechend kritisch verwendet, ist das Buch durchaus empfehlenswert.

Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Es gibt 80 Rezensionen von Franz Dotter.

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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 15.05.2014 zu: Tobias Ruberg, Monika Rothweiler, Levka Koch-Jensen: Spracherwerb und sprachliche Bildung. Lern- und Arbeitsbuch für sozialpädagogische Berufe. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2013. ISBN 978-3-427-04623-3. Reihe: Ausbildung und Studium. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15407.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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