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Petra Wagner (Hrsg.): Handbuch Inklusion

Cover Petra Wagner (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2013. 301 Seiten. ISBN 978-3-451-32705-6. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

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Thema

Die im Titel genannten Grundlagen werden in diesem „Handbuch“ bearbeitet vor dem Hintergrund des weiten Verständnisses von Inklusion, wonach mit der Deutschen UNESCO-Kommission Inklusion als ein Prozess verstanden wird, „bei dem auf die verschiedenen Bedürfnisse von allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eingegangen wird“, und zwar „durch verstärkte Partizipation an Lernprozessen, Kultur und Gemeinwesen sowie durch Reduzierung und Abschaffung von Exklusion in der Bildung“ (S. 13, ohne Hervorhebungen zitiert). „Anti-Bias“ ist damit ein innovativer Ansatz antidiskriminierender Bildungsarbeit, auf dessen Basis in theoretischer Fundierung und umfassender Praxiserfahrung ein Weg in diesem Buch gewiesen wird.

Herausgeberin

Dipl.-Päd. Petra Wagner ist seit 2011 Direktorin des Instituts für den Situationsansatz (ISTA) in der Internationalen Akademie an der Freien Universität Berlin (INA) und leitet dort die Fachstelle „Kinderwelten“ für vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Sie greift auf langjährige Erfahrungen bei der Arbeit in Projekten im Elementar- und Grundschulbereich in Berlin zurück.

Entstehungshintergrund

für die Arbeiten zu diesem Buch ist der Anti-Bias-Approach, der in den 1980-er Jahren in den USA und Südafrika entwickelt und (auch) in Deutschland dann (im Kontext dieser gesellschaftlichen Bedingungen) weiterentwickelt wurde. Dabei geht es „um die gesellschaftliche Bewertung der Unterschiede nach Geschlecht, sozialem Status, Alter, Behinderung/Beeinträchtigung, Hautfarbe, Sprache, Herkunft, sexueller Orientierung etc. und deren jeweilige Auswirkung auf das Leben von Kindern“ (300). Dieser Ansatz liegt als „fundiertes Konzept für eine pädagogische Praxis der Inklusion … in Kindertageseinrichtungen“ vor und ist Grundlage „zur inklusiven Praxisentwicklung in Krippen, Grundschulen und Fachschulen für Sozialpädagogik“ (301).

Aufbau

  1. Inklusion als Werterahmen für Bildungsgerechtigkeit (12 ff.)
  2. Der Ansatz Vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung als inklusives Praxiskonzept (22. ff.)
  3. Gleichheit und Differenz im Kindergarten – eine lange Geschichte (42 ff.)
  4. Die Entwicklung und Förderung moralischen Denkens und moralischer Gefühle in der Kindheit (66 ff.)
  5. Vielfalt und Diskriminierung im Erleben von Kindern (zu verschiedenen Merkmalen – 87 ff.)
  6. Zusammenarbeit mit Eltern (222 ff.)
  7. Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen (242 ff.)
  8. Internationale Zusammenarbeit für Vielfalt und Gleichwürdigkeit (260 ff.)
  9. Anti-Bias Education for Everyone – Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung für alle (279 ff.)

Inhalt

Anika Sulzes führt in die „hohe Dynamik“ der Inklusions-Debatte in Deutschland ein, entfaltet Vielfalt als Normalität, schärft den Blick für Ausgrenzungsmechanismen, fordert systematische Arbeit auf allen Ebenen, erläutert den grundlegenden gesetzlichen Auftrag an Kindertageseinrichtungen und fordert werteorientiertes demokratisches Handeln als Grundlage für Inklusion.

Petra Wagner stellt im 2. Kapitel (s. o.) den Ansatz für die Bausteine im Großprojekt Inklusion für die Kita und Qualifizierungskonzepte der Fachkräfte dar, arbeitet deren Anforderungen heraus (allerdings ohne auf handlungstheoretische Grundlagen einzugehen) und beschreibt vier Ziele, an denen sich der Ansatz orientiert (30 ff.). Sie verweist auf ein unveröffentlichtes Qualitätshandbuch (33) zur systematischen Qualitätsentwicklung der pädagogischen Fachkräfte sowie darauf, „auch die Lernumgebung vorurteilsbewusst (zu) gestalten“ mit inklusiven Materialien (38 ff.).

Auch das 3. Kapitel wurde von der Herausgeberin verfasst, in dem sie sich einführend – auch im historischen Rückblick – mit Homogenisierung und Diskriminierung auseinandersetzt sowie die „Einwirkungspädagogik“ der DDR (44 ff.) ins Bewusstsein der Lesenden rückt (auch über Zitate von Erziehungsfachkräften nach der Wende beider deutscher Staaten zu einem neuen – teils – gemeinsamen Arbeitsgebiet). Nach der Darstellung der Entwicklung in der Bundesrepublik (47 ff.) erfolgt eine ausführliche Bearbeitung der „Strategien im Umgang mit Unterschieden“ in Kindergärten (51 ff.).

Monika Keller skizziert im 4. Kapitel (Titel s. o.) Positionen der entwicklungspsychologoischen Moralforschung und stellt Ergebnisse empirischer Studien zum moralischen Denken von der mittleren Kindheit bis zum Jugendalter vor (73 ff.), deren Ergebnisse teils fundamental früheren Annahmen widersprechen (81). Der „Wert von Freundschaft für die moralische Entwicklung ist immer wieder hervorgehoben worden“ (83).

Das 5. Kapitel besteht aus 11 Beiträgen verschiedener Autoren:

  • Petra Wagner untersucht die Frage „Wie erleben junge Kinder Vielfalt?“ (87 ff.).
  • Tim Rohrmann schildert die Gratwanderung: „Geschlechtsbewusste Pädagogik“ (93 ff.).
  • Daniela Kobelt Neuhaus bearbeitet das Thema „Heterogenität als Motor für Bildungsprozesse
    - für Kinder mit und ohne Behinderung“ (107 ff.).
  • Anke Krause analysiert die Frage „Woher kommst du?“ – Wie junge Kinder Herkunftsfragen
    begreifen (129 ff.) und appelliert „für eine Kultur des Aufwachsens mit Respekt für Vielfalt
    (137).
  • Stefanie Boldaz-Hahn untersucht Rassismuserfahrungen im Kindergarten „Weil ich dunkle
    Haut habe …“ (139 ff.); denn die Kindertageseinrichtung ist „ein politischer Raum“ (142).
  • Petra Wagner führt„Quer durch viele Sprachen hindurch – Vielgestaltigkeit der Sprachenwelten von Kindern“ (150 ff.).
  • Manuela Ritz beschreibt das Machtungleichgewicht zwischen Kindern und Erwachsenen bei der Beantwortung folgender Frage: „Adultismus – (un)bekanntes Phänomen: ‚Ist die Welt nur für Erwachsene gemacht?‘“ (165 ff.).
  • Antje Richter-Kornweitz bearbeitet die „Soziale Ungleichheit und Armut in der Wahrnehmung von Kindern„: „Meine Mutter hat ja kein Geld …“ (174 ff.).
  • Christa Dommel geht der Frage nach: „Religion – Diskriminierungsgrund oder kulturelle Ressource für Kinder?“ (186 ff.) und verweist dabei u. a. auf das professionelle Erkundungskonzept religiöser Unterschiede „A Gift to the Child“, das „inzwischen auch an Schulen angewandt“ wird (192).
  • Sabine Beyersdorff und Evelyne Höhmer-Serke sind dem „Verhältnis zwischen Ost und West – einem Tabu auf der Spur“ (198 ff.), brechen das „Schweigen über Unterschiede und Diskriminierungserfahrungen“ sehr konkret und entwickeln u. a. die Frage: „Ist es jedoch nicht eher so, dass sich zwei unterschiedliche Länder erstmals vereinigten?“ (199). Deren unterschiedliche Erziehungs- und Wertesysteme sowie ihr Erbe werden dargestellt und exemplifiziert mit Blick auf die Eltern und die Auswirkungen auf die Kinder.
  • Stephanie Gerlach stellt sich dem Thema „Sexuelle Identität – bedeutsam für kleine Kinder?“ (209 ff.) und damit auch dem neuen Familienphänomen „Regenbogenfamilien“ sehr ausführlich und aspektreich; Regenbogen-Eltern brauchen eine Kita, „in der sie ausdrücklich willkommen sind“, was nicht überall der Fall ist (210).

Das 6. Kapitel „Zusammenarbeit mit Eltern: Respekt für jedes Kind – Respekt für jede Familie“ wird von Serap Azun bearbeitet: einführend mit der Schilderung der Vielfalt der Lebensstile, Familienkonstellationen und -kulturen mit ihren unterschiedlichen Wertesystemen, denen die Erzieherinnen und Erzieher heute oft gegenüberstehen und mit den Eltern zusammenarbeiten wollen und sollen, was „unverzichtbar“ ist (229). Die Initiative zum Dialog geht von den pädagogischen Fachkräften aus – vielleicht sogar gestützt in einem besonderen „Elternzimmer“ (223). Somit sind auch die Träger für eine gelingende Zusammenarbeit gefordert – vielleicht sogar in einem erweiterten Familienzentrum (239).

Petra Wagner erweitert das 7. Kapitel zur Frage: „Vielfalt respektieren, Ausgrenzung widerstehen – aber wie kann man das lernen?“. Sie stellt „Konzepte und Praxis der Aus- und Fortbildung“ zur Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts vor: Interkulturelle Kompetenz (243). Die Kritik der OECD 2004 an fachlichen (Fortbildungs-)Unterstützungssystemen für pädagogische Fachkräfte in Deutschland wird auch noch aus heutiger Sicht bestätigt (257 f.).

Regine Schallenberg-Diekmann stellt in ihrem Beitrag (Titel von Kapitel 8 s. o.) Ansätze und Qualitätskriterien für Vielfalt und Gleichwürdigkeit einer „Arbeitsgruppe des DECET-Netzwerks unter Einbeziehung der Sichtweisen von Kindern, Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen“ vor (- Equity and Respect for – Diversity in Early Childhood Education and Training); „Equity“ wurde hier mit „Gleichwürdigkeit“ übersetzt um auszudrücken, „dass es um gleiche Rechte bei unterschiedlichen Voraussetzungen geht“ (260). In diesem Netzwerk für frühkindliche Erziehung arbeiten Organisationen aus sechs Ländern zusammen (262 f.).

Kapitel 9 (Titel s. o.) ist die überarbeitete Version von Vorträgen, die Louise Derman-Sparks, der wesentlichen Initiatorin des Ansatzes gegen Einseitigkeiten und Diskriminierung (Anti-Bias Approach), in Berlin 2007 und 2010 gehalten hat. Kern dieser Arbeit ist der Gedanke der Afroamerikanerin Alice Walter: „Sei dir der Gegenwart bewusst, die du gestaltest. Es sollte die Zukunft sein, die du willst“ (281).

Diskussion

Eine Diskussion fordert das Tabu-Thema „Ost-West-Werteverhältnis“ (198 ff. – s. o. -) geradezu heraus. Ist es tatsächlich heute noch „ständig präsent“ (nicht nur in Berlin oder Eberswalde)? Ist „eine Dominanz des Westens“ immer noch „erlebbar“? Sind verschiedene Wertesysteme im Verhalten von Eltern (Kindern) und pädagogischen Fachkräften mit Ost- bzw. West-Biographie noch heute spürbar? Wenn ja: Warum wird nicht ein beiderseitiges Lernen voneinander praktiziert? Denn: Die hervorragende Arbeit in Kindertagesstätte und Grundschulen (z. B. in Erfurt) oder in einer 24-Stunden-Kita (z. B. in Schwerin) wird m. E. zu wenig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt.

„Grundlegendes Wissen um die Lebenswirklichkeiten von Lesben und Schwulen und von Kindern in Regenbogenfamilien ist nach wie vor kein verbindlicher Bestandteil der Ausbildung an Fachakademien und Fachhochschulen für Soziale Arbeit“ (S. 215). Stimmt diese Feststellung?

Bei der Darstellung der Anforderungen an pädagogische Fachkräfte zur Implementierung von Inklusion stellt die Herausgeberin pauschalierend fest (wenn sich auch u. a. auf unzureichende Forschungsergebnisse im englischsprachigen Raum stützend), dass diese sich „kaum auf verfügbares Wissen stützen“ (können) und es „insgesamt an erziehungswissenschaftlicher Fundierung elementarer Handlungskompetenz mangelt“ (25). Warum wird aus dieser Teildisziplin der Erziehungswissenschaft nicht einmal ein Blick auf handlungstheoretische Didaktikansätze in der Erziehungswissenschaft und den Bereich der Weiterbildung generell und speziell auf die „Inklusive Berufsbildung“ (so der Titel eines von Biermann/Bons herausgegebenen Buches, Baltmannsweiler 2011) gerichtet, wo seit den 1970-er Jahren inklusive Berufsausbildung (wenn auch noch nicht unter diesem Namen) in Deutschland geleistet wird?

Fazit

Nach dem Buchdeckelhinweis ist das Buch empfehlenswert „insbesondere für die Aus- und Fortbildung von pädagogischen Fachkräften“ an Kindertageseinrichtungen. Dieser Empfehlung schließt sich der Rezensent (auch als ehemaliger Gründer und Leiter einer Fachschule für Sozialpädagogik zur Erzieherausbildung) an. Es gibt theoretisch begründete und umfangreiche praxisbezogene Anregungen für die Förderung einer werteorientierten didaktisch-methodischen Handlungskompetenz in einem sich entwickelnden neuen deutschen inklusiven Bildungssystem (auch im thematisierten Ost-West-Werteverhältnis). Insofern wird dieses „Handbuch“ fast zu einem Lehrbuch für Grundlagen einer inklusiven Bildung und Erziehung im dargelegten umfassenden Verständnis. Auch für erziehungswissenschaftliche Theoretiker und Praktiker im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit oberhalb der Grundschule werden interessante, aspektreiche Informationen für ihre Arbeit gegeben.

Das Buch ist drucktechnisch hervorragend gestaltet, inhaltlich gut aufgebaut, in der Darstellung anschaulich geschrieben und verknüpft konsequent Praxis und Theorie (im Kontext des von den Verfassern entwickelten Theorierahmens). Es regt zur Vertiefung und erweiternden Aktzentuierung des Themas über die jeweils angegebene Literatur hinaus an. Zur Verwendung als „Arbeitsbuch“ wäre ein Sachregister zum Gesamtwerk hilfreich.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 26.09.2013 zu: Petra Wagner (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2013. ISBN 978-3-451-32705-6.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-451-37637-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15414.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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