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Diethelm Wahl: Lernumgebungen erfolgreich gestalten

Cover Diethelm Wahl: Lernumgebungen erfolgreich gestalten. Vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. 3. Auflage. 311 Seiten. ISBN 978-378-15190-7-7. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.

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Thema

Die heutigen, überwiegend qualifizierungsorientierten Lehr- und Lernsysteme in Schulen, Hochschulen und in der Weiterbildung ignorieren weitgehend die Eigenständigkeit und Vielfältigkeit der Lerner. Wir sind nahezu alle über Jahrzehnte aus der Schule und Hochschule, aber auch der Weiterbildung, eine Lernkultur gewohnt, die vielfach durch Frontalunterricht und eine, von Diethelm Wahl treffend als „Osterhasen-Pädagogik“ bezeichnete Vorgehensweise, bestimmt wird. So wie an Ostern Eier versteckt werden, so versteckt die Lehrperson ihr wertvolles Wissen, und die Schüler müssen es durch Fragen geleitet suchen. Anstatt das erforderliche Wissen verständlich und gut geordnet zu präsentieren, soll das Wissen „erarbeitet“ werden. Dazu stellt der Dozent Fragen, auf welche die Kursteilnehmer antworten sollen, damit sie in diesem Prozess zu eigenen Erkenntnissen kommen. So hat Wahl ermittelt, dass nur etwa 15 % der gesamten Planungszeit von Lehrern und Dozenten für die methodische Vorbereitung genutzt wird. Die Fragen entstehen also spontan und sind deshalb häufig nicht wirklich zielführend. Hinzu kommt, dass, wie Wahl nachgewiesen hat, die Lerngeschwindigkeit in einer Gruppe von erwachsenen Lernern mit dem Faktor 1:9 schwankt.

Die Rolle der Lehrenden verändert sich grundlegend, vom Lehrer zum Lernbegleiter. Sie benötigen für ihre eigene Kompetenzentwicklung ein Lernarrangement, das es ihnen ermöglicht, nicht nur Wissen, sondern vor allem Handlungskompetenzen aufzubauen. Deshalb sind LERNarrangements und keine LEHRkonzepte erforderlich. Wer den Weg vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln erfolgreich zurücklegen will, sollte nach Wahl nicht auf „Pfingstwunder“ hoffen, sondern auf der Basis klarer innerer Bilder, sozialer Unterstützung und festen Vorsätzen über längere Zeit an sich arbeiten. Handeln kann man nur handelnd erlernen.

Autor

Prof. Dr. Diethelm Wahl wurde in Pädagogischer Psychologie promoviert und hat sich in diesem Bereich zum Handeln unter Druck habilitiert. Er war seit 1974 als Professor an der Pädagogischen Hochschule Weingarten in den Bereichen Psychologie und Erwachsenenbildung tätig. Dort hat er sich vor allem in der Forschung mit Subjektiven Theorien von Lehrern, Hochschullehrern und Erwachsenenbildnern beschäftigt und das Forschungsprogramm Subjektive Theorien (FST) mit begründet. Er hat dabei Möglichkeiten entwickelt, den weiten Weg vom Wissen zum Handeln der Akteure im Bildungsbereich erfolgreich zurück zu legen. Mit seinen Doktoranden und Habilitanden entwickelt und evaluiert er in seiner Forschungsgruppe wirkungsvolle Lernarrangements für Unterricht, Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung. Im Rahmen des von ihm entwickelten „Mentalen Trainings“ betreut er Spitzensportler.

Entstehungshintergrund

Für alle heutigen Lehrer und Dozenten ist die „Osterhasenpädagogik“ die dominierende Methode in ihrer eigenen Biografie gewesen. Offenbar sitzt deshalb diese Vorgehensweise bei den meisten so tief und so fest, dass alternative didaktische Konzepte es schwer haben, sich dagegen zu behaupten.

In Bezug auf die Begriffe „Lehren“ und „Lernen“ ist nach Wahl Bescheidenheit am Platz ist. Statt von Instruieren, Unterrichten oder Lehren sollte besser von der Entwicklung bzw. Gestaltung von Lernumgebungen gesprochen werden Lernen muss jede Person selbst. So beklagt Wahl das „Eunuchenproblem“ in der Lehre: „Sie wissen zwar wie es geht, aber sie können es nicht tun.“ Dieser Sachverhalt, den Renkl als „träges Wissen“ bezeichnet, ist auch das fundamentale Problem in den meisten betrieblichen Lernmaßnahmen, weil sich die dort „vermittelten“ Inhalte nur in sehr geringem Maße in den Handlungen der Mitarbeiter oder Führungskräfte niederschlagen. 

Aufbau und Inhalt

Wahl analysiert in seinem Werk, das nunmehr in 3. Auflage vorliegt, zunächst, warum der Weg vom Wissen zur Handlungskompetenz oftmals so weit ist. Dabei geht er insbesondere auf die bereits genannten Phänomene des Eunuchenproblems, der Osterhasenpädagogik und der Pfingstwunderdidaktik ein. Aus diesen Überlegungen leitet er ab, wie eine innovative Lernumgebung für den Weg vom Wissen zur Handlungskompetenz aussehen kann. Das Ziel ist dabei, dass sich die Lernenden in Richtung höherer Reflexivitätsfähigkeit, höherer Autonomiefähigkeit, höherer Kommunikationsfähigkeit und höherer Handlungsfähigkeit entwickeln.

Im 1. Lernschritt erläutert Wahl die Möglichkeiten, wie handlungssteuernde Strukturen bearbeitbar gemacht werden können. Hierzu gehören vor allem Selbstreflexionen, Selbstbeobachtungen, Wechsel der Perspektiven und der „Pädagogische Doppeldecker“. Hintergrund dieses Entwicklungskonzeptes für Trainer, Tutoren oder Lernbegleiter ist die Erfahrung, dass erworbenes Wissen über dozentisches Verhalten oder über die Moderation von Lernprozessen im Regelfall nicht in die Praxis umgesetzt wird. Es ist einfach naiv zu glauben, dass Seminarteilnehmer Informationen über die Gestaltung von Lernsystemen umgehend auf ihre bisher meist trainingsorientierte Praxis übertragen.  Dafür sind folgende Gründe maßgebend:

  • Bisherige handlungssteuernde Prozesse und Strukturen werden durch Seminare nicht außer Kraft gesetzt und es werden keine entsprechenden neuen Prozesse und Strukturen schrittweise aufgebaut. Dies hat zur Folge, dass Dozenten trotz „besseren Wissens“ wie gewohnt handeln, so dass eher Zweifel an der eigenen Person und Selbstvorwürfe bzw. Schuldgefühle entstehen können.
  • Die im Seminar neu vermittelten Informationen werden nicht zu eigenem Wissen aufgebaut, weil sie nicht an den handlungssteuerndem Prozessen und Strukturen der Teilnehmer anknüpfen. Da die Dozenten deshalb keine Verbindung zwischen der erworbenen Theorie und dem, was sie in ihrer Trainerpraxis erleben, sehen, wird sich ihr Handeln nicht ändern.
  • Erfolgreiche Dozenten und Trainer beherrschen virtuos die Methodik dozentenorientierter Seminare. In Lernsystemen mit hoher Selbstorganisation ist aber genau diese Kompetenz nicht mehr gefragt, es entsteht ein Gefühl der Verunsicherung, vielleicht sogar von Versagensängsten.

Handlungsorientierte Entwicklungsmaßnahmen mit dem Ziel, die Kompetenz zur Ermöglichung und zur Begleitung selbstorganisierter  Lernprozesse aufzubauen, sind durch folgende Herausforderungen geprägt:

  • Die Teilnehmer besitzen bereits handlungssteuernde Prozesse und Strukturen, die sich über Jahrzehnte entwickelt haben. Jeder hat aufgrund seiner individuellen, vielfältigen Erfahrungen als Lehrender und Lernender hoch individuelle Situations- und Reaktionstypen „gebündelt“, so dass Herausforderungen auf unverwechselbare Art aufgenommen und mit Hilfe der Handlungsroutinen beantwortet werden.  Deshalb müssen Handlungsroutinen verändert werden, wenn grundlegend veränderte Lernkonzeptionen umgesetzt werden.  Dabei sind die Teilnehmer oft überfordert, wenn sie ohne Unterstützung in Form einer Selbstmodifikation ihre vorhandenen Situations- und Reaktionstypen sowie deren Verknüpfungen verändern sollen.
  • Psychologische Theorien oder Lernkonzeptionen sind von hohem Allgemeinheitsgrad und treffen in der Realität auf hoch individuelle subjektive Theorien.
  • Handlungspläne spielen im konkreten Handeln der Trainer und Dozenten eine entscheidende Rolle. Deshalb ist die Entwicklungsmaßnahme so aufzubauen, dass sich die Teilnehmer von einer allgemeinen Handlungsebene, dem Planen, zu einer konkreteren Handlungsebene, der Lernbegleitung , entwickeln.

Deshalb ist folgendes Entwicklungsdesign für Lernbegleiter in innovativen Lernsystemen notwendig:

  • Doppeldecker: Die Teilnehmer erfahren innovative Lernkonzepte auf zwei Ebenen, der emotionalen und der kognitiven. Sie nehmen zunächst als Lerner an einer Entwicklungsmaßnahme für Ermöglicher und Begleiter innovativer Lernprozesse teil. Sie reflektieren regelmäßig über ihre Lernerfahrungen und übertragen diese auf ihre eigene, zukünftige  Rolle als Lernplaner und -begleiter. Damit erleben sie den Lernprozess aus dem Fokus des Lerners und des Lernbegleiters, daher der Begriff „Doppeldecker“.
  • Verursacherprinzip: Jeder Teilnehmer entwickelt seine Kompetenzen im Rahmen eines realen Lernprojektes, das er anschließend in die Praxis umsetzt. Sie tauschen ihre Entwicklungsergebnisse regelmäßig über Projekttagebücher mit ihren Lernpartnern und Coaches aus, diskutieren die verschiedenen Lösungsvorschläge und entwickeln ein gemeinsames Verständnis für die Gestaltung ihrer Lernsysteme. Gleichzeitig bauen sie damit ihre Unsicherheit in Hinblick auf das bisher unbekannte Lernsystem ab.

Die Teilnehmer entwickeln also ihre Kompetenzen genau mit den Konzepten und Methoden, die sie anschließend bei ihrer eigenen Zielgruppe anwenden werden. Ergänzt werden diese Methoden durch die Weingartener Appraisal Legetechnig (WAL), ein sehr wirkungsvolles Verfahren zur Veränderung von biografisch erworbenen Prototypenstrukturen, und Ausführungen zum Feedback durch Tandempersonen (Intervision) und Experten (Supervision).

Im 2. Lernschritt werden konkrete Wege aufgezeigt, wie handlungssteuernde Strukturen durch Entwickeln neuer Problemlösungen verändert werden können. Wahl schlägt für die Gestaltung von Lernprozessen das „Sandwich“-Prinzip vor. Damit charakterisiert er die Grundidee, dass zwischen die Phasen der Vermittlung von Informationen, die durchaus als gut strukturierte Präsentationen erfolgen können,  Abschnitte der subjektiven Aneignung von Wissen eingeschoben werden. Fehlt diese innerliche Nachbearbeitung, wird kein eigenes Wissen aufgebaut. Dieser Wechsel von Informationsaufnahme und aktiver Verarbeitung erfordert ein ganzes Arsenal an Methoden, von denen Wahl eine Fülle beschreibt und bewertet.

Im 3. Lernschritt wird neues Handeln in Gang gebracht. Wahl zeigt, wie die Lerner konkrete Vorstellungen vom veränderten Verhalten erhalten können, beispielsweise durch Praxisberichte Vidoe- oder Livemodelle. Er beschreibt die Ansätze, um Handlungen zu planen, zu simulieren (Rollenspiele, Szene-Stop-Reaktion, Micro-Acting) und vorgeplantes Handeln in realen Situationen zu ermöglichen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Flankierung der Lernprozesse, z.B. durch inneres Sprechen und über das KOPING-Konzept. KOPING ist ein Kunstwort, das an das englische Wort "coping" ( = "bewältigen", "mit etwas fertig werden") angelehnt ist. In der Stressforschung hat der Begriff "coping" eine zentrale Bedeutung bekommen. Mit ihm werden jene Anstrengungen oder Bemühungen einer Person bezeichnet, die diese zur Bewältigung von Anforderungen, Belastungen oder Konflikten unternimmt. Die Lerner sollen befähigt werden, ihre Praxis zu bewältigen. In kleinen Gruppen sollen sie im gegenseitigem Austausch, also kommunikativ und in der Form "kleiner Netze", sich gegenseitig in ihrer Entwicklung unterstützen.

In der anschließenden Methodensammlung werden 25, in der Praxis erprobte Methoden erläutert, die in diesen Lernprozessen eingesetzt werden können.

Fazit

Diethelm Wahl zeigt in seinem Werk in klarer, anschaulicher Sprache, wie auf Basis seiner Forschungsergebnisse Lernarrangements gestaltet werden können, die über den Wissensaufbau hinaus und die Qualifizierung eine konstruktive Weiterentwicklung der gesamten Persönlichkeitsstruktur der Lerner ermöglicht. Dabei setzt er sich offen und kritisch mit den Lehrroutinen in allen Bereichen der Bildung auseinander, die nach wie vor noch die dominierende Form des „Lernens“ bilden. Wahl bietet aber auch konkrete, praktisch erprobte Vorschläge zur Gestaltung des Lernrahmens und zur Begleitung der Lernprozesse an. Mit Hilfe der Methodensammlung können Lernarrangements entwickelt werden, die in der Lernpraxis mit großer Erfolgsaussicht umgesetzt werden können.

Dieses Werk, das auf den ersten Blick auf das Lernen in Schulen und Hochschulen sowie auf die Weiterbildung zielt, bietet auch eine Fülle von klugen und wertvollen Anregungen für die betriebliche Bildung. Insbesondere für die Gestaltung selbstorganisierter Kompetenzentwicklungsprozesse im Prozess der Arbeit und im Netz (Blended Learning, Social Learning, Workplace Learning…) können wir aus diesem Werk wertvolle Anregungen und Methoden gewinnen. Das Werk von Diethelm Wahl macht dabei deutlich, dass eine kreative und empirisch überprüfte Didaktik und Methodik nicht auf einzelne Zielgruppen beschränkt bleiben muss.

Dieses Fachbuch von Diethelm Wahl hat sich damit zu einem Standardwerk entwickelt, das für die Gestalter von bedarfsgerechten, innovativen Lernsystemen zur Pflichtlektüre gehört.


Rezension von
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 12.11.2013 zu: Diethelm Wahl: Lernumgebungen erfolgreich gestalten. Vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2013. 3. Auflage. ISBN 978-378-15190-7-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15419.php, Datum des Zugriffs 26.07.2021.


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