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Boris Hartmann, Michael Lange: Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter

Cover Boris Hartmann, Michael Lange: Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Für Angehörige, Betroffene sowie therapeutische und pädagogische Berufe. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2013. 6., überarb. Auflage. 64 Seiten. ISBN 978-3-8248-0506-8. 8,99 EUR.

Reihe: Das Gesundheitsforum. Ratgeber für Angehörige, Betroffene und Fachleute.
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Autoren

  • Boris Hartmann ist akademischer Sprachtherapeut mit Institut in Köln (Spezialgebiet: Mutismus), .Lehrbeauftragter, Dozent von Fortbildungen, Gründungs- und Vorstandsmitglied der Mutismus Selbsthilfe Deutschland e. V. (2004) und Initiator von „Mutismus.de“, der ersten Fachzeitschrift zum Thema Mutismus in Europa.
  • Michael Lange ist selbst vom Mutismus betroffen. Er war Initiator der im Jahr 2004 in Köln gegründeten Mutismus Selbsthilfe Deutschland e. V., deren Bundesvorsitzender er heute ist. Er gründete und betreibt die Internetseite www.mutismus.de. Er ist Mitbegründer und Redakteur von „Mutismus.de“.

Thema

Mutistische Menschen schweigen, obwohl Sprechvermögen und Sprachentwicklung bei der betroffenen Person vorliegen. Im vorliegenden Ratgeber sollen kurz, aber verständlich und fundiert die wesentlichen Erkenntnisse über Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter dargestellt werden.

Aufbau und Inhalt

In diesem kleinen Büchlein werden die Themen jeweils in kurzen Kapiteln aufgegriffen.

Zuerst wird das Problem beschrieben. Die Autoren stellen fest, dass mutistisches Verhalten häufig mit dem Eintritt in den Kindergarten erstmals offensichtlich wird. Eltern, die von den Erzieherinnen darauf angesprochen werden, dass das Kind nichts spricht und auffällig den Blickkontakt vermeidet, reagieren häufig überrascht.

Es erfolgt eine Begriffsbestimmung; es werden diagnostische Kriterien und Schritte beschrieben. Im Rahmen der Differentialdiagnose wird die Störung gegen Autismus abgegrenzt.

Die Erscheinungsformen und weitere Verhaltensmerkmale werden herausgestellt. Die Eltern reagieren häufig ambivalent auf die Schwierigkeiten ihres Kindes; ein Teufelskreis kann beginnen.

Es gibt vielfältige Ursachen. Erklärungsmodelle aus der Psychologie (psychoanalytischer Ansatz, stresstheoretischer Ansatz, Lerntheorie; subjektiver Krankheitsgewinn, Milieutheorie, Sozialphobie), Erklärungsmodelle aus dem organischen Bereich und die Rolle der Genetik werden kurz erläutert. Somatogene Erklärungsmodelle rückten immer mehr in den Vordergrund, so werden eine Hypokonzentration von Serotonin und eine Hyperreaktion der Gehirnregion Amygdala erwähnt und als weitere Einflussgrüßen eine Familienhäufung kommunikativ gehemmter und sozial zurückgezogener Menschen, die Kombination Mutismus mit anderen sprachlichen Problemen sowie die Aufrechterhaltung durch Formen subjektiven Krankheitsgewinns thematisiert.

Im weiteren gehen die Autoren auf unterschiedliche Lebensalter und deren Entwicklungskontexte (Kindergarten, Schule, Erwachsenenalter) ein. Es werden Beratungshilfen gegeben, erläutert, wie Erzieherin und Lehrerin helfen können, und die Frage Regelkindergarten und Regelschule oder heilpädagogischer Kindergarten und Förderschule diskutiert.

Als therapeutische Möglichkeiten werden Psychiatrie, Psychotherapie und sprachtherapeutische/logopädische Behandlung vorgestellt und herausgearbeitet, wann welche Form indiziert ist bzw. welchen Beitrag die jeweilige Form leisten kann (z.B. Gabe von Medikamenten, stationäre Unterbringung). Aus der systemischen Mutismustherapie werden beispielhaft mundmotorische Übungen aufgeführt, die helfen, die Scheu zu nehmen.

Das Büchlein schließt ab mit einem Brief einer betroffenen Frau an den ebenfalls betroffenen Zweitautor. Als Internet-Adressen wird die Website des Mutismus Selbsthilfe Verbandes Deutschland sowie die des Erstautors angegeben.

Diskussion

Ein erfahrener Therapeut und ein Betroffener haben zusammen einen Ratgeber geschrieben, der – immer wieder auf den neuesten Stand gebracht – mittlerweile in der sechsten Auflage erschienen ist.

Es wird die Gradwanderung für den Umgang mit elektiv mutistischen Kindern deutlich. Das Kind soll sich nicht ausgestoßen fühlen, aber auch nie wegen seiner Probleme besonders im Mittelpunkt stehen, weder Mitleidsgehabe noch Übervorsichtigkeit sind angebracht.

Jedoch, ohne die innere Bereitschaft des Kindes zu reden, wird das Sprechen nie gelingen. Die Bezugspersonen können nur helfen, die Glocke von innen aufzubrechen.

Der Ratgeber vermittelt kurz und prägnant grundlegende Kenntnisse. So ist er für Angehörige eine gute Quelle der Information. Die Autoren raten deutlich von einer Selbstmedikation ab; wichtig ist der Gang zum therapeutischen Spezialisten. Denn die Behandlung hat dann eine gute Prognose, wenn die Struktur der kommunikativen Gehemmtheit frühzeitig erkannt und interdisziplinär therapeutisch fokussiert wird. Für interessierte (oder zukünftige) Fachkräfte kann der Ratgeber nur ein erster Zugang sein, für diese Gruppe bietet er aber auch zu wenige weiterführende Hinweise.

Zielgruppen

Betroffene und Familienangehörige, Fachkräfte mit therapeutischen und pädagogischen Berufen

Fazit

Der Ratgeber ist ein kleines schmales Büchlein, das für wenig Geld verständliche Informationen bietet, ein Buch, das vor allem Eltern durch realistische Informationen Mut machen kann.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 16.10.2013 zu: Boris Hartmann, Michael Lange: Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Für Angehörige, Betroffene sowie therapeutische und pädagogische Berufe. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2013. 6., überarb. Auflage. ISBN 978-3-8248-0506-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15420.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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