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Clemens Sedmak: Menschen im Krankenhaus

Rezensiert von Kathrin Holthoff, 07.01.2014

Cover Clemens Sedmak: Menschen im Krankenhaus ISBN 978-3-222-13399-2

Clemens Sedmak: Menschen im Krankenhaus. Ethik für den Alltag. Styria Media Group AG (Graz) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-222-13399-2. D: 19,99 EUR, A: 19,99 EUR, CH: 28,90 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

Das Buch befasst sich mit den Herausforderungen von Krankenhäusern als „menschlichen Institutionen“. Mit Fragenstellungen, wie es um Menschen in einem Krankenhaus bestellt ist, wie es sich anfühlt, dort zu arbeiten oder Patient zu sein und was überhaupt ein menschengerechtes, menschenfreundliches Krankenhaus ausmacht, ist das „Internationale Forschungszentrum für soziale und ethische Fragen“ (ifz) in Salzburg auf Menschen in Krankenhäusern zugegangen. Unter der Mitarbeit von Gunter Graf und Gottfried Schweiger ist somit ein Buch entstanden, das die Einsichten und Anliegen von Betroffenen und Beteiligten aufgreift und als „kleine Ethik für den Krankenhausalltag“ zum Nachdenken anregt.

Autor

Nach dem Studium der Theologie, Philosophie, Christlichen Philosophie und Sozialwissenschaften in Innsbruck, Linz, New York und Zürich ist Clemens Sedmak heute Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg sowie Präsident des „internationalen forschungszentrums für soziale und ethische fragen (ifz)“ Salzburg und der „Salzburg Ethik Initiative“. Darüber hinaus lehrt er Sozialethik am King’s College London.

Aufbau und Inhalt

Das Buch führt zunächst zur Thematik „Ethik im Krankenhausalltag“ hin, bevor es sich in die drei großen Teilbereiche:

  1. „Ethik für Menschen: Der Blick auf den Alltag“,
  2. „Das Krankenhaus als menschliche Institution“ und
  3. „Menschen: Rollen und Beziehungen“

gliedert.

In der Einleitung wird anhand von Beispielen aus dem Krankenhausalltag aufgezeigt, dass die Wahrnehmung und das Erleben von Mitarbeitenden und Patienten sowie deren Angehörigen sehr unterschiedlich sein können. Zugleich wird die hohe Bedeutung dieser Aspekte für das Gelingen des zwischenmenschlichen wie auch therapeutischen Miteinanders hervorgehoben. Bereits an dieser Stelle wird deutlich, dass Alltagssituationen die Gefahr in sich bergen, zur Routine zu werden und dabei den Menschen mit seinen aktuellen Bedürfnissen aus dem Blick zu verlieren. Das Buch lädt hier ein, den Krankenhausalltag in seinen Eigenheiten und ethischen Herausforderungen neu zu durchdenken. Von Beginn an wird klar herausgestellt – es geht dabei vor allem um Menschen.

Kapitel 1 - „Ethik für Menschen: Der Blick auf den Alltag“ – widmet sich der näheren Betrachtung von ethischen Herausforderungen im Alltag des Krankenhauses sowie der Abgrenzung verschiedener ethischer Begriffe. Praxisbeispiele zeigen auf, welche ethischen Fragen sich während eines Krankenhausaufenthaltes stellen können, etwa, wie ein menschenwürdiger Umgang gestaltet, die Selbstachtung unterstützt und dabei der Freiheit und Selbstbestimmung der Einzelnen Raum gegeben werden kann. Dem schließt sich ein differenziertes Nachdenken über einen möglichen Gesundheitsbegriff an, aus dem die Auffassung von „Gesundheit als Fähigkeitsfähigkeit“ resultiert. Ergänzt werden diese Betrachtungen durch ein kleines Wörterbuch, das „begriffliche Werkzeuge“ bereit stellen möchte, die für ein vertieftes Verständnis von Ethik im Krankenhausalltag hilfreich sein können.

Kapitel 2 – „Das Krankenhaus als menschliche Institution“- beleuchtet das Krankenhaus als Einrichtung, in der sich „die ganze Bandbreite menschlichen Lebens zeigt.“ Besondere Berücksichtigung findet dabei der Umgang mit sensiblen zwischenmenschlichen Aspekten, wie etwa der Angst und Scham von Patientinnen und Patienten sowie der Wahrung ihrer Person, und Intimsphäre. Darüber hinaus werden auch schwierige Kommunikationssituationen, Verständnisprobleme allgemeiner wie interkultureller Art sowie die Gesprächskultur einer Institution thematisiert. In diesem Zusammenhang widmet sich ein weiterer Abschnitt der Fehlerkultur einer Organisation mit den Schwerpunkten „Transparenz und Lernen“. Der Umgang mit Fehlern wird hier als Ausdruck des Respektes vor anderen Menschen verstanden. Dementsprechend ist dieses Unterkapitel als Plädoyer für ein offenes, verantwortungsvolles Miteinander zu sehen, in dem ein ehrliches Interesse am Gegenüber besteht. Gelingt dies, ist bereits eine Voraussetzung für Arbeitszufriedenheit erfüllt. Mit ihr befasst sich das letzte Unterkapitel „Glück am Arbeitsplatz“. Darin wird besonders den Aspekten ökonomischer Druck und Patientenfürsorge sowie den Faktoren Zeit und Raum Aufmerksamkeit geschenkt, wobei organisatorische Rahmenbedingungen ebenso ihre Berechtigung finden, wie menschliche Bedürfnisse, sodass dieser Abschnitt neben einer genauen Analyse des Krankenhausalltags als Brückenschlag zwischen Ökonomie und Mensch verstanden werden kann.

Kapitel 3 - „Menschen: Rollen und Beziehungen“ nimmt die Menschen, die sich in einem Krankenhaus begegnen, in den Blick sowie die unterschiedlichen Verhältnisse, in denen sie zueinander stehen. Besonders hervorgehoben werden hier Aspekte der Interaktion, beispielsweise der Wahrnehmung, Gedankenlosigkeit, Nachlässigkeit sowie eines möglichen Gefälles zwischen Pflegenden und Ärzten gegenüber Patienten, aber auch Rechte und Pflichten der Einzelnen. Dementsprechend widmet sich das anschließende Unterkapitel den Rollenstrukturen, die in einer Einrichtung vorherrschen und ermutigt, diese nicht als starr und gegeben anzusehen, sondern sie zu durchdenken und zu gestalten. Dazu gibt das darauf folgende Unterkapitel Anregung, das sich mit der Sorge und den Bedingungen des Vertrauens auseinandersetzt sowie der damit einhergehenden Notwendigkeit, die Menschen zu lieben. Letzteres verdeutlicht sich im Verlauf des Kapitels als wohlwollende Haltung gegenüber den Menschen sowie der Fähigkeit und Bereitschaft, sie so anzunehmen, wie sie sind. Dazu wird am Ende des Kapitels ein „persönlicher Ethikkompass“ vorgeschlagen, der eine „persönliche Vergewisserung“ sein soll, über „das, was wichtig und was besonders wichtig“ ist. Eine Erläuterung und Abbildung erleichtern die individuelle Anwendung und regen zur persönlichen Umsetzung an.

Abschließend stellt das Schlusswort die Gastfreundlichkeit eines Krankenhauses im Sinne der aufmerksamen, freundlichen Annahme der Andersartigkeit der anderen als zentralen Wunsch wie auch als Grundbedingung heraus, für eine Einrichtung, die sich den Menschen verpflichtet sieht.

Abgerundet wird das Buch durch eine „kleine Leseliste“ zum Thema.

Diskussion

Clemens Sedmak stellt den Krankenhausalltag mit all seinen Herausforderungen sehr detailliert und mit großem Feingefühl für Menschliches und Zwischenmenschliches dar. Dabei spricht er ehrlich und offen Schwierigkeiten und Entwicklungspotenziale an, die er ebenso in der Gesamtorganisation wie in den einzelnen Menschen sieht. Wer schon einmal als Patient, Angehöriger oder Besucher in einem Krankenhaus war, wird sich in manchen der im Buch beschriebenen Situationen wieder erkennen und dabei seine eigene Position wie auch die der professionellen Begleiter wertschätzend reflektiert vorfinden. Das Buch lässt sich als fundiert pragmatische Einladung und Hilfestellung für Professionelle und Interessierte verstehen, einmal mehr zu durchdenken, was den Menschen in einem Krankenhaus dient und es somit zu einem Ort für Menschen macht. Clemens Sedmak spricht mit diesem Buch ein Themengebiet an, das nicht nur für Betroffene und Beteiligte von Interesse sein sollte, sondern für die gesamte Gesellschaft, die sich als sozial versteht und dies im Umgang mit Hilfebedürftigen, den ihnen Nahestehenden und ihren professionellen Begleitern unter Beweis stellen kann.

Fazit

Das Buch zeugt von großer Alltagsnähe und einer ausgewogenen Mischung aus wohlwollender wie kritischer Betrachtung des Krankenhausalltags, ohne dabei ermahnend oder urteilend zu wirken. Clemens Sedmak gelingt es, Ethik im Alltag des Krankenhauses greifbar werden zu lassen. Er zeigt damit, dass Ethik nicht nur alle etwas angeht, sondern auch sehr individuell und alltagspraktisch umgesetzt werden kann und, dass es sehr zum Gelingen des Miteinanders im Krankenhaus beitragen kann, sich die Zeit zu nehmen, kleine wie große Dinge im Alltag der Einrichtung neu zu durchdenken.

Rezension von
Kathrin Holthoff
Gesundheits- und Pflegepädagogin BA, Institut für Gerontologie und Ethik - Evangelische Hochschule Nürnberg,
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Es gibt 2 Rezensionen von Kathrin Holthoff.

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Zitiervorschlag
Kathrin Holthoff. Rezension vom 07.01.2014 zu: Clemens Sedmak: Menschen im Krankenhaus. Ethik für den Alltag. Styria Media Group AG (Graz) 2013. ISBN 978-3-222-13399-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15428.php, Datum des Zugriffs 29.05.2024.


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