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Thomas Schulte: Der Weg zum professionellen Coach

Cover Thomas Schulte: Der Weg zum professionellen Coach. Coaching für Fortgeschrittene. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. 205 Seiten. ISBN 978-3-407-36527-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 44,90 sFr.

Reihe: Weiterbildung - Coaching.
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Thema

Coaching ist ein äußerst facettenreicher Begriff. Oft unterschiedlich definiert und verstanden, findet man Coaching seit Anfang der 1990er Jahre nicht nur im sportlichen Bereich sondern vermehrt auch im Beruf. Da ist von Karrierecoaching die Rede, von Teamcoaching, Führungskräftecoaching, Selbstcoaching usw. Eine standardisierte Ausbildung, wie etwa für Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater oder Lotsen gibt es nicht. Thema des vorliegenden Bandes ist das Coaching für Fortgeschrittene. Also erfahrene Coachs. Anhand seiner ganz persönlichen Entwicklung zum gefragten Topcoach skizziert der Autor in der „Weg zum professionellen Coach“ eine mögliche Karriere als Coach.

Autor

Thomas Schulte ist Dipl.-Volkswirt und seit rund zehn Jahren hauptberuflicher Coach. Er ist Geschäftsführer der symbiont-group, einem Coaching-Unternehmen in Südhessen.

Aufbau und Inhalt

Der vorliegende Band gliedert sich in die zwei Hauptkapitel

  1. Kritische Auseinandersetzung mit Coaching und
  2. Grundlagen für ein professionelles Coaching.

Im Anhang findet sich ein Literaturverzeichnis. Elf Abbildungen, zahlreiche Übungen und einige Beispieldialoge aus der eigenen Coachingpraxis runden das Werk inhaltlich ab. Jedes Unterkapitel wird durch ein Filmzitat eingeleitet.

In einer vorangestellten Einleitung legt der Autor kurz seine Motivation zum Verfassen des Buches dar. Das sind im Wesentlichen drei Gründe, zum ersten gibt es bisher auf dem Buchmarkt noch kein Buch, das sich professionell mit dem Thema Coaching für Fortgeschrittene befasst. Diese Lücke möchte Thomas Schulte mit seinem Buch schließen. Zweitens wird die Coachingszene immer unübersichtlicher. Deswegen möchte der Autor Lesern die Möglichkeit geben, gutes von sehr gutem Coaching unterscheiden zu können und so für sich einen Profi auf dem weiten Markt zu finden. Außerdem möchte Schulte gern mit „irreführenden Halbwahrheiten“ wie etwa „Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe“ aufräumen und dem Berufsstand des Coachs zu einer besseren Akzeptanz in der Öffentlichkeit verhelfen. Gleichzeitig liefert Schulte Impulse für eine Professionalisierung und Weiterentwicklung aktiver Coachs. Die einzelnen Teile sind zwar unabhängig voneinander verfasst, jedoch wird vom Autor empfohlen, die Kapitel sequentiell zu lesen.

Los geht es mit einer kritischen Auseinandersetzung und quasi Abrechnung mit verbreiteten Halb- oder Unwahrheiten über das Coaching, insgesamt nennt Schulte sechs Irrtümer:

  1. Coaching ist Hilfe zur Selbsthilfe
  2. Coaching ist ein Prozess, bei dem der Coach die Prozessverantwortung trägt
  3. Coaching ist Therapie für Gesunde
  4. Coaching ist individuelle Beratung oder ein individuelles Training
  5. Im Coaching gibt es Interventionen
  6. Im Coaching gibt es Scharlatane und schwarze Schafe

Die gängige Behauptung von der Hilfe zur Selbsthilfe ist unzutreffend und wenig professionell, weil sie paradox formuliert sei und somit missverständlich. Außerdem sei die Aussage falsch, weil Coaching kein Hilfsangebot sei und drittens sei es eine Floskel, die auch Entwicklungshelfer oder Streetworker verwenden und von daher abzulehnen. Die zweite verbreitete Irrmeinung, dass die Prozessverantwortung beim Coach liege sei deswegen falsch oder irreführend, da Coaching eine partnerschaftliche Beziehung sei. Deswegen tragen Coach und Coachee gemeinsam die Verantwortung. Coaching ist keine Therapie für Gesunde. Denn Therapie beschriebe ja ein hierarchisches Arzt – Patientenmodell. Und das passe nun einmal nicht zu einer professionellen Partnerschaft wie dem Coaching. Coaching als individuelle Beratung oder individuelles Training ist nicht vertretbar, da es sich beim Training oder der Beratung um den Verkauf einer Standardlösung handele. Coaching sei aber ein sehr individueller Prozess und von daher nicht mit den Begriffen Training oder Beratung in Einklang zu bringen. Ähnlich verhält es sich auch mit Interventionen. Intervention: ein Begriff, der aus der Politik, Diplomatie oder Medizin entlehnt ist. Und alle diese Bereich haben wenig mit Coaching gemeinsam. Treffender sei die Aussage im Coaching komme es zu Interaktionen – die wichtigste Interaktion sei das Zuhören. Der sechste Irrtum, im Coaching gebe es Scharlatane und schwarze Schafe, wird nicht durchweg geleugnet, sondern etwas relativiert. Durch das Filter der Medienindustrie werde der Fokus auf die negativen Fälle gelenkt. Schulte kommt zu dem Schluss, dass Scharlatane lediglich Ausnahmen seien. Er behauptet sogar, dass es aktuell so gut wie gar keine mehr im Coaching gäbe. Begründet wird dies 1. Mit einer Statistik der International Coaching Federation (ICF) und PricewaterhouseCoopers (PwC) aus dem Jahre 2006, die besagt 95% aller Befragten würde wieder ein Coaching buchen. 2. Seien das Medienecho und der starke Wachstum in der Coachingbranche ein Beleg für die Abwesenheit von Scharlatanen und schwarzen Schafen. 3. Schließlich gebe es einen Placeboeffekt: Demnach könne man im Coaching alles machen, man müsse nur an die Wirksamkeit glauben und schon gewönnen die Kunden einen Nutzen.

Das folgende zweite Kapitel ist in weitere acht Unterkapitel gegliedert:

  1. Was ist Coaching nun wirklich?
  2. Das Vier-Bedürfnisse-Modell im Coaching
  3. Vertrauen im Coaching
  4. Der Respekt im Coaching
  5. Ratschläge und Feedback im Coaching
  6. Behandlung schwieriger Themen
  7. Verzicht auf Coachingtools
  8. Hypothesen und Agenden im Coaching

Nach Schulte ist Coaching eine „professionelle Partnerschaft zur Zielerreichung“. Diese Definition wird hier noch einmal näher beleuchtet. Außerdem beantwortet Schulte in diesem Kapitel zwei zentrale Fragen, nämlich 1. „Was bringt […] diese […] Partnerschaft, […]?“ und 2. „Welche Kompetenzen muss ein Coach abdecken, [… ]?

Der Autor lenkt den Blick nun auf drei verschiedene Perspektiven aus denen heraus argumentiert werden könnte:

  1. Ökonomisch: Ziele werden mit Coaching schneller erreicht oder aber mit Coaching sind anspruchsvollere Ziele realisierbar.
  2. Philosophisch: Coaching bringt aus der Verbindung von mindestens zwei Akteuren Neues in die Welt.
  3. Biologisch: Coaching entspreche dem Urgedanken der Mensch sei ein Herdentier. Dieser Gemeinschaftsgedanke werde durch das Coaching lediglich „professionalisiert“.

Der Beruf Coach indes sei ein eigenständiger Beruf, der ein eigenes Berufsbild und Kompetenzraster habe. Hier beruft Schulte sich auf die elf Kernkompetenzen des Coachingverbandes ICF – International Coach Federation. Übergeleitet wird sodann auf das von Schulte entwickelte „Vier-Bedürfnisse-Modell“ im Coaching, ein Orientierungsrahmen für Coaches, das die vier Grundbedürfnisse der Coachees – also der Klienten oder Kunden des Coachs – transparent macht. Dies sind die Bedürfnisse nach

  1. Verständnis
  2. Klarheit
  3. Kreative Problemlösung und
  4. Persönliche Weiterentwicklung.

Im Folgenden werden die zentralen Aspekte Vertrauen und Respekt im Coaching behandelt. Nach einigen allgemeinen Worten und einer kurzen Abhandlung über die Rolle von Vertrauen macht der Autor sich an eine Definition. Vertrauen sei demnach das Wissen, dass die Aussagen eines Menschen zuträfen und seine Zusagen und Angebote eingehalten würden. Es folgt eine Antwort auf die Frage „Wie entsteht Vertrauen?“ und dann das „Vier-Komponenten-Modell des Vertrauens“. Dieses setzt sich aus den vier Bestandteilen Selbstbild, Intention, Fähigkeiten und Leistungen zusammen. Es folgen einige Übungen für Coachs, mit dem Ziel, das eigene Angebot vertrauenswürdig zu formulieren.

Das Vier-Komponenten-Modell wird sodann durch die „Vier-Ebenen des Vertrauens“ erweitert: 1. Das Vertrauen des Kunden in den Coach, 2. Das Vertrauen des Coachs in den Kunden […], 3. Das Vertrauen des Coachs zu sich selbst […] und 4. Das Vertrauen des Kunden zu sich selbst […]. Wie man Vertrauen ausbauen oder erhöhen kann wird anschließend erläutert und beispielhaft dargestellt.

Der nächste Abschnitt widmet sich dem Thema Respekt. Hier liefert der Autor eine sehr aufschlussreiche und brauchbare Definition: „Respekt hat der Coach vor einem Menschen, wenn dessen Entscheidungen beziehungsweise sein Verhalten innerhalb der eigenen akzeptierten Bandbreiten liegt.“ Folgerichtig zeigt er dann wie Respekt auf- oder ausgebaut wird.

Der folgende Abschnitt „Ratschläge und Feedback“ liefert theoretisches Hintergrundwissen zu den Rückmeldungen im Allgemeinen sowie im Coaching. Das Kapitel schließt mit der spannenden Methode des „Geschichten Erzählens“ und den „Metaphern“. Eine gelungene Überleitung zu dem folgenden Kapitel „Behandlung schwieriger Themen“. Schulte stellt hier sein drei-Säulen-Modell der Kompetenzen eines professionellen Coachs dar, ohne jedoch Bezug zu nehmen auf die im Eingangskapitel umrissenen Coachingkompetenzen. Die Kompetenzfelder im Einzelnen: Fachliche Kompetenz, Persönliche Kompetenz sowie Coachingkompetenz, haben beispielhaften Charakter und sind variabel. Sie verdeutlichen aber sehr gut und anschaulich, dass es meist drei Möglichkeiten gibt, die zu schwierigen Situationen führen: 1. Fachliche Überforderung, 2. Persönliche Überforderung oder 3. Überforderung der Coachingkompetenzen. Da wird es für den Coach wichtig, zu erkennen in welchem Feld er überfordert ist. Das Kapitel endet mit der Feststellung, dass sich letztendlich auch der Coach ständig weiterentwickelt und somit zukünftig herausfordernde Coachings annehmen kann.

Nun wendet sich der Autor den Werkzeugen im Coaching zu und fordert ein „Verzicht auf Coachingtools“. Die Auswahl an Tools sei reichhaltig. Ihr Einsatz aber behindere die Lösungssuche. Daher ein Plädoyer für mehr Spontanität, Flexibilität und Individualität im Coaching. Einen Nutzen haben dabei alle Beteiligten. Sehr gutes professionelles Coaching braucht keinen vorgefertigten (Arbeits-)Plan sondern entsteht immer wieder neu.

Den Abschluss bilden die „Hypothesen und Agenden im Coaching“. Konsequenterweise fordert Schulte den Verzicht auf eine Agenda im Coaching. Zunächst definiert er „Agenda“ und setzt sie mit einem Plan, einer Anweisung, der man zu folgen hat gleich. Dadurch wird das individuelle des Coachings ausgehebelt und genommen. Agenden sind durchaus sinnvoll im Bereich Training, jedoch nicht im Coaching. Weiter geht es mit den Hypothesen, dem Kern eines jeden Coachings. Zunächst werden Wert und Quelle von Hypothesen abgearbeitet und dann der Weg von den Hypothesen zum Feedback beschritten. Vorgestellt werden verschiedene Modelle, etwa die „Gewaltfreie Kommunikation“ nach Rosenberg, die „Theorie der Sprechakte“ oder die „Lernende Organisation“.

Den Abschluss bildet eine sehr schöne Inspiration – ein Lieder der Cherokee – Verbunden damit der Appell, die Auseinandersetzung mit anderen, bisher verborgenen Quellen zu suchen.

Zielgruppe

Coachs, Trainer und Berater sowie coachingversierte Entscheider

Diskussion

Das Buch ist mit Blick auf Stringenz und Praxisnähe sehr gut gelungen. Daher ist es angenehm zu lesen und auch aufgrund der vielen Beispieldialoge und abwechslungsreichen Darbietung sehr gut lesbar.

Die vorangestellten Filmzitate erschließen sich mir nicht immer. Das mag daran liegen, dass ich die Filme nicht alle kenne beziehungsweise kannte. Insgesamt scheint das Medium Film eine faszinierende Wirkung auf Schulte zu haben, so jedenfalls erkläre ich mir seine Verweise auf die Möglichkeit durch das Betrachten eines Filmes zu lernen oder einen Erkenntnisgewinn zu erzielen. So gibt es etwa die „Übung: Vertrauen auf den vier Ebenen“, die das Betrachten eines Filmes mit anspruchsvollen Dialogen erfordert. Oder das Beispiel der „Abfolge der Heldenreise“, die nach Schulte Grundlage vieler Filme sei. Nicht immer überzeugend finde ich die Argumentationen von Schulte. Gelungen und empfehlenswert sind zweifelsohne die zahlreichen Übungen, die einen Mehrwert bringen – bei entsprechender Durchführung.

Den Titel „Der Weg zum professionellen Coach“ finde ich persönlich sehr gelungen. Den Untertitel „Coaching für Fortgeschrittene“ scheint mir jedoch nicht den Kern des Buches zu treffen. Zumal es ja den interessierten Leser befähigen soll, gutes von sehr gutem Coaching unterscheiden zu können. Einige kritische Stimmen meinen man müsste eine Menge von Coaching und den angrenzenden Gebieten verstehen, um den Coach Thomas Schulte und sein Buch zu verstehen sowie einen Mehrwert zu erkennen. Ich teile diese Auffassung nicht. Gerade Starter können durch die Lektüre einen guten Einblick bekommen in das Berufsbild und die Herausforderungen, die auf einen Coach zukommen.

Schulte legt hier ein sehr persönliches und eigenwilliges Buch vor. Es ist gespickt mit sehr persönlichen Eindrücken und Erfahrungen. Der Autor wirkt durch seine Formulierungen und Thesen oft provokant. Ich glaube das möchte er auch sein. Das bringt einen Nutzen mit sich und zwingt den Leser dazu, nicht nur Konsument zu sein, sondern sich aktiv mit den Thesen und Themen zu beschäftigen.

Fazit

Alles in allem ein sehr inspirierendes und hochinteressantes Buch, aus dem jeder Leser einen Nutzen ziehen kann – Placebo Effekt?!. Ich empfehle es sehr gern zur Lektüre, weil es durch die vielen persönlichen und Eindrücke ein ganz besonders lehrreiches Buch ist.


Rezension von
Andreas Ploog
Politikwissenschaftler, M.A.
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Zitiervorschlag
Andreas Ploog. Rezension vom 30.09.2013 zu: Thomas Schulte: Der Weg zum professionellen Coach. Coaching für Fortgeschrittene. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. ISBN 978-3-407-36527-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15430.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


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