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Kurt Gerwig: Wie Kinder zur Schrift kommen

Cover Kurt Gerwig: Wie Kinder zur Schrift kommen. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2013. 29,00 EUR.

DVD. Laufzeit 42 Min. Fachliche Begleitung: Prof. Dr. Iris Füssenich. Zu beziehen über www.av1-shop.de.


Thema

Der Film „Wie Kinder zur Schrift kommen“ beschäftigt sich mit dem Thema des Schriftspracherwerbs von Kindern im Elementarbereich. Er gibt einen Einblick in die Praxis von Kindertageseinrichtungen und erhält mit den begleitenden Kommentaren der renommierten Wissenschaftlerin Prof. Dr. Iris Füssenich eine theoretische Fundierung.

Autor und wissenschaftliche Begleitung

Kurt Gerwig ist Produzent und Autor zahlreicher Pädagogikfilme. Er ist Inhaber von AV1 und produziert seit 1986 Auftragsfilme für Wirtschaft und Industrie. Mit seiner fachlichen Qualifikation als Dipl. Sozialpädagoge mit zehnjähriger Erfahrung im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit realisiert er parallel dazu Filme im Bereich der Pädagogik.

Die wissenschaftliche Begleitung des Films wird durch Prof. Dr. Iris Füssenich gewährleistet. Sie ist seit 1987 Professorin für den Förderschwerpunkt Sprache und Kommunikation an der Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg/Reutlingen. Sie ist eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen für Themen im Bereich der Frühpädagogik und Sonderpädagogik mit Schwerpunkten u.a. im Bereich der Sprachförderung, Sprachtherapie sowie im Schriftspracherwerb.

Aufbau

Der Film ist in sieben Kapitel aufgeteilt, die sich wiederum in Unterkapitel gliedern. Die Gesamtlaufzeit des Films ist 42 Minuten.

Nach dem einleitenden Kapitel (1) folgen in Kapitel 2 die Grundlagen des Schriftspracherwerbs. Hier werden Einblicke in den Alltag von Kindertageseinrichtungen gewährt, die sich thematisch unter anderem mit dem altersbezogenen Interesse an Schrift, den Einheiten des Schriftspracherwerbs, der Sprachdiagnostik und Anregungen, die zum Umgang mit Schrift einladen, auseinandersetzen.

Das dritte Kapitel widmet sich dem Begriff Literacy.

In Kapitel 4 münden die zuvor vermittelten Inhalte in der Darstellung einer beispielhaften Kindertageseinrichtung, der Kita Römerschanze in Reutlingen. Hier wird insbesondere die Bedeutung der Sprachexpertin und das Instrument der Videoreflexion fokussiert.

Kapitel 5 fasst Tipps für frühpädagogische Fachkräfte zusammen, Kapitel 6 richtet sich direkt an Eltern und geht der Frage nach, wie Erwachsene den Spracherwerb von Kindern unterstützen können. Kritisch reflektiert werden zudem Trainingsprogramme.

Im letzten Kapitel (7) wird ein kurzes Fazit gezogen.

Inhalt und Diskussion

Die durch die PISA-Studie angestoßene bildungspolitische Debatte um die beste Sprachförderung von Kindern mit geringen Sprachkompetenzen im Deutschen fokussierte zunächst vor allem die additive, strukturierte Förderung von Teilleistungen, wie z.B. die phonologische Bewusstheit. Ausgelöst durch die enttäuschenden Ergebnisse von Evaluationsstudien dieser Sprachfördertrainings setzt seit einiger Zeit ein Umdenken ein, das vielmehr auf die Unterstützung sprachlicher Fähigkeiten im Alltag von Kindertageseinrichtungen abzielt. Der Spracherwerb und Schriftspracherwerb sind dabei unmittelbar miteinander verknüpft. Aus der Perspektive von Kindern ist Sprache dabei mehr als nur ein Schlüssel zum Bildungserfolg. Von Geburt an wachsen Kinder in einer schriftsprachlich orientierten Kultur auf und lernen im Alltag die Bedeutung von Symbolen kennen. Sie entdecken die Funktion von Sprache als wichtiges Werkzeug zwischenmenschlicher Kommunikation und erwerben Sprachkompetenz im Dialog mit pädagogischen Fachkräften und Gleichaltrigen in für sie bedeutungsvollen Interaktionen. Nicht das Auswendiglernen von Buchstaben steht damit im Vordergrund von Literacy-Erziehung in Kindertageseinrichtungen, sondern das Schaffen alltäglicher Gelegenheiten zur Auseinandersetzung mit Sprache.

Der Film setzt sich mit den Grundlagen des Schriftspracherwerbs auseinander und liefert dabei zahlreiche fundierte Argumente für eine alltagsintegrierte Literacy-Erziehung. Diese beginnt nicht erst mit dem Eintritt der Kinder in die Schule, sondern mit den alltäglichen Erfahrungen mit Symbolen, Bildern und Schrift, die das Kind schon im ersten Lebensjahr sammelt. Dabei treffen Kinder in ihrer Familie auf mehr oder weniger anregungsreiche Bedingungen. Während für einige der Umgang mit Bilderbüchern einen ritualisierten Bestandteil des Alltags darstellt, ist der Kontakt zu Schriftsprache in anderen Familien weniger selbstverständlich.

Aufgrund des engen Zusammenhangs zwischen frühen Erfahrungen mit Schrift und des späteren Schriftspracherwerbsprozesses stellt der möglichst frühzeitige Kontakt zur Schriftkultur jedoch einen Vorteil für den Schulerfolg derjenigen Kinder dar, denen regelmäßig vorgelesen wurde. Auch wenn der Grundstein für ein Interesse der Kinder an Sprache in der Familie gelegt wird, übernehmen Kindertageseinrichtungen und Schulen in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion, indem sie das Interesse von Kindern an Sprache wecken, aufrecht erhalten und vertiefen.

Der Film liefert einen umfassenden Überblick über die Möglichkeiten, Kindern eine anregungsreiche sprachliche Umwelt bereitzustellen und sie in Interesse an Symbolen und Schrift zu unterstützen. Iris Füssenich vermittelt die aktuellen Erkenntnisse der Schriftspracherwerbsforschung die als Grundlage für die Unterstützung kindlicher Kompetenzen von hoher Relevanz sind. Mit ihren verständlichen Erläuterungen und der Kombination mit den illustrativen Beispielen aus der Praxis gelingt dem Film in beeindruckender Weise ein Theorie-Praxis-Transfer, der frühpädagogischen Fachkräften Lust auf Literacy macht.

Fazit

Kurt Gerwig gelingt mit der fachlichen Unterstützung von Iris Füssenich mit dem Film „Wie Kinder zur Schrift kommen“ eine theoretisch fundierte und schlüssige Argumentation für eine alltagsintegrierte Literacy-Erziehung in Kindertageseinrichtungen, die auch noch Spaß macht. Die Hinweise für Eltern können dabei eine gute Grundlage für einen thematischen Elternabend sein, die Beispiele aus der Praxis verknüpft mit den theoretischen Kommentaren vermitteln die Grundlage professionellen pädagogischen Handelns im Kontext des Schriftspracherwerbs. Der Film eignet sich für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von frühpädagogischen Fachkräften und gibt auch wertvolle Hinweise für Eltern.


Rezensent
Univ.-Prof. Dr. Timm Albers
Universität Paderborn Fakultät für Kulturwissenschaften Institut für Erziehungswissenschaft Arbeitsbereich Inklusive Pädagogik
Homepage www.albers.ph
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Timm Albers. Rezension vom 03.07.2014 zu: Kurt Gerwig: Wie Kinder zur Schrift kommen. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2013. DVD. Laufzeit 42 Min. Fachliche Begleitung: Prof. Dr. Iris Füssenich. Zu beziehen über www.av1-shop.de. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15445.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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