María do Mar Castro Varela: Ist Integration nötig?
Rezensiert von Prof. Dr. Hartmut M. Griese, 05.11.2013
María do Mar Castro Varela: Ist Integration nötig? Eine Streitschrift.
Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb
(Freiburg) 2013.
56 Seiten.
ISBN 978-3-7841-2405-6.
D: 7,50 EUR,
A: 7,80 EUR,
CH: 11,50 sFr.
Reihe: Soziale Arbeit kontrovers - 5.
Thema
„Integration“ – ein Begriff (Konstrukt) dominiert seit Jahren die öffentlich-medial-politische Debatte um „Ausländer“, Zu- oder Einwanderer, Randgruppen und Behinderte bzw. Menschen mit Handicaps, Fremde und alles „Deviante“ (von der Norm Abweichende) in unserer Gesellschaft und ihren Subsystemen. In den „Kommentaren“ im Internet zum aktuellen „Aufruf“ des „Rates für Migration“ (RfM) mit dem Titel „Für eine Neuordnung der Migrations- und Integrationsbelange auf der Bundesebene“ plus „Pressemitteilung“ vom 1. Oktober 2013 steht u.a. zu lesen: „Integration, das Wort des 21. Jahrhunderts“ oder „Integration ist eines der größten Themen der Zukunft“. Unser Vorschlag und Postulat (vgl. Schrader/ Nikles/ Griese 1976), den Begriff in der wissenschaftlichen und auch politischen Debatte nicht zu benutzen, da es sich um eine „ideologische Leerformel“ handelt (in anderen Worten: ein Catch-all- und Container-, ein Staubsaugerbegriff, der alles mögliche bedeuten und in sich aufnehmen kann/ soll und selten konkrete Inhalte benennt), hat keinerlei Wirkung und Folgen gezeigt – im Gegenteil: Das Gerede (um nicht zu sagen: Schwadronieren) um „Integration“ ist aktueller und diffuser denn je, nicht zuletzt verstärkt durch den rassistischen „Bestseller“ von Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“). Dieses Buch, und vor allem der Verkaufserfolg und die anschließende medial-politische Diskussion, haben deutlich gemacht, wie es um das, was „Integration“ – oder neuerdings „Willkommenskultur“ – genannt wird, in Deutschland wirklich bestellt ist, haben doch ca zwei Drittel der Einheimischen den obskuren und wissenschaftlich nicht haltbaren Thesen mehr oder weniger intensiv zugestimmt – nach dem Motto: „Endlich sagt es mal einer“. Endlich – und m. E. überfällig – kommt nun auch eine Streitschrift auf den Markt, die provozierend fragt: „Ist Integration (überhaupt) nötig?“.
Autorin
Maria do Mar Castro Varela wurde 1964 in Spanien geboren, hat in Köln Psychologie und Pädagogik studiert (Dipl.-Psych. und Dipl.-Päd.) und dann in Politologie in Gießen promoviert. Gegenwärtig ist sie Professorin an der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Ihre Forschungs- und Publikationsschwerpunkte sind Gender und Migration, Feministische Theorie, Postkolonialismus- und Rassismusforschung sowie kritische Pädagogik. Leider – das sei vorweg genommen – erfährt man/frau in der kleinen Streitschrift nichts über ihre Biographie, ihre subjekt-migrantischen Erfahrungen und die m. E. daraus resultierenden akademischen Erkenntnisinteressen.
Entstehungshintergrund
Die Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“ setzt sich zum Ziel, „aktuelle Fragen der sozialen Arbeit auf(zu)greifen und in knapper, handlicher Form Orientierungshilfen zur Verfügung (zu) stellen“ (S. 3). Dies soll „von renommierten Autorinnen und Autoren“ provokant und fragend geschehen, damit „vermeintliche Gewissheiten, Selbstverständlichkeiten oder Verallgemeinerungen kritisch überprüft werden“ können (ebd.).
Aufbau und Inhalte
Die vier Hauptkapitel
- „Abstammung und Migrationshintergrund“ (S. 10-16),
- „Deutsch-Werden und Anders-Bleiben“ (S. 16-31),
- „Integration und Gouvernementalität“ (S. 31-46) und
- „Integration ist eine Feindin der Demokratie“ (S. 46-48)
werden von einer Einleitung zu „Aktuelle Diskurse um Migration und Integration“ sowie von einem „Fazit“ (S. 46-48) und vier Seiten Literaturangaben eingerahmt.
Bereits in der Einleitung fragt die Autorin zu Recht, in welchem Interesse (!) die Integrationsdebatte jeweils angestoßen wird und verläuft und konstatiert, dass allgemein „Integrationsleistungen in Richtung Migranten und Migrantinnen“ erwartet werden (S. 7), was eindeutig in Richtung „Paternalismus“ zu deuten ist. Und: „Integration ist ein medienwirksames Thema“ (ebd.), wobei das generelle „Sprechen über Integration“ die Betroffenen „irritiert“ und sie sich „manches Mal gar bedroht fühlen“. „Die Diskriminierungen hätten zugenommen, die Jobs seien weniger geworden und eine allgemeine migrationsskeptische Stimmung habe sich breitgemacht“ (ebd.). Die durch „Islamkonferenz, Integrationsgipfel, die Etablierung kommunaler Integrationsbeauftragter, die Erarbeitung von Integrationskonzepten und Sicherheitspartnerschaften“ sowie der Propagierung einer „Willkommenskultur“ angekündigte „positive Wende in der Migrationspolitik“ (S. 8) lässt allerdings viele Fragen offen und läuft zudem an den Interessen der Einwanderer größtenteils vorbei. Wie immer in einer kritischen „Soziologie sozialer Probleme“ lässt sich fragen: „Cui bono?“ oder „wer profitiert?“ (ebd.). Festzuhalten laut Castro Varela ist aber, „dass eine genaue Vorstellung darüber …, was Integration tatsächlich bedeutet und wie gesellschaftliche Integration gemessen werden kann – eine höchst debattierbare Annahme“ bleibt (ebd.) – dies ist heute nicht anders als zu Beginn der Debatte.
Nach diesen fragend-provokativen Annäherungen an das Thema wendet sich die Autorin ihren theoretischen Überlegungen zum Thema „Integration“ zu, dem “Foucault´schen Konzept der Gouvernementalität“, mit dem „aktuelle Integrationspolitiken und Migrationsregimes einer genaueren Betrachtung“ unterzogen und auch „globale ökonomische und politische Verflechtungen analysiert werden können“ (S. 9). Fazit ihres Eingangsstatements ist – und dem ist mit Blick auf die aktuelle Migrations- und Integrationsdebatte und vor allem der Migrations-Pädagogik nur zuzustimmen: „Es ist mehr denn je notwendig, die Felder ‚Migration/ Integration’, ‚Sicherheit’ und ‚Ökonomie’ zusammen zu betrachten“ (S. 10).
Es folgt (Kap. 1) eine kritische Auseinandersetzung mit den Begriffen „Abstammung und Migrationshintergrund“ sowie mit der neoliberalen und „migrationspolitischen Rationalität“, deren „neue Zauberformel lautet: ‚Gesteuerte Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte ’“ (S. 10f) – nach dem Motto, wie ich es immer nenne: „Die Guten ins Töpfchen (Wirtschaft), die Schlechten ins Kröpfchen“ (Ausweisung) oder im Anschluss an Wilhelm Busch, der diese Entwicklung schon vor über 100 Jahren prognostizierte: „Recht gern empfängt die Musenstadt den Fremdling, welcher etwas hat“. Es geht im globalen Konkurrenzkampf um die besten Köpfe (vgl. dazu Griese/ Sievers 2010), um „den ‚Erhalt und Ausbau der Wettbewerbsfähigkeit’, die ‚Gewinnung Hochqualifizierter’, die ‚Innovationskraft der Wirtschaft’ und die ‚Sicherung des Wohlstandes’“ (S. 11). Auch im offiziellen „Einwanderungsland“ wird die durch Einbürgerungen aufgeweichte Grenze zwischen „Ausländern“ und „Deutschen“ mittels des Terminus „Migrationshintergrund“ implizit negativ etikettierend neu gezogen, womit die „anderen Deutschen“ als das kollektive Andere und so als Objekte pädagogischer Maßnahmen konstruiert werden.
Diese kritische Perspektive verfolgt die Autorin auch im weiteren Text und in Beziehung zu aktuellen Konzepten wie z.B. „Diversity“ (mit der Folge einer quasi normativen Differenzierung nach äußeren Merkmalen wie Geschlecht, Hautfarbe, Sprache etc.), dem „Zuwanderungsgesetz“ 2005 („Arbeitsmigration ist ohne eine Kapitalismusanalyse kaum zu verstehen“, „es geht … um eine Reservearmee im Sinne Karl Marx´“, um „bessere Ausbeutung und ein Lohndumping“, S. 21) – das hatte Nikolinakos bereits 1973 konstatiert („Migration und Kapitalismus“). Im Mittelpunkt ihrer kritischen Analyse stehen Begriffe und Konzepte wie (S. 24ff) „ökonomistisches Migrationsregime“, „Gouvernementalität“ (nach Foucault ein „Regierungshandeln und dessen Strategien“), das Paradox bzw. die „Praxis der Nicht-Integrierung“ bzw. „Integrationspolitik als Klassenpolitik“ nach „rassistischem Muster“, denn: „Hochqualifizierte Migranten und Migrantinnen aus Europa sind willkommen, diejenigen ohne Bildungsabschlüsse und Geflüchtete aus nichteuropäischen Ländern sind es nicht“ (S. 30). Ihr Fazit dazu: Es gibt einen „Zusammenhang von Migrationspolitik und Rassismus, Klassismus“ (ebd.); „Integrationspolitiken können problemlos als Normalisierungs- und Disziplinierungsregimes analysiert werden“ (wobei „integriert“ gleichgesetzt wird mit „normal“ und „richtig“).
Der „Integrationsdiskurs“, so die Autorin quasi zusammenfassend, betont immer wieder und konstruiert so erst „unüberwindbare Differenzen“, indem „Kultur“ (Religion) und „Modernität“ als Kriterien herangezogen werden und damit – unbewusst (?), aber wirksam – segregiert und stigmatisiert (S. 41) wird. Neben dem „Demokratiedefizit“ im Diskurs und in der Praxis der Integrationspolitik kritisiert Castro Varela gegen Ende noch das, was man „Racial Profiling“ nennt, eine Methode, die Äußerlichkeiten als relevant für polizeiliche Maßnahmen heranzieht (ich ergänze: oder auch bei der Vergabe von Jobs, Wohnungen etc.) – auch ein Negieren der allgemeinen Menschenrechte. Wirklich „integrierbar“ („normal“) ist demnach nur der „weiße Europäer/ die weiße Europäerin“ (S. 46). Dies sind allerdings Erkenntnisse, die bereits bei Goffman in seinem Klassiker „Stigma“ herausgearbeitet wurden.
Am Ende bezieht sich Castro Varela auf eine Stellungnahme von „Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung“ von 2010 mit dem Titel „Demokratie statt Integration“. Sie zweifelt an der „Integrationsfähigkeit“ von Deutschland und schließt mit den beiden Sätzen: „Der Staat hat Integration nötig. Er sollte sich notwendigen Demokratisierungsprozessen nicht verschließen“ (S. 50), womit sie auch die Frage im Titel der Streitschrift quasi beantwortet – ob dieser Appell (vgl. dazu auch den Offenen Brief des „Rates für Migration“ vom 1. Oktober 2013) auf Seiten der (Migrations- und Integrations-)Politik gehört und bei den gegenwärtigen Koalitionsverhandlungen irgendwo Berücksichtigung findet, darf allerdings bezweifelt werden.
Diskussion
Maria do Mar Castro Varela legt m. E. eine überfällige „Streitschrift“ vor, die bestens in das Programm „Soziale Arbeit kontrovers“ passt. Mit Anlehnung an Michel Foucault und Judith Butler gelingt ihr eine makrotheoretische Kritik am gängigen Integrationsdiskurs, der ihrer Meinung nach überwiegend neo-liberal und ökonomistisch geführt wird. Sie zeigt damit eine notwendige Veränderung und vor allem Erweiterung einer eher eindimensionalen (sozial-)pädagogischen Perspektive auf. Letztere wird jedoch selbst wenig kritisch hinterfragt, da die Einbettung des Integrationsdiskurses in den Kontext von „Kultur und Identität“ nicht debattiert wird, so dass dieser unselige Dreiklang weiter von sich hören lassen wird. Richtig ist: Wer von „Integration“ oder „Migrationspolitik“ spricht, sollte auch von „Kapitalismus“ und „Demokratie“ sprechen. Richtig ist aber auch, dass in der Regel von „Kultur“ und „Identität“ gesprochen wird, wenn von „Integration“ die Rede ist. In einer „Streitschrift“ sollte beides diskutiert werden. Die Analysen von Castro Varela werden jene, die in der (sozial-)pädagogischen Praxis stehen, stark verunsichern und wahrscheinlich wenig zur Erweiterung der Handlungsfähigkeit beitragen – kritische Reflexionen machen nicht unbedingt praxiskompetenter, aber sie sind Voraussetzung für eine Veränderung der Perspektive. Für alle, die sich schon länger mit dem Thema „Migration und Integration“ politisch, pädagogisch und/ oder wissenschaftlich befassen, ist diese „Streitschrift“ eine wohltuende und nachdenklich machende Lektüre, die eventuell auch zu einem überfälligen Paradigmenwechsel beitragen könnte.
In einigen Aussagen schießt die Autorin allerdings über ihr Ziel hinaus, wenn sie allzu pauschal argumentiert (z.B. S. 25: Assimilation oder Abschiebung oder: „Wer sich nicht integriert, bleibt gewissermaßen notwendiger- und gerechtfertigter Weise auf der Strecke“, S. 34). Hier wäre es m. E. angebracht gewesen, wenn sie ihre Analysen und provokanten Thesen mit konkreten biographisch erlebten Beispielen oder empirischen Belegen garniert hätte.
Auf die Titelfrage bezogen wird sehr anschaulich herausgearbeitet, dass „Integration“ ein „double bind„-Phänomen ist, das gefordert und ermöglicht werden soll, aber gleichzeitig ausgrenzt und stigmatisiert und dass Migranten in einer „double bind-Situation“ leben und festgehalten werden (S. 43). Was mir fehlt, gerade im Interesse der Leserinnen und Leser an Anregungen für eine kritisch-reflexive Herangehensweise an die Thematik „Integration“, sind Hinweise zur weiteren Vertiefung oder Querverbindungen zu Autoren, die ähnlich argumentieren und fragen und die gängigen Begriffe und Konstrukte (z.B. „Kultur“, „Migrationshintergrund“, „integrationswillig“) kritisieren.
Natürlich hätte ich es gerne gesehen, wenn die Autorin bei ihren Erkenntnissen auch auf meine eigenen kritischen Analysen zum Thema eingegangen wäre oder diese kritisiert (!) hätte, z.B. Griese 1984 und 2002 oder unsere Definition von „Integration“ als „subjektives Gefühl, dazu zu gehören“ erwähnt hätte (vgl. Griese/ Schulte/ Sievers 2007; Castro Varela schreibt auf S. 49: „Das subjektive Gefühl der Zugehörigkeit … wird konstant durch Integrationspolitiken irritiert“) oder in irgendeiner Weise auf meine Kritik am entsubjektivierenden Begriff „Migrationshintergrund“ (in: Griese/ Sievers 2010) eingegangen wäre. Die eher makrotheoretische Kritik von Castro Varela an der einseitig assimilativ und normativ ausgerichteten herrschenden politisch-medialen Integrationsdebatte ist berechtigt, angemessen und wichtig, hätte allerdings m. E. durch eine eher mikrotheoretische Kritik an deren Folgen für (sozial-)pädagogische Konzepte und Praxis ergänzt werden müssen – aber vielleicht wäre es dann eine große „Streitschrift“ geworden.
Fazit
Gelungen ist mit dieser kleinen Streitschrift in jedem Fall die kritische Analyse der „Integrationspolitiken als Normalisierungs- und Disziplinierungsregimes„; ferner liefert Castro Varela etliche stichhaltige Belege dafür, dass statistische Begriffe wie z. B. „Migrationshintergrund“, wenn sie pauschalisierend für erziehungswissenschaftliche Aussagen herangezogen werden, ausgrenzen, stigmatisieren und Menschen als „nicht dazu gehörig“ konstruieren und dadurch zu Objekten (sozial-)pädagogischen Handelns machen.
Literatur
- Goffman, Erving: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt 1967.
- Griese, Hartmut M. (Hrsg.): Der gläserne Fremde. Bilanz und Kritik der Gastarbeiterforschung und der Ausländerpädagogik. Opladen 1984.
- Ders.: Kritik der Interkulturellen Pädagogik. Essays über Kulturalisierung, Ethnisierung, Entpolitisierung und einen latenten Rassismus. Münster 2002.
- Griese, Hartmut M./ Schulte, Rainer/ Sievers, Isabel: ‚Wir denken deutsch und fühlen türkisch’. Sozio-kulturelle Kompetenzen von Studierenden mit Migrationshintergrund Türkei. Frankfurt 2007.
- Griese, Hartmut M. und Sievers, Isabel: Bildungs- und Berufsbiographien erfolgreicher Transmigranten. In: APuZ 46-47/ 2010. Themenheft „Anerkennung, Teilhabe, Integration“.
- Nikolinakos, Marios: Politische Ökonomie der Gastarbeiterfrage. Migration und Kapitalismus. Reinbek 1973.
- Schrader, Achim/ Nikles, Bruno/ Griese, Hartmut M. (1976): Die Zweite Generation. Sozialisation und Akkulturation ausländischer Kinder in der Bundesrepublik. Königstein 1976.
Rezension von
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
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