socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Elisabeth Fraller, Mignon Langnas (Hrsg.): Tagebücher und Briefe 1938 - 1949

Cover Elisabeth Fraller, Mignon Langnas (Hrsg.): Tagebücher und Briefe 1938 - 1949. Haymon Verlag GesmbH (Innsbruck) 2013. Taschenbuchausg., 1. Auflage. 255 Seiten. ISBN 978-3-85218-887-4. 9,95 EUR, CH: 14,90 sFr.

Reihe: Haymon-Taschenbuch - 87.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Im Mittelpunkt des vorliegenden Buches stehen die Briefe und Tagebücher von Mignon Langnas (1903-1949), die als jüdische Krankenschwester die Zeit des Nationalsozialismus in Wien überlebte. In ihren Aufzeichnungen aus den Jahren von 1938 bis 1949, die mit einer Reihe persönlicher Fotografien versehen sind, schildert sie sehr eindrücklich den Alltag der jüdischen Bevölkerung unter der Nazi-Diktatur und während des Krieges.

Herausgeber

Die Herausgabe des Buches besorgten Elisabeth Fraller und George Langnas.

Elisabeth Fraller, Filmwissenschaftlerin, Mediendesignerin und Übersetzerin, arbeitet als Lehrbeauftragte für Medienwissenschaft am Institut für Romanistik der Universität Wien. Ihre 1999 veröffentlichte Diplomarbeit schrieb sie zum Thema „Verso un cinema italiano: der italienische Film im Faschismus; Viscontis ‚Ossessione‘ als Wendepunkt in der italienischen Filmgeschichte“. Im Rahmen eines Fulbright-Stipendiums 2003 und vierjährigen Forschungs- und Studienaufenthalts in New York lernte sie George Langnas kennen. Elisabeth Fraller veröffentlichte mehrere Zeitschriftenbeiträge, darunter „Chantiers virtuels pour ‘Utopies latentes‘“ (in: L`architecture d`aujourd‘hui, 344/2003) „To See Things As They Are“ (in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 10/2007), „Freiheit ist therapeutisch – 30 Jahre Psychiatrie-Reform in Italien“ (in: MALMOE, 43/2008). Die Herausgeberin und Co-Autorin des Kataloges „Filme aus Georgien“ (Wien, 1997) übernahm auch mehrere Übersetzungen, wie beispielsweise ins Italienische „La galleria austriaca“ (2002) oder aus dem Englischen „American Graffiti“ von Margo Thompson (2009).

George Langnas (Jahrgang 1935), der Sohn von Mignon Langnas, wurde 1935 in Wien geboren. Als Vierjähriger konnte er mit seiner Schwester Manuela in der Obhut von Sara Sternlicht (1898-1988), einer Freundin der Familie, aus Wien fliehen. Sieben Jahre lang war er nun von seiner Mutter getrennt. Später studierte er Rechtswissenschaften und arbeitete lange Zeit in der Softwareindustrie. Heute lebt er in der Nähe von New York.

Entstehungshintergrund

Elisabeth Fraller und George Langnas gaben das vorliegende Buch mit einem Umfang von 503 Seiten bereits 2010 im Studien-Verlag (Innsbruck, Wien, Bozen) unter dem Titel „Mignon. Tagebücher und Briefe einer jüdischen Krankenschwester in Wien 1938-1949“ heraus. Bei der aktuellen Veröffentlichung mit 255 Seiten handelt es sich um eine gekürzte Taschenbuchausgabe mit leicht modifiziertem Titel, die im Unterschied zur gebundenen Version (29.90 EUR) wesentlich preiswerter (9.95 EUR) ist.

Aufbau

Dem Textteil vorangestellt finden sich zunächst ein Wort des Dankes von Robert Schindel „Was wird aus Robert Soël? A Dank“ (S. 8-9) und Hinweise von George Langnas „Wie alles begann“ (S. 10-11). Nach Angaben zur Vorgeschichte „Von Galizien nach Wien: Mignons Familiengeschichte“ (S. 12-22) gliedert sich das Buch sodann in die folgenden fünf Kapitel:

  1. Vertreibung 1938/39 (S. 23-52)
  2. Gescheiterte Flucht 1940/41 (S. 53-94)
  3. Schwester Mignon 1942-1944 (S. 95-138)
  4. Krieg und Befreiung 1945 (S. 139-188)
  5. Displaced Persons 1945/46 (S. 189-218).

Ergänzt wird die Darstellung, zu der auch die Wiedergabe von knapp 50 persönlichen Schwarzweiß-Fotos gehören, durch einen „Epilog: Sieben Jahre“ (S. 219-224), eine Editorische Notiz (S. 225), eine Danksagung (S. 226), Anmerkungen (S. 227-238), Biographien (S. 239-246), ein Glossar (S. 247-251) sowie Hinweise auf die verwendeten Quellen und Literatur (S.252-255).

Inhalt

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich bemühte sich die in Wien lebende jüdische Familie Langnas verzweifelt, das Land zu verlassen. Im November 1938 war Leo Langnas (1895-1978) nur knapp der im Zuge des Novemberpogroms durchgeführten Verhaftungen entgangen. Sein Versuch, im Mai 1939 mit dem Schiff nach Kuba zu kommen wurde jedoch zur Odyssee und endete mit der erzwungenen Rückkehr nach Europa. Nachdem er schließlich von Großbritannien aufgenommen worden war, gelangte er 1940 in die USA.

Während es den Kinder Manuela und Georg in Begleitung von Sara Sternlicht rechtzeitig gelang, im Dezember 1939 über Genua in die USA zu fliehen, blieb Mutter Mignon mit ihren gebrechlichen und kränklichen Eltern Charlotte (1872-1940) und Moses Rottenberg (1866-1943) in Wien zurück. Neben der Pflege ihrer Eltern begann sie als Krankenschwester für die Israelitische Kultusgemeinde zu arbeiten. Als eine der wenigen Wiener Jüdinnen und Juden hatte Mignon sehr großes Glück: sie entging den Deportationen und überlebte knapp mehrere Bombenangriffe gegen Kriegsende. Mitte 1946 konnte sie über ein Flüchtlingslager in Süddeutschland (Deggendorf) endlich in die USA ausreisen. Doch die Freude, wieder bei ihrer geliebten Familie zu sein, währte nicht lange: 1949 starb Mignon.

Allein auf sich gestellt, korrespondierte Mignon Langnas von Wien aus nicht nur mit Verwandten und Freunden, sondern schrieb auch eine Reihe von Tagebüchern, in denen sie jeweils auf eindrückliche Weise den Alltag der jüdischen Bevölkerung unter dem Nazi-Regime und während des Krieges schildert. Diese Briefe und die teilweise erhalten gebliebenen Tagebuchaufzeichnungen, die auch die Nachkriegszeit bis 1949 umfassen, waren für Elisabeth Fraller und George Langnas die Grundlage zum vorliegenden Buch.

Nach einem einleitenden Beitrag, der die Familiengeschichte der Langnas beziehungsweise deren Weg von Galizien nach Wien bis zum Jahre 1938 skizziert, dokumentieren die Herausgeber die Briefe und Tagebucheintragungen von Mignon Langnas, aufgeteilt in die fünf Themen „Vertreibung 1938/39“, „Gescheiterte Flucht 1940/41“, „Schwester Mignon 1942-1944“, „Krieg und Befreiung 1945“ sowie „Displaced Persons 1945/46“. Zum besseren Verständnis sind die wiedergegebenen Dokumente nicht nur mit einer Reihe von Anmerkungen versehen, sondern auch in erläuternde Ergänzungstexte eingebettet.

Der österreichische Schriftsteller Robert Schindel, der 1944 in Bad Hall als Kind jüdischer Kommunisten nach der Verhaftung seiner Eltern im jüdischen Kinderspital in der Wiener Temelgasse (damals Mohaplgasse) unter dem Decknamen Robert Soël untergebracht worden war, wo die jüdische Fürsorgerin Franzi Löw (1916-1997) und Mignon Langnas seine Deportation in die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt verhinderten, hat zu dem Buch ein Wort des Dankes beigesteuert. Darin schreibt er wörtlich unter anderem: „Ich wusste lange nichts von meinen beiden Retterinnen und freue mich sehr, dass dieses Buch entstanden ist. Es zeugt von Menschenwürde und Barbarei. An mir ist es, den Kindern der wunderbaren Mignon, Manuela und George, stellvertretend zu danken. Schalom, Mignon. Schalom uns allen“ (S. 9).

Dem eigentlichen Text vorangestellt finden sich Hinweise von George Langnas, wie er in den Besitz der Briefe und Tagebücher seiner Mutter kam. Zum Inhalt dieser Dokumente hält er dabei fest: „Die Briefe in die Schweiz und Mignons Tagebuch erzählen die einzigartige Geschichte einer jüdischen Frau, die während des Kriegs in Wien als Krankenschwester für die von den Nationalsozialisten kontrollierte jüdische Gemeinde arbeitete“ (S. 10).

Diskussion

Dank einer Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen sind wir über den Lebens- und Arbeitsalltag der Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus und in der sogenannten Nachkriegszeit recht gut informiert. Ganz anders sieht es schon mit der Situation derjenigen aus, die von den Nationalsozialisten ausgegrenzt und verfolgt wurden. Neben amtlichen Unterlagen, die in aller Regel von Vertretern des Staates angefertigt wurden, haben hier die von Privatpersonen verfassten Dokumenten eine überragende Bedeutung, weil diese sehr persönliche und besonders tiefe Einblicke in den Lebensalltag während der unheilvollen Zeit und darüber hinaus erlauben. Von daher kommt den erhalten gebliebenen Briefen und Tagebüchern (1938-1949) von Mignon Langnas, in denen sie authentisch über die Demütigungen, Verfolgungen, Entbehrungen und Ängste der Wiener Juden berichtet, große Bedeutung zu. Ihre Veröffentlichung ist dabei umso bedeutender, als in Wien nur ganz wenige vergleichbare Dokumente von anderen Juden aus der NS-Zeit erhalten blieben.

Freilich stellt sich die Frage, warum das Buch erst so spät veröffentlicht wurde. Die Antwort hierzu gibt George Langnas einleitend, wenn er treffend schreibt: „Die Recherchen für dieses Buch haben Licht auf viele Details und Zusammenhänge geworfen, von denen ich bis dahin nichts gewusst hatte, bzw. bestätigten Vermutungen, die ich seit langem hatte, aber nicht in Worte fassen konnte, geschweige denn, dass ich ihnen nachgegangen wäre. Als Kind stellte ich keine Fragen. Das verursachte ein Gefühl des Unbehagens, das mich mein Leben lang begleitete. Alle Verwandten, mit denen ich aufgewachsen bin, mussten in Wien Familienmitglieder zurücklassen: Mein Vater musste sich von seiner Frau, seinen Eltern und seiner Schwester trennen, meine Tante Nelly von ihrer Schwester und ihren Eltern und Onkel Ernst von seiner Mutter. Sie wussten nichts vom Schicksal ihrer Liebsten (und nur meine Mutter sollte überleben). Fragen verursachten Schmerz. Das Schweigen sollte meine Schwester und mich vor Ängsten und Sorgen bewahren. Das Schweigen war überwältigend“ (S. 11).

Im Gegensatz zu Sachbüchern bieten die während der NS-Zeit entstandenen Tagebücher und Briefe von Mignon Langnas, die nun – mit einer Reihe persönlicher Fotografien versehen – der Öffentlichkeit zugänglich sind, einen anderen, sehr persönlichen und daher stärker betroffen machenden Zugang zu diesem traurigen Kapitel unserer Geschichte. Insofern ist es sehr zu begrüßen, dass von dem Buch nun auch eine preiswerte Taschenbuchausgabe vorliegt.

Fazit

Bei den ergreifenden Aufzeichnungen von Mignon Langnas handelt es sich um ein einzigartiges Dokument der Judenverfolgung in Österreich unter der Nazi-Diktatur und während des Krieges.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
E-Mail Mailformular


Alle 175 Rezensionen von Hubert Kolling anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 30.09.2013 zu: Elisabeth Fraller, Mignon Langnas (Hrsg.): Tagebücher und Briefe 1938 - 1949. Haymon Verlag GesmbH (Innsbruck) 2013. Taschenbuchausg., 1. Auflage. ISBN 978-3-85218-887-4. Reihe: Haymon-Taschenbuch - 87. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15455.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung