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Arnd-Michael Nohl: Relationale Typenbildung und Mehrebenenvergleich

Cover Arnd-Michael Nohl: Relationale Typenbildung und Mehrebenenvergleich. Neue Wege der dokumentarischen Methode. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 138 Seiten. ISBN 978-3-658-01291-5. D: 14,99 EUR, A: 15,41 EUR, CH: 19,00 sFr.

Reihe: Lehrbuch. Qualitative Sozialforschung.
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Entstehungshintergrund und Thema

Rund ein Vierteljahrhundert nach der Habilitationsschrift von Ralf Bohnsack, der damit das methodisch-methodologische Fundament für die dokumentarische Methode legte, hat sich die dokumentarische Methode einen festen Platz innerhalb der qualitativen Forschung in Deutschland erobert. Die empirischen Studien, die mit dieser Methode arbeiten und gearbeitet haben, erfassen verschiedene Anwendungsgebiete und Handlungsfelder innerhalb der Sozial- und Erziehungswissenschaften. Auch die Forschung in Handlungsfeldern und zu Fragestellungen der Sozialen Arbeit bedient sich zunehmend der dokumentarischen Methode.

Ursprünglich für die Analyse von Gruppendiskussionen konzipiert und erprobt, wurde die dokumentarische Methode in den letzten Jahren verstärkt auch für die Auswertung anderer qualitativer Daten weiterentwickelt. Neben der Video- und Bildanalyse werden heute auch Einzelinterviews mittels dokumentarischer Methode interpretiert. Diese Ausweitung der dokumentarischen Methode auf die Auswertung von Interviews hat Arnd-Michael Nohl, Professor für Erziehungswissenschaften an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, entscheidend vorangetrieben. Dass sein 2006 bei Springer VS erschienenes Werk „Interview und dokumentarische Methode: Anleitungen für die Forschungspraxis“ im Jahr 2013 bereits in die vierte Auflage geht, deutet es bereits an: Die dokumentarische Methode ist als Interpretationsverfahren von Interviews auf dem Vormarsch.

Doch in der jüngeren Vergangenheit standen einige Forscher_innen, die Interviewmaterial mithilfe der dokumentarischen Methoden auswerteten, vor dem Problem, „dass sich im jeweiligen Untersuchungsfeld zwar mehrere sinngenetische Typiken entwickeln ließen, aber die so typisierten Orientierungsrahmen nicht auf etablierte soziale Lagerungen oder organisatorische Kontexte zurückgeführt werden konnten“ (S. 55). Bislang griff man auf der Stufe der soziogenetischen Typenbildung auf die etablierten Typiken Klasse, Generation, Migration und Geschlecht zurück, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten innerhalb und zwischen als typisch herausgearbeiteten Orientierungen herzuleiten. Dieser entscheidende und anspruchsvolle Analyseschritt, mit dem man über das vergleichsweise leicht zu bewerkstelligende „Nebeneinanderstellen“ von Orientierungen im Rahmen der sinngenetischen Typenbildung hinausgeht, ist aber vor allem dort nicht ohne weiteres möglich, „wo sozialer Wandel geschieht, wo sich also gesellschaftliche Strukturen verändern und neue Relationen sozialer Orientierungen und Erfahrungen zu Tage treten“ (S. 60). Und genau hier setzt Nohl mit seinem Entwurf der relationalen Typenbildung an, die im Fahrplan der dokumentarischen Methode nach der formulierenden Interpretation, reflektierenden Interpretation und sinngenetischen Typenbildung die Endstation der Auswertung darstellt.

Gleichzeitig bietet Nohl hier einen Lösungsweg für ein weiteres Grundproblem rekonstruktiver Analyse auf – nämlich die Berücksichtigung und Fundierung des „Mehrebenencharakter(s) des Sozialen“ (S. 9). Das komparative Element der Textinterpretation, das für rekonstruktive Verfahren generell, aber besonders für die dokumentarische Methode konstitutiv ist (weil hier der Vergleich bereits früh ansetzt und sich nicht auf Fälle und Fallgruppen beschränkt, sondern auf davon losgelöste Falldimensionen erstreckt), birgt die Gefahr, dass einzelne soziale Sinnebenen ausgeblendet oder vermischt werden. Insbesondere dann, wenn es um die Rekonstruktion von sozialen Prozessen und deren Entstehungszusammenhängen geht, die sich nur selten auf einer Sozialebene abspielen, sondern miteinander verwoben sind, kann es zu einer „Überschätzung oder gar Totalisierung einer Sozialebene“ (S. 131, Hervorhebung – HvdB) kommen.

Aufbau

Entsprechend des Buchtitels gliedert sich das Buch in zwei Blöcke, die beide einen ähnlichen Aufbau aufweisen.

  1. Der erste Block (Kapitel 2-4) ist der relationalen Typenbildung gewidmet. Zunächst rollt Nohl in Kapitel 2 die bisherigen Verfahren der qualitativen Sozialforschung auf, die auf eine Typenbildung oder zumindest einen Vergleich zwischen bzw. innerhalb von Fällen abzielen, wobei er deren Gemeinsamkeiten und vor allem deren Unterschiede herausstellt. In Kapitel 3 wird dann die Hintergrundfolie der dokumentarischen Methode aufgespannt. Nohl geht kurz auf die sinn- und dann auf die soziogenetische Typenbildung ein und erläutert im dritten Schritt, wo die relationale Typenbildung ansetzt und wie sie sich in die bisherige Methodologie der dokumentarischen Methode einfügt. Diese methodologisch-konzeptionellen Ausführungen werden in Kapitel 4 mit einem Beispiel aus der Forschungspraxis mit Leben gefüllt. Die einzelnen Verfahrensschritte werden dort nacheinander am empirischen Material gemeinsam mit dem Leser abgegangen.
  2. Im zweiten Block (Kapitel 5-6) leitet Nohl die Notwendigkeit eines Mehrebenenvergleichs qualitativen Datenmaterials her. Er konstatiert, dass bei der empirischen Rekonstruktion die verschiedenen sozialen Aggregatebenen – z.B. individuelle Biographie (Mikro), Organisation (Meso) und soziale Milieus (Makro) – und Sinnkonzepte – z.B. unbewusst und intentional – selten aufeinander bezogen würden. Es mangele häufig an einer theoretischen Ummantelung und einer methodologische Reflexion ebenso an einer Formulierung methodisch kontrollierter bzw. kontrollierbarer Anforderungen an Mehrebenendesigns (S. 10). In Kapitel 5 flechtet er bereits beim Übergang der Diskussion von der Mehrebenenanalyse zu dem der dokumentarischen Methode zugewandten Mehrebenenvergleich konkrete Bezüge zu eigenem Material ein, die in Kapitel 6 dann vertiefend und – wie im ersten Block – Schritt für Schritt forschungspraktisch ausbuchstabiert werden.

Gerahmt werden die beiden Konzeptionen und die „Bedienungshinweise“ bei deren Umsetzung von einer Einleitung, in der die Kernaussagen aufgeführt sind, und einem Ausblick, der die Ausgangspunkte der vorangegangenen Überlegungen noch einmal benennt und mit dem Hinweis schließt, dass die beiden in diesem Buch entworfenen Konzeptionen noch der weiteren methodologischen Diskussion und forschungspraktischen Ausarbeitung bedürfen.

Inhalt

Die dokumentarische Methode verfolgt bei der Auswertung von Interviews vorrangig das Ziel, jene Orientierungen der Interviewpartner freizulegen, die dem Handeln zugrunde gelegt werden, ohne dass diese dem Handelnden selbst unbedingt bewusst ist. Aber gerade diese habituellen Handlungsorientierungen, diese atheoretischen, impliziten Wissensbestände – so die Kernthese der dokumentarischen Methode – sind es, die Hinweise auf generalisierbare Relevanzstrukturen und Orientierungsmuster geben und darauf, wie diese im sozialen Raum und Kontext entstehen und womit sie in Verbindung stehen. Diese Orientierungen wiederum speisen sich – so die dokumentarische Methode weiter – aus persönlichen Erfahrungen, die sich jedoch nicht beliebig aneinanderreihen, sondern eng mit sozialen Dimensionen und gemeinsam geteilten Erfahrungsräumen verknüpft sind. Somit geht es nicht nur darum, die Pluralität und Heterogenität von Orientierungen vollständig zu erfassen und zu Typen zusammenzufassen, also eine Sinngenese vorzunehmen. Vielmehr sollen die dahinterliegenden sozialen Erfahrungsdimensionen – losgelöst vom Fall – mit diesen Orientierungen systematisch verknüpft und zu Typiken ausgeformt, soll also eine Soziogenese dieser Orientierungen erfolgen.

Die relationale Typenbildung möchte ebenfalls die Soziogenese rekonstruieren. Es soll zunächst gezeigt werden, „in welchem systematischen Zusammenhang unterschiedliche Dimensionen von typischen Orientierungen stehen.“ (S. 61) Voraussetzung dafür ist, dass die vorangegangene sinngenetische Typenbildung bereits mehrdimensional angelegt ist. Nur dann ist es im nächsten Schritt möglich zu untersuchen, „ob und wie die unterschiedlich dimensionierten Orientierungen miteinander fallübergreifend zusammenhängen, um auf diese Weise die Relationen typischer Orientierungen typisieren zu können.“ (S. 91, Hervorhebung – HvdB) Schon Karl Mannheim, der mit seiner Wissenssoziologie Pate für die dokumentarische Methode gestanden hat, bezeichnete das in Bezug Setzen von verschiedenen (Fall-)Dimensionen und (Sinn-)Ebenen zueinander als „Relationieren“. Nohl greift mit seinem Entwurf für eine alternative Typenbildung diesen Begriff wieder auf und stellt ihn ins Zentrum der komparativen Analyse.

Die Vorgehensweise bei der relationalen Typenbildung unterscheidet sich nicht wesentlich von dem Adaptionsvorbild der soziogenetischen Typenbildung. Was sich unterscheidet, ist – je nach persönlicher Betrachtungsweise – die Freiheit oder der Zwang, aus dem Material heraus eigene Dimensionen zu entwickeln, mit deren Hilfe soziale Zusammenhänge innerhalb und zwischen jenen verschiedenen Orientierungen systematisch aufgezeigt werden, die zuvor in der sinngenetischen Typenbildung herausgearbeitet und nebeneinander gestellt wurden. Je nach Datenlage kann die relationale Typenbildung die soziogenetische Typenbildung ergänzen (nämlich dort, wo etwa nur eine soziale Lagerung herangezogen werden kann für die typisierende Verknüpfung von Handlungsorientierungen und Erfahrungsdimensionen und wo sich andere neuartige soziale Lagerungen als relevant(er) für die Typisierung aus dem Material herausschälen) oder ersetzen (nämlich dort, wo die unterschiedlichen Orientierungen keine Verknüpfung mit etablierten sozialen Lagerungen und organisationalen Kontexte aufweisen).

Auch bei der Mehrebenenanalyse wird es dann besonders anspruchsvoll, wenn die Untersuchungsebenen keine klare gesellschaftliche und theoretische Strukturierung aufweisen, also die Forscher_innen selbst die Grenzen im Material zwischen den verschiedenen Sozial- und Sinnebenen erst noch ziehen müssen, um sie dann wieder aufeinander zu beziehen. Beim Relationieren müssen dann stets unterschiedliche Sozialebenen einerseits und Sinnebenen andererseits sowie ihr Abhängigkeits- und Passungsverhältnis zueinander berücksichtigt werden. Wegen dieser Komplexität bei der Rekonstruktion schlägt Nohl vor, zunächst eine grundlagentheoretische Relationierung vorzunehmen, um vorab einerseits tragfähige Konzepte für die unterschiedliche „Aggregatebenen des Sozialen“ zu finden (S. 117) und andererseits eine Relationierung der theoretischen Grundbegriffe für die unterschiedlichen Sinnebenen vorzunehmen (S. 103f.). Dessen sollte man sich vor allem dann bewusst sein, wenn man verschiedene Erhebungsverfahren einsetzt, die jeweils für unterschiedliche Ebenen besser oder schlechter geeignet sind: Während sich z.B. narrative Interviews eher dazu eignen, individuelle Biographien zu erfassen, kann man mit Gruppendiskussionen besser auf soziale Milieus oder Organisationen zugreifen (S. 105). Erst danach folgt – nach Nohl – eine empirische Relationierung, mit deren Hilfe entweder herausgefunden werden kann, inwiefern Strukturen auf der Makro- oder Mesoebene auf die Mikroebene durchschlagen oder welche Aspekte kontextgebunden und welche kontextübergreifend sind.

Diskussion

Positiv hervorzuheben ist das durchgängige Bemühen von Nohl, anhand von konkreten Interviewpassagen und mit Hilfe von insgesamt 16 Schaubildern plus 4 Tabellen auf 125 Textseiten auch die mit der dokumentarischen Interpretationspraxis noch nicht vollständig vertrauten Leser_innen auf den Gang der Argumentation mitzunehmen – das war auch schon ein Plus in dem oben angesprochenen Lehrbuch. Nohls relationale Typenbildung wird überzeugend dargestellt und lässt sich dank des ausführlichen Beispiels aus der Forschungspraxis schnell verdauen. Das Kapitel zum Mehrebenenvergleich liegt dagegen etwas schwerer im Magen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass hier die methodologische Reflexion überwiegt, die Nohl bei der bisherigen Anwendung von Mehrebenenanalysen vermisst (S. 10). Allerdings verflüchtigt sich das methodologische Völlegefühl dann im Laufe der anschließenden beispielhaften Erläuterungen an einem Forschungsprojekt wieder allmählich, auch wenn diese deutlich kürzer und verdichteter ausfallen als noch bei der relationalen Typenbildung.

Fazit

Ob die relationale Typenbildung eine „Krücke“ bleiben wird, der das Stigma anhaftet, „aus der Not geboren“ (S. 55) zu sein, oder ob dadurch tatsächlich neue Türen für die dokumentarische Methode aufgestoßen werden, wird sicherlich die zukünftige Forschungspraxis zeigen. Nohl selbst versteht seine Ausführungen zur Vorgehensweise bei der relationalen Typenbildung und zum Mehrebenenvergleich „auch nicht als Rezept, sondern eher als Anregung“ (S. 64). Zumindest ist sein Entwurf ein weiterer Versuch, den Siegeszug der dokumentarischen Methode durch die akademischen Interpretationsstuben weiter fortzusetzen. Und die Zeichen stehen gut, dass die hier vorgeschlagenen Wege der relationalen Typenbildung und des (grundlagentheoretisch und methodologisch fundierten) Mehrebenenvergleichs demnächst von nicht wenigen Forscher_innen – in ähnlicher oder modifizierter Weise – beschritten werden könnten.


Rezension von
Henning van den Brink
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Handel und Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Henning van den Brink. Rezension vom 18.12.2013 zu: Arnd-Michael Nohl: Relationale Typenbildung und Mehrebenenvergleich. Neue Wege der dokumentarischen Methode. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-01291-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15456.php, Datum des Zugriffs 11.04.2021.


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