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Ioanna Zacharaki, Thomas Eppenstein et al. (Hrsg.): Praxishandbuch interkulturelle Kompetenz

Rezensiert von Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz, 01.08.2014

Cover Ioanna Zacharaki, Thomas Eppenstein et al. (Hrsg.): Praxishandbuch interkulturelle Kompetenz ISBN 978-3-95414-014-5

Ioanna Zacharaki, Thomas Eppenstein, Michael Krummacher (Hrsg.): Praxishandbuch interkulturelle Kompetenz. Vermitteln, vertiefen, umsetzen. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. 173 Seiten. ISBN 978-3-95414-014-5. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 28,50 sFr.

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Thema …

Das Leben in der Bundesrepublik Deutschland ist mittlerweile durch eine hohe kulturelle Vielfalt geprägt. Es dauerte fast 40 Jahre, bis die allgemeine und gesetzliche Anerkennung erfolgte, dass Zuwanderung und Integration gemeinsam zu gestalten sind. Als Einwanderungsland benötigt Deutschland in zunehmendem Maße professionelle interkulturelle Kompetenzen. Die Zahlen zu Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland liegen vor und stellen die Politik, wie auch die sozialen und pädagogischen Dienste mit ihren Einrichtungen vor die Herausforderung, mit der wachsenden gesellschaftlichen Vielfalt konstruktiv umzugehen, angefangen bei den Kindertagesstätten bis hin zur Pflege. Die Notwendigkeit Interkultureller Orientierung ist zu besprechen, zu begründen und in Handlungsschritte umzuleiten. Dieser Aufgabe hat sich das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche im Rheinland e.V. in Verbindung mit der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum angenommen (s.a. Vorwort N. Immer, S. 7-8)

… und Entstehungshintergrund

Das Praxishandbuch erhält dazu interdisziplinäre Fachbeiträge von Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen (einschl. seitens der Herausgeber), wie auch in der Umsetzung erprobter Praxisprojekte. Diese bauen auf einem Modellprojekt auf, dem Zertifikatskurs: „Basisqualifikation Interkulturelle Kompetenz für Soziale Berufe“. Es geht um die nicht einfache Aufgabe der „Interkulturellen Öffnung“ in der Praxis, die viel Überzeugungsleistung benötigt, Aufgabe der Leitungsebenen ist, wie auch eine Frage von Organisationsentwicklung.

Autorin und Autoren

Ioanna Zacharaki ist Griechin und kam als 18-Jährige nach Deutschland, „ohne Sprachkenntnisse und ohne soziales Netzwerk“, wie sie selbst sagt (Quelle: www.diakonie-rwl.de, 2011). Seit 1994 arbeitet sie als Referentin für Integration und Interkulturalität bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL). Sie ist zudem Germanistin und Soziologin M.A., Autorin verschiedener Fachpublikationen und Veröffentlichungen und an der Fachhochschule Düsseldorf im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften tätig. Politisch ist I. Zacharaki als SPD-Sprecherin im Zuwanderungs- und Migrationsrat aktiv und „möchte auch in Krisenzeiten die kulturelle Vielfalt gestalten“ (Quelle: www.spd-solingen.de).

Prof. Dr. phil. Thomas Eppenstein ist deutscher Abstammung, Autor diverser Veröffentlichungen und weist eine mehrjährige berufliche Praxis als Dipl. Pädagoge in sozial(pädagogisch)en Arbeitsgebieten auf, mit Schwerpunkt „Interkulturelle Orientierung sozialer Dienste“. Th. Eppenstein promovierte zu „Interkultureller Kompetenz als pädagogischer Kompetenz in der Migrationsgesellschaft“. Lehrgebiete an der Evangelischen Fachhochschule RWL sind zudem: Pädagogik, Erziehungswissenschaften und Theorien Sozialer Arbeit. Forschungsschwerpunkte sind: Bildung für nachhaltige Entwicklung, interkulturelle Dynamiken und soziale Inklusion. Als Arbeitsschwerpunkte sind die berufliche / soziale / kulturelle Integration, Migration und Soziale Arbeit, Pädagogisches Handeln und Differenz, Nicht-Diskriminierung / Gleichbehandlung / Konfliktbewältigung, Rassismus / Fremdenfeindlichkeit, Zeit und Pädagogik, wie auch Globales Lernen / Bildung für nachhaltige Entwicklung und Veränderungswissen zu nennen.

Prof. Dr. Michael Krummacher ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, ist Autor einiger Veröffentlichungen, hat einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Münster und ist Professor für Politikwissenschaft / Sozialpolitik an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum. M. Krummacher befindet sich im Ruhestand, ist jedoch weiterhin aktiv in der Forschung, im Wissenschafts-Praxis-Transfer und in der Weiterbildung. Seine Themenschwerpunkte sind: Migrations- und Integrationspolitik, Stadtentwicklung, Kommunal- und Regionalpolitik, Wohnungspolitik und Allgemeine Sozialpolitik.

Aufbau und Inhalt

Das kleine handliche Buch mit seinen 173 Seiten startet mit einem kompakten, einseitigen Inhaltsverzeichnis und einem Vorwort (S. 7-8) von Nikolaus Immer, dem Geschäftsführer des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche im Rheinland e.V.. Beginnend mit einer gemeinsamen Einführung der drei HerausgeberInnen (S. 9-14) über den Weg der Sozialen Dienste zur interkulturell lernenden Institution, reihen sich im Folgenden die Einzelbeiträge diverser Autoren (einschl. der drei HerausgeberInnen) aus der praktischen Sozialen Arbeit, wie auch der Lehre (S.15-146), um dann mit konkreten Projekt-Beispielen (S. 147-171) zu enden. Darunter befinden sich auch Projektbeschreibungen, Konzeption und Ziele des oben erwähnten Zertifikatskurses. Die Auflistung der im Buch zitierten Autorinnen und Autoren erscheinen dann am Ende (S. 172-173).

Folgende Schwerpunktthemen werden über die Einzelbeiträge bearbeitet:

  • Interkulturelle Kompetenz als Bildungsaufgabe im System sozialer Hilfen oder auch als Zumutung oder Zauberformel
  • Migration, Integration und Recht
  • Migrations- und Integrationspolitik
  • Werteorientierung und Normenkonflikte – soziologische Aspekte
  • Religionen und Toleranz
  • Kommunikation in der Einwanderungsgesellschaft
  • Konstruktive Konfliktlösung in interkulturellen Spannungsfeldern
  • Organisation und Verankerung interkultureller Arbeit in sozialen Einrichtungen
  • Umsetzung der interkulturellen Ansätze am Beispiel des Zertifikatskurses: Basisqualifikation „Interkulturelle Kompetenz für soziale Berufe“ und
  • Beispiele aus der Praxis.

Obwohl das Buch wenige Seiten aufweist, sind die Texte der Einzelbeiträge mit

  • Aufzählungen,
  • Fallbeispiel- und Rollenkarten,
  • thematischen Abschnitten und Definitionen,
  • Schaubildern,
  • Literaturhinweisen und Linkadressen,
  • Anhängen zu Diskussions- und Verständnisfragen,
  • Erklärungen zu Grundbegriffen,
  • Anmerkungen,
  • Modellgrafiken,
  • Hinweisen auf und Zitate von Gesetzestexte/n,
  • Textbausteinen in eigens markierten Feldern,
  • Tabellen und
  • Statistiken unterlegt.

Mit Modellen aus unterschiedlichen Theorieansätzen wird Interkulturelle Sensibilität und Kompetenz, auch Interkulturelles Lernen erklärt und darauf hingewiesen, dass die Qualität Interkultureller Sozialer Arbeit sich nicht mehr an generalisierten Maßstäben messen lässt, sondern der auf die Adressaten und Aufgabenfelder bezogenen Differenzierung und Spezifizierung bedarf.

Für den ersten Teil des Buches wurden von den HerausgeberInnen die wissenschaftlichen Fachbeiträge ausgesucht, die sich auf das Weiterbildungsmodell des Zertifikatskurses beziehen. Dabei geht es immer um die Interaktion zwischen Adressaten und Professionellen, mit besonderem Fokus auf eigenreflexive und affektive Lernprozesse. Grundsätze, Strukturen und Terminologien aus der deutschen Rechtsprechung, Befunde aus der Bevölkerungs- und Sozialraumentwicklung, Grundzüge der Migrations- und Integrationspolitik sind im zweiten Teil zu finden (Schnath, S. 44-56; Krummacher, S.57-77).

Unterschiedliche Werte- und Normenkonflikte werden in historische, religiöse und kulturelle Kontexte gesetzt, Zusammenhänge zwischen Religion und Toleranz aus ethischen und religionswissenschaftlichen Perspektiven betrachtet und am Beispiel „Islamismus“ beleuchtet, konstruktive Konfliktlösungsmöglichkeiten in interkulturellen Spannungsfeldern beschrieben (Eppenstein, S. 119-130). Die „Interkulturelle Öffnung der Sozialen Dienste“ wird im Zusammenhang mit Diversity-Management und Personalmanagement als Aufgabe von Leitungsebenen verstanden, unter Beachtung der Grenzen und Möglichkeiten von Evaluation und Controlling.

Das Buch endet mit Praxisbeispielen und der Vorstellung und Auswertung des in fünf Bausteinen aufgebauten, einwöchigen Zertifikatskurses: „Basisqualifikation Interkultureller Kompetenz für soziale Berufe“, von den BuchautorInnen konzipiert und erstmals zwischen September 2005 und Januar 2006 mit 20 TeilnehmerInnen aus sozialen Berufen durchgeführt. Um das Zertifikat zu erhalten, musste im Anschluss an den Kurs innerhalb von drei Monaten ein kleines interkulturelles Projekt von den TeilnehmerInnen eigenständig konzipiert und umgesetzt werden. Hierbei wurden sie von Frau Zacharaki unter Mitwirkung von Migrationsfachkräften beraten.

Diskussion

Die Beiträge im Buch widmen sich einem längst fälligen Thema, nämlich den Anforderungen an eine interkulturelle Qualifizierung der Beschäftigten in Einrichtungen und Institutionen der Sozialen Arbeit, auf dem Hintergrund nicht wieder umkehrbarer Einwanderungs- und Migrationsprozesse in Deutschland und des Umgangs damit. Beschrieben werden Beispiele für einen kultur- und differenzsensiblen Umgang gegenüber den Adressaten, ohne sie als hilfsbedürftige Bevölkerungsgruppe zu stigmatisieren.

Das im Handbuch beschriebene Weiterbildungskonzept begreift Prozesse interkultureller Orientierung in der Sozialen Arbeit als permanente Auseinandersetzung mit der Komplexität, inneren Differenzierung und dem ständigen Wandel unterlegenen Miteinander. Es wird der Spagat beschrieben zwischen der Abkehr von defizitorientierten und segregierenden Ansätzen, Konzepten und Praktiken interkultureller Arbeit und dem trotzdem vorhandenen Wissen um Benachteiligungen, Probleme, Risiken und Gefährdungen der „kulturell anderen Adressatengruppe“ (Zacharaki / Eppenstein / Krummacher, S. 9).

Die unterschiedlichen Theoriehintergründe und Autorenansätze machen die Lektüre spannend und entsprechen dem diversen Kompetenzgedanken. Dies wäre nur noch zu toppen über eine Mischung von deutschen AutorInnen mit AutorInnen anderer Herkunftsländer, neben Frau Zacharaki, wo dies gelang. Gut gelungen ist auch der vernetzende Blick mit politischen (beispielsweise Unterschiede in der deutschen Rechtsprechung für Deutsche und Nicht-Deutsche oder die Auflistung der Regelungen des Zuwanderungsgesetzes von 2004), religiösen und kulturellen Hintergründen, die immer in die Soziale Arbeit hineinspielen. Parallel dazu gilt aber auch die Forderung, Respekt und Anerkennung den Individuen einer multikulturellen Gesellschaft zu zollen, unabhängig von kulturellen Zuschreibungen. Wesentlich erscheint mir die Betonung darauf, dass immer die Person selbst mit ihrer einzigartigen Biographie, ihren Selbstbildern und Selbstkonzepten (Zacharaki, S. 107) im Vordergrund stehen sollte und deshalb die vergleichende Kulturforschung (Hofstede, Hall, u.a.) Hilfen sein können, aber auch die Gefahr der Stereotypenbildung beinhalten.

Als Konfliktberaterin und Mediatorin, wie auch als interkulturelle Trainerin für konflikthafte interkulturelle Konstellationen, interessieren mich die im Buch behandelten Themen zu „Kommunikation in der Einwanderungsgesellschaft“ und/oder „Konstruktive Konfliktlösungsansätze in interkulturellen Spannungsfeldern“ besonders. Beim Thema inter- und intrakulturelle Mediation ging es auch um Kriterien der mediativen Vorgehensweise in Konfliktsituationen mit Themen wie: „Deutsche und Ausländer“ und „Ausländer untereinander“. Daraus ergibt sich die Feststellung (Haumersen und Liebe, S. 123), dass bei einer interkulturellen Mediation unterschiedliche Wertesysteme Beachtung finden müssen, um einen Konsensprozess zu ermöglichen, bei der intrakulturellen Mediation Werturteile jedoch ausgeklammert werden müssen und nicht verhandelbar sind. Nicht unerwähnt sollten hier auch die Zugangshindernisse und Ausgrenzungsprozesse innerhalb der Einrichtungen Sozialer Dienste bleiben, deren Kriterien R. Kulbach in seinem Artikel zu „Organisation und Verankerung interkultureller Arbeit in sozialen Einrichtungen“ (S. 131-146) hilfreich auflistet.

Bezüglich des Zertifikatskurses hat sich mir jedoch die Beschreibung der Kursinhalte i.V. mit den Ergebnissen der Kursauswertung und im Bezug zur Praxisrelevanz der Teilnehmenden noch nicht ganz erschlossen. Jedoch war die im Buch beschriebene Kursdurchführung wohl die erste dieser Art. Ich vermute, dass sich dazu von Außenstehenden wohl auch nicht viel sagen lässt, ohne einen solchen Kurs selbst besucht zu haben.

Fazit

Das Praxishandbuch enthält diverse Anregungen für die Praxis im Umgang mit unterschiedlichen Theoriebegriffen, Themengebieten und Ansätzen Interkultureller Kompetenz innerhalb Sozialer Arbeit. Hilfreich fand ich die kurzen und knackigen Auflistungen (Checklisten, Tabellen), die unterschiedlichen Ansätze der AutorInnen und die klare Führung durch das Thema von Seiten der HerausgeberInnen. Für die in der Praxis Arbeitenden ein interessantes, aber noch ausbaubares Werk, mit einem guten Mix von Theorieansätzen und Praxisrelevanz, wenn auch die am Ende aufgelisteten Praxisbeispiele in der Darstellung viel zu kurz kamen.

Rezension von
Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz
Supervisorin, Mediatorin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Information, Beratung, Training, Moderation, Konfliktmanagement, Mediation, Kooperation mit interdisziplinärem Experten-Netzwerk. Face-to-Face- und Online-Beratung. Bereiche: Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
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Zitiervorschlag
Monika Hirsch-Sprätz. Rezension vom 01.08.2014 zu: Ioanna Zacharaki, Thomas Eppenstein, Michael Krummacher (Hrsg.): Praxishandbuch interkulturelle Kompetenz. Vermitteln, vertiefen, umsetzen. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2013. ISBN 978-3-95414-014-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15461.php, Datum des Zugriffs 19.06.2024.


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