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Petra Fischbach, Gabriele Spitaler: Balanced Scorecard in der Pflege

Cover Petra Fischbach, Gabriele Spitaler: Balanced Scorecard in der Pflege. Eine Untersuchung im stationären Krankenhaus- und ambulanten Pflegebereich. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2004. 274 Seiten. ISBN 978-3-17-017477-1. 26,90 EUR, CH: 45,30 sFr.

Reihe: Kohlhammer PflegeWissenschaft.
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Unwahrscheinlich ...

Differenzierte Darstellung theoretischer Grundlagen, kritische Anmerkungen zum wissenschaftlichen Hintergrund, Verständlichkeit auch für den Laien, vertiefende Darstellung der Rahmenbedingungen in den Anwendungsfeldern und schließlich Praxisbezug bis hin zu konkreten Tipps für die Umsetzung: So war der Eindruck beim ersten Durchblättern. Unwahrscheinlich, dass ein Buch so viele Anforderungen zugleich erfüllt? Aber nun der Reihe nach.

Balanced Scorecard als Instrument des Sozialmanagements

Anfang der 90er Jahre entwickelten Kaplan und Norton in den USA die Balanced Scorecard (BSC) als Steuerungssystem für amerikanische Großunternehmen. Die BSC sollte eher kurzfristige, finanzielle Ziele mit mittel- und langfristig wirksamen Erfolgsfaktoren in Einklang bringen. Um langfristig den Unternehmenserfolg zu sichern, sollten finanzielle, kundenorientierte, prozessorienterte und lern-/entwicklungsorienterte Perspektiven in einem ausgewogenen Verhältnis (= balanced) beachtet und verfolgt werden.

Auch wenn das System ursprünglich für gewinnorientierte Unternehmen entwickelt wurde, lässt es sich hervorragend für Nonprofit-Organisationen einsetzen, da auch nicht-finanzielle Ziele verfolgt und vielfältige Anspruchsgruppen berücksichtigt werden können.

Besondere Stärken des Systems liegen in der Ausrichtung einer Organisation an der strategischen Planung, in der ganzheitlichen Sicht auf die Organisation, in der Anleitung zur konkreten Messung der Erreichung von Teilzielen mittels Kennzahlen und der Aufforderung zur Entwicklung von konkreten Aktionen zur Zielerreichung. Die BSC verfügt nicht über eigene Methoden zur Messung, sondern erfordert vielmehr die Integration anderer Systeme bzw. ihrer Ergebnisse, wie z.B. Kostenrechnung und Qualitätsmanagement. Dadurch wird das Rad nicht noch mal erfunden, sondern auf bewährten Systemen aufgebaut.

Autorinnen und Entstehungsgeschichte

Petra Fischbach ist Fachkrankenschwester und Dipl.-Pflegewirtin (FH). Sie war als PDL und ist seit 2003 im Controlling tätig. Gabriele Spitaler ist Altenpflegerin und Dipl.-Pflegewirtin (FH). Sie arbeitet als Qualitätsbeauftragte einer Sozialstation.

Das Buch geht auf eine Diplomarbeit an der Fachhochschule Mainz, Fachbereich Pflege zurück. Dabei sollte der Begriff "Diplomarbeit" nicht täuschen: So manche Dissertation hat weit weniger Substanz als dieses Buch. Und die gelungene Verbindung von Theorie und Praxis steht im besten Sinne für das, was Fachschulen leisten können.

In vielen Disziplinen des Sozial- und Gesundheitswesens wird bisher der Brückenschlag zwischen Fachlichkeit und Ökonomie erste sehr zögerlich geschlagen. Die Integration von betriebswirtschaftlichen Anteilen und Managementkompetenzen in die Studiengänge wird nur zurückhaltend vorgenommen bzw. beschränkt sich oft auf Aufbaustudiengänge. Es ist daher besonders zu begrüßen, dass dieses interdisziplinäre Thema aufgegriffen wurde.

Inhalte

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel:

  1. Die Balanced Scorecard als System strategischer Unternehmensführung
  2. Die Rahmenbedingungen von Pflege in Deutschland
  3. Einführung der Balanced Scorecard im Dienstleistungsbereich Pflege.

Die beiden ersten Kapitel legen die Basis für den zentralen dritten Teil. Beide Einführungskapitel sind außerordentlich komprimiert in der Darstellung und voller hilfreicher Auflistungen, wie z.B. mit Anforderungen an Kennzahlen.

Die Darstellung der BSC erfolgt so allgemein, dass auch LeserInnen außerhalb der Pflege eine gute Einführung in das Thema erfahren. Sie ist umfassend und verständlich, aber auch kritisch würdigend. So wird bereits hier darauf hingewiesen, dass die Perspektive "Lernen und Entwicklung" in der Praxis am schwierigsten umzusetzen ist. Auch fehlt nicht die kritische Anmerkung, dass die der BSC zu Grunde liegenden Zusammenhänge empirisch bisher nicht überprüft wurden, sondern nur als plausible Annahmen gelten können. Die BSC wird nicht auf ein Kennzahlensystem reduziert, sondern als Steuerungsinstrument, ja auch als Instrument zur Initiierung von Lernprozessen verstanden. Wesentliche Teilaspekte von Management werden vorgestellt und die Eignung der BSC als Managementsystem befürwortet.

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Pflege werden sowohl für den Krankenhausbereich wie für die ambulante Pflege sachkundig und unter Einbeziehung aktueller Entwicklungen dargestellt. Angesprochen werden gesetzliche Regelungen, statistische Analysen, Veränderungen im Alltag und zu erwartende Entwicklungen.

Im 3. Kapitel geht es zuerst um Visionen und strategische Ziele als Voraussetzung für die Entwicklung einer BSC. Anschließend werden ausführlich die vier Perspektiven der BSC auf den Gesundheitsbetrieb angewendet. Eine Vielzahl von Kennzahlen wird angeführt und kritisch diskutiert. Vertiefend werden mögliche Aktionen, z.B. zur Kostensenkung und Erlössteigerung, vorgestellt. Soweit notwendig wird zwischen den beiden Anwendungsbereichen Krankenhaus und ambulante Pflege differenziert, z.B. in einer Übersicht pflegerelevanter Merkmale und Kriterien der Qualitätsdimension. Der Kundenbegriff wird sinnvoll von Patienten auf relevante Anspruchsgruppen (Ärzte, Angehörige) ausgeweitet.

Im Rahmen der Darstellung werden viele Begriffe aus der Unternehmensführung (Wissensmanagement, Mitarbeiterzufriedenheit, ...) gestreift. Die Autorinnen verstehen es, immer die Bedeutung für den Unternehmenserfolg zu verdeutlichen und nennen plausible Indikatoren, die in eine BSC aufgenommen werden könnten. Die Ausführungen zum Einführungsprozess fallen etwas knapper aus.

Der Anhang enthält eine beispielhafte BSC. Sie ist jedoch nur als Anregung zu verstehen und kann (und muss) an Hand der zahlreichen Alternativen im Text leicht an eigene Vorstellungen angepasst werden.

Für Theorie und Praxis

Im Gegensatz zu vielen anderen Publikationen zur BSC werden die Autorinnen mit ihrem Werk drei zentralen Anforderungen gerecht:

  1. Sie stellen nicht nur das allgemeine System der BSC dar, sondern verbinden es unmittelbar mit der Unternehmensrealität im Pflegebereich, noch dazu sehr differenziert für die Sektoren Krankenhaus und ambulante Dienste.
  2. Die Darstellung liefert nicht nur den groben Bezugsrahmen, sondern eine Fülle konkreter Argumente, Zusammenhänge, Kennzahlen und Maßnahmen.
  3. Die Empfehlungen erfolgen nicht auf Grund singulärer Beispiele oder kaum überprüfbarer Erfahrungen, sondern werden immer wieder mit theoretischen Überlegungen und Verweisen auf die Literatur untermauert.

Diese Balance von Theorie und Praxis macht das Buch für zwei Zielgruppen interessant.

LeserInnen, die sich einen Überblick über die Theorie der BSC und wesentlicher Begriffe des (Sozial-) Managements verschaffen wollen, werden gut bedient. Darüber hinaus ermöglichen die umfangreichen Literaturhinweise ein vertiefendes Studium. Wer keinen Bezug zur Pflege hat oder sucht, kann das relativ kurze Kapitel 2 überspringen.

LeserInnen, die an einer unmittelbaren Umsetzung interessiert sind, erhalten wertvolle Unterstützung. Hier profitieren sowohl Neulinge, als auch Personen mit Grundkenntnissen zur BSC von der Fülle der Informationen und der gut strukturierten Darstellung.

... und doch wahr (Fazit)

Die überaus positive Einschätzung auf den ersten Blick ist auch nach gründlicher Lektüre geblieben. Eine gute Balance zwischen Theorie und Praxis, übersichtlicher Darstellung und detailreicher Ausführung, Begeisterung für die Methode und kritischer Reflexion durchzieht das Buch.

  • Personen mit Führungsverantwortung in der Pflege bietet die Lektüre auf jeden Fall zahlreiche Anregungen, auch wenn sie aktuell keine BSC einführen wollen.
  • Wer ohne Bezug zur Pflege eine anschauliche Einführung in BSC als Managementinstrument sucht, findet hier eine interessante Alternative zu nicht branchenbezogenen und daher oft recht abstrakten Einführungen.
  • Wenn Sie jedoch konkret BSC in der Pflege anwenden möchten, ist eine hilfreichere Lektüre kaum denkbar.

Rezensent
Dipl.-Kfm. Christian Koch
Geschäftsführer der socialnet GmbH und selbständiger Unternehmensberater für Nonprofit-Organisationen
Homepage www.npoconsult.de
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Zitiervorschlag
Christian Koch. Rezension vom 06.04.2004 zu: Petra Fischbach, Gabriele Spitaler: Balanced Scorecard in der Pflege. Eine Untersuchung im stationären Krankenhaus- und ambulanten Pflegebereich. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-17-017477-1. Reihe: Kohlhammer PflegeWissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1547.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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