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Stefan Bestmann, Sarah Häseler-Bestmann: Bildungskampagne »Kinder beflügeln«

Cover Stefan Bestmann, Sarah Häseler-Bestmann: Bildungskampagne »Kinder beflügeln«. Wie gelingt gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe im Kontext Schule? RabenStück Verlag (Berlin) 2013. 109 Seiten. ISBN 978-3-935607-64-3. 12,90 EUR.
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Soziale und kulturelle Teilhabe von benachteiligten Kindern

Fordern und Fördern, das sind die (theoretischen) Zauberwörter, wenn es um die Frage geht, wie Bildungsgerechtigkeit in einer demokratischen, multikulturellen Gesellschaft verwirklicht werden kann. Mit zahlreichen Konzepten und Projekten wird versucht, diesem Menschenrechtsanspruch auf Bildung für alle zu verwirklichen, wie dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in Artikel 26 u. a. formuliert wird: „Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit… gerichtet sein“. Dass dabei Anspruch und Wirklichkeit vielfach auseinander klaffen, ist eine Binsenweisheit und alltägliche Erfahrung. Dies zeigt sich vor allem bei Kindern, die so genannte „Brennpunkt-Schulen“ besuchen und deren familiale, soziale, kulturelle und gesellschaftliche Situation motivations- und anregungsarm ist. Bildung aber, das ist ebenso eine Binsenweisheit, konstituiert sich durch Bewusstsein, das genährt wird und wächst durch Bildungsbewusstsein und gerechte, gesellschaftliche Teilhabe.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

„Lasst uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit“ (1. Johannesbrief 3, 18). Der Gründer der Evangelischen Johannes-Stiftung, Johann Hinrich Wichern, hat dieses Motto (1858) gewählt, um mit konkretem, tätigem Engagement sich um Menschen zu kümmern, die Hilfe und Unterstützung bei der Lebensführung und -gestaltung benötigen. „Das Evangelische Johannesstift möchte zu einer menschlichen Kultur in der Gesellschaft beitragen, geprägt von christlicher Nächstenliebe“. In Berlin-Spandau, Brandenburg, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen gibt es Einrichtungen , die sich diesem Auftrag verpflichtet fühlen. Das Johannesstift engagiert sich in den Arbeitsbereichen Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Geriatrie und Altenhilfe, Schulen und Fachschulen und berufliche Förderung.

Seit 2008 gibt es das Projekt „Kinder beflügeln“. Es will die Lebens- und Lernsituation von Kindern aus prekären familiären und gesellschaftlichen Bedingungen verbessern und „durch soziale und kulturelle Teilhabe Lust, Neugier und Freude am Lernen wecken“. In der vielgepriesenen „Bildungsgesellschaft Deutschland“ wächst immerhin fast jedes dritte Kind unter 18 Jahren „in sozialen oder/und kulturellen Risikolagen auf“. So wie die Kluft zwischen den Wohlhabenden und den Habenichtsen (auch) in der deutschen Gesellschaft wächst, zeigt sich auch bei den Bildungschancen der Kinder ein zunehmendes Auseinandertriften. Die Ergebnisse des Projekts „Kinder beflügeln“ werden nun (als Zwischenbericht) vom Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Stefan Bestmann und der Sozialarbeiterin/-pädagogin Sarah Häseler-Bestmann vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Die Evaluation des Projektes, das mit dem Begriff „beflügeln“ bereits die Zielsetzung formuliert, dass Bildung… als Entwicklungsprozess aufgefasst (wird), in dem die Herausbildung einer selbstbestimmten Persönlichkeit früh unterstützt wird“, beginnt mit der Betrachtung der gesellschaftlichen Ausgangslage und der Darstellung des methodischen Instrumentariums der Forscher. Der Schwerpunkt liegt auf der Analyse der Projektpraxis, etwa der Diskussion der Teilprojekte „KULTURPILOTEN“, „LESEABENTEUER“ und „ROCKWINGS“. Die verbindenden Grundlinien – Zusammenarbeit von Kindern und erwachsenen Experten und Lehrkräften, Innen- und Außenwirkung, orts(kiez)nahe Aktivitäten, Erkundungen und Einbindungen – tragen dazu bei, dass die Einflussfaktoren, Bestätigungs- und Erfolgschancen sowohl individuell als auch gruppendynamisch wirksam werden können, hin in Richtung auf Familie, Schule und Freizeit.

Fazit

Im Vergleich mit ähnlichen Förderprojekten (etwa dem Projekt „Schulen in transnationalen Lebenswelten“, www.socialnet.de/rezensionen/6624.php) sticht im Projekt „Kinder beflügeln“ das Bemühen hervor, Veränderungs- und Lernprozesse nachhaltig und ganzheitlich zu gestalten. Die im schulpädagogischen Diskurs immer wieder geforderte „Öffnung der Schule“ hin zu den außerschulischen gesellschaftlichen Orten und Akteuren wird im Projekt „Kinder beflügeln“ institutionell und organisatorisch beispielhaft aufgezeigt. Die in der Evaluation genannten Wirkungs- und Gelingensfaktoren überzeugen: „Über 11.000 Kinder konnten in den ersten vier Projektjahren 2008 bis 2011 erreicht werden“. Ab 2012 vollzieht sich in der Projektarbeit eine Konzentration auf acht Schulen und eine intensivere Vernetzung der schulisch und außerschulisch Beteiligten. Ob es sich bei der genannten Fokussierung von bisher 50 auf nunmehr 8 Grundschulen in Berlin und Brandenburg um eine Reduzierung oder Spezifizierung handelt, wird im Evaluationsbericht nicht eindeutig beantwortet; es ist jedoch anzunehmen – das entspräche im übrigen der allgemeinen gesellschaftlichen Tendenz – dass das personelle Engagement (2 Hauptamtliche, 10 Ehrenamtliche, 22 freie MitarbeiterInnen) finanziell nicht durchgehalten werden kann; zumal die notwendigen finanziellen Mittel vom Spendenkreis des Evangelischen Johannesstifts und von Sponsoren zur Verfügung gestellt werden. So könnte auch die – zwar nicht dezidiert als Evaluationsergebnis genannte – Forderung als ein Ergebnis des Zwischenberichts zum Projekt „Kinder beflügeln“ stehen: Bildungsgerechtigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.10.2013 zu: Stefan Bestmann, Sarah Häseler-Bestmann: Bildungskampagne »Kinder beflügeln«. Wie gelingt gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe im Kontext Schule? RabenStück Verlag (Berlin) 2013. ISBN 978-3-935607-64-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15477.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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