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Ute Frietsch, Jörg Rogge (Hrsg.): Über die Praxis des kultur­wissenschaftlichen Arbeitens

Cover Ute Frietsch, Jörg Rogge (Hrsg.): Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch. transcript (Bielefeld) 2013. 520 Seiten. ISBN 978-3-8376-2248-5. D: 39,80 EUR, A: 41,00 EUR.

Reihe: Mainzer Historische Kulturwissenschaften - 15.
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Thema

Jeder Mensch trägt tagtäglich die Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft der Menschheit mit sich. Diese Prämisse drückt aus, was sich als Bewusstsein des Menschseins in der Einen Welt postuliert, mit dem Begriff der Universalität belegt wird und der Forderung nach einer globalen Ethik in der sich immer interdependenter, entgrenzender und planetarisch vernetzter Erde zum Ausdruck kommt. Es wird deshalb an der Zeit, die Menschheitsgeschichte nicht mehr nur mit lateinisch-eurozentrierten Lettern, sondern mit globalen (Uni-) Versalien zu schreiben (Christoph Antweiler, Mensch und Weltkultur. Für einen realistischen Kosmopolitismus im Zeitalter der Globalisierung, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10879.php). Spätestens seit dieser Entwicklung erhält inter- und trans-kulturelles Denken und Handeln der Menschen eine neue Aufmerksamkeit, und zwar sowohl im alltäglichen Umgang, wie im wissenschaftlichen Diskurs. Die menschliche Gesellschaft wird doch langsam als ein zusammenhängendes Ganzes begriffen (Stephan Conermann, Hrsg., Was ist Kulturwissenschaft? Zehn Antworten aus den »Kleinen Fächern«, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12965.php). Die Kulturwissenschaft als wissenschaftliche und universitäre Disziplin hat insbesondere in den letzten Jahrzehnten, nicht zuletzt motiviert und initiiert durch die anglophonen Forschungsarbeiten, eine Bedeutung erlangt und Turns vollzogen, die bemerkenswert sind (Stephan Moebius, Hrsg.: Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual studies. Eine Einführung, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14406.php). Es ist der Vergleich, der Wissen und Erkenntnis schafft! (vgl. dazu auch: Philip Thelen, Vergleich in der Weltgesellschaft. Zur Funktion nationaler Grenzen für die Globalisierung von Wissenschaft und Politik, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12557.php). Deshalb hat sich die Kulturwissenschaft zu einem Fach entwickelt, das innerhalb der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften gewissermaßen eine Koordinierungsfunktion übernommen hat; vor allem wenn es um die Fragen nach dem gegenwärtigen und zukünftigen, humanen So- und Dasein der Menschheit geht.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Der Forschungsschwerpunkt „Historische Kulturwissenschaften“ an der Mainzer Johannes Gutenberg Universität versteht seine wissenschaftliche Arbeit als „Akteurs“- Wissen, bei dem Theorie und Praxis des kulturellen und gesellschaftlichen Handelns der Menschen analysiert und habhaft gemacht werden: „Kulturwissenschaftliche Praktiken sowie Strukturen des wissenschaftlichen Betriebes werden mittels eines akteurzentrierten Zuganges erschlossen“ (Ute Frietsch, Einleitung, in: dies./Jörg Rogge, Hrsg., Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch, 2013, S. 1). Wissen und Verhaltenseinstellungen werden somit mit der Bedeutung des jeweils aktiven Raums in der je konkreten Situation konfrontiert (vgl. auch Karen Joisten, Hrsg., Räume des Wissens. Grundpositionen in der Geschichte der Philosophie, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10650.php).

Die Mainzer Kulturwissenschaftler Ute Frietsch und Jörg Rogge legen das Handwörterbuch „Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens“ vor. Sie haben insgesamt 62 Autorinnen und Autoren motiviert, eine polyphone und multidisziplinäre Praxeologie der Historiographie der Geistes- und Kulturwissenschaften zu schreiben. Die 84 Einträge fokussieren mit ihren Aussagen und Praxishinweisen Theoriekonzepte und Arbeitsmethoden zu den Forschungsfeldern: Wissen und akademische Praktiken; Medien, Materialien und Stile; Räume, Verkörperungen und performative Prozesse.

Aufbau und Inhalt

In den Orientierungsbeiträgen werden Arbeitsformen, Forschungsansätze und Grundbegriffe aus den folgenden wissenschaftlichen Fächern und Studiengängen aus dem deutschsprachigen Raum thematisiert: Ägyptologie, Buchwissenschaft, Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Empirische Kulturwissenschaft, Erziehungswissenschaft, Gender Studies, Germanistik, Geschichte, Interkulturelle Studien, Kulturanthropologie, Kulturgeschichte, Kulturphilosophie, Kultursoziologie, Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte, Linguistik, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaften, Philosophie, Religionswissenschaft, Soziologie, Slavistik und Wissenschaftsgeschichte. Eine der zentralen Fragen kreist dabei um die Bedeutung und das Selbstverständnis von Wissenschaft und wissenschaftlichem Arbeiten und Produzieren. Gewissermaßen als Leitgedanke, der den Texten grundgelegt werden kann, lässt sich dabei der von der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick (2010) formulierte Dreischritt ausweisen: „Ausweitung des Gegenstandsfeldes“ – „Metaphorisierung“ – „methodische Profilierung“.

Die in alphabetischer Reihenfolge als Stichworte aufgewiesenen Einträge in das Handwörterbuch werden vorab in einer Übersicht-Tabelle notiert. Sie erleichtert den Benutzern die Handhabung der Publikation. Es geht u.a. um:

  • „Analysieren“,
  • „Autorschaft“,
  • „Bibliographie“,
  • „Digitalisierung“,
  • „Essay“,
  • „Feldforschung“,
  • „Gutachten“,
  • „Hörsaal“,
  • „Interpretation“,
  • „Kanon“,
  • „Laboratorium“,
  • „Memorieren“,
  • „Notieren“,
  • „Publizieren“,
  • „Rezension“,
  • „Seminar“,
  • „Transdisziplinarität“,
  • „Übersetzen“,
  • „Vernetzen“,
  • „Wissenspopularisierung“ bis
  • „Zitieren“.

Die Artikel werden alle nach einer einheitlichen Struktur präsentiert: Zuerst wird der Begriff definiert; danach wird das Schlagwort historisch hergeleitet; es folgt die Diskussion zum Informations- und Forschungsstand; es werden Anwendungsbeispiele gegeben; danach wird auf transdisziplinäre oder alternative Verwendungsmöglichkeiten verwiesen; schließlich wird zur Thematik ein Literaturverzeichnis vorgelegt.

Eine alphabetisch angeordnete Auswahlbibliographie bietet dem Benutzer des Handwörterbuchs die Möglichkeit zur weiteren Nachschau . Im Sachregister werden relevante Stichworte ausgewiesen und die entsprechenden Fundstellen genannt. Die Liste der beteiligten Autorinnen und Autoren liest sich dabei wie ein „Who is who“ des sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskurses.

Fazit

Handwörterbücher sind, auch in den Zeiten der Digitalisierung und Wikipedisierung, unverzichtbare Hilfs- und Zugangsmittel für wissenschaftliches Arbeiten. Mit der Schwerpunktsetzung des vorliegenden Handwörterbuchs „Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens“ auf Praxeologie im Sinne Pierre Bourdieus wird der „in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften etablierten Dichotomie von Strukturen und Handlungen begegne(t), indem Praktiken, Prozesse sowie Routinen in den Blick genommen werden“. Es soll Studierenden und WissenschaftlerInnen der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften (nicht zu vergessen den LehrerInnen an Schulen und Lehrenden in der Erwachsenenbildung, wie auch den in der Kulturpolitik Tätigen) die Selbstreflexion ihrer (akademischen) Sozialisation erleichtern und ein adäquates wissenschaftliches Arbeiten ermöglichen.

Der Rezensent vermisst – nicht ohne zu verschweigen, dass sein kulturwissenschaftlicher Zugang durch die vielfältigen Aktivitäten und Initiativen in den Instituten „Interkulturelle Kommunikation“, „Medien und Theater“, „Kulturpolitik“ und vom Studiengang „musik.welt – Kulturelle Diversität in der musikalischen Bildung“ an der Stiftungs-Universität Hildesheim beeinflusst ist - die Stichworte „Szenisches Spiel“, „Theatralik“, „Kreativität“ und „Dramatik“. Sie sollten in einer Neuauflage, als bedeutsame, praxeologische Merkmale kulturellen Denkens und Handelns, aufgenommen werden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.11.2013 zu: Ute Frietsch, Jörg Rogge (Hrsg.): Über die Praxis des kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Ein Handwörterbuch. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2248-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15485.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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