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Annegret Schmalfeld: Peer-gerechte Ganztagsschule?

Cover Annegret Schmalfeld: Peer-gerechte Ganztagsschule? Eine qualitative Befragung von Jugendlichen zu ihren Freundschaften und Peerbeziehungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 220 Seiten. ISBN 978-3-7799-2160-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.

Reihe: Studien zur ganztägigen Bildung.
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Entstehungshintergrund

Die qualitative Studie ist entstanden auf dem Hintergrund der Studie „Peers in Netzwerken“ (PIN-Studie) von Kanevski und von Salisch. Deshalb kann neben den 14 befragten Schülerinnen und Schülern auch die Gesamtstichprobe von 400 Siebtklässlern herangezogen werden. Die untersuchte Ganztagsschule liegt im Bundesland Brandenburg.

Aufbau

In der Einleitung (1) wird die Struktur der Untersuchung vorgestellt: Peerbeziehungen in der Adoleszenz (2), Ganztägig organisierte Schulformen in Deutschland (3), Ziele und Fragestellungen (4), Qualitativ-empirische Forschungsmethoden (5), Merkmale einer peer-gerechten Schule aus der Sicht Jugendlicher (6), Reflexionen der Jugendlichen zum Übergang in die Ganztagsschule (7), die Qualität der besten Freundschaften (8), Ansatzpunkte für eine peer-gerechte Schule (9).

Inhalt

Der Abschnitt (2) widmet sich Peerbeziehungen in der Adoleszenz unter der besonderen Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Aspekte. Diese Beziehungen sind gekennzeichnet von Gleichrangigkeit, Ebenbürtigkeit und Freiwilligkeit. Unterschieden wird zwischen Freundschaften, engen Freundschaften, intimen Freundschaften und losen Peerbeziehungen. Besondere Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler sind u.a. intime Gesprächsthemen (30 Prozent bei Jungen; 60 Prozent bei Mädchen), Freundschaft zeigen (5 Prozent;7 Prozent), irgendetwas gemeinsam tun (23 Prozent; 25 Prozent). Ausgeübt wird emotionale, informative und materiale Unterstützung. Und gelernt wird Konfliktlösefähigkeit, dies alles ist gerahmt von Nähe, Vertrauen und verlässlicher Bindung mit der Folge einer Steigerung des Selbstwertgefühls und entsprechender Identitätsbildung. Die Autorin berichtet, dass bei Siebtklässlern die Peerunterstützung höher ist als die der Eltern. Dieses beachtliche Ergebnis, welches auch auf die Ablösung von der Familie verweist, zeigt wie stark sich die jeweiligen sozialen und emotionalen Kompetenzen ausgebildet haben müssen. Allerdings gibt es auch negative Bewertungen von Freundschaften wie auch Unterstützung zu stärkerem Risikoverhalten (Rauchen, Alkohol, Devianz). Hilfreich sind enge Peerbeziehungen beim Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I (die Studie erfasst die sechsjährige Grundschule).

Der Folgeabschnitt (3) konzentriert sich auf die Ganztagsschulentwicklung in Deutschland. Der historische Rückblick zeigt u. a. die besondere Bedeutungsbeimessung der Reformpädagogik hinsichtlich der schulischen Peerkultur. Hervorgehoben unter dem Aspekt der pädagogischen Ausgestaltung von Ganztagsschulen wird Rhythmisierung, Unterrichtsgestaltung und außerschulische Angebote. Letztere Aktivitäten stellen eine pädagogischen Mehrwert dar, wenn die Qualität der Angebote gut ist. Dieser Mehrwert kommt auch durch Mitgestaltungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler zustande wie auch durch die Peerbeziehungen, die die Persönlichkeitsentwicklung durch die Ausbildung sozialer Kompetenzen fördern. Generell sind vielfältige Räume und Zeiten zur Verfügung zu stellen, möglichst auch unbeaufsichtigte Zeit in der Schule.

Die Abschnitte (4) und (5) widmen sich dem gewählten forschungsmethodischen Zugriff. Die qualitativ-empirische Anlage der Studie basiert auf der Anwendung der Grounded Theory verbunden mit einer qualitativen Inhaltsanalyse der Befragungsergebnisse. Drei Fragestellungen werden verfolgt, die auch später in den Abschnitten (6), (7), und (8) jeweils beantwortet werden: a) Welche Merkmale hat die peer-gerechte Ganztagsschule? b) Wie bewerten die Siebtklässler den Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I? c) Wie ist die Qualität der Freundschaften beschaffen?

Zu der Fragestellung im Abschnitt (6) wurde die Stichprobe vergrößert. Die Ergebnisse in diesem Abschnitt beziehen sich sowohl auf die Halbtags- wie auf die Ganztagsschule; differenziert wird auch nach Mädchen und Jungen. Die Fragen beziehen sich auf die Schule als Organisation, den vorhandenen baulichen Zuschnitt, auf Sport, Überbürdung durch Schule und nach den sozialen Beziehungen. So wünschen sich Ganztagsschülerinnen und -schüler deutlich längere und mehr Pausen und deutlich mehr Freiheiten als die Halbtagsschülerschaft. Ebenso werden mehr Sportangebote gewünscht. Bei der Überbürdung halten sich die Beschwernisse der unterschiedlichen Schülerschaften ungefähr die Waage. Bei den sozialen Beziehungen zeigt sich, das die Halbtagsschülerschaft deutlich mehr Wünsche bezüglich der sozialen Beziehungen hat. Dies gilt auch hinsichtlich der Lehrerschaft und ganz allgemein für die schulische Atmosphäre.

Die Fragen zum Schulübergang im Abschnitt (7) wurden anhand von Interviews mit sieben Jungen und sieben Mädchen erhoben. Der Übergang wurde insgesamt positiv gesehen zumal zwölf der Schulwechsler mit Freunden und Freundinnen wechselten. Auch haben sich in der Sekundarstufe I die Freundschaften vermehrt. Schmalfeld bezeichnet die betroffenen Gleichaltrigen auch als „Entwicklungshelfer“. Für die Ganztagsschülerinnen und -schüler verringerte sich die Zeit, die sie mit außerschulischen Freunden verbringen.

Im vorletzten Abschnitt (8) wird der zugrunde liegenden Fragestellung nach Freundschaften in Ganztagsschulen sehr umfangreich und detailliert durch Interviewtexte und ihrer Analyse nachgegangen. Ein Grund für die Differenzierung von Freundschaften ist der Vergleich von „alten“ Grundschulfreundschaften mit „neuen“ Ganztagsschulfreundschaften einschließlich des Grades ihrer jeweiligen Exklusivität (z.B. emotionale Nähe). Es zeigt sich, dass exklusive Freundschaften am tragfähigsten sind und auch die meisten Unterstützungsleistungen erbringen. Deshalb wird zum Abschluss dieses Abschnittes die Bedeutsamkeit von Freundschaften tiefer gehend dargestellt. Auch wird auf unzureichende bauliche Gegebenheiten ebenso wie auf die Nichtakzeptanz von Arbeitsgemeinschaften hingewiesen, die eben nicht Freundschaftsnetze fördern.

Der letzte Abschnitt (9) stellt eine Zusammenfassung von Merkmalen einer peer-gerechten Schule dar:

  • Gelegenheiten im Unterricht z.B. durch Projektarbeit und Teamarbeit,
  • Außerunterrichtliche Arbeitsgemeinschaften, Klassenfahrten, Projekttage,
  • Raumvielfalt (Entspannung, Tischtennis, Cafeteria, Schulhofgestaltung); Problem: je weniger beaufsichtigt, desto höher die Akzeptanz durch Schülerinnen und Schüler,
  • Notwendigkeit eines Ganztagskonzeptes,
  • Gutes Schulklima und Verhinderung von körperlicher und seelischer Gewalt; dabei geht es sowohl um das Wohlbefinden als auch um die Möglichkeit, die Aufsicht auf ein Minimum zu senken.
  • Berücksichtigung der Wünsche und Beteiligung der Schülerschaft an der Durchführung des Ganztags.

Auskunft eines Schülers: „Freundschaften kann man nicht erzwingen, sie müssen von alleine entstehen, und niemand kann dort nachhelfen“ (S.200).

Diskussion

Die vorgelegte qualitativ-empirische Untersuchung von Peeraktivitäten in Ganztagsschulen aus Sicht der Jugendlichen erbringt Ergebnisse, die in der schulpädagogischen und sozialpädagogischen Praxis nicht gänzlich unbekannt sind – jetzt aber durch Daten unterlegt und systematisiert sind. Soweit sich sehen lässt, gehört diese Studie für Deutschland zu den wenigen, die zu diesem Thema Forschungsergebnisse, auch wenn diese nicht generalisierbar sind, vorlegen. Vermisst werden Bezüge zu weiterem Personal in Ganztagsschulen (multiprofessionelle Teams). Auch Bezüge zum Bildungsdiskurs unter dem Stichwort informelle Bildung in Peergruppen kommt zu kurz wie auch Hinweise zu medialen Netzen und deren Verschmelzung mit den realen sozialen Netzen. Von Bedeutung ist indessen, dass das Thema Peergruppen und ihre Aktivitäten in schulischen Kontexten aufgegriffen und auf dort stattfindenden Kompetenzgewinne hingewiesen wird. Im Rahmen der weiteren Ganztagsschulentwicklung in Deutschland wird die Diskussion um den Lebensort Schule und die Aufmerksamkeit bezüglich der dortigen Peerkultur noch zunehmen.

Fazit

Ein wichtiges Buch für Personen, die in der Schule schulpädagogisch oder sozialpädagogisch tätig sind oder entsprechende Berufsfelder anstreben. Sensibilisierung für Peers und Förderung dieser sozialen Netze ist bislang eine unterschätzte Aufgabe im Rahmen des Aufwachsens Jugendlicher.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 01.11.2013 zu: Annegret Schmalfeld: Peer-gerechte Ganztagsschule? Eine qualitative Befragung von Jugendlichen zu ihren Freundschaften und Peerbeziehungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2160-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15489.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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