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Sandra Menk, Vanessa Schnorr u.a.: "Woher die Freiheit bei all dem Zwange?"

Cover Sandra Menk, Vanessa Schnorr, Christian Schrapper: "Woher die Freiheit bei all dem Zwange?". Langzeitstudie zu (Aus-)Wirkungen geschlossener Unterbringung in der Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 312 Seiten. ISBN 978-3-7799-2284-1. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 37,10 sFr.

Reihe: Koblenzer Schriften zur Pädagogik.
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Thema

Im Mittelpunkt des Buches steht die Evaluation einer stationären, geschlossenen Einrichtung mit acht Plätzen, das „Kriseninterventionszentrum“ (KRIZ) in Möchengladbach, in das junge Menschen zwischen 12 und 18 Jahren in akuten Krisen für bis zu 12 Monate aufgenommen werden. „Die Aufnahme erfolgt in der Regel aus Einrichtungen der Erziehungshilfe nach 1631 BGB sowie §§ 34 und 35 a SGB VIII“ (S.37) d.h. auf der Grundlage einer richterlichen Entscheidung, die sich auf einen Antrag bezieht, der von den Sorgeberechtigten oder den Vormündern der jungen Menschen, oftmals auf Anraten oder Druck des Jugendamtes, gestellt wurde.

Das Forschungsprojekt ist als eine Langzeitstudie angelegt. 24 junge Menschen, die im KRIZ aufgenommen wurden, konnten während ihres Aufenthaltes und am Ende ihrer Zeit dort interviewt werden und wurden über mindestens zwei Jahre hinweg von den Forscherinnen begleitet, um herauszufinden, wie sie die Zeit im KRIZ erlebt haben und welche Auswirkungen dieser Aufenthalt in einem „geschlossenen System“ auf ihr weiteres Leben hatte.

Über die Evaluation der spezifischen Einrichtung hinaus, macht die Studie Aussagen zum Sinn und zum Erfolg bzw. Misserfolg von Zwang bzw. Freiheitsentzug generell. Darauf verweist schon der von Immanuel Kant entliehene Titel “Woher die Freiheit bei all dem Zwange“ (S.10)

Autorinnen und Autor

Autorinnen sind die beiden Diplom-Pädagoginnen Sandra Menk und Vanessa Schnorr, die die Hauptarbeit in dem Forschungsprojekt geleistet haben und darüber bei Christian Schrapper promoviert haben. Es wird deutlich, dass Schrapper, der sich seit Jahren intensiv mit dem Thema der sog. „Schwierigen“ beschäftigt, die Forscherinnen bei der Einordnung des Themas in größere pädagogische Zusammenhänge intensiv beraten und begleitet hat. Insofern stellt dieses Buch auch ein gelungenes Beispiel für fremdfinanzierte universitäre Forschung sowie das produktive Zusammenspiel von „alten“ „etablierten“ ProfessorInnen und „jungen“ „engagierten“ ForscherInnen dar.

Entstehungshintergrund

Hintergrund ist zum einen das in den Erziehungshilfen boomende Thema „Evaluation“, das natürlich gerade bei Eingriffs-intensiven Hilfen eine besondere Bedeutung erhält: wenn Hilfen, die Freiheitsrechte einschränken, nicht mehr oder sogar weniger „bringen“ als weniger einschränkende Hilfeformen, sollten sie in Frage gestellt werden (vergl. dazu auch Schwabe/Stallmann/Vust 2013). Den zweiten, nicht weniger wichtigen Hintergrund stellt die in Deutschland überwiegend polarisierend und ideologisch diskutierte Diskussion über „Geschlossene Unterbringung“ bzw. „Freiheitsentziehende Maßnahmen“ dar, die als spezifisches Setting und zugleich als ein besonderer Anwendungsfall von „Zwang in der Erziehung“ reflektiert werden.

Aufbau

Das Buch lässt sich in drei Teile und einem Anhang gliedern:

  1. Kapitel 1, 2 und 7 beschäftigen sich in reflektierender bzw. resümierender Form mit dem Thema von „Zwang in der Erziehung“ und der spezifischen Form von „freiheitsentziehenden Maßnahmen“. In den Kapiteln 2, 4 und 5 stehen die methodische Anlage und die Ergebnisse der Evaluation der Einrichtung KRIZ im Mittelpunkt: subjektive Aussagen von Jugendlichen, Eltern und MitarbeiterInnen aus Jugendamt und Einrichtungen werden den „objektivierten“ Ergebnissen mit Blick auf die Sozial- , Legal- und Arbeits-Bewährung der Jugendlichen gegenübergestellt.
  2. Kap. 6 bietet Einblicke in die Promotionen der beiden AutorInnen, in denen sie sich anhand von Fallbeschreibungen der KRIZ-Jugendlichen mit deren Selbst-, Fremd- und Weltbildern sowie mit „Selbstbildungsprozessen“ beschäftigt haben.
  3. Kap. 8 – der Anhang – ist vom Leiter der Einrichtung verfasst: er hält einen Rückblick über das Forschungsprojekt und die Entwicklung der Einrichtung in den letzten acht Jahren.

Die Teile greifen gut ineinander und ergänzen sich hervorragend. Als Leser ist man jederzeit gut orientiert, worum es geht und worin der „rote Faden“ besteht.

Inhalt

Kapitel 2 bestimmt die theoretische Ausgangssituation für das Forschungsprojekt. Zum einen wird in Form von elf Thesen das Verhältnis von Erziehung und Zwang reflektiert (2.1), zum anderen konzentriert in die Forschungslage rund um das Thema „Freiheitsentzug“ und „Zwang“ eingeführt (2.2).

Die elf Thesen gehören m. E. zum Besten, was über dieses Thema in Deutschland geschrieben worden ist, gerade weil sie eine klare Positionierung für oder gegen „Geschlossenheit“ verweigern.

Das Kapitel beginnt mit der These „Erziehung findet immer auch in Zwangskontexten statt – und gleichzeitig sind diese ihr größtes Problem“. Hier wie in weiteren Thesen wird ein Denken vorgeführt, das sich dem „entweder-oder“-Denken der meisten Beiträge zu dieser Debatte mit einem guten Schuss „Weisheit“ und Humor entzieht. „Mit Erziehung bezeichnen wir solche Prozesse, mittels derer die ältere Generation die jüngere dazu befähigen will, aus freien Stücken das zu tun, was sie von ihnen erwarten“ (müsste grammatikalisch korrekt heißen: „was sie von ihr erwartet“) (S.22).

These 3: „Erziehung (…) meint die absichtsvolle und zielgerichtete Anregung, Ermöglichung und – falls erforderlich – Erzwingung von Wissen und Haltungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zum „selbst reflexiven Gebrauch“ der „Zöglinge“; das unterscheidet sie von Dressur“ (S. 23).

These 6: „Erziehung (…) findet immer in der Spannung von anregender Unterstützung und korrigierender Begrenzung statt“ (S.24). Worum Schrapper hier nicht auf die zentrale These von Norbert Elias rekurriert, bleibt mir schleierhaft: ohne dessen historisch sorgfältig abgeleitete Begründung, dass die zivilisatorische Entwicklung von Selbstzwängen zunächst immer mit Fremdzwängen einsetzt, bleibt auch Pädagogik m. E. an dieser Stelle in Begründungsnot.

Als Finale These 11: „Professionelle Erziehung kann sich die Prüfung und Anwendung ihrer Zwangsanwendung (…) weder von anderen Professionen vorschreiben, noch von diesen erledigen lassen“ (S. 31). Welcher Gegensatz zwischen dieser dialektischen und differenzierten Art zu denken zu den einfältigen, sich aber umso progressiver gerierenden Diskursen eines Friedhelm Peters, der solche Thesen als Verrat an „Kinderrechten“ anprangert muss (siehe z.B. Peters 2013). Inhaltsärmer dagegen These 9: „Zwang ist pädagogisch eine Grenzsetzung, die aktuell nicht zustimmend vereinbart werden kann (…)“ (S.28). Das gilt weit über Zwang hinaus für beinahe jede Grenzsetzung, da das Kind dieser nicht bedürfte, wenn es sich selbst begrenzen könnte. Die meisten Grenzsetzungen können erst im Nachhinein eingesehen oder stillschweigend anerkannt werden. Eine nachträgliche „Vereinbarung“ kann es für sie nicht geben, bestenfalls eine anschließende Zustimmung, wobei sich die Frage stellt, ob eine diesbezügliche verbale Abfrage das Kind nicht häufig überfordert und eher dem Erwachsenen dazu dient, sein „schlechtes Gewissen“ zu beruhigen.

Klug und wichtig die vier Prüffragen, die sich an die These 9 anschließen (S. 28/29). Sie sollten in jeder Einrichtung, die sich Zwangsmaßnahmen bedient, regelmäßig zur Anwendung kommen.

Die Diskussion der wichtigsten Literatur zum Thema erfolgt kundig und konzentriert (2.2). Schade, dass die Debattenreihe, die sich über vier Ausgaben der Hamburger Zeitschrift„Widersprüche“ verfolgen lässt, unerwähnt bleibt (Heft 106/Dezemer 2007, 107/März/2008, 108/Juni 2008 und 113/September 2009).

Kapitel 4 widmet sich ganz der Darstellung der Evaluationsergebnisse. Dieses Kapitel stellt das empirische Herzstück des Projektes und damit auch des Buches dar. In diesem sind nicht nur die Ergebnisse sehr spannend, sondern auch die Art ihrer Verdichtung und Präsentation klug und methodisch versiert in Szene gesetzt. Ergebnisse findet man zu den Fragen:

  • wie kommen die Jugendlichen ins KRIZ (4.1)?
  • wie erleben sie ihre Zeit dort (4.2) ? Mit einer Typologie, die drei Bewältigungsstrategien beschreibt: „Die Rebellen“, die „Rationalen“ und die „Ohnmächtigen“.
  • wie resümieren sie ihre Erfahrungen, die sie dort gemacht haben (4.2.2) (6 Thesen)?
  • was wird aus den Jugendlichen nach dem KRIZ-Aufenthalt (differenziert nach „aktueller Aufenthalt“, „Schulabschluss/Berufsausbildung“, „Straffälligkeit“ (4.3)?
  • nach typischen Verlaufsmustern (N = 17 differenziert nach 4 Typen: 1) niedrige Interventionsdichte nachdem vor dem KRIZ eine hohe Interventionsdichte vorlag = 5 Jugendliche 2) Niedrige Interventionsdichte vor und nach dem KRIZ = 3 Jugendliche; 3) nach dem KRIZ hohen Interventionsdichte, vorher aber niedrige = 1 Jugendlicher 4) Fallverläufe mit einer „endlosen“ Interventionsgeschichte = 8 Jugendliche))
  • wie nachhaltig wirkt die Krisenintervention, differenziert nach Sozial-, Arbeits- und Legal-Bewährung (4.3.3) ? (s.u.).

Für die Konstruktion der „Interventionsdichte“ vor und nach dem KRIZ-Aufenthalt haben die AutorInnen ein kluges Instrument entwickelt, das auch in anderen Untersuchungen angewandt werden sollte, um eine größere Vergleichbarkeit von Untersuchungsergebnissen zu erhalten. Die ForscherInnen haben sich dafür ein Verfahren ausgedacht, in dem zwischen 1 – 4 Punkten vergeben werden, mit dessen Hilfe „sanfte“ (z.B. Erziehungsberatung) versus „intensive“ Interventionen (z.B. Psychiatrieaufenthalt) mit Hilfe von Skalenwerten differenziert und somit auch Interventionsketten über den Summenwert von Punkten typisiert werden können.

Auch die Kriterienauswahl, die für die drei Bereiche Sozial-, Arbeits- und Legalbewährung herangezogen wurde, überzeugt durch treffende Fokussierungen (S. 111 ff). Die Ergebnisse der einzelnen Bereiche werden über die Vergabe von Punkten in einer „Gesamtbewährung“ verdichtet

Die Ergebnisse, die das KRIZ als Folgen seiner Krisenintervention reklamieren kann, mögen bescheiden erscheinen oder ernüchtern. Man bedenke jedoch, dass es sich hier in vielen Fällen um bereits vorher hoch eskalierte Hilfe-Verläufe und chronifizierte Entwicklungsstörungen handelt, bei denen man nicht all zu hohe Erwartungen in Bezug auf Veränderungen haben darf (siehe dazu auch Kap.8 in Schwabe/Stallmann/Vust 2013):

Zentral stehen diese Ergebnisse (S. 121):

  • 5 von 21 weisen eine hohe Bewährungsstufe auf (im Sinne der Gesamtbewährung s.o)
  • 8 von 21 eine mittlere Bewährungsstufe auf
  • 5 von 21 eine geringe Bewährungsstufe
  • 3 von 21 keine Bewährungsstufe

Traurig stimmt, dass Schul- und Berufsausbildung nur in wenigen Fällen zu Zielen der jungen Menschen werden und deswegen auch viel zu selten erreicht werden: 64 % der männlichen Jugendlichen geben an, sich darum keine Gedanken zu machen; bei dem jungen Frauen verbleiben 50 % ohne Schulabschluss und Arbeit; selbstverständlich sprechen diese Zahlen in erster Linie für wiederholte Misserfolgserlebnisse im Rahmen einer exkludierenden Schule; so zynisch es klingen mag, und auch wenn man die Bereiche Jugendhilfe und Justiz nicht vergleichen kann, so sei mit Blick auf mittelfristige Hilfeplanung dennoch der Hinweis erlaubt, dass z.B. Gefängnisaufenthalte hier deutlich bessere Ergebnisse aufweisen.

Der bessere Profit, den weibliche Jugendliche aus dem KRIZ- Aufenthalt ziehen können, zeigt sich besonders in ihrer durchwegs nachhaltigeren Legalbewährung (S.117 und 120). Das bestätigt die Ergebnisse anderer Studien mit ähnlicher Zielgruppe (siehe Pankofer 1997, Bodenmüller/Piepel 1999, Schwabe/Stallmann/Vust 2013, S.191). Andererseits imponieren 27 % der männlichen Jugendlichen durch das Leben in den eigenen vier Wänden (nur 10 % der weiblichen Jugendlichen), wenn auch alle (!) in unmittelbarer Nähe zu ihren Familien (S. 118). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Jugendliche ihre erfolgreiche Lebensführung oft nicht als Folge der Maßnahme betrachten (Julia, S. 257) und gleichzeitig von außen eher „bescheiden“ erscheinende Veränderungen für sich durchaus als Erfolg reklamieren (zu ähnlichen Befunden Schwabe/Stallmann/Vust 2013, S.).

Für viele weitere wichtige Befunde muss auf die Lektüre des Buches verwiesen werden.

Wichtig in diesem Zusammenhang erscheint aber noch das Ergebnis aus dem resümierenden Kapitel 7 (S.284) „In unserer Untersuchungsgruppe lassen sich höchstens in drei von 24 Fällen erkennen, dass die Krisenintervention einen nachhaltigen positiven Effekt für die Jugendlichen darstellt“. Damit ist klar, dass die Perspektive „Wendepunkt“ eine rhetorische Hülse ist, mit der man zumindest im KRIZ – vielleicht aber auch darüber hinaus in anderen GU/FM-Einrichtungen nur sehr eingeschränkt arbeiten kann. Hilfen, gerade auch eingreifende, scheinen, wenn überhaupt, zu leichten Kursänderungen zu führen, aus denen im Lauf der Jahre, beträchtliche werden können, aber eben auch andauernde Wellenlinien oder sogar Änderungen hin zum Negativen. GU/FM sollte sich demnach vor allem heroischem Rettungs-Impetus hüten und eher zwei Stufen bescheidener argumentieren.

Das sehr informative und gut lesbare Kapitel 5 handelt von „Wirkungen und Interventionen aus der Perspektive von Eltern und Helfern“.

Kapitel 7 fasst in konzentrierter, manchmal ein wenig zu plakativer Weise, die Ergebnisse zusammen. Als Einstieg in Diskussionen ist es allerdings sehr geeignet, da die dort formulierten Thesen, ähnlich wie in Kapitel 2, erfrischend offen und ambivalent formuliert werden.

Diskussion

Es wird deutlich geworden sein, dass der Rezensent das Buch mit großer Wertschätzung und hohem Gewinn gelesen hat. Daran ändern auch die folgenden kritischen Bemerkungen wenig, noch dazu, weil sie nur zum Teil die Inhalte des Buches betreffen, sondern auch weitergehende Fragen

A) Beginnen wir den kritischen Teil der Bemerkungen mit einer Anfrage an den Titel: „Langzeitstudie zu (Aus-)Wirkungen geschlossener Unterbringung in der Jugendhilfe“. Zumindest in meinen Ohren schwingen mit diesem Titel Ansprüche mit, die das Buch weder einhalten kann, noch will. Es untersucht eine einzige Einrichtung, in der Freiheitsentzug praktiziert wird. Von dieser einen auf andere oder die Gesamtheit geschlossener Unterbringung in der Jugendhilfe zu schließen, wäre nicht seriös. Vor allem deshalb nicht, weil das KRIZ ein besonderes Konzept verfolgt: die Unterbringung dort setzt mit oder in einer akuten Krise sein und hat das Ziel diese Krise zu klären und aus der Klärung heraus passende Formen anschließender Hilfe zu finden. Das entspricht – wenn auch nicht genau – dem Konzept der bayrischen Clearingstellen. Die jungen Menschen sollen hier so kurz wie möglich untergebracht sein; wenn aus wenigen Monaten ein finden, die sich des jungen Menschen annehmen. Aber über dem Aufenthalt steht mehr oder weniger deutlich die Überschrift: das hier ist eine individuelle Passage. Erzogen wird in diesen Einrichtungen zunächst und zu allererst mit Blick auf die aktuelle Situation: die Jugendlichen sollen im Rahmen der Krisenunterbringung zu Recht kommen. Es gibt aber daneben auch einen Einrichtungstyp, der sehr viel klarer davon ausgeht, dass die jungen Menschen, zunächst nur in einem geschlossenen System erzogen werden können. Der Aufenthalt wird nicht als Passage, sondern als „Lebensort“ verstanden. Man geht davon aus, dass man „längere Zeit“ zusammen verbringt. Das Ende ist offen. Die Gruppe bleibt sehr viel länger zusammen als es im KRIZ der Fall zu sein scheint. Deshalb werden auch die individuellen Stärken und Schwächen der einzelnen Jugendlichen sehr viel klarer herausgearbeitet und an diesen erzieherisch angesetzt (vergleiche dazu z.B. die Konzepte des „Martini-Stifts“, der „Rummelsberger Diakonie“ oder der „Niefernburg“). Die jungen Menschen sollen dort nicht nur „diagnostiziert“ und „aufbewahrt“ werden, bis die Krise abgeklungen ist und sich ein neuer Lebensort als möglich und tragfähig herausgeschält hat, sondern werden ganz bewusst dem Anspruch einer mittelfristigen Verhaltensänderung ausgesetzt: „Du musst dein Leben ändern!“. Sicherlich kann dieser offensive Anspruch auch Probleme hervorbringen, die bei dem Schwerpunkt „Clearing“ nicht auftreten; vielleicht aber auch andere, u. U. bessere Ergebnisse hervorbringen? Insofern stellt es eine Begrenzung des Menk/Schnorr/Schrapper-Buches dar, dass es sich nicht für „Geschlossene Unterbringung“ allgemein interessiert d.h. für die unterschiedlichen Konzepte, pädagogischen Praxen, Alltagsgestaltungen, baulichen Realisierungsformen dieses so umstrittenen Angebotes, sondern nur für das eine Projekt. An einigen Stellen entsteht der Eindruck, als könnte das KRIZ die GU/FM in Deutschland repräsentieren. Was es weder kann, noch möchte.

B) So verdienstvoll es ist, Jugendliche über Jahre hinweg zu begleiten, so beschränkt sind und bleiben doch auch die Fallzahlen. Im Grunde sind es bei N = 24 ja nur 8 Jugendliche, die für ein drittes Interview zu Verfügung stehen (d.h. zwei Jahre nach ihrer Entlassung aus dem KRIZ), und nur 3 bzw. ein Jugendlicher, der über diese Zeit hinaus d.h. auch nach drei bzw. vier Jahren noch zu seinem weiteren Lebensweg befragt werden kann. Auf Seite 121 werden dann auch nur 21 Lebensläufe ausgewertet. Bei der Darstellung der Verbleibe von 2009 d.h. 3 – 6 Jahre nach dem Aufenthalt im KRIZ muss der Aufenthaltsort von 18 von 49 Jugendlichen als unbekannt angegeben werden). Aus diesem Datensatz kann man keine weit reichenden Schlüsse ziehen. Mit einem doppelt so großen Datensatz könnte das Bild schon wieder anders ausfallen. Insofern erscheint das vierstufige Ergebnis (hohe, mittlere, geringe und keine Bewährungsstufe) mit jeweils 5, 8, 5 und 3 Jugendlichen interessant, aber auch ein wenig arbiträr. Das gilt auch für die plakative Aussage: Das KRIZ hat nicht geschadet, aber auch kaum etwas genutzt“ (S. 283). Um hier klarer zu sehen, bräuchten wir weitere Fremd-Evaluationen (von MitarbeiterInnen oder gar LeiterInnen angesetzte Evaluationen entsprechen nicht dem wissenschaftlichen Standard, so sehr man sich auch um methodische Genauigkeit bemüht, siehe Stadler 2009) . Was dagegen bleibt ist die Entzauberung des Mythos vom „Wendepunkt“. Denn dieser setzt entweder bald nach der Maßnahme ein oder eben nicht. Und hier ist das Ergebnis eindeutig: nur in drei von 24 Fällen gelang es über die Krisenintervention eine deutliche Veränderung der Verlaufskurve (Schütz) zu erreichen (S. 284). Das ist wenig, vor allem, wenn man wie die AutorInnen davon ausgeht, dass es an der mangelhaften Synchronisierung der Helfer liegt: sowohl horizontal d.h. zwischen Einrichtung, Jugendamt. Psychiatrie etc. als auch vertikal d.h. im Verlauf der auf das KRIZ folgenden Erziehungshilfen. Für diese „besonderen“ Jugendlichen bedürfte es eines Institutionen übergreifenden Fallberatungsteams, das sich periodisch zusammen setzt und immer wieder versucht die Erkenntnisse aus dem bisherigen Fallverlauf zu erinnern, und an den Sinngehalt der nächsten Hilfe anzuschließen. Hier scheint das Jugendamt, trotz Aktenführung und Hilfeplanprotokolle, aufgrund welcher strukturellen Defizite auch immer, noch viel zu selten die richtige Adresse, um Lebenswege mit-steuernd zu begleiten. Dazu passt ja auch die Beobachtung: „Das Verstehen jugendlicher Lebensthemen und Entwicklungspotentiale durch die Pädagogen des KRIZ ist durchgängig deutlich besser und reflektierter als in den zuständigen Jugendämtern“ (S.280).

Das nützt nur nichts, weil das KRIZ eben irgendwann raus ist und wohl oft auch nicht mehr offensiv von Nachfolgeeinrichtungen kontaktiert wird, um seine Wissensbestände abzurufen. Dasselbe gilt meiner Beobachtung nach auch für die meisten Intensivgruppen, die sich viel zu wenig über bisherige Fallverläufe und ihre Muster informieren und viel zu oft naiv glauben, bei ihnen würde es „anders laufen“.

C) Bleiben wir noch einen Moment im Binnenraum vom KRIZ. Ein in dieser Klarheit ungewohntes Ergebnis betrifft das Verhältnis der jungen Menschen zu den PädagogInnen dort. „Die Darstellung der Erzieher ist fast ausnahmslos positiv konnotiert. Häufiger wurde erläutert, dass sich die Betreuer besonders um die Jugendlichen gekümmert haben. Besondere Freizeitaktivitäten wechseln sich mit intensiveren Gesprächen ab, die die jungen Menschen als hilfreich erlebt haben“ (S. 196). Das klingt sehr erfreulich. Dem gegenüber steht jedoch das den Jugendliche gemeinsame Thema „Gewalt und besondere Gefahren im KRIZ“: „So beschreiben Anni, Karsten und Ben, dass es kaum Solidarität unter den Jugendlichen gibt….dass alle Jugendlichen für sich selber kämpfen müssen….Anni berichtet von Brandstiftungen und gewalttätigen Übergriffen der Jugendlichen untereinander, die den Erziehern nicht mitgeteilt werden, da die jungen Menschen sonst befürchten müssten, sofort wieder Angriffen ausgesetzt zu sein. Ben beschreibt, dass die Jugendlichen solange randalierten, bis die Polizei mit Hunden gekommen ist…Eine besonders schreckliche Gewalterfahrung hat Julia durch die Vergewaltigung im KRIZ erlebt. Hinzu kam ihre Gängelung im Anschluss an diese Gewalterfahrung“ durch andere Jugendliche (S.195/196).

Dem guten Verhältnis zu den PädagogInnen stehen im KRIZ Erfahrungen von großer Unsicherheit mit Blick auf die anderen Jugendlichen gegenüber. Nun, gewalttätige Übergriffe von Jugendlichen auf Jugendliche ereignen sich in jeder FM/GU-Einrichtung, teils auf Grund der Ballung vieler individueller Aggressionspotentiale, teils auf Grund der Geschlossenheit, in der es oft wenig Freiräume für ritualisierte und legitime Formen der Aggressionsbewältigung gibt (Sport, Bewegung, Wettkämpfe etc). Ob Gewaltvorfälle im KRIZ häufiger und dramatischer ausfallen als in anderen Einrichtungen kann man nicht wissen. Nach meinen Eindrücken stehen PädagogInnen in solchen Einrichtungen häufig in einem Dilemma: durch ständige Aufsicht, rasches Eingreifen und strenge Kontrollen geraten sie einerseits oft in Konflikt mit Jugendlichen, können aber andererseits einen gewissen Sicherheitsstandard durchsetzen. Den genießen die Jugendlichen durchaus, greifen aber zur Aggressionsabfuhr eventuell mehr und eher die „strengen“ PädagogInnen an und solidarisieren sich untereinander. Der Machtkampf mit den PädagogInnen steht dann im Mittelpunkt. Andersherum kann man durch stärkere Beziehungsorientierung ein besseres Klima zwischen Jugendlichen und PädagogInnen schaffen, wozu man immer auch auf Vertrauen und Selbstregulierung setzen muss, mit dem Nachteil, dass die Aggressionen mehr und stärker zwischen den Jugendlichen ausgelebt werden. Die vereinzelten, eher an den Erwachsenen orientierten Jugendlichen, genießen den Kontakt zu diesen, aber zeigen sich gegenseitig die Zähne. Aus diesem Dilemma scheint es keinen leichten Ausweg zu geben. Wichtig wäre es hier, Einrichtungs- und Gruppenkulturen genauer in den Blick zu nehmen, um zu sehen, wie diese jeweils mit den Dilemmata von „sicherheits-förderlichen, aber aufdringlicher Kontrolle“ und „beziehungs-orientierter, aber blinde Zonen begünstigender Pädagogik“ umgehen. Hier gibt es eben nicht wie häufig suggeriert wird eine „totale Institution“ und ihre immer gleichen Probleme, sondern viele unterschiedliche Formen, mit denen totale Institutionen mit ihren typischen Problemen umgehen. Solche Fragen würden einen anderen Forschungsansatz erforderlich machen: einen, der in unterschiedlichen GU/FM-Einrichtungen am Alltag teilnimmt und die jeweils vor Ort gewonnnen Erkenntnisse über die Organisationskulturen einander gegenüber stellt. Hier liegt noch jede Menge Forschungsarbeit vor uns.

D) Die Stärken des Buches liegen m. E. in der Zusammenstellung und Auswertung der Fallverläufe und den sozialpädagogischen Erkenntnissen, die daraus gezogen werden. Dasselbe gilt für die Grundsatzdiskussion gleich zu Beginn in Kapitel 2. Weniger Ertrag fand ich im Kapitel 6, den „Vertiefenden Analysen zu Selbst-, Fremd- und Weltbildern der Jugendlichen“. Vielleicht auch, weil ich mir zu viel davon versprochen hatte. Der Begriff der „Vergangenheitsträume“ blieb für mich unklar und aufgesetzt. Bei den meisten Fallanalysen habe ich mich gefragt, was nun der Erkenntnisgewinn ist, wenn man dabei auch an praktische Fragen der Sozialpädagogik denkt: So z.B. bei dem Schema auf S. 182, bei dem drei Sätze miteinander in Beziehung gesetzt werden. „Ich bin unbegabt und faul, „Die Welt will, dass ich arbeite“, „Ich will meine Ruhe haben“. Was hier in Bezug auf diesen Jugendlichen verstanden sein wollte, konnte sich mir nicht erschließen. Menschen entwickeln Glaubenssätze über sich und ihr Leben und selbstverständlich weisen diese eine gewisse, interne Logik auf. Es ist wichtig, diese Glaubenssätze zu kennen und um ihre beträchtliche verführerische Macht zu wissen, weil es mit ihrer Hilfe gelingt, sich gegen Ansprüche und Zumutungen von innen und außen abzudichten. So what? Das Entscheidende ist doch, dass viele Menschen sich mit ihren Glaubenssätzen verkennen: sich und ihre Möglichkeiten. Sich freiwillig in das Korsett ihrer Glaubenssätze schnüren und darüber die berechtigten Anforderungen der Gesellschaft an sie und – noch viel schlimmer – ihre eigenen Ressourcen und Möglichkeiten immer weiter aus den Augen verlieren. Natürlich kann man diese Glaubenssätze nicht dadurch erschüttern, - was in wohlmeinender pädagogischer Absicht noch viel zu oft passiert – dass man sie für unsinnig erklärt und mit Alternativen bombardiert. Aber hinnehmen oder akzeptieren darf man diese Glaubenssätze auch nicht. Denn kein junger Mensch ist wirklich „unbegabt und faul“, er zeigt sich so, er wird so wahrgenommen, er tut auch einiges dafür, dass es so bleibt, weil es für ihn funktional ist und Sinn macht. Aber er „ist“ es nicht im Sinne einer stabilen Eigenschaft. Man muss als Pädagoge allen Witz, alle List und allen Humor darein setzen, solche Glaubenssätze zu erschüttern oder nach und nach aus den Angeln zu heben. Dazu kann es hilfreich sein, zu verstehen, wann und in welchen (meist dramatischen) Situationen ein Mensch angefangen hat, sich diese zuzulegen. Aber das muss man nicht immer nachvollziehen können. Manchmal reicht es auch systematisch nach „Ausnahmen“ zu suchen d.h. vorhandene Rest-Aktivitäten und versteckte Begabungen zu entdecken (Lösungs-orientierte Ansätze nach Kim Berg/de Shazer) oder Umwelten zu schaffen, in denen andere Erfahrungen gemacht werden können (siehe den Band 1 der „Sozialpädagogischen Diagnosen“ von Mollenhauer/Uhlendorff 1997) oder intelligente Formen von Druck aufzubauen, indem man jemanden als „Verfolger“ etabliert, den der junge Mensch gern wieder loswerden möchte, und wofür er Unterstützung von Seiten eines Dritten (Helfers) angeboten bekommt („Kampfmuster“-Arbeit nach Michael Biene). Der Schwerpunkt auf „Selbst- und Weltbilder“ und auf „Selbstbildungsprozesse“ dieses Kapitels bleibt für mich so lange steril wie er nicht aufzuzeigen vermag, wie man von diesen ausgehend in einem pädagogischen Setting zu interessanten Interventionen, zum Handeln kommt. Das präsentierte Theorie-Wissen scheint mir hier eher „Glasperlenspiel“, führt aber weder in theoretischer wie praktischer Hinsicht wirklich weiter.

Fazit

Ein sehr gut lesbares und wichtiges Buch in zweifacher Hinsicht: A) zum Thema „intelligente“ Forschung mit Hilfe eines komplexen Designs ohne das Ziel interessante, aber auch praktisch verwertbare Ergebnissen aus den Augen zu verlieren. Und B) zum Komplex „Zwang und Freiheitsentzug in den Erziehungshilfen“. Seine Stärken liegen in der offenen, erfrischend unideologischen Diskussion von Grundsatzfragen bezogen auf „Zwang und Freiheitsentzug“ und im nüchternen Aufzeigen von Erfolgen, Risiken und Nebenwirkungen in einzelnen Fallverläufen und in ihrer Gesamtheit eines spezifischen Projektes. Das alles unter aufmerksamer Einbeziehung der Sichtweisen von betroffenen Jugendlichen, Eltern und MitarbeiterInnen. Trotz oder gerade auf Grund der ernüchternden Ergebnisse definieren die AutorInnen FM/GU als „den vielleicht verzweifelten und unverzichtbaren Versuch“ der Jugendhilfe „ihre zumeist selbst produzierten Krisenfälle auch selbst zu bearbeiten“ „und nicht zu den Nachbarn in Psychiatrie und Justiz“ abzuschieben. Mit dem Ziel „pädagogische Settings zu entwickeln und zu erproben, die belastbar und stabil genug sind, Situationen auszuhalten“ in denen ‚nichts mehr geht‘“ (alle Zitate S.287). Den Respekt, den sie mit diesen Formulierungen den PraktikerInnen und den zumindest teilweise unaufhebbaren Widersprüchen der Praxis zollen, zeigt wie man als ForscherIn „kritische Solidarität“ walten lassen kann. Etwas das zwischen Forschern und Erforschten selbstverständlich sein sollte und doch selten so glaubhaft praktiziert wird wie hier.

Literatur

  • Bodenmüller, M./Pippel, G. „Streework und Überlebenshilfe – Entwicklungsprozesse von jungen Menschen in Straßenszenen“, Weinheim, Berlin, Basel 1999
  • Mollenhauer, K. /Uhlendorf U. „Sozialpädagogische Diagnosen, Band 1“, München, 1997
  • Peters. F. , „Die Haasenburg ist nur die Spitze eines Eisbergs. Das Verbot entwürdigender Erziehungsmaßnahmen endlich durchsetzen , in Forum Erziehungshilfen, Heft 4 , 2013 S. 4
  • Schwabe, M. /Stallmann, M. /Vust, D. „Freiraum mit Risiko: niedrigschwellige Erziehungshilfen für sogenannte Systemsprenger/innen“, Ibbenbühren, 2013
  • Stadler, B. „Therapie unter Zwang, ein Widerspruch? Intensivtherapie für Jugendliche im Mädchenheim Gauting, Marburg 2009
  • Widersprüche, Zeitschrift für sozialistische Politik, Themenhefte „Zwang“ 106/Dezemer 2007, 107/März/2008, 108/Juni 2008 und 113/September 2009.

Rezension von
Prof. Dr. phil. Mathias Schwabe
Diplompädoge, Professor für Methoden an der Evangelischen Hochschule Berlin, Systemischer Berater (IGST und SIT), Supervisor, Denkzeittrainer.
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Zitiervorschlag
Mathias Schwabe. Rezension vom 11.11.2013 zu: Sandra Menk, Vanessa Schnorr, Christian Schrapper: "Woher die Freiheit bei all dem Zwange?". Langzeitstudie zu (Aus-)Wirkungen geschlossener Unterbringung in der Jugendhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2284-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15491.php, Datum des Zugriffs 20.01.2022.


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