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Johannes D. Schütte: Armut wird "sozial vererbt"

Cover Johannes D. Schütte: Armut wird "sozial vererbt". Status quo und Reformbedarf der Inklusionsförderung in der Bundesrepublik Deutschland. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 305 Seiten. ISBN 978-3-658-01897-9. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

„Die Frage nach den gesellschaftlichen Aufstiegschancen rückt seit einiger Zeit wieder stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte in Deutschland. Was auch darin begründet ist, dass die Schere zwischen arm und reich in der Bundesrepublik immer weiter auseinandergeht.“ (S. 13) Mit diesen Worten leitet der Autor in das Werk ein und findet damit direkten Anschluss an die seit langen Jahren andauernden Debatten um Armut und soziale Ausgrenzung. Trotz erheblicher finanzieller und politischer Anstrengungen bleibt Deutschland bei der Bekämpfung von sozialer Ausgrenzung in vielen Teilbereichen eher Mittelmaß. Im Gegenteil: Es entsteht – so der Autor weiter – der Eindruck, dass „die Chancen auf (.) Bildung und (.) ein gesundes Leben (.) von Generation zu Generation weitergegeben, sozusagen ‚sozial vererbt‘ werden.“ Und zugleich müssen wir feststellen, dass zwar die Entstehung sozialer Ungleichheit seit langem beforscht wird, der Prozess der „sozialen Vererbung von Lebens- und Verwirklichungschancen“ dabei aber systematisch wenig erfasst wurde (S. 18f.). Neuerdings werden die Debatten um Armut und soziale Ausgrenzung verstärkt unter dem Schlagwort der „sozialen Inklusion“ geführt, wobei „keineswegs klar [ist], ob unter Inklusion immer Ähnliches verstanden wird [und der Begriff nicht Gefahr läuft, J.B.] zu einem sozial- und bildungspolitischen sowie populärwissenschaftlichen Modewort“ zu degenerieren. Im Ergebnis steht die Befürchtung, dass „verschiedene Interessensgruppen sich seiner bedienen und mit der Forderung nach Inklusion (lediglich) einen Vorteil in der Debatte um gesellschaftliche und institutionelle Veränderungsperspektiven schaffen wollen (.).“ (Balz, Benz, Kuhlmann 2012: 2) Insofern kommt der Beitrag von Schütte zur rechten Zeit. Die Inklusionsdebatte benötigt umfassendes Erklärungswissen der Phänomene sozialer Vererbung, wenn sie denn tatsächlich zu einer fachlichen Weiterentwicklung von Sozialpolitik/Sozialer Arbeit/Sozialen Diensten führen soll und eben nicht nur alter Wein in neuen Schläuchen.

Autor

Dr. Johannes D. Schütte ist Dipl.-Sozialarbeiter (FH) und wurde am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften (Institut für Politikwissenschaft) der Justus-Liebig-Universität Gießen promoviert. Der Politikwissenschaftler war mehrjähriges Mitglied der Arbeitsgruppe regierungsunabhängiger Experten der EU Kommission und begleitete in diesem Kontext die nationale wie europäische Politik gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Zurzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Landeskoordinierungsstelle „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorgelegten Band handelt es sich um den Abdruck der Dissertationsschrift, mit der der Autor am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Justus Liebig Universität Giessen im Jahr 2013 promoviert wurde.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist fünf Hauptkapitel aufgeteilt.

In Kapitel 1 entfaltet der Autor neben methodischen Erwägungen die drei zentralen Thesen seiner Arbeit. Er lässt sich von dem Gedanken leiten, dass der Mensch sowohl von den gesellschaftlichen Machtverhältnissen („homo sociologicus“) geprägt ist als auch eigenen individuellen, rationalen Entscheidungsmustern folgt („homo oeconomicus“). Beide Anteile stehen in einem engen Wechselverhältnis, was sich an den von Schütte ausgewählten Politikfeldern Bildung und Gesundheit exemplarisch nachzeichnen lässt. Ohne eine Synthese beider Denkansätze kann kein tieferes Verständnis der (Selbst-)Ausgrenzungsprozesse bzw. der Handlungspotenziale der relevanten Akteure entstehen. Konkret verbindet der Autor den sozialstrukturell-deterministischen Forschungsansatz von Pierre F. Bourdieu und den entscheidungstheoretisch-individuellen Ansatz von Hartmut Esser. Der Charme dieser Denkfigur liegt darin, dass sie eine Brücke baut zwischen der Vorstellung, dass soziale Ausgrenzung letztlich immer gesellschaftlich bedingt und der Mensch damit lediglich Objekt der Verhältnisse sei und dem anderen Extrem, dass der Mensch als rational handelndes, freies Subjekt allein für seine gesellschaftlichen Platzierungs(miss)erfolge Verantwortung trage (S. 26 f.). Schütte konstatiert, dass die Forschung diese eigentlich nahe liegende Syntheseleistung bislang nicht ausreichend vollzogen hat. Dies hat realpolitisch wiederum zur Folge, dass „viele vorhandene Angebote zur Inklusionsförderung (.) nicht in der Lage [sind], eine nachhaltige Chancenverbesserung für Menschen aus sozioökonomischen benachteiligten Milieus zu bewirken, da die Förderungen zu wenig an die Bedürfnisse der (.) Menschen angepasst sind.“ (S. 21) Im Kern geht es deshalb darum, „neue Perspektiven für ein aktive Habitusänderung erkennbar werden“ zu lassen (S. 20).

In Kapitel 2 arbeitet der Autor zunächst den von ihm konstatierten Dualismus zwischen einem sozialstrukturell-deterministischen und einem entscheidungstheoretisch-individuellen Ansatz theoretisch ab. Dabei setzt er sich ausführlich mit Bourdieu und Esser und deren Grundlagen auseinander, verbindet dieses zugleich mit hohem Erkenntnisgewinn mit weiteren theoretischen Bindegliedern zur Erklärung sozialer Ausgrenzungsprozesse. Das Kapitel mündet in einem Modell zur Beschreibung der ‚sozialen Vererbung‘ des gesellschaftlichen Status. Dabei plädiert er zunächst dafür den „Begriff des kulturellen Kapitals (.) breiter zu fassen (.) [und] auch die kognitiven Schemata eines Menschen als kulturelles Kapital zu interpretieren.“ (S. 82) Zugleich soll der Mensch grundsätzlich als Subjekt mit freien Handlungsentscheidungen verstanden werden, die allerdings von den Bedingungen der Makro-, Mikro- und Mesoebene überformt werden. Individuell unterschiedlich ausgebildete (und erlernte) Wahrnehmungsschemata (Konstruktivismus), Ressourcen im Umgang mit (sozialem) Stress und Selbstwirksamkeitserfahrungen führen dazu, dass „das Individuum (.) [zwar] in der Lage [ist], frei über sein Handeln zu entscheiden. Allerdings werden die Wahlmöglichkeiten durch einen inneren und äußeren Handlungsrahmen begrenzt.“ (S. 83) Und diese Begrenzungen folgen in der Regel einem sozialen Gradienten.

In Kapitel 3 werden empirische Daten der sozialen Ungleichheitsforschung in den Bereichen Bildung und Gesundheit systematisch zusammengefasst, um die Deprivationsmechanismen deutlich werden zu lassen. Dabei setzt er sich auch mit der Frage auseinander inwieweit „Unterschiede bezüglich des Bildungserfolges und des Gesundheitszustandes durch individuelle biologische Differenzen zwischen den Menschen (.) erklärt werden können“ und dekonstruiert die Vorstellung, dass Intelligenz und Gesundheit in erster Linie biologische Variablen sind (S. 96). Der Autor zeigt vor dem Hintergrund seines beeindruckenden Überblicks über die einschlägige Forschungslandschaft auf, wie gesellschaftliche Interessenskonstellationen und -koalitionen über alle Lebensphasen hinweg einen hohen Einfluss auf die sozialen Platzierungschancen eines Menschen ausüben. Es zeigt sich, dass sich aufgrund sozialer Prozesse und familiär vermittelter Aneignungsprozesse schichtspezifische Lebensstile entwickeln und „von einer Generation auf die nächste übertragen“ werden. Da hierbei das Selbstwirksamkeitsgefühl als zentrales Wahrnehmungs- und Handlungsschemata bei Menschen „in unteren Schichten weniger verbreitet ist“, fehlt es dieser Gruppe in besonderer Weise an dem Gefühl „selbst die Kontrolle über [das eigene] Leben zu besitzen.“ (S. 167) Gleichwohl gilt auch, „dass es nicht die ausgegrenzten Menschen gibt, sondern Personen aus unterschiedlichen Gründen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen sind.“ (S. 201) Auf der Basis einer eigenen Armutstypologie versucht der Autor die Risiko- und Schutzfaktoren zu clustern. Der Mehrwert dieser Zusammenstellung liegt insbesondere darin, dass sich aus der Betrachtung differenzierte Interventionsstrategien ableiten lassen.

In Kapitel 4 und 5 werden aktuelle Förderstrategien zur Bekämpfung der sozialen Ausgrenzung in Deutschland vorgestellt. Schütte postuliert, dass Ansätze zur Inklusionsförderung nicht nur auf direkte Fördermaßnahmen bezogen werden sollten, sondern „sämtliche Maßnahmen und Bestrebungen [umfassen], die eine soziale Einbindung der Menschen auch indirekt befördern.“ (S. 205) Gleichzeitig lässt sich soziale Exklusion nie völlig überwinden. Ziel muss es sein, „die Benachteiligungen, die mit der Kapitalausstattung zusammenhängen, abzumildern und der intergenerativen Deprivation entgegenzuwirken, (.).“ (S. 206) Der Autor verzichtet auf eine Analyse ausgewählter Forderinstrumente bzw. -ansätze, vielmehr will er Änderungswissen generieren, das auf einer systematischen Ebene ansetzt und Schwachstellen in der Sicherungsphilosophie der deutschen Sozialpolitik markiert. Hierbei hält er zunächst fest, dass der Begriff der sozialen Inklusion normativ aufgeladen ist. Hinzu kommt, dass „jede Hilfeleistung der Aporie ausgesetzt ist, auf der einen Seite Menschen aus ihrer Unfreiheit befreien zu wollen, aus der sie ohne Hilfe nicht entkommen können, auf der anderen Seite schränken genau diese Hilfen die individuellen Freiheiten ein und tragen über die Anerkennung der Leitkultur zu einer Reproduktion der bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse bei.“ (S. 207) In der Analyse der Wirksamkeit der Förderpolitik, die er anhand seiner vier Armutstypen durchführt, wird deutlich, dass „das deutsche System der sozialen Sicherung tendenziell eher Kapitalaneignungsgelegenheiten bereit [stellt], als die Kapitalaneignungsfähigkeiten benachteiligter Personen zu fördern.“ Insgesamt entsteht der Eindruck, dass sich die die Sozialpolitik mit ihrer Förderlandschaft auf die gut integrierbaren benachteiligten Gruppen konzentriert. Je weiter sich das Habitus-Modell einer Zielgruppe aber von der normgebenden Mittelschicht entfernt umso stärker wirkt „das Inklusionssystem [als] Teil zur Durchsetzung bestehender Machtverhältnisse.“ (S. 268) Wenn zutrifft, dass die Chancen zum individuellen Aufstieg sehr stark vom kulturellen Kapital und einer Habitusmodifikation abhängen, dann wird auch deutlich, dass Kurzzeitinterventionen wenig zielführend sind (S. 269).

Fazit

Dieses Buch kommt zur rechten Zeit und man wünscht ihm einen breiten Kreis von interessierten Leserinnen und Lesern. Es ist gleichermaßen für die Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit empfehlenswert. Dies gilt umso mehr, als es in einer Zeit auf den Markt kommt, in der mit dem Schlagwort der sozialen Inklusion eine Weiterentwicklung der Strategien gegen Armut und soziale Ausgrenzung ansteht. Vor dem Hintergrund eines beeindruckenden theoretischen wie empirischen Fundus macht der Autor deutlich, dass eine Politik zur Überwindung von Armut und sozialer Ausgrenzung zu aller erst an den (materiellen) Verteilungs- und Machtstrukturen unserer Gesellschaft ansetzen muss. Es geht also nicht um „voluntaristische, individuelle Veränderungspotentiale, sondern letztlich um Machtstrukturen in der sozialen Verteilung.“ (S. 270 f.) Dieses gilt es jedoch in konkrete Politik zu übersetzen. Hierbei ist das Wissen um die (sozialen) Vererbungsmechanismen von sozialer Ungleichheit zentral. Die bestgemeinte Förderung verpufft, wenn sie die Aneignungsmöglichkeiten der Zielgruppen außer Acht lässt und – noch schlimmer – diesen methodischen Fehler gar nutzt, um den Betroffenen einen mangelnden Veränderungswillen zu unterstellen. Schütte liefert keinen Masterplan für die Reform des deutschen Sicherungssystems – sein Hinweis, dass die Mechanismen sozialer Vererbung auf die äußeren Rahmenbedingungen und erlernten inneren Verarbeitungsmechanismen zurück zu führen sind, sollte aber nachhallen. Er ist eine Absage an die kurzatmige Projektitis der sozialpolitischen Akteure, an das Nebeneinander unkoordinierter Politikansätze – an eine Feuerwehrpolitik ebenso wie an eine rein auf den homo oeconomicus zielende Sozialstaatsphilosophie.

Literatur

  • Balz, Hans-Jürgen, Benz, Benjamin, Kuhlmann, Carola 2012: (Soziale) Inklusion – Zugänge und paradigmatische Differenzen, in: dies. (Hg.), Soziale Inklusion. Grundlagen, Strategien und Projekte der Sozialen Arbeit, S. 1-10, Wiesbaden

Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Boeckh
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Studiengang Soziale Arbeit
Fachgebiet: Sozialpolitik
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Zitiervorschlag
Jürgen Boeckh. Rezension vom 25.09.2014 zu: Johannes D. Schütte: Armut wird "sozial vererbt". Status quo und Reformbedarf der Inklusionsförderung in der Bundesrepublik Deutschland. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-01897-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15493.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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