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Kommunikation ... was bedeutet das für mich?

Cover Kommunikation ... was bedeutet das für mich? Autismusverlag Schweiz (St. Gallen) 2013. 122 Seiten. ISBN 978-3-9524076-2-2. 25,00 EUR.

Bezug über info@autismusverlag.ch. Preis zzgl. Porto.
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Thema

Menschen sind soziale Wesen und auf Kommunikation angewiesen. „Für Menschen, die nicht in der Lage sind ihre Gedanken oder Bedürfnisse erfolgsversprechend mitzuteilen, kann das Leben sehr frustrierend sein“ (Klappentext). Das Buch stellt Methoden vor, wie Menschen mit Autismus sowie Erwachsene mittels „Kommunikationsverträgen“ lernen können, einander besser zu verstehen.

Autorin

Das Buch wurde im Jahr 2010 von Catherine Faherty in den USA veröffentlicht. Sie macht damit ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz als Lehrerin und Therapeutin einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Die Idee, das Buch zu übersetzen, um sie im deutschsprachigen Raum publik zu machen entwickelte das Verlagsteam des Autismusverlags Schweiz.

Entstehungshintergrund

Der Elternverein „autismus deutsche schweiz“ bietet seit einigen Jahren ein Sozialtraining für Menschen mit Autismus an. Im Rahmen dieses Sozialtrainings ist zwischen dem Leiter Florian Scherrer und einem Teilnehmer die Idee entstanden, die Bücher von Catherine Faherty ins Deutsche zu übersetzen. Neben dem Handbuch und dem Arbeitsordner Asperger- was bedeutet das für mich erschien nun das Buch „Kommunikation – was bedeutet das für mich?“

Diese Übersetzung wurde – anstatt sie einem Verlag weiterzugeben – in einem eigens dafür gegründeten Verlag www.autismusverlag.ch herausgebracht. Die Gründer_Innen des Autismusverlages leisten die ganze Arbeit am Buch – abgesehen von Lektorat und Layout – ehrenamtlich. Sie hoffen mit dem Erlös aus dem Verkauf, gewisse Arbeitsstunden entschädigen zu können. Jedes Buch wird selber kopiert, geheftet und vertrieben. Es kann nicht die gleiche Qualität wie bei einer Großdruckerei erreicht werden, dafür entstehen Arbeitsplätze für einen Menschen mit Autismus.

Aufbau und Inhalt

„Vorort

  1. Einleitung
  2. Vereinbarungen der NTs
  3. Vereinbarung der ASS Betroffenen
  4. Glossar
  5. Nützliche Anregungen , um Kommunikationsbögen zu gestalten
  6. Vorlagen für Kommunikationsbögen
  7. Auszüge aus meinem Buch Understanding Death an Illness an What They Teach About Life
  8. Literaturverzeichnis
  9. Zur Autorin“

Das Buch umfasst auf 122 Seiten 9 Kapitel mit Unterkapiteln. Es hat eine praktische Ringbindung, sodass man einzelne Seiten gezielt aufschlagen kann. Die Texte sind so verfasst, dass sie präzise Inhalte vorstellen, was die Lesbarkeit erleichtert. Umrandungen und Fettdruck heben konkrete Hinweise hervor. Das Buch fordert an vielen Stellen auf, sich interaktiv zu beteiligen, eigene Angaben einzutragen, anhand Checklisten Fragen zu beantworten Das wird durch ein Stiftsymbol deutlich gemacht. Die Leser werden ermuntert, für sie wichtige Textstellen zu markieren sowie eigene Aufzeichnungen zu notieren. Wenn die ganze Seite interessant ist wird die Seitenzahl markiert, um später Gelegenheit zu haben schnell darauf zurückzugreifen. Eine CD mit Vorlagen ist beigefügt, sodass Vorlagen vervielfältigt werden können.

Die Einleitung erläutert, welches Ziel das Buch hat und wie es zu verwenden ist. Ein Unterkapitel richtet sich direkt an Eltern und Lehrpersonen kleiner Kinder. Die Autorin vertritt die Haltung, dass es in der Begegnung von neurotypischen und von autismus betroffenen Menschen immer darum geht, dass die Umgebung (Lehrperson, Eltern) auch Anteile in der Förderarbeit hat. Mit der Zweiteilung des Kommunikationsvertrags (einen für NTs und einen für von Autismus betroffene Menschen (ASS)) wird gewährleistet, „das sich beide Seiten die Arbeit an einer verbesserten Kommunikation teilen. Im TEACCH Ansatz entsteht unsere Leidenschaft und unsere Arbeit auf Grundlage von Akzeptanz und Respekt“ (a.a.O. S.8).

Kapitel 2 und 3 enthalten Vereinbarungen der NTs und Vereinbarung der ASS Betroffenen. Die Nutzung von sog. Kommunikationsverträgen zielt darauf ab Fehlkommunikation und Missverständnisse zu vermeiden. Zuerst richtet sich das Buch an neurotypische Personen „NTs“, die im Umfeld des Erwachsenen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) agieren. Darin sind jeweils 5 Vereinbarungen enthalten, um die gegenseitige Verständigung zu verbessern. Jede Vereinbarung wird mit einem Satz eingeleitet, der optisch vom Text hervorgehoben wird. Dann wird erläutert, warum man diese Vereinbarung einhalten sollte. Das neurotypische Umfeld ist aufgefordert, sich dieser „natürlichen“ und „gewohnten“ Art des Kommunizierens anzupassen, wenn man sich autismusfreundlich verständigen möchte (S. 10). Im Glossar ab Seite 47werden die 18 im Kommunikationsvertrag verwendeten Begriffe erklärt. Kapitel 5 beschäftigt sich mit nützlichen Anregungen, um Kommunikationsbögen zu gestalten. Es wird empfohlen mit Fakten zu beginnen, das Multiple-Choice-Verfahren zu nutzen, Leerzeilen auszufüllen, zu sortieren und zu kategorisieren, die im Kapitel 6 anhand der Vorlagen für Kommunikationsbögen konkretisiert werden. Dieses Kapitel beschäftigt sich u.a. mit der eigenen Befindlichkeit und mit dem Umgang mit Stress. In Kapitel 7 gibt Faherty Einblicke in ihr Buch Understanding Death an Illness an What They Teach About Life, erläutert oft auftretende Fragestellungen, in dem sie diese kurz erklärt. Sie fordert den Leser auf, aktiv Kommunikationsbögen durch Ankreuzen auszufüllen und durch Texte zu ergänzen. Dabei geht es um die Bedeutung von Kommunikation und Fehlkommunikation, Wertschätzung und Dankbarkeit, Selbsterkenntnis, Mut, Respekt, Freundlichkeit, Aufrichtigkeit, die Themen Krankheit und Tod (von Menschen, Tieren). Kapitel 9 zur Autorin stellt den persönlichen und beruflichen Werdegang der Autorin vor. Fahety verfügt über ein großes theoretisches Wissen sowie vielfältige Erfahrungen aus der eigenen Praxis. Dieses gibt sie in ihren Büchern weiter, die seit 2012 in deutscher Übersetzung vorliegen.

Das Buch enthält viele Anregungen, wie die Kommunikation erfolgreich gestaltet werden kann, gelingt dies nicht kann das Leben sehr frustrierend sein. Faherty stellt erprobte Methoden vor, um Missverständnissen und Fehlkommunikation vorzubeugen bzw. auf ein Minimum zu reduzieren. Es werden nachvollziehbare Vereinbarungen erstellt, sodass das Verstehen gesteigert wird. Damit wird nicht nur das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen verbessert, sondern Wirkungen auch auf allen Ebenen der Kommunikation z.B. zwischen Erwachsenen, Freunden, Ehepartnern, Arbeitskollegen etc erzielt.

Diskussion

Wie in ihren anderen Büchern auch (Handbuch Asperger – was bedeutet das für mich, ein Arbeitsbuch für Kinder und Jugendliche mit high functioning oder Asperger-Syndrom www.socialnet.de/rezensionen/15235.php und dem Arbeitsordner Asperger – was bedeutet das für mich? Strukturierte Lehrvorschläge für die Schule und zu Hause www.socialnet.de/rezensionen/15236.php ist das hier vorgestellte Buch von Faherty so aufgebaut, dass es in einem ausreichenden Maß Informationen gibt und zudem interaktiv genutzt werden kann. Es fordert ganz konkret auf, Leerstellen auszufüllen und anhand von Checklisten festzuhalten, was auf den Leser zutrifft und was nicht. Das macht die Inhalte erfassbar und lädt ein auf die persönliche Ebene zu gehen. Besonders positiv finde ich die Haltung der Autorin, die an vielen Stellen ihren Ausdruck findet: In der Begegnung und beim Lernen sind mehrere Personen beteiligt! Faherty vertritt damit eine zutiefst inklusive Haltung, der man heute noch nicht oft begegnet. Stattdessen trifft man leider noch zu häufig auf Stigmatisierung und Defizitorientierung. Menschen, die unter den Bedingungen von einer Behinderung leben (in diesem Fall Autismus) werden dadurch einseitig zum Förder“objekt“ deklariert, das auf einen „Förderer“ angewiesen ist, der Schwächen erkennt und durch Förderung auszugleichen weiß. Der Mensch mit Behinderung wird dabei quasi in eine Bringschuld gedrängt. Ein große Gefahr ist, dass ein hierarchisches Verhältnis entsteht, das Ungleichheiten manifestiert und Defizite subjektiv zuschreibt. Inklusive Begegnungen brauchen einen Paradigmenwechsel. Sie haben eine gegenseitig wertschätzende Grundhaltung und finden im Dialog statt, bei dem alle Beteiligte im Sinne von win – win- Lernende sind.

Bei der Erstellung der sog. Kommunikationsverträge beginnt Faherty mit den Menschen, die nicht von Autismus betroffen sind, den sog. Neurotypischen (NTs). Diese Reihenfolge unterstreicht deutlich, dass jeder Akteur in der Begegnung einen Beitrag leisten kann, um Fehlkommunikation zu vermeiden und Verstehen herzustellen. Damit werden die im Umfeld vorhandenen Potentiale genutzt, um Kommunikation und Interaktion zu gestalten.

Ich schließe mich der Ansicht von Matthias Huber, Psychologe und Fachmann mit Asperger-Syndrom an, der im Vorwort schreibt. „Catherine Faherty stellt in ihrem Buch auf konkrete und praktische Weise die autistische und nicht-autistische Kommunikation vor. Es gelingt ihr ohne zu urteilen, beiden Seiten die jeweils andere Kommunikations-Art zu erklären. Das ist in der heutigen Zeit von grosser Bedeutung, denn Autismus/Asperger-Syndrom wird nicht mehr als einseitige Behinderung angesehen, mit der ich nur der von Autismus Betroffene herumschlagen und einseitig therapieren lassen muss, sondern als Ausdruck einer anderen Wahrnehmungsinformationsverarbeitungs- und Denkweise, was in der Konsequenz im Alltag immer mal wieder zu gegenseitigem Nichtverstehen führt.“ (S.2).

Fazit

Faherty lässt den Leser an Möglichkeiten und Wegen teilhaben, die die Begegnung verbessern und Fehlkommunikation vermeiden lassen. Dabei hat sie die Haltung, dass sich Kommunikationspartner begegnen. Das Buch macht zahlreiche einfache Vorschläge, die den Dialog verbessern. Menschen sind unterschiedlich, nehmen unterschiedlich wahr und denken unterschiedlich. Die vorgestellten Methoden sind direkt in der Praxis anwendbar. Fahertys Ansatz räumt mit dem Vorurteil auf, dass es auf der ‚einen Seite“ Menschen gibt, die Defizite haben, die sie abbauen müssen, um teilhaben zu können und auf der ‚anderen Seite‘ Wissende gibt, die Kommunikationsregeln beherrschen. Es geht vielmehr darum Wege zu eröffnen, wie aufeinander zugegangen, erfolgreich kommuniziert und interagiert werden kann. Ein Weg sind die hier vorgestellten Kommunikationsverträge. Die Leser können durch das Buch von dem großen Wissens- und Erfahrungsschatz der Autorin, die im TEACCH Ansatz sozialisiert ist, profitieren. Ich bin auf weitere Bücher von Faherty gespannt.

Die Bücher von Catherine Faherty sollten flächendeckend überall dort zur Verfügung stehen, wo Begegnung mit Menschen mit Autismus stattfindet: in der Familie, in Schule, in Ausbildung, Familie und Freizeit. Wer diese Bücher nicht hat und den Autismusverlag aus der Schweiz (der Verlag mit der Katze im Logo) nicht kennt, verpasst einen wichtigen Beitrag zur Inklusion!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 27.09.2013 zu: Kommunikation ... was bedeutet das für mich? Autismusverlag Schweiz (St. Gallen) 2013. ISBN 978-3-9524076-2-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15494.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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