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Harald Seubert: Zwischen Religion und Vernunft

Cover Harald Seubert: Zwischen Religion und Vernunft. Vermessung eines Terrains. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. 708 Seiten. ISBN 978-3-8487-0351-7. D: 98,00 EUR, A: 100,80 EUR, CH: 139,00 sFr.
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Hoffentlich nichts Neues

Wer über Religion nachdenkt, kommt schnell an Grenzen, die keine sind! Mit dieser scheinbar verqueren Aussage wollen wir uns der Frage der Fragen zuwenden: Ist weltanschauliches Denken Spruch oder Widerspruch vernunftgemäßen Denkens? In der Religionsphilosophie zieht sich wie ein roter Faden die Ungewissheit, wie auch die Gewissheit religiösen Denkens als ein nicht beweisbarer Beweis zu glauben. Wenn Aristoteles davon spricht, dass Gott ein „unbewegter Beweger“ ist, und die (christlichen) Kirchenväter postulieren, dass die Schöpfungslehre als Urgrund des Glaubens zu verstehen sei, steht immer im Hintergrund: Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Lebewesen, der Kraft seines Verstandes in der Lage ist, gottähnlich zu werden. Da ist die Leugnung eines Gottes (Richard Dawkins, Der Gotteswahn, 2007, 575 S.) nur Staffage und philosophische Spielerei und weniger urgründliche Beweisführung. Das Dilemma eines Gläubigen besteht ja darin zu unterscheiden, ob Gott oder andere, geistige und überweltliche Mächte von dieser oder außer dieser Welt sind. Mit dem Bibelspruch – „Gebt Gott was Gottes ist und dem Kaiser (der Gesellschaft), was des Kaisers (der Gesellschaft) ist“ – wird die Zweischichtigkeit von Religiosität, von Gläubigkeit und Ungläubigkeit zu fassen versucht. Die intellektuellen und alltäglichen Auseinandersetzungen der Menschen, gott- oder menschengefällig ein gutes Leben zu führen, werden zum einen im Sinne der Aufklärung geführt – „Die ‚Glaubenslosigkeit‘ ist nicht mehr das Vorrecht einer besonders aufgeklärten Minderheit, sondern Schicksal eines sich wahrscheinlich in der Mehrheit befindenden, ganz gewiss aber sehr zahlreich anzutreffenden Typs des zeitgenösischen westlichen Menschen“ (Gerhard Szczesny, Die Zukunft des Unglaubens, Paul-List-Verlag, München 1965, S. 11) – zum anderen als religionskritischer Gottesbeweis herangezogen: „Es ist unbegreiflich, dass Gott ist, und es ist unbegreiflich, dass er nicht wäre“ (Blaise Pascal, siehe auch: Gerald Hartung / Magnus Schlette, Hrsg., Religiosität und intellektuelle Redlichkeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14680.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Weltanschauliche und Religionsphilosophie lässt sich sowohl als disziplin-immanent denken; sie ist aber auch und vor allem darauf angewiesen, sich transzendental und ethisch zu artikulieren: „Die Transzendenz von Religionen, die auf eine Totalität zielen muss, kann für heutige Philosophie ein permanenter Stachel sein“. Die von Robert Spaemann (1989) formulierte Hoffnung, ein Buch über Ethik werde, wenn es einen Wahrheitsanspruch erhebe, hoffentlich nichts Neues bringen, beinhaltet ja die Erwartung, dass die Reflexionen und Auseinandersetzungen über Religiosität „einer Rekonstruktion und Narration (bedürfen), die die innere Rationalität von Religionen freilegt und diese doch nicht auf das Formale einer allgemeinen ‚Religion der Vernunft‘ reduziert“. Auf dieser Unsicherheit und rationalen Undurchschaubarkeit beruhen die Überlegungen und Analysen, die der Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler von der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule in Basel und Gastprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Harald Seubert, vorlegt. In einer umfangreichen Auseinandersetzung, die gründet auf Denk- und Lehrprozesse, die der Autor an den Universitäten in Nürnberg-Erlangen, München, Wien, Halle und Poznan/Polen erwarb, fragt der Autor „nach den Interferenzen zwischen Philosophie und Religion“ und der Diesseitigkeit der Menschheit in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt. Es ist nicht der Nachweis der Vollkommenheit und Unantastbarkeit eines Gottes, der den „Gottnotwendigkeitsbeweis“ (Martin Walser) provoziert, „sondern die Bedürftigkeit von Mensch und Welt“. „Der Umgang mit moralischer und religiöser Vielfalt ist eine der größten Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaften gegenwärtig konfrontiert sind“; das zeigt sich alltäglich auf den Bildschirmen und den realen Lebens- und Gefahrensituationen in der Welt. „Religiosität“ und „Laizität“ zu denken, heißt auch, über Religions- und Gewissensfreiheit nachzudenken (Jocelyn Maclure / Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12786.php).

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der Seubert über die „Gegenwärtigkeit von Religion“ philosophiert, die Frage nach dem Zusammenhang von Religion und Vernunft andeutet, die philosophischen, religionswissenschaftlichen und -alltäglichen Zugänge diskutiert und eine Positionsbestimmung der Religionsphilosophie in der Moderne vornimmt, Grundzüge einer Religionsphilosophie entwickelt, „die der Präsenz von Religionen im 21. Jahrhundert und der Art, wie sie ins Bewusstsein kommt, Rechnung tragen soll“, gliedert der Autor das Buch in zwei Teile: „Konstellationen zwischen Glaube und Vernunft“ und „Probleme und Phänomene“.

Im ersten Teil, das wiederum in dreizehn Kapitel ausdifferenziert wird, geht es neben den Begriffsklärungen um einen historischen Rückblick auf die antiken Religionen und die Quellen, die den Übergang zur Theologie ebnen. Mit der Nachschau, welche Spuren und Merkmale Hellenismus und Platonismus im Christentum, Judentum und Islam hinterlassen haben und den Auseinandersetzungen über die „Einheit von Gott und Sein“ wird der Gottesgedanke als monotheistische Festlegung thematisiert. Die jüdisch-christlichen Bemühungen, in Religionsgesprächen eine Einheit im religiösen Denken zu suchen, zeigen sich in den westlich-östlichen Dialogen, wie sie vom jüdischen Arzt und Philosophen Maimonides und dem arabischen Denker Averroes (Ibn Rushd) in Hohen Mittelalter Andalusiens geführt wurden. In den auf aristotelischem Denken und Descartesschen Paradigmen fußenden Auseinandersetzungen über die Jahrhunderte hinweg verdeutlichen sich die philosophischen Übergänge vom metaphysischen Denken zum Rationalismus und schließlich zum Empirismus. Mit Blaise Pascal wendet sich Seubert der „Ordnung des Herzens“ zu, die den christlichen Gott für die Gläubigen in ihre Mitte rücken will. In diesem Reigen muss natürlich auch der Aufklärung und mit ihr Immanuel Kant ein Tribut geleistet werden, der zwischen „Gottesdienst“ und „Afterdienst“ unterscheidet und dabei die Fähigkeit des Menschen zur kritischen Vernunft betont. Mit Gotthold Ephraim Lessing und der Botschaft von der Toleranz, wie sie in „Nathan“ zum Ausdruck kommt, führt der Weg weiter zur Hegelschen Diagnose von der Vernunftgemäßheit und damit zur „Aufhebung der Religion in die Philosophie“, zu Friedrich Wilhelm Joseph Schellings „All-Einheit als Liebe“, zu Johann Gottlieb Fichtes „Bild vom Absoluten“, bis hin zu Friedrich Schleiermachers Diktion „Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche“. Mit Kierkegaard und Nietzsche erhält die Religionskritik eine neue Qualität, die im philosophischen Diskurs einmündet in die Max Webersche und tradierte Religionssoziologie mit dem „Gott-ist-tot“ – Paradigma, und schließlich in die kritische Theorie in der Form der negativen Religionsphilosophie. Die in breiter Form diskutierten und aufgewiesenen Entwicklungen hin zur analytischen und ethnologischen Philosophie, wie sie sich im (westlichen!) Diskurs bis hin zur Kosmogonie und Theogonie darstellen, runden die Auseinandersetzungen um Begrifflichkeiten und Gotteserfahrungen ab.

Im zweiten Teil diskutiert der Autor die vielfältigen Probleme und Phänomene, wie sie sich in Philosophie, Theologie und Religionswissenschaft zeigen, und zwar sowohl ontologisch, als auch begrifflich, individuell und gesellschaftlich, theologisch und philosophisch. Seubert erinnert daran, dass metaphysisches Denken und Philosophieren insbesondere in der Religionsphilosophie „die philosophische Begriffsbildung an den Punkt (bringt), an dem sie sich selbst im Gegenüber eines ihr Äußeren betrachtet“. Damit bietet er „eine Handskizze zum … kongenialen Verhältnis von Religion und philosophischer Weltdeutung (an)“. Im Diskurs über Probleme, Imponderabilien und Realitäten darf natürlich die Auseinandersetzung über „Religion und Politik“ nicht fehlen. Auch hierbei ist ein historischer Blick und eine Analyse des Gewordenseins von theokratischen Legitimationsformen und Machtentwicklungen im Christentum und den anderen Weltanschauungen hilfreich; ebenso die Frage nach der Bedeutung von ästhetischen Bildern, wie sie sich als „Herrlichkeits“- Beweise im Verhältnis von Religion, Kunst und Musik darstellen; und nicht zuletzt sind es die Herausforderungen, die sich durch die globale Entwicklung der Welt ergeben: „Interkulturalität und das Tiefengespräch der Religion“. Dass die Menschheit auf dem Gebiet der interkulturellen Religionsphilosophie erst an einem zaghaften, holperigen und mit vielen Stopp-, Verbots- und Tabuschildern gepflasterten Weg steht, lässt sich tagtäglich im lokalen und globalen Denken und Handeln der Menschen erkennen. Lösungsansätze könnten jedoch darin bestehen, „dass personale und nicht-personale Gottesvorstellungen, der Weg des Glaubens bzw. der Versenkung in ein Nichts, die Orientierung an monotheistischen und polytheistischen Momenten mit vielen Zwischenstufen, ohne eine vordergründige Hierarchie, in einem mischungsdialektischen Begriffsraster aufzuweisen sind“. Freilich: Um auch die Grenzen und möglicherweise auch Unüberwindbarkeiten zu erkennen, bedarf es eines „Tiefengesprächs“, und zwar auf Augenhöhe, mit Toleranz und Akzeptanz des Andersseins des Anderen: „Jeder humane Umgang mit Religion (ist) auf ein solches Ethos zu verpflichten“. Die von den Religionen formulierten irdischen oder außerirdischen Erlösungserwartungen bewegen sich immer „in der Schwebe zwischen Realität und Transzendenz, zwischen absolutem und objektivem Geist“. Sie unterliegen deshalb, wie jedes Leben auf der Erde, einem historischen, aktuellen und zukünftigen Wandel. In den Religionsphilosophien gilt es, die historisch gewordenen Begrifflichkeiten und Weltanschauungen so zu reflektieren, dass im Diskurs von Religiosität und Modernität zustande kommt, was als „philosophische Selbstaufklärung“ bezeichnet wird.

Fazit

„Religion ist ein höchst komplexer Zusammenhang, der Selbstreflexion und -distanz mit einschließt“. Harald Seubert beginnt seine umfangreiche und vielfältige Analyse über „Religion und Vernunft“ damit, dass er im Prolog formuliert: „Dieses Buch unterscheidet sich von anderen philosophischen Annäherungen an Religionen und von Religionsphilosophen darin, dass es mit den Mitteln der Begrifflichkeiten möglichst weitgehend in deren Immanenzzusammenhang einzudringen versucht“. Phänomenologisch und reflektiv zeigt der Autor auf, dass Religiosität „keineswegs mit naiver Unmittelbarkeitserwartung verwechselt (darf)…schon gar nicht ist sie im Modus von Verfügbarkeit. Religiöse Präsenz ist Annäherung an ‚reale Gegenwart‘ (George Steiner), aber immer in der Spannung zwischen dem erinnert Gegenwärtig- und Entzogensein Gottes“. Um zurück zu kommen auf die anfangs Spaemannsche Aussage, dass ein Buch über Ethik, mit dem Anspruch auf Wahrheit (und religiösem Glauben), hoffentlich nichts Neues bringe: Die zahlreichen historischen, begrifflichen und philosophischen Herleitungen zum „Terrain Religion“ bringen eine Menge von Bedenklichkeiten, die Religiosität als Immanenz menschlichen Seins zeigt und zur Selbstreflexion herausfordert.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.11.2013 zu: Harald Seubert: Zwischen Religion und Vernunft. Vermessung eines Terrains. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2013. ISBN 978-3-8487-0351-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15499.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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