Frank Furedi: Warum Kinder mutige Eltern brauchen
Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 10.08.2004
Frank Furedi: Warum Kinder mutige Eltern brauchen.
Deutscher Taschenbuch Verlag
(München) 2004.
257 Seiten.
ISBN 978-3-423-34072-4.
9,50 EUR.
CH: 16,80 sFr.
Reihe: dtv - 34072 : Kinder & Familie. Originaltitel: Paranoid parenting. Übersetzt von Stefanie Schäfer.
Autor und Enstehungshintergrund
Frank Furedi, Professor für Soziologie an der Universität Kent, veröffentlichte dieses Buch im Jahr 2001 unter dem Titel "Paranoid Parenting. Abandon Your Anxieties and be a Good Parent". Die deutschsprachige Übersetzung erschien 2002 beim Eichborn Verlag mit dem Titel "Die Elternparanoia. Warum Kinder mutige Eltern brauchen". Die folgende Rezension bezieht sich auf die dtv-Ausgabe von 2004.
Einführung
Schon im ersten Satz des Buches wird das Spannungsfeld angedeutet, in dem sich der Autor bewegt: "Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Buch mehr als Soziologe, der zufällig Vater eines fünfjährigen Sohnes ist, geschrieben habe oder als Vater eines fünfjährigen Kindes, der sich auf soziologischer Ebene brennend für die Beziehungen zwischen den Generationen interessiert. Meine akademische Ausbildung hat mich keineswegs auf die sonderbare Welt der elterlichen Ängste vorbereitet, die so viele Väter und Mütter zu plagen scheinen" (S. 9). Das vorliegende Buch ist somit weder ein wissenschaftliches Werk noch ein Elternratgeber. Vielleicht lässt es sich am besten als eine auf wissenschaftlichen Recherchen, Interviews und eigenen Erfahrungen beruhende und aus persönlicher Betroffenheit heraus verfasste Auseinandersetzung mit Elternschaft und der "heutigen Kindererziehungskultur" bezeichnen.
Verunsicherung von Eltern
Furedi beklagt, dass die Verunsicherung von (werdenden) Eltern schon vor der Geburt des Kindes beginnt: Von Ärzten, Hebammen, Krankenschwestern und Verwandten werden sie mit vielen Ratschlägen überschüttet - im persönlichen Gespräch, durch das Überreichen von Broschüren und Faltblättern, durch den Hinweis auf relevante Bücher und Fernsehsendungen. Ferner werden Eltern von Politikern, Experten und vielen anderen Personen auf die große Bedeutung der Familienerziehung hingewiesen. Insbesondere wenn sie Elternzeitschriften, Erziehungsratgeber und Bücher über die kindliche Entwicklung lesen, werden sie nicht nur mit unterschiedlichen Meinungen konfrontiert, sondern auch mit Berichten und Fallbeispielen darüber, was in der Familie alles "schief" gehen kann. Hieraus resultieren Verunsicherung, Selbstzweifel und das Gefühl, in Erziehungsfragen inkompetent zu sein.
Ängste von Eltern
Medienberichte über Misshandlungen durch Betreuungspersonen oder Fremde, Unfälle von Kindern, deren Gesundheitsfährdung (z.B. durch Impfstoffe oder Handystrahlen), über im Internet lauernde Gefahren oder den Drogenkonsum von Jugendlichen führen laut Furedi bei Eltern zu Misstrauen gegenüber anderen Menschen, die mit dem Kind zu tun haben, und gegenüber den eigenen (älteren) Kinder, hinter denen "herspioniert" wird. Kleinere Kinder dürfen aufgrund der Ängste ihrer Eltern immer seltener alleine nach draußen gehen; viele werden kontinuierlich überwacht.
Spiegelbildlich hierzu haben andere Menschen wie z.B. Nachbarn oder Lehrer/innen Angst, ihr Verhalten könnte missverstanden werden, wenn sie z.B. ein Kind berühren oder in den Arm nehmen, wenn sie es ansprechen oder für ein Fehlverhalten tadeln. Diese Ängste führen dazu, dass andere Erwachsene zunehmend als Miterzieher und "Sozialisationsinstanzen" ausfallen - und dass Eltern somit die ganze Last der Kindererziehung schultern müssen.
Medienberichte über Kindesmisshandlung, Vernachlässigung oder sexuellen Missbrauch durch die eigenen Eltern haben laut Furedi auch dazu geführt, dass Eltern von der Öffentlichkeit immer mehr mit Misstrauen betrachtet und "beobachtet" werden. Alleine in Großbritannien würden jedes Jahr etwa 150.000 Eltern fälschlicherweise des Kindesmissbrauchs beschuldigt. Dies führe auch zu Ängsten aufseiten der Mütter und Väter.
Eltern-Paranoia
Furedi ist der Meinung, dass die skizzierte "Eltern-Paranoia" nicht nur übertrieben ist, sondern dass sie auch zu einer Einschränkung der Selbstentfaltungsmöglichkeiten von Kindern und zu einer Minderung der Qualität von Kindheit führt. Aber auch der "Mythos des verwundbaren Kindes", der die große Widerstandskraft von Kindern leugne, schade allen Betroffenen: Eltern haben Angst, durch Erziehungsfehler, "unsichere Bindungen", zu wenig Liebe oder mangelnde Zuwendung ihre Kinder lebenslang seelisch zu schädigen ("Kindheits-Determinismus"). Sie befürchten, durch Über- bzw. Unterstimulierung, eine falsche Ernährung, zu wenig musikalische Förderung oder unzureichende Hausaufgabenbetreuung deren kognitive und schulische Entwicklung zu beeinträchtigen. Laut Furedi würden Eltern so zu "Göttern" gemacht, die das Schicksal ihrer Kinder bestimmen. Für Kinder hat diese Situation zur Folge, dass sie immer weniger Freiräume erleben, immer weniger Freizeit haben und immer weniger Zeit mit anderen Kindern verbringen. Viele Kinder würden überfordert.
Obwohl Eltern - trotz Berufstätigkeit - immer mehr Zeit mit ihren (jüngeren) Kindern verbringen würden, hätten sie laut Furedi permanent ein schlechtes Gewissen, da ihnen von den Medien immer mehr "quality time", emotionale Investition, Kommunikation, Zuwendung und Förderung abverlangt würden. Dies habe negative Folgen für ihr Selbstbild. Außerdem betonen Fachleute zunehmend die Bedeutung einer "gesunden" Persönlichkeit von Eltern für die kindliche Entwicklung und verlangen von diesen, sich zuerst einmal selbst zu ändern, falls es Probleme mit ihren Kindern gibt. Sie halten eine glückliche Paarbeziehung für sehr wichtig und warnen vor den negativen Folgen von Ehekonflikten, Trennung, Scheidung und Alleinerzieherschaft - was wiederum das schlechte Gewissen und die Selbstzweifel von in diesen Situationen lebenden Eltern vergrößert.
Die Entmachtung der Eltern
Die Überbetonung der Jugendkultur und die Abwertung von Alter und Lebenserfahrung haben laut Furedi zu einer "Erosion des Erwachsenenseins" geführt. Dies untergrabe die moralischen Grundlagen für elterliche Autorität. Hinzu kommt, dass Eltern immer mehr dazu gedrängt werden, alle Bedürfnisse ihrer Kinder zu berücksichtigen, kameradschaftlich mit ihnen umzugehen, sie als gleichberechtigt zu betrachten und eine "Verhandlungsstruktur" in ihren Familien zu etablieren. Furedi beklagt, dass diese Entwicklung dazu geführt habe, dass Eltern immer weniger Autorität besitzen, ihren Kindern oft keine Grenzen setzen und sie nicht mehr disziplinieren können. Dies führe zu einem gestiegenen Bedarf an Beratung und Unterstützung durch Fachleute - letztlich aber auch zur "Entmachtung" der betroffenen Eltern.
Betrachte man aber den Rat der Expert/innen - wie er z.B. in Büchern und Elternzeitschriften zu Papier gebracht wurde - näher, dann zeige sich, dass sich deren Vorstellungen in den letzten Jahrzehnten immer wieder geändert haben - was gestern als "richtig" galt, gilt heute als "schädlich". Dies verdeutlicht Furedi an Beispielen wie der Berufstätigkeit von Müttern, dem Stillen und dem Schlafen im elterlichen Bett. Aber auch die in einem begrenzten Zeitraum veröffentlichten Elternratgeber sind untereinander widersprüchlich; oft würden "Dogmen" verkündigt, ohne dass wissenschaftliche Belege angeführt werden können.
Besonders schlimm ist aber laut Furedi, dass durch die Einmischung von Fachleuten Eltern als "unfähige Amateure" (oder "potenzielle Gefahrenquellen" für ihre Kinder) hingestellt und zunehmend entmachtet würden. Die Expert/innen hätten einen "Kreuzzug" zur Professionalisierung des Elternseins begonnen, würden Elternbildungsprogramme und "Elternlizenzen" fordern und damit auf positive Resonanz bei Politiker/innen stoßen.
Konsequenzen für Eltern
Furedi widmet leider nur drei Seiten der Frage "Was können wir tun?". Er schreibt: "Schon das Verständnis der misslichen Lage, in der sich Mütter und Väter befinden, trägt dazu bei, die individuellen Schwierigkeiten von Eltern aus der richtigen Perspektive heraus zu betrachten. ... Fast alle Kräfte, die die Eltern-Paranoia schüren, stammen aus unverarbeiteten Spannungen in der Welt der Erwachsenen. ... Eltern können wenig tun, um diese Auswirkungen auszugleichen. Doch sie können Schritte unternehmen, um ihren Einfluss auf ihre Familie einzudämmen" (S. 138 f.). So plädiert Furedi für mehr Gelassenheit und "Natürlichkeit" in der Familienerziehung, für größere Freiräume für Kinder und für mehr "Loslassen". Eltern sollten auf die Ratschläge von Fachleuten verzichten - oder ihnen zumindest mit großer Skepsis begegnen - und sich in der Erziehung auf ihren "gesunden Menschenverstand", die "eigenen Instinkte" und ihre "natürlichen Fähigkeiten" verlassen.
Fazit
Furedi hat ein sehr interessantes, spannendes und gut zu lesendes Buch verfasst. Es kann sowohl Eltern als auch Fachleuten und Student/innen empfohlen werden. Seine Kritik an der "heutigen Kindererziehungskultur" ist sicherlich etwas übertrieben und ein wissenschaftlicher Nachweis fehlt, dass eine Kindererziehung auf der Grundlage "natürlicher Fähigkeiten" erfolgversprechender ist als wenn Eltern von Zeit zu Zeit eine Elternzeitschrift oder einen Ratgeber lesen. Aber seinem Plädoyer, Eltern sollten sich durch die Medien nicht verunsichern lassen, sich keine unnötigen Ängste einreden lassen und keine Selbstzweifel entwickeln, ist sicherlich zuzustimmen.
Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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