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Asmus Finzen: Stigma psychische Krankheit

Cover Asmus Finzen: Stigma psychische Krankheit. Zum Umgang mit Vorurteilen, Schuldzuweisungen und Diskriminierungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2013. 200 Seiten. ISBN 978-3-88414-575-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.

Reihe: Fachwissen.
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Thema

Psychische Krankheiten werden als besondere Krankheiten behandelt, unter anderem weil sie immer auch gesellschaftlichen Bewertungen unterliegen. Das betrifft zwar grundsätzlich auch Krankheiten, die anderen Fachgebieten zugeordnet werden – beispielhaft sei auf Krebserkrankungen und HIV-Infektionen hingewiesen. Aber kein medizinisches Fachgebiet hat eine Vergangenheit, in der es auf Grund der Diagnosen zu Zwangssterilisationen der Betroffenen bis hin zu der ihrer Angehörigen und Ermordung der Erkrankten gekommen ist. Die Auseinandersetzung mit Stigmatisierung und den Vorstufen wie Vorbehalten, Vorurteilen und Diskriminierung sind also zwingend.

Autor

Asmus Finzen, Jahrgang 1940, gehört zur Gruppe der Sozialpsychiater, die sich seit Anfang der 1970er Jahre wissenschaftlich, als Klinikleiter in Wunstorf, als Professor in Basel und publizistisch vielfältig für die fachliche Weiterentwicklung und die Verbesserung der Versorgung psychisch kranker Menschen eingesetzt haben.

Entstehungshintergrund

Finzen greift mit der Publikation „Stigma psychische Krankheit“ eine Thematik auf, die er wiederholt bearbeitet hat. Eine frühe Veröffentlichung war „Der Verwaltungsrat ist schizophren“. Die Krankheit und das Stigma von 1996. Sie erwuchs aus der Erkenntnis, dass man den Betroffenen, die schizophren erkrankten, und ihren Angehörigen immer unter Berücksichtigung des öffentlichen Umgangs mit dieser Erkrankung begegnen und sie behandeln müsse. Auch wenn der Titel der jetzigen Veröffentlichung allgemeiner gehalten ist als der von 1996, liegt der Schwerpunkt doch erneut auf der Verknüpfung von Stigma und Schizophrenie. Allerdings hat sich seit damals die Selbsthilfe sowohl der Angehörigen wie der Betroffenen organisiert und der Empowerment-Ansatz, die Recovery-Bewegung und die Antistigma-Arbeit sind ermutigende Impulse im Umgang mit Stigmatisierung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 15 Abschnitte gegliedert, der rote Faden wird versucht in der Skizzierung der jeweiligen Inhalte zu verdeutlichen:

Psychose und Stigma – die Herausforderung. Dieser Abschnitt dient über kurze Vignetten der Hinführung auf die Verquickung von Vorurteilen und Krankheitsdiagnose Schizophrenie (z.B. „„Wer gesundet, kann nicht schizophren gewesen sein““ bis hin zu den „sozialen Folgen des Leidens …als zweite Krankheit“) (S. 17)

Die „verrufene“ Krankheit. Als „unverstandene Krankheit“ (S. 20) – deren Kennzeichen erläutert werden – ist die Schizophrenie nicht nur wegen ihrer vielfältigen Erscheinungsformen, sondern auch wegen der dadurch veränderten zwischenmenschlichen Beziehungen beunruhigend, damit eignet sich der Begriff auch als Metapher der Diffamierung.

Urteile, Vorurteile, Diskriminierung: Vorstufen der Stigmatisierung. Dieser Abschnitt stellt theoretische Grundlagen zu den Begriffen der Überschrift dar und ermöglichen damit eine Differenzierung: Nicht jedes abwertendes Vorurteil muss schaden, es gibt auch positive Diskriminierung.

Stigma und Stigmatisierung. Hier wird das Verständnis von Stigma und Stigmaprozessen von seinen Wortbedeutungen wie vom inzwischen klassischen Ansatz Erving Goffmans her dargestellt und auf psychisch Kranke angewandt.

Stigma by Courtesy: Sippenhaft. Ein eigener Abschnitt ist der Situation der Angehörigen und der psychiatrisch Tätigen (!) als sekundär Stigmatisierten gewidmet, die sich vielfältigen Herausforderungen bis hin zu Schuldzuweisungen gegenüber gestellt sehen in einer Situation, die sie selber häufig krisenhaft erfahren.

Selbststigmatisierung“: bei psychischer Krankheit ein tauglicher Begriff? Ist der Begriff der „Selbststigmatisierung“ geeignet, die Situation von stigmatisierten an Psychose erkrankten Personen zu erfassen oder wird mit dieser Begrifflichkeit die zugrunde liegende „soziale Gesetzmäßigkeit“ (S. 68) nicht verleugnet? Dieser Frage geht Finzen in diesem Abschnitt nach, weil damit auch das Bild des/der Erkrankten als eines wehrlosen Opfers verbunden sein kann, die die Handlungsmöglichkeiten sekundär einschränken und individualisieren. Diese Frage wird im folgenden Abschnitt mit der folgenden Zuspitzung aufgegriffen:

Lohnt es sich denn, damit zu leben?“ Diese Frage werde häufig „von nicht betroffenen Gesunden gestellt. Sie ist Teil des Vorurteils gegenüber der Krankheit, die mit einem Unwerturteil verbunden ist“ (S. 80). Insofern erhöht sie die Belastung durch die zweite Krankheit.

Unberechenbar und gefährlich? Ausgehend von den Erfahrungen nach dem Attentat auf Oskar Lafontaine 1990 erinnert Finzen daran, wie schnell Vorurteile aktiviert und in Forderungen der generellen Registrierung von Menschen mit psychischen Störungen umschlagen kann. Wiederholte Einstellungsuntersuchungen von Angermeyer weisen auf die Zuordnung negativer Stereotypen zu psychotisch erkrankten Personen. Nach Rekapitulation von Befunden zur Gewalttätigkeit psychisch erkrankter Personen leitet er daraus mögliche Präventionsansätze ab.

Psychisch Kranke, die Medien und die öffentliche Meinung. Nun erweitert Finzen das Blickfeld um die Darstellung psychisch erkrankter Personen in den Medien, aber auch der verunglückten Selbstdarstellungen von Fachleuten in Pressekonferenzen.

Vorurteile von heute sind Lehrmeinungen von gestern. Wissenschaftliche Forschungen bewegen sich in einem sich ständig verändernden Feld, welches sie mit verändern. Bis neuere Erkenntnisse als valide in der Bevölkerung ankommen, vergeht zusätzliche Zeit. Im Rückblick auf die Anti-Psychiatrie und Befunde aus den Familienbeziehungen der 1950er Jahre belegt Finzen seine in der Überschrift des Abschnittes enthaltende Hypothese und fragt nach den Lehrmeinungen von heute, die zu Vorurteilen von morgen werden.

Mit klarem Kopf gegen die Stigmatisierung. Hier schiebt Finzen einen Abschnitt zum heutigen Erkenntnisstand über die Hintergründe und Entwicklung einer psychotischen Erkrankung ein, um insbesondere die Angehörigen in ihrem Umgang mit erkrankten Familienangehörigen zu unterstützen. Er führt hin zu

Selbsthilfe stärkt gegen Diffamierung. Dieser Abschnitt stellt abrissartig die Entwicklung der Angehörigen und Psychiatrie-Erfahrenen-Selbsthilfe dar und ordnet die Psychoedukation als Psychoinformation ein. Die Experienced-Involvement-Bewegung findet noch keine Erwähnung.

Stigmabewältigung und „Entstigmatisierung“. Ausgehend von den Erfahrungen mit Entstigmatisierungskampagnen in den letzten Jahrzehnten weist Finzen nun den Akteuren ihre Aufgaben zu: der Psychiatrie, den Kranken, den Angehörigen. Es schließen sich Hinweise auf die „Antistigma-Kampagne von unten“ sowie die Vermittlung von Antistigma-Kompetenz, zwei Projekte der letzten Jahre, an.

Mit der zweiten Krankheit umgehen lernen. Hier fasst Finzen die Leitgedanken zusammen, die heute Menschen, deren Identität durch Stigmatisierung zusätzlich beschädigt wird, Unterstützung bei der Wiederherstellung geben können: Im Rahmen einer gemeinsamen Gesprächsbasis und Vertrauensverhältnisses sind dies Psychoinformationen, Anerkennung von Unrecht, Beseitigung der Schuldfrage und der Selbstbeschuldigung, Reflektion von Stigmatisierungserfahrungen, Hilfe zur Selbsthilfe.

Der Rahmen: Stigmatisierung in Kultur und Gesellschaft. Der letzte Abschnitt lenkt den Blick auf die Wandelbarkeit von Stigmata, die Mechanismen der Ausgrenzung und ihre jeweilige gesellschaftliche Einbettung.

Vorwort und Literaturverzeichnis ergänzen die Veröffentlichung.

Diskussion

Asmus Finzen greift mit dieser Veröffentlichung eine Thematik auf, die zentral für die Sozialpsychiatrie ist, weil sie alle Beteiligten – die Erkrankten, die Angehörigen, die Professionellen und die Nachbarschaft, die Gemeinde betrifft. Sie bezieht die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte ein und spitzt Fragen und Hypothesen zu, z.B. zur „Selbststigmatisierung“, zu der Mühsal und Kleinschrittigkeit von Antistigma-Kampagnen, zur Rolle der Psychiatrie als Fachdisziplin und ihre Vertretung. Sie gibt einen umfassenden Überblick über die Bedeutung von Vorurteilen und Stigmatisierung, vertieft für das Krankheitsbild Schizophrenie. En passant vermittelt sie hierüber solide Grundkenntnisse und das alles in allgemeinverständlicher Sprache. Das ist ihr Verdienst

Unter dem Titel „Stigma psychische Krankheit“ habe ich eine Bearbeitung nicht nur der verschiedenen Stufen von Diskriminierung und ihren gesellschaftlichen Hintergründen wie inter- und intrapsychischen Auswirkungen erwartet, sondern auch eine differenzierte Berücksichtigung anderer psychischer Krankheiten als der Schizophrenie. Diese fehlt weitgehend.

Fazit

An wen wendet sich Finzen?

  1. An im Bereich des Gemeinwesen und der Psychiatrie tätige Fachleute, die umfassend in die Fragen von Vorurteilen, Diskriminierung und Stigmatisierung und die Einflüsse auf die Beziehungsgestaltung eingeführt werden und
  2. An die Angehörigen: ihnen gibt er Rückenstärkung, gerade im Hinblick auf die sie betreffende sekundäre Stigmatisierung.
  3. An die Betroffenen selber, die hier Hintergründe der zweiten Krankheit ausgeleuchtet finden. Die Übertragbarkeit auf andere psychische Krankheiten erfordert allerdings der Konkretisierung.

Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 09.01.2014 zu: Asmus Finzen: Stigma psychische Krankheit. Zum Umgang mit Vorurteilen, Schuldzuweisungen und Diskriminierungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2013. ISBN 978-3-88414-575-3. Reihe: Fachwissen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15502.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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