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Jan Hense, Stefan Rädiker u.a. (Hrsg.): Forschung über Evaluation

Cover Jan Hense, Stefan Rädiker, Wolfang Böttcher, Thomas Widmer (Hrsg.): Forschung über Evaluation. Bedingungen, Prozesse und Wirkungen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2013. 281 Seiten. ISBN 978-3-8309-2829-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Gegenstand des Buchs sind Probleme der Forschung über Evaluation. Bedingungen, Prozesse und Wirkungen

Herausgeber

  • Dr. Jan Hense ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie).
  • Dr. Stefan Rädiker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Philipps-Universität Marburg (Institut für Erziehungswissenschaft, Marburger Arbeitsgruppe für Methoden & Evaluation).
  • Dr. Wolfgang Böttcher ist Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster.
  • Dr. Thomas Widmer ist Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich und leitet den Forschungsbereich „Policy-Analyse & Evaluation“.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt dieses Sammelbandes war eine Fachtagung des Arbeitskreises „Aus- und Weiterbildung in der Evaluation“ der deutschen Gesellschaft für Evaluation (DeGEval) im April 2012 in Berlin. Der Sammelband beinhaltet einen großen Teil der an der Fachtagung präsentierten Forschungsarbeiten und wurde zusätzlich um weitere Arbeiten ergänzt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile, die unterschiedliche Phasen der Evaluation beleuchten.

  1. Nach der Einleitung durch die Herausgeber werden im Teil 1 zwei Beiträge zu den Ausgangsbedingungen von Evaluation vorgestellt.
  2. In ebenfalls zwei Beiträgen werden im Teil 2 Forschungen zu Evaluationsprozessen beschrieben.
  3. Der Teil 3 widmet sich mit vier Beiträgen den Wirkungen und Folgen von Evaluationen.
  4. Der abschließende Teil 4 behandelt in vier Beiträgen übergreifende Fragestellungen im Zusammenhang mit Forschung über Evaluation.

Inhalt

Im einleitenden Kapitel legen die Herausgeber dar, weshalb Forschung über Evaluation aus ihrer Sicht nötig ist und was sie darunter verstehen. Lohnend ist die Beschäftigung mit Forschung über Evaluation aus dreierlei Überlegungen: Erstens gehen die Autoren davon aus, dass eine „transdisziplinär und bereichsübergreifend orientierte Perspektive“ (S. 8) zu mehr Erkenntnisgewinn beitragen kann und das Verständnis für die jeweiligen Problem- und Fragestellungen in den einzelnen untersuchten Themenfeldern fördert. Zweitens erachten es die Autoren als wichtig, auch die internationale theoretische und empirische Forschung zu Evaluation zu beachten, was bei vielen fachspezifischen Evaluationen häufig unterlassen werde. Und drittens sind transdisziplinäre Ergebnisse zur Forschung über Evaluation relevant im Hinblick auf die „zunehmende Professionalisierung von Evaluation“ (S. 9).

Mit Forschung über Evaluation ist diejenige Forschung angesprochen, welche Evaluationen zu ihrem Untersuchungsgegenstand machen, verbunden mit dem Ziel, die „theoretische und empirische Befundlage zur Evaluation zu verbessern“ (S. 9).

Die Beiträge des Teils 1 fokussieren auf förderliche und hinderliche Rahmenbedingungen von Evaluationen. Ursula Koch fragt in ihrem Beitrag danach, wie die Datenauswertungskompetenz von Lehrkräften erhoben und verbessert werden kann, damit diese die Resultate aus sogenannten Vergleichsarbeiten für die Unterrichtsverbesserung adäquat nutzen können. Methodisch handelt es sich um ein Quasi-Experiment im Rahmen einer Fortbildung mit und ohne Softwareunterstützung.

Markus Seyfried und Philipp Pohlenz fragen im Kontext Hochschule nach dem Grad der Professionalisierung im Bereich der Evaluation von Lehre und Studium. Untersucht wurde die organisatorische Anbindung von Evaluationseinheiten von 105 deutschen Universitäten.

Der Teil 2 beinhaltet Beiträge, die sich auf Aspekte der Planung und der Umsetzung des Evaluationsprozesses fokussieren. Stefan Rädiker beschäftigt sich mit der Evaluation von Bildungsprozessen in Weiterbildungsorganisationen, welche das Modell der „Lernerorientierten Qualitätstestierung in der Weiterbildung (LQW)“ verwenden. Die qualitative Studie umfasste Dokumentenanalysen und Leitfadeninterviews und schließt mit einem Anforderungsprofil für Evaluierende in Weiterbildungsorganisationen ab.

Matthias Müller fragt aus wissenssoziologischer Perspektive nach den Deutungsmustern von Fach- und Führungskräften eines Wohlfahrtsverbandes der Sozialen Arbeit bezogen auf Evaluationen. Datenbasis bilden eine Gruppendiskussion und zwölf Einzelinterviews, welche mittels einer Verknüpfung von Grounded-Theory und Sequenzanalyse ausgewertet wurden.

Im Teil 3 werden Beiträge vorgestellt, die sich mit den Wirkungen und Folgen von Evaluationen beschäftigen. Holger Gärtner thematisiert die Selbstevaluation von Lehrkräften und als einem Instrument dafür, die potenzielle Wirkung von Feedbacks von Schülerinnen und Schülern. Wie weit werden solche Rückmeldungen für die Weiterentwicklung genutzt? Anhand einer Erhebung im Selbstevaluationsportal der Lehrkräfte in Berlin und Brandenburg werden Wirkmechanismen von Feedbacks der Schülerinnen und Schüler dokumentiert.

Ebenfalls um die Lehrgestaltung geht es im Beitrag von André Nowakowski, der Ergebnisse aus drei Experimentalstudien vorstellt. Die Rückmeldungen an die Lehrenden erfolgte entweder ergebnis- oder prozessorientiert und als abhängige Variable wurde untersucht, wie weit unterschiedliche Lehrorientierungen (Studierenden- vs. Lehrendenfokussierung) mit der Art der Rückmeldung zusammenhängt.

Zur Frage der Evaluationsnutzung von Programmevaluationen untersucht Mary Sandermann die sozialen Kompetenzen der Evaluierenden und Nutzenden sowie die Interaktionsgestaltung. Anhand sieben externer Programmevaluationen von universitären Mentoringprogrammen wurden sechs verschiedene soziale Kompetenzen der externen Evaluierenden und der Hauptinteraktionspartnern und -partnerinnen sowie Prozessmerkmale der Evaluation erhoben und mittels einer Qualitative Comparative Analysis ausgewertet.

Kathrin Frey und Thomas Widmer untersuchen das Ausmaß der Nutzung von evidenzbasierten Erkenntnissen durch politische Entscheidungsträger/innen in der Schweiz bei Gesetzes-Novellierungen. Unterschieden wird zwischen Eigenlernen und Fremdlernen, wobei mit letzterem der Rückgriff auf Evaluationsergebnisse von außerhalb der Schweiz bezeichnet wird. In qualitativen Fallstudien wurden zwölf Gesetzes-Novellierungen aus unterschiedlichsten Bereichen anhand von Dokumentenanalysen und Leitfadeninterviews analysiert.

Der abschließende Teil 4 umfasst einerseits Beiträge mit übergreifenden Fragestellungen oder solche, die mehrere Aspekte der Input-Process-Outcome-Logik betreffen. Thema des Beitrags von Jörg Rech und Wolfgang Meyer ist die Evaluationskultur bei 19 Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit. Als Einflussfaktoren auf die Evaluationskultur wurden vier Dimensionen unterschieden: nationale, sektorale, institutionelle und operationale Vorgaben. Die Daten stammen aus einer Sekundäranalyse der Resultate aus einer sogenannten Systemprüfung. Diese fand 2007 statt und erhob den Stand der eingesetzten Evaluationssysteme im Sektor Entwicklungszusammenarbeit.

Wolfgang Böttcher, Nina Hogrebe und Sabrina Schulz untersuchen die Frage, wie weit systematische Reviews im Bereich von Evaluationen nutzbar gemacht werden können. Systematische Reviews stellen Forschungsergebnisse zu einem bestimmten Thema systematisch zusammen. In ihrem Beitrag geht es um die Anwendbarkeit von Wissen aus Evaluationen für die politische und praktische Gestaltung in der Erziehungswissenschaft.

Die Schulinspektion als externe Evaluation von Schulen ist Gegenstand des Beitrags von Wolfgang Böttcher, Jan Hense und Miriam Keune. Sie geben einen Überblick über den Forschungsstand zu Nutzung und Nützlichkeit der Schulinspektion, verbunden mit Fragen der Bewertung und Qualitätsentwicklung von Schulen.

Die in der Einleitung angesprochene Erweiterung des Blicks geben im abschließenden Beitrag Jan Hense und Thomas Widmer, in dem die Entwicklung der Forschung über Evaluation in Nordamerika vorgestellt wird. Dabei werden auch die inhaltliche Ausgestaltung einer allgemeinen Evaluationstheorie sowie Untersuchungsgegenstände der Forschung über Evaluation angesprochen, welche sich mit Evaluationskontext, -umsetzung, -folgen und professionsbezogene Aspekte bezeichnen lassen (S. 257). Im Ausblick halten die Autoren fest, dass es in der internationalen Literatur zur Forschung über Evaluation Themenfelder mit relativ geringer Abdeckung gibt. Dazu zählen sie z.B. die postulierte, aber bisher wenig umgesetzte Verschiebung von Fragen der „Nutzung“ hin zur Frage des „Einflusses“ von Evaluationen. Auch das eigentliche Kernstück von Evaluationen, das „Bewerten“, wird empirisch eher selten untersucht. Gleiches gilt für die Frage nach der Entstehung von Evaluationen.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband stellt aktuelle Forschungsresultate zu Evaluationen in verschiedenen Bereichen dar. Einerseits werden in einzelnen Beiträgen ausgewählte Aspekte anhand der Input-Process-Outcome-Logik vorgestellt und dies zu unterschiedlichen Themenfeldern wie Erziehungswissenschaft, Soziale Arbeit oder Politikwissenschaft. Andererseits werden im vierten Teil Resultate zu übergreifenden Fragestellungen präsentiert und weiterführende Fragen für die Forschung über Evaluation formuliert. Es werden z.B. Forschungslücken im Bereich der Frage nach dem „Bewerten“ oder bei der Entstehung von Evaluationen verortet. Gleichzeitig ist die Vielfalt der empirischen Zugängen der vorgestellten Studien und Fragestellungen aus methodischer Sicht hervorzuheben.

Insgesamt ein interessanter Sammelband, der Einblick in die vielfältige Forschung über Evaluation ermöglicht und wichtige Fragen zur Weiterentwicklung der Forschung über Evaluation stellt.


Rezensent
Roland Baur
Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Fachhochschule Nordwestschweiz. Hochschule für Soziale Arbeit. Institut Professionsforschung und kooperative Wissensbildung
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit


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Zitiervorschlag
Roland Baur. Rezension vom 19.12.2013 zu: Jan Hense, Stefan Rädiker, Wolfang Böttcher, Thomas Widmer (Hrsg.): Forschung über Evaluation. Bedingungen, Prozesse und Wirkungen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2013. ISBN 978-3-8309-2829-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15505.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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