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Hans-Ulrich Wilms, Bettina Wittmund u.a.: Ein bisschen Angst hat schließlich jeder

Cover Hans-Ulrich Wilms, Bettina Wittmund, Claudia Mory: Ein bisschen Angst hat schließlich jeder .... Ein Erfahrungsbuch für Betroffene und Angehörige. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2004. 240 Seiten. ISBN 978-3-86145-270-6. 19,50 EUR, CH: 34,30 sFr.
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Einführung in das Thema

In Deutschland gibt es für erwachsene Menschen mit Angsterkrankungen unterschiedlicher Art bisher nur wenige Konzepte für eine befriedigende, hinreichende Behandlung. Vom Zeitpunkt des ersten Auftretens von krankheitswertigen Ängsten bis zum klaren Erkennen dieser als therapiebedürftig und schließlich bis hin zur gezielten, fachgerechten Behandlung vergehen oft Monate und Jahre. In diesem Buch wird nun ein in Leipzig erprobtes Behandlungskonzept vorgestellt und es werden viele wichtige Punkte für die betroffenen Personen, die Angehörigen, die beteiligten Berater/-innen und Ärzte/-innen rund um die Thematik dargelegt. Dabei kommen neben medizinisch-therapeutischen Faktoren zahlreiche alltagsbezogene Aspekte zur Sprache.

Autor/Autorin

Der Autor und die Autorinnen haben einen vielfältigen fachlichen Hintergrund.

Sie haben Psychologie studiert, sind in systemischer Familientherapie, Supervision, Institutionsberatung und/oder Verhaltenstherapie ausgebildet oder können z.T. auf eine freiberufliche Praxistätigkeit zugreifen. Dr. Hans-Ulrich Wilms, Dr. Bettina Wittmund und Claudia Mory sind psychotherapeutisch ausgebildet. Frau Dr. Wittmund ist zudem noch Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie.

Aufbau und Inhalte

Das im Gesamtkonzept sehr gewissenhaft aufbereitete Buch ist in zwölf Kapitel eingeteilt, wobei jeder Abschnitt durch einen betreffenden Kommentar von tatsächlich betroffenen Angstpatienten ergänzt wird.

  • Im ersten Kapitel finden sich erste Hinweise auf den Adressatenkreis und Vorschläge zum sinnvolen Gebrauch des Buchs.
  • Im zweiten Kapitel gehen die Autoren auf die Odyssee mancher betroffenen Personen durch eine Vielzahl von Arztpraxen ein und führen die Unterschiede der jeweiligen fachlichen Möglichkeiten auf. Eine besondere Klarstellung ergibt sich hier bei der Unterscheidung von Psychiatern und Psychologischen Psychotherapeuten. In diesem Abschnitt wird sehr treffend dargelegt, was man von den einzelnen Fachdisziplinen erwarten kann und was nicht.
  • Das dritte Kapitel nimmt Ängste und die mit ihnen verbundenen Wechselwirkungen von Gefahrgedanken, Energiebereitstellung und Selbstbeobachtung näher unter die Lupe. Drei gut aufbereitete Graphiken und die "Säbelzahntigergeschichte" machen die Erläuterungen sehr anschaulich.
  • Das folgende Kapitel befasst sich dann konkret mit ersten Lösungsschritten bei der Bewältigung von Ängsten. Hierzu werden vor allem schriftliche Aufzeichnungen und anderweitige Überprüfungsformen herangezogen, welche zum Ziel haben, die Ablenkung von der ausschließlichen Körperbeobachtung zu unterstützen. Dabei werden auch typische Stolpersteine beim "Abtrainieren" von Ängsten aufgezeigt.
  • Kapitel 5 macht die Lesenden mit den Mechanismen von Angsterkrankungen vertraut. Nach deutlichen Definitionen einzelner Gefühle, welche nicht unbedingt mit krankheitswertigen Ängsten in Verbindung stehen müssen, wird anhand des Belastung/Entlastung-Modell erläutert, was insbesondere zum Auslösen von Panikattacken führen kann und welche Warnsignale es zu beachten gilt.
  • "Stress-, Konflikt- und Zeitmanagement" könnte der Titel des Kapitel 6 sein, in welchem sich die Verfasser/-innen sehr gezielt mit der Bedeutung belastender und erholungsfördernder Lebens- und Alltagsituationen und -phasen auseinandersetzen. Menschen mit Angsterkrankungen werden hier wertvolle Hinweise zur Beeinflussung von belastenden Szenen im Alltagsleben erhalten können.
  • Kapitel 7 und 8 befassen sich kurz mit der Notfallaufnahme bei Panikattacken und der begrenzten Hilfemöglichkeit durch Medikamente.
  • Die Vor- und Nachteile gruppentherapeutischer Behandlungsformen werden im 9. Kapitel detailliert beschrieben. Anhand des selbstmanagementorientierten - und therapeutengeleiteten Gruppenmodells werden die drei bedeutsamen Bereiche für Gruppentherapien mit Menschen mit Angsterkrankungen thematisiert: (1) Wissensvermittlung, (2) Systematisierung individueller Verhaltensanalysen, (3) Training konkreter Angstbewältigungsübungen.
  • Das zehnte Kapitel geht auf die diversen Auswirkungen von Angsterkrankungen für Beruf, Partnerschaft, Familie und Freizeit ganz konkret ein. Hierbei kommen insbesondere die Angehörigen zur Sprache.
  • Das Kapitel 11 fasst noch einmal wesentliche Punkte der Ausführungen zusammen und zeigt realistisch auf, was für eine Behandlung von Angsterkrankungen erfolgversprechend ist. Es wird klargestellt, dass die Dauer der Erkrankung, andere psychische oder körperliche Erkrankungen sowie eine Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln erhebliche Auswirkungen auf den Behandlungserfolg haben können.
  • Die fünf Beiträge von Betroffenen zum Buch und zu ihren Erkrankungen im letzten Kapitel sind sehr beeindruckend. In überzeugender Offenheit beschreiben hier zwei Männer und drei Frauen, welche Erfahrungen sie mit ihrer Erkrankung, deren Behandlung sowie konkret mit diesem Buch gemacht haben. Die Autoren/-innen nehmen hierzu in äußerst selbstkritischer und wertschätzender Weise einfühlsam Stellung.

Eine übersichtliche Literaturliste und ein sorgfältig erarbeiteter Anhang mit hilfreichen Vorlagen runden das Buch ab.

Zielgruppen

Neben den Menschen, die von Angsterkrankungen betroffen sind, und ihren Angehörigen eignet sich dieses praxisnahe, alltagsbezogene Buch ebenso gut für Fachleute, die bisher weniger detaillierte Kenntnisse über diese Krankheit haben. Sowohl Ärzte und Therapeuten/-innen unterschiedlicher Ausrichtungen sowie Vertreter/-innen beraterischer oder pflegerischer Berufe werden von dem systemtheoriegeleitetem Buch profitieren können.

Fazit

Dieses "Erfahrungsbuch für Betroffene und Angehörige" ist mit seinen 21 Abbildungen und den facettenreichen Hinweisen über Hintergründe und Bewältigungsmöglichkeiten von Angsterkrankungen eine wertvolle Quintessenz der Thematik. Die Erklärungen, Übungsvorschläge und Tipps können sehr gut in professionell geführte Gespräche einfließen. Der besondere Ansatz, Betroffene selbst Stellung beziehen zu lassen zu dem Inhalt des Buches, überzeugt sehr. Diese Form hilft in kritischer Weise, das beschriebene engmaschige Angstmanagement auf seine Brauchbarkeit hin zu überprüfen. Einzelne Textpassagen werden für Menschen, die sich schon intensiver mit dem Thema befasst haben, nicht so bereichernd sein. Dafür vermag aber die achtsame Kleinschrittigkeit der Ausführungen und die übersichtliche Gliederung alle Lesenden mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Kenntnisständen ansprechen und zum eigenverantwortlichen Erarbeiten einladen.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 30.03.2004 zu: Hans-Ulrich Wilms, Bettina Wittmund, Claudia Mory: Ein bisschen Angst hat schließlich jeder .... Ein Erfahrungsbuch für Betroffene und Angehörige. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2004. ISBN 978-3-86145-270-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1551.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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