Heiner Seidlitz, Dietmar Theiss: Ressourcenorientierte Gesprächsführung am Telefon und bei niedrigschwelligen Kontakten
Rezensiert von Dr. Stefan Plöger, 18.09.2013
Heiner Seidlitz, Dietmar Theiss: Ressourcenorientierte Gesprächsführung am Telefon und bei niedrigschwelligen Kontakten. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2013. 3., durchges. und erweiterte Auflage. 239 Seiten. ISBN 978-3-942976-09-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.
Entstehungshintergrund und Thema
Das vorliegende Buch ist die dritte Auflage des 2007 erschienen Buchs „Ressourcenorientierte Telefonberatung“.
Zunächst war das Buch als „Lehr- und Lernbuch“ für die Ausbildung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der TelefonSeelsorge konzipiert und wurde in diesem Bereich weit verbreitet genutzt.
Mit Blick auf die dritte Auflage ging es darum, einerseits bestimmte Präzisierungen vorzunehmen, andererseits aber den Anwendungsbereich weiter zu stecken. Das Buch gibt in seiner vorliegenden Fassung Anregungen für die Dienste, die Hilfesuchende ohne großen Aufwand nutzen können. So erweitert sich das Blickfeld von der Gesprächsführung am Telefon auf niedrigschwellige ressourcenorientierte Beratung überhaupt (also u.a. auch in allgemeiner Sozialarbeit und in betrieblichen und schulischen Beratungsfeldern).
Autoren
Heiner Seidlitz, geboren 1949, ist Diplom-Psychologe, Theologe, Systemischer Therapeut (IGST) und Supervisor (IGST, BDP), seit 1988 evangelischer Leiter der TelefonSeelsorge Pfalz. U.a. Veröffentlichungen zu Katastrophen-Nachsorge, Umgang mit akuter Suizidgefahr.
Dietmar Theiss, geboren 1959, ist Diplom-Psychologe, Diplom-Theologe, Psychologischer Psychotherapeut (BDP, EAS e.V.). Von 1991 bis 2006 war er katholischer Leiter der TelefonSeelsorge Pfalz, seither in eigener psychotherapeutischer Praxis tätig.
Aufbau
Das Buch bietet ausgehend vom Selbstverständnis niedrigschwelliger Telefonberatungseinrichtungen (Kap.1), Grundsätzen systemisch-ressourcenorientierter Gesprächsführung (Kap.2), Merkmalen niedrigschwelliger Beratung (Kap. 3) und dem Thema der Selbstfürsorge der Berater (Kap 4) ausführliche Überlegungen/Erörterungen zu den Themen Beziehung wahrnehmen und gestalten (Kap. 5) und Fragen richtig einzusetzen (Kap. 6). Es folgen ein Kapitel zum Gesprächsauftrag (Kap. 7), ein Kapitel zum Umgang mit unterschiedlichen Hilfewünschen (Kap.8) und Überlegungen zur Fokussierung auf Lösungspotenziale (Kap. 9). Dem Beenden des Gesprächs (Kap. 10), dem Thema Krisenintervention (Kap.11) und dem Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Telefonberatung (Kap. 12) werden weitere Kapitel gewidmet.
Inhalte
Die typischen Engpässe niederschwelliger Beratung werden deutlich in den Blick gerückt und mögliche Interventionen angeboten. So verharren Klienten häufig in der Haltung, ausgeliefert und ohnmächtig zu sein. Das Buch zeigt wertschätzende und konsequente Wege, hier in Kontakt zu gehen und die Wahrnehmungsräume zu erweitern. Häufig können keine klaren Ziele von den Hilfesuchenden genannt werden, so dass empathische Begleitung ohne Zielrichtung ohne Wirkung bleibt. In bestimmten Grenz- und Ausnahmefällen ist der Wechsel von beratender in eine kontrollierend fürsorgliche Haltung notwendig.
Das deutliche Verdienst dieser Auflage ist es, solche und ähnliche Problemfelder genauer zu beschreiben und Handlungsmöglichkeiten anzubieten. Ganz besonders zeigt sich dies in den Kapiteln, wo es darum geht, mit Hilfesuchenden in Kontakt zu kommen (Kap. 5), wo die Möglichkeiten, Fragen zu stellen, genau betrachtete werden (Kap. 6), wo Überlegungen zu Orientierung, Klärung oder Entwicklung eines Auftrags des Klienten gut nachvollziehbar entwickelt werden (Kap. 7). So wird ausgehend von einer übersichtlichen, gut gegliederten Zusammenstellung der Ebenen der Beziehungsgestaltung dem Thema richtiger Fragen ein zusätzliches Kapitel gewidmet. Fragen sind ein wesentlicher Aspekt der Gesprächsführung. Mit der Unterscheidung von Erkundungsfragen zur Problemklärung, Bewältigungsfragen und Fragen, die Lösungsvisionen anregen, ergeben sich für die Praxis relevante Unterscheidungen.
Die Erörterungen zur Auftragsorientierung tragen in der überarbeiteten Fassung dem Umstand Rechnung, dass in der niedrigschwelligen Beratung Hilfewünsche häufig unklar bleiben und nicht explizit benannt werden oder werden können. Sie müssen im Gespräch erst geklärt werden. U. U. verändert sich das Ziel eines Gesprächs auch im Rahmen eines solchen Klärungsversuchs. Entsprechend gilt große Vorsicht mit ungefragten Hilfsangeboten, die eigentlich erst dann sinnvoll greifen können, wenn es eine gemeinsame Basis im Hinblick auf Auftrag und Ziel des Gesprächs gibt. Allgemein wird deutlich, dass angemessene Hilfewünsche der Ratsuchenden nicht auf konkrete Problemlösungen oder Verhaltensänderungen reduziert sind. Mit Orientierung, Entlastung, Stützung, Selbstvergewisserung zeigen sich weitere Bereiche, die von Beratern begleitet werden können. Lebensorientierung/Sinndeutung zeigt sich gerade in der TelefonSeelsorge als relevant.
Ein weiteres typisches Konfliktfeld im Beratungskontext: Was tun, wenn sich die anderen ändern sollen (und nicht der Ratsuchende selbst)? Eine entsprechende Gesprächssituation wird hier analysiert und im Hinblick auf mögliche Veränderungsschritte durchgegangen. Ebenso zeigen die Autoren bei dem Wunsch nach einem Rat Möglichkeiten, angemessen zu reagieren.
Diskussion
Insgesamt wird eine gründliche Überarbeitung mit Ergänzungen an wichtigen Punkten angeboten. Die jetzige Auflage wurde so um rund 50 Seiten auf 239 Seiten erweitert. Die ersten beiden Auflagen standen unter dem Vorzeichen, systemisches Denken in der Beratung (speziell der TelefonSeelsorge) zu etablieren. Die dritte Auflage ist integrativ, fasst zusammen, bietet Übersicht. Sie wirkt insgesamt schlüssiger und stringenter. Die Überlegungen werden aufeinander aufbauend gut durchstrukturiert angeboten. Relevante Veröffentlichungen der letzten Jahre wurden berücksichtigt.
Fazit
Dieses Buch dient keiner akademischen Spiegelfechterei. Erörterungen, Übungen und Anregungen zur Reflexion sind praxisnah, praktisch, anregend und sprechen für den profunden Erfahrungshintergrund der Autoren.
Rezension von
Dr. Stefan Plöger
Psychologische Psychotherapeut
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Es gibt 2 Rezensionen von Stefan Plöger.



