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Urban Wiesing: Wer heilt, hat Recht?

Cover Urban Wiesing: Wer heilt, hat Recht? über Pragmatik und Pluralität in der Medizin. Schattauer (Stuttgart) 2004. 112 Seiten. ISBN 978-3-7945-2304-7. 19,95 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Autor

Der Autor ist Professor für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität in Tübingen. Er behandelt die Thematik aus medizinischer und philosophischer Sicht.

Thema

Die Aussage der Überschrift hat die therapeutischen Handlungen seit den Anfangszeiten begleitet. Immer wieder dürften Diskussionen zwischen den Heilern über diesen Punkt aufgeflammt sein. In den früheren Zeiten - und auch heute noch - hatte jeder Heiler, Schamane oder Medizinmann - seine eigene Therapie, wobei der psychische Faktor dann im Vordergrund stand. Mit dem Aufkommen der naturwissenschaftlichen Medizin kam es zu einer Abgrenzung mit den sonstigen Heilern. Die Diskussion der Frage: Wer hat recht? ging jetzt eher um die naturwissenschaftlichen Methoden im Vergleich zu den psychisch-affektiven basierten Methoden der alternativen Heiler, die auch Erfolge haben.

Inhalt

In der ersten Hälfte des Buches wird die allgemeine Situation der Medizin in der Vergangenheit und heutigen Zeit dargestellt.

  • Das Kapitel 2 befasst sich mit wissenschaftstheoretischen Vorüberlegungen über die Pluralität, Pragmatik und Angemessenheit. Die Wertigkeit eines Paradigmas wird allgemein diskutiert.
  • Das 3. Kapitel stellt "Die Suche der Medizin nach Wissenschaftlichkeit" dar.
  • Im 4. Kapitel wird die "Gegenwärtige Medizin: Dominanz und Pluralität" besprochen. Der Autor schlägt einen weiten Bogen in der Diskussion über die Situation der Medizin. Er wirft viele Fragen auf und weist auf die Schwierigkeiten und die Differenzen im medizinischen Handeln hin. Er stellt fest, dass viele Paradigmen oder Paradigmenkomponenten oft beziehungslos nebeneinander stehen. Sie ignorieren sich schlicht, ohne ihr Verhältnis zueinander auch nur zu thematisieren. Es überwiegt eine Ignoranz oder stillschweigende Koexistenz. "Was tun ?... Diese Frage wäre vor dem Hintergrund zu beantworten, dass es ein einziges Paradigma mit richtigem Zugang zur Realität nicht gibt, dass sich die Pluralität kaum überwinden lassen dürfte und dass andere Kriterien wie Nützlichkeit, Effektivität oder Problemauflösungsfähigkeit angemessen sind"(S.37). Er fordert eine besondere Form der Paradigmenvielfalt und dass die Medizin eine zielorientierte Vielfalt von Paradigmen ausarbeiten sollte. "Eine reflektierte Paradigmenvielfalt, eine bewusste Paradigmenangemessenheit, um die Aufgabe der Medizin so gut wie möglich zu erfüllen, gelte es anzustreben." Er definiert die Aufgabe der Medizin, dass diese sich am Kriterium der Hilfe für kranke Menschen ausrichten soll. Seine These lautet "Die Medizin soll sich ihrer Vielfalt an Paradigmen bewusst werden, diese reflektieren und anhand von normativen Vorgabe weiter ausbauen. Was sie immer tat, soll sie nun wissenschaftlich und zielorientiert tun, nicht unreflektiert, nicht destruktiv abgrenzend, sondern konstruktiv kooperierend." Am Beispiel des Magengeschwürs und die Entdeckung von Helicobacter pylori stellt er die Problematik dar.

Die zweite Hälfte des Textes bezieht sich auf spezielle Fragen.

  • Das Kapitel 5 über das Titelthema wird in folgende Schwierigkeiten unterteilt: "Was gilt als heilen?- Wer nachweislich heilt...? - ..., hat Recht?- Wer soll versuchen, zu heilen - Wer nachweislich heilt...? ein Resümee." Als Ergebnis gibt er eine erweiterte Fassung "Wer nachweislich heilt, sollte es auch tun, sofern der Patient es wünscht." Der Patient entscheidet darüber bzw. muss für sich selbst entscheiden bei unterschiedlichen Ansichten darüber, was als Erfolg einer Therapie zu gelten hat.
  • Kapitel 6 "Die Evidenzbasierte Medizin" bestätigt zentrale Kennzeichen einer Medizin der zielorientierten Paradigmenvielfalt. Sie ist das sichtbarste Zeichen für den Wandel der Medizin hin zu Pragmatik und Pluralität.
  • Kapitel 7: "Schulmedizin und alternative Medizin - auch hier Pragmatik und Pluralität?" Hier empfiehlt der Autor so zu verfahren wie mit der Schulmedizin. "Man prüfe die Verfahren auf ihre Wirksamkeiten und wende die wirksamsten an, man prüfe die theoretischen Vorstellungen auf ihre Plausibilität und entwickle die plausiblen weiter."
  • Kapitel 8: "Fallstudie Placebo". Die Placebo-Gabe wird von dem Placebo-Effekt differenziert. Weiterhin werden die unreinen Placebo, die Pseudoplacebos und der Nocebo-Effekt besprochen. Die Unterscheidung eines Placebos von einem Verum wird thematisiert. Er meint, dass die Placebos größere Deutungsspielräume als die Gabe eines Verums ermöglichen. Die Placebos unterliegen bereits vor der Gabe der interpretierenden Deutung. "Die ärztliche Praxis unterliegt einem Geflecht aus Bedürfnissen und Erwartungen, das die Gabe von Placebos unterstützt." Das Placebo-Phänomen wird heute bei allen Einführungen neuer Medikamente mit untersucht. Die große Zahl entsprechender Ergebnisse wird nicht dargestellt und die Wirkung wird auch nicht tiefer analysiert. Die oben angeführten Bedürfnisse und Erwartungen hätten näher erfasst und diskutiert werden sollen.
  • Kapitel 9: "Postmoderne Medizin?" Hier werden Vergleiche mit der postmodernen Philosophie angestellt und auf die Schwierigkeiten hingewiesen. "Man sollte eine Medizin der zielorientierten Paradigmenvielfalt auch deswegen nur mit Vorbehalten >postmodern< nennen, weil ansonsten die Gefahr besteht, Abneigung gegenüber der postmodernen Philosophie auf die Medizin zu übertragen."
  • Kapitel 10: Abschließend werden in "Zwölf Thesen zur Pragmatik und Pluralität in der Medizin" die Themen zusammengefasst.

Diskussion

Der Autor hat eine Thematik aufgegriffen, die in der Medizin seit jeher immer wieder diskutiert und umstritten ist. Das Dilemma besteht zwischen den vielen angewendete Heilmethoden und deren Heilerfolge in der Praxis. Da jede Heilmethode Erfolge hat - siehe Placebowirkung - können die Heilungen nur bedingt als Kriterium herangezogen werden.

Die einzelnen Themen werden in zahlreiche Fragestellungen aufgeteilt. Es werden die Probleme, Fragwürdigkeiten, Unklarheiten, die Gefahren, die Abgrenzungen und Definitionen aufgezeigt und diskutiert. Es erfolgen aber keine tieferen Erörterungen und keine konkreten Schlussfolgerungen. Die Probleme und die Titelfrage bleiben weiterhin ungeklärt. Die These einer zielorientierten Pragmatik hilft da nicht viel weiter, denn auch die Ziele können ganz unterschiedlich gesehen werden.

Fazit

Das Buch dürfte für Mediziner und Philosophen interessant sein, die sich mit diesen Grundfragen der Medizin beschäftigen und weitere bzw. neue Anregungen suchen.


Rezension von
Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
Arzt für Psychiatrie
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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Zitiervorschlag
Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 25.05.2004 zu: Urban Wiesing: Wer heilt, hat Recht? über Pragmatik und Pluralität in der Medizin. Schattauer (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-7945-2304-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1552.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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