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Mary Marshall, Kate Allan (Hrsg.): "Ich muss nach Hause" (Ruhelosigkeit bei Demenz)

Cover Mary Marshall, Kate Allan (Hrsg.): "Ich muss nach Hause". Ruhelos umhergehende Menschen mit einer Demenz verstehen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. 224 Seiten. ISBN 978-3-456-84731-3. 29,95 EUR, CH: 48,60 sFr.

Reihe: Pflegepraxis - Altenpflege.
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Thema

Umhergehende Menschen mit Demenz – diesen Menschen widmet sich das Buch aus zahlreichen Perspektiven: Herausforderungen an die Begleiter, Möglichkeiten und Einschränkungen der gehenden Menschen, Gestaltungs- und Begleitungsmöglichkeiten, Ernährung und pflegerisches Assessment uvm., basierend auf dem kontinuierlichen Bestreben, die Bedürfnisse hinter dem Gehen zu verstehen.

Herausgeberinnen

Mary Marshall ist emeritierte Professorin an der University of Stirling und ehemalige Direktorin des Dementia Services Development Centre an der University of Stirling.

Kate Allan ist klinische Psychologin und Beraterin und Trainerin in der Versorgung von Menschen mit Demenz.

Das Buch entstand gemeinsam mit zahlreichen Fachleuten für die Belange von Menschen mit Demenz.

Entstehungshintergrund

Übersetzung des englischen Originaltitels „Dementia: walking not wandering“, das 2006 bei Hawker Publications LTD erschien. Das Buch lag für diese Rezension in der 1. Auflage von 2011 vor.

Aufbau und Inhalt

1. Eine normale, erfreuliche Aktivität – Mary Marshall eröffnet das Buch mit einer Reflexion über den Begriff des „Wandering“, der in diesem Kontext in der englischen Sprache für „ruheloses Umhergehen“, aber auch für „Umherirren“ verwendet wird. Ziel des Buches ist, dass die Beteiligten sich stärker auf die Frage konzentrieren, warum Menschen eigentlich gehen. Das Kapitel gibt zudem Einblicke in die (zum Zeitpunkt des Erscheinens der englischen Originalausgabe) aktuelle englischsprachige Fach- und Lehrliteratur zum Thema Demenz, zum Umhergehen und zu herausforderndem Verhalten und zeigt dabei eher ein bedrückendes, negatives Bild von Demenz und Umhergehen in den Quellen auf. Zwei Erzählungen zur Bedeutung des Gehens allgemein schließen sich an.

2. Warum wir gehen – Das Kapitel befasst sich mit dem „Akt des Gehens als Form der Kommunikation“ und gibt zahlreiche Schilderungen von Menschen mit Demenz, die versuchen, sich mit dem Gehen in verschiedener Weise auszudrücken. Kernstück des Kapitels ist ein Bezugsrahmen für die Suche nach den Bedürfnissen eines Menschen anlehnend an das detektivische Verhalten eines Inspektor Columbo. Mit der Bedürfnisorientierung entfällt der Fokus auf das herausfordernde Verhalten und wird ersetzt durch den positiven Blick auf den jeweiligen Menschen. Dabei stehen nach Columbos Manier stets auch die Ereignisse kurz vor dem Geschehen, also die konkreten Auslöser, im Mittelpunkt. Diese Vorgehensweise wird sehr detailliert und auch anhand eines Fallbeispiels geschildert. Folgend ein Plädoyer, das Gehen von Menschen mit Demenz nicht als „Wandering“, sondern eben als Gehen wahrzunehmen, mit den unterschiedlichen Merkmalen von Gehen und Motiven, die Menschen mit Demenz damit möglicherweise verbinden. Melanie Reid schildert ausführlich die Lebensgeschichte ihrer Mutter mit Demenz und beschreibt den aus ihrer Sicht bewussten Gang ihrer Mutter heimlich nachts aus dem Pflegeheim hinaus in den selbstgewählten Kältetod im Garten, und die kontroversen Reaktionen, die dieser Weg der Mutter und die akzeptierende Reaktion der Tochter in der Öffentlichkeit erzeugten. Das Kapitel endet mit der Innensicht (Sichtweisen von Mitgliedern einer Selbsthilfegruppe) und der Außensicht (Sichtweise von Angehörigen) auf das Umhergehen von Menschen mit Demenz.

3. Medizinische Aspekte – Kurz und präzise ein Überblick über Krankheits- und Störungsbilder und mögliche Medikationen: Demenz, Depression, Wahn und Halluzination, Schlafstörungen. Fallgeschichte.

4. Settings – Anforderungen an eine bedürfnisorientierte Sichtweise auf das Gehen und die angemessene Begleitung von Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus. Die institutionelle Perspektive: Bericht aus einer Tagespflegeeinrichtung, die individuelle Perspektive: Probleme einer körperlich kleineren Frau, eine angemessene Sitzmöblierung zu bekommen.

5. Einsperren – Überblick über die verschiedenen freiheitseinschränkenden Maßnahmen und „Merkpunkte“ für eine angemessene Balance zwischen begrenzt notwendigen Restriktionen und dem Recht auf persönliche Freiheit. Ergänzend Fallbeispiele für verschiedene Formen der Misshandlung durch Einschränkung des Geh-Bedürfnisses.

6. Der Blick zurück – Der Kapitelschwerpunkt liegt auf der biografischen Bedingtheit des Gehens, Auswirkungen früherer Erlebnisse und Sehnsucht nach freier Natur als mögliche Motive für das Gehen. Ergänzend Fallgeschichten und Erzählungen.

7. Bewegung – Konkrete Bewegungsempfehlungen für die verschiedenen Stadien einer Demenz und Beispiele für eine Bewegungsförderung durch Tanz.

8. Stets gesund und wohlbehalten – Hinweise, wie eine ausreichende, kalorienreiche Ernährung bei erhöhtem Energieverbrauch durch Gehen sichergestellt werden kann, die Möglichkeiten der Ernährung beim Gehen, Nährstoffgehalt und Trinkmenge sowie die Gestaltung von Mahlzeiten. Außerdem ausführlich zu architektonischer Gestaltung von Räumen, Gebäuden und Außenanlagen, um anregende Gehstrecken zur Verfügung stellen zu können. Zuletzt technische Möglichkeiten, das Gehen ermöglichen und überwachen zu können im Sinne der Menschen mit Demenz. Fallschilderungen zu allen Bereichen.

9. Therapie - Eine Fallgeschichte, eine Erzählung.

10. Gemeinsam gehen - Eine ausführliche Fallbeschreibung einer Egotherapeutin über eine Patientin, die sich durch das gemeinsame Gehen (und Tun) zur für sie dringend notwendigen Bewegung aktivieren konnte, Hunde als Begleiter beim Gehen und das „beseelte Gehen“: bewusstes „Miteinander-Gehen“ auch in Hinsicht der „spirituellen Präsenz“ der Pflegenden. Fallgeschichte.

11. Ruheloses Umhergehen aus pflegediagnostischer und chronopflegerischer Sicht - Nach der obligatorischen Einführung über das Gehen bei Menschen mit Demenz und einem Exkurs in die Bildhauerei folgt eine ausführliche Übersicht über den Pflegeprozess hinsichtlich des Bewegungsverhaltens, mit Verweisen und Erläuterungen zu zahlreichen Assessmentinstrumenten. Erläuterungen zur Pflegediagnose „Wandering“, Pflegeziele und Pflegeinterventionen, differenziert nach einigen ABEDLs schließen sich an. Ergänzend eine Einführung in die chronopflegerische Sichtweise auf das ruhelose Umhergehen. Die chronopflegerischen Interventionen zur Beeinflussung verschiedener Zeitgeber schließen das Kapitel wie auch das Buch auf einer sehr praktischen und gleichzeitig wissenschaftlich begründeten Ebene ab.

Sehr ausführliche Literaturverzeichnisse sowohl der englischen wie der aktuelleren deutschen Fachliteratur, ein ausführliches Autorenverzeichnis, hilfreiche Links und Adressen aus dem deutschsprachigen Raum machen das Buch darüber hinaus zu einer sehr informativen Quelle.

Diskussion

„Wandering“ nennt man es im englischen Sprachraum, ruheloses Umhergehen, und es wird nicht nur dort oftmals als „herausforderndes Verhalten“ benannt, das doch irgendwie abzustellen sein muss.

Genau gegen diese Haltung wendet sich das Buch deutlich, wiederholt und unmissverständlich, und es legt anschaulich dar, dass es viele Wege und Möglichkeiten gibt, dem Bedürfnis zu Gehen von Menschen mit Demenz entsprechen zu können.

Das Gehen wird aus sehr vielen Facetten beleuchtet: biografische Bedeutung, kommunikative Aspekte, Essen beim Gehen, konkrete Bewegungsübungen, bauliche Erleichterungen, technische Überwachungsmöglichkeiten etc. Wer sich umfassend mit dem Thema Gehen von Menschen mit Demenz auseinandersetzen möchte (das im deutschen Sprachraum oftmals mit den Begriffen „Hinlauftendenz“/ „Weglauftendenz“ assoziiert wird), kommt um dieses Buch m.E. nicht herum.

Die Vielzahl an Autoren, die die vielen Unterkapitel z.T. wechselnd geschrieben haben, bringt es mit sich, dass einiges an Inhalt mehrfach erscheint, so z.B. die Frage nach den Gründen für das Gehen und den Bedürfnissen, die damit befriedigt werden. Da dieses Gleiche (Situation des Menschen kennenlernen, Fragen stellen, Bedürfnisse erkennen) dann aber immer wieder in einen anderen Kontext gestellt wird, erweist es sich dann zwar als auffallend, aber nicht als störend.

Denn genau das kann nicht oft genug wiederholt und gesagt werden: Wenn wir Menschen mit Demenz verstehen wollen, wenn wir sie so begleiten wollen, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten sicher und zufrieden leben können, dann kommen wir nicht umhin

  • anzuerkennen, dass ihr Verhalten, so absurd es uns „Orientierten“ vielleicht erscheinen mag, für sie jeweils einen ganz individuellen Sinn hat
  • uns immer wieder neu um Verständnis zu bemühen, für die Motive und Bedürfnisse, aus denen heraus der jeweilige Mensch dieses Verhalten zeigt.

Die Fallgeschichten über Menschen mit Demenz sowie die Erzählungen von „gesunden“ Gehenden nehmen in einigen Kapiteln etwas Überhand, was aber vermutlich gewollt ist und bei vielen Leser/innen sicher auf große Zustimmung trifft. Meist zeigen die Fallgeschichten einen guten Transfer der Theorie in die Praxis und beinhalten oftmals auch die selbstreflexive, selbstkritische Perspektive des Autors oder der Autorin.

Fachleute mit dem Blickwinkel auf konkrete Anregungen, Methoden und Maßnahmen sollten ihr Augenmerk vor allem auf die Kapitel 2, 5, 7, 8 und 11 richten. Um jedoch die Haltung und die vollständige Intention des Buches zu erfassen, ist die vollständige Lektüre lohnens- und empfehlenswert.

Der bereits etwas „älteren“ Auflage von 2011 und dem Erscheinungsjahr 2006 in der englischsprachigen Originalausgabe ist es geschuldet, dass die zitierte Literatur für einen aktuellen „state oft the art“ nicht mehr ganz passend sein kann.

Insgesamt ein sehr „dichtes“ Buch, dicht an Inhalt und Information, aber auch dicht an persönlichen Schicksalen wie persönlichem Engagement der vielen Autor/innen.

Fazit

Äußerst lesenswert, so lautet das kurze Fazit.

Das gilt für gerontopsychiatrische Fachkräfte, Leitungskräfte von Einrichtungen, in denen Menschen mit Demenz betreut werden, Angehörige und (Haus-)Ärzte und Ärztinnen. Für sie hat das Buch vielleicht nicht durchgehend, aber doch mehrheitlich viele interessante, hilfreiche, teilweise nachdenkliche, teilweise aufrüttelnde Passagen. Dazu kommen Hintergrundwissen, konkretes Handwerkszeug und viele Fallbeispiele zu einer breiten Spanne von Themen, die alle mit dem Gehen von Menschen mit Demenz verknüpft sind.

Das gilt auch für alle – Pflegende, Politiker/innen, Ärzt/innen, Gesundheitswissenschaftler/innen, Betriebswirt/innen, Verwaltungsfachleute – die an der Entwicklung neuer Wohn- und Quartierskonzepte oder an der Umgestaltung eines Wohnbereiches für Menschen mit Demenz beteiligt sind.

Das gilt nicht zuletzt für alle, die eine personzentrierte, bedürfnisorientierte Begleitung von Menschen mit Demenz leben und fördern. Sie finden hier Bestätigung, gute Argumente und sicher noch viele Anregungen, wie es noch besser gelingt, ruhelos umhergehende Menschen mit einer Demenz zu verstehen.


Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
Homepage www.xing.com/profile/Bettina_Wichers
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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 16.12.2013 zu: Mary Marshall, Kate Allan (Hrsg.): "Ich muss nach Hause". Ruhelos umhergehende Menschen mit einer Demenz verstehen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2011. ISBN 978-3-456-84731-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15523.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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