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Brita Schirmer: Schulratgeber Autismus-Spektrum-Störungen

Cover Brita Schirmer: Schulratgeber Autismus-Spektrum-Störungen. Ein Leitfaden für LehrerInnen ; mit 1 Tabelle. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 3., aktualisierte Auflage. 171 Seiten. ISBN 978-3-497-02393-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Dieses Buch ist für den Kontext Schule geschrieben. Schülerinnen und Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen benötigen Unterstützung in der Kommunikation, im Kontakt- und im Sozialverhalten sowie bei ihren Interessen. Schüler aus dem Spektrum haben ein unausgewogenes Leistungsprofil. Herkömmliche Methoden des Unterrichtens und der Begegnung sind oft nicht geeignet und beachten nicht die Besonderheiten im Lernen. Lehrerinnen und Lehrer haben einen Bedarf an Fortbildungen, um eine geeignete Lernumgebung zu schaffen.

Autorin

Seit fast zwanzig Jahren arbeitet Dr. Brita Schirmer als Lehrerin an Sonderschulen in Berlin. Dabei hat sie es schwerpunktmäßig mit Schüler_Innen mit Autismus-Spektrum-Störungen zu tun. Aus diesem Erfahrungswissen sind ihre Bücher entstanden. Sie gibt ihr Wissen in Büchern und auf Fortbildungen weiter.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst auf 172 Seiten fünf Kapitel. Zahlreiche Unterkapitel sowie 20 Abbildungen und 1 Tabelle vertiefen die Inhalte. Fachinformationen werden im Fließtext mit Zitaten von Betroffenen unterfüttert. Dieser Praxisleitfaden für Lehrer_Innen, die mit Schülern aus dem  Autismus-Spektrum arbeiten ist als Buch und als E-Book in dritter Auflage erschienen und wurde im Hinblick auf Fachinformationen und Literatur aktualisiert. Auf der Website des Verlags (www.reinhardt-verlag.de) ist ein Formular zur Verhaltensbeobachtung zum download bereit gestellt.

Das 1. Kapitel befasst sich mit der Frage, was Autismus ist und betrachtet vertiefend den frühkindlichen Autismus, das Asperger-Syndroms, den high-functioning-Autismus, den atypischen Autismus und um Schüler ohne Diagnose.

Im Kapitel 2 geht es um ausgewählte rechtliche Grundlagen für die Bildung und Erziehung von Schülern mit ASS. Dabei wird die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, ausgewählte rechtliche Grundlagen in Deutschland und Empfehlungen der Kultusministerkonferenz, (inkl. Aussagen der KMK zum Förderbedarf, zur geeigneten Schule, zur Schulpflicht, zu den räumlichen Bedingungen sowie zur Unterrichtsmethodik), ausgewählten rechtliche Grundlagen für die Bildung und Erziehung von Schülern mit ASS in Österreich und der Schweiz.

Kapitel 3 beschreibt den autismusspezifischen Förderbedarf. Die Autorin hat eine Tabelle zusammengestellt, die eine Übersicht über mögliche Aspekte des autismusspezifischen Förderbedarfs gibt und auf die entsprechenden Kapitel im Buch verweist, in denen das Thema vertiefend bearbeitet wird. Bei dem Personenkreis liegt ein Förderbedarf im Bereich der Kommunikation (die verbale Sprache entwickelt sich nicht, die Körpersprache ist beeinträchtigt, es gibt Besonderheiten bei vorhandener verbaler Sprache, der Schaffung einer kommunikationsanregenden Umgebung und dem Zulassen individueller Kommunikationswege) vor.

Beim der Förderung im Bereich des Sozialverhalten geht die Autorin spezifisch auf die Beeinträchtigung der Theory of Mind, den Risiken für eine gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler, den Schwierigkeiten, bei dem Aufbau und die Gestaltung altersgerechter Beziehungen zu den Mitschülern, dem ungewöhnlichen Umgang mit Regeln und der nicht vorhandenen Angst vor Gefahren ein.

Ein dritter großer Bereich der Förderung sind Einschränkungen im Handlungs- und Interessensbereich (speziell um die Nutzung der individueller Motivations- und Tokensysteme, dem Abschluss von Verhaltensverträgen, dem Umgang mit Stereotypien, Spezialinteressen und mit Reaktionen auf den Overload). Sie betrachtet Besonderheiten beim schulischen Lernen z.B. den Problemen mit dem Nachahmen, dem Verstehen des Lehrers, dem Lernen durch Unterweisung, den Möglichkeiten strukturiert zu Visualisieren und der Theorie der verminderten zentralen Kohärenz. Kennzeichen dieses Personenkreises ist ein unausgewogenes Leistungsprofil. Beeinträchtigungen in den exekutiven Funktionen kann begegnet werden, indem Abläufe und Aufgaben organisiert werden oder Aktivitätspläne und Arbeitsstationen angeboten werden, um Handlungsabläufe zu automatisieren. Eine beeinträchtigte räumliche Orientierung bezieht sich sowohl auf das gesamte Schulgebäude als auch auf die Orientierung im Raum und am Arbeitsplatz. Beeinträchtigungen in der zeitlichen Orientierung beziehen sich darauf, größere Zeiträume zu überblicken, die Tagesstruktur zu verstehen, kürzere Zeitabschnitte einschätzen, Leerzeiten wie Pausen und Wartezeiten zu füllen. Es muss beachtet werden, dass Menschen aus dem autistischen Spektrum in ihrer Motorik ungeschickt sind. Bevor es um die Beschreibung der allgemeine Grundsätze pädagogischer Arbeit (im Besonderen der einzelfallbezogenen Hilfen im Unterricht sowie der interdisziplinären Zusammenarbeit geht) befasst sich die Autorin damit, wie Übergänge, Veränderungen und unerwartete Ereignisse gemeistert, Flexibilität erhöht, und Veränderungen transparent gemacht werden können. Schlüssel sind strukturierte Lernangebote und die Gewährung von ausreichend Zeit und Pausen.

Kapitel 4 stellt die Frage nach der „richtigen“ Schule und beginnt mit Argumenten für Inklusion und Integration. Sie zeigt auf wie Inklusion bzw. Integration gelingen kann. Es gibt aber auch noch Eltern, die sich für Schulen mit Förderschwerpunkten oder speziellen Klassen entscheiden. Frau Schirmer stellt eine Sammlung von Fragen vor, die die Entscheidung erleichtern können.

Kapitel 5 schließt das Buch mit besondere Probleme im pädagogischen Alltag ab. Dabei geht es zum einen um den Umgang mit Fremd- und Autoaggressionen, wobei von zentraler Bedeutung ist, was Aggressionen sind, wie Verhalten bewertet wird, wie man aggressivem Verhalten vorbeugen und welchen Umgang mit Aggressionen man finden sollte (Formen aggressiven Verhaltens und Regeln zum Umgang, Kontrolle der Ergebnisse, Notfallmaßnahmen). Auf der Website des Verlags (www.reinhardt-verlag.de) ist ein Formular zur Verhaltensbeobachtung zum download bereit gestellt. Diesen Inhalten folgt das Thema Zusammenarbeit mit den Eltern. Das Buch endet mit den Themen Pubertät bei Schülern mit ASS und dem Vorkommen eines auffälligen Sexualverhaltens.

Diskussion

Durch die Ratifizierung der UN Konvention haben mittlerweile alle Kinder das Recht in der Regelschule beschult zu werden. Das gibt auch Kindern aus dem autistischen Spektrum Rechtssicherheit. Leider treffen sie in unseren Schulen auf ein System, dass im Zweifelsfall nicht ausreichend vorbereitet bzw. fortgebildet und aufgeklärt ist. Es wird höchste Zeit, dass diese Informationslücken aufgefüllt werden. Autismus ist eine Behinderung, die nicht augenscheinlich ist. Oft wird der Hilfebedarf nicht erkannt mit der möglichen Folge, dass die Unterstützung unzureichend ist. Meistens sind die Betroffenen die Leidtragenden.

Die Autorin Brita Schirmer schrieb das Buch aufgrund 20 jähriger Erfahrungen im schulischen Kontext. Sie gibt eine Übersicht über den Unterrichtsalltag mit betroffenen Schüler_Innen. Die Tatsache, dass das Buch mittlerweile in dritter Auflage erschienen ist weist darauf hin, dass der Informationsbedarf groß ist. Es ist Frau Schirmer gelungen, zentrale Themen verständlich und anschaulich zusammenzustellen und es wird deutlich, dass sie über einen großen Wissens- und Erfahrungsschatz verfügt. Dieses hohe Niveau wurde bei den Abschnitten, die sich im letzten Kapitel mit den Themen Pubertät und Sexualität befassen leider nicht gehalten. Bei diesen wichtigen Themen bleibt sie an der Oberfläche. Ihre Ausführungen sind deshalb wenig bis gar nicht hilfreich.

Fazit

Kinder aus dem autistischen Spektrum benötigen eine angepasste Umgebung, um zu lernen und sich zu entwickeln. Lehrer_Innen brauchen in ihrem Arbeitsalltag ein fundiertes Wissen. Das Buch von Brita Schirmer gibt einen sehr guten Überblick über Förderansätze im schulischen Kontext, erklärt die Unterstützungsbereiche und gibt konkrete Hinweise zum pädagogischen Arbeiten z.B. aus dem TEACCH Ansatz, der in den 1960er Jahren in den USA für Menschen mit Autismus und Kommunikationsstörungen entwickelt wurde und zunehmend im deutschsprachigen Raum bekannt wird. Die fachlichen Informationen sind mit Zitaten von Menschen mit Autismus unterfüttert. Diese lockern den Text auf und geben O-Töne zu Unterstützungsbedarfen Betroffener. Es ist der Autorin gelungen, komplexe Sachverhalte verständlich zusammenzufassen. Man merkt, dass Frau Schirmer aus der Praxis kommt. Es ist ihr darüber hinaus gelungen, praktisches Erfahrungswissen mit einem hohen Maß an Fachwissen zu paaren. Ich kann das Buch uneingeschränkt empfehlen und es ist zu wünschen, dass dieses Buch zum Handwerkszeug jeder Lehrerin und jedes Lehrers gehören wird. Anders als im therapeutischen 1:1 Kontext ist Schule auf Gruppenkonstellationen aufgebaut. Schüler_Innen brauchen eine angepasste Umgebung. Der TEACCH Ansatz bietet eine Fülle von praxiserprobten Strategien in der Arbeit mit Menschen aus dem autistischen Spektrum bzw. mit ähnlichen Kommunikationsproblemen an. Die methodischen Prinzipien nach TEACCH sind einfach zu lernen. Weitere Informationen zu Fortbildungen findet man in den Büchern von Anne Häussler www.socialnet.de/rezensionen/13604.php oder unter www.abc-autismus.de.de.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 03.12.2013 zu: Brita Schirmer: Schulratgeber Autismus-Spektrum-Störungen. Ein Leitfaden für LehrerInnen ; mit 1 Tabelle. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 3., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-497-02393-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15530.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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