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Michael Herzka: Führung im Widerspruch

Cover Michael Herzka: Führung im Widerspruch. Management in Sozialen Organisationen. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 180 Seiten. ISBN 978-3-658-01419-3. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Mit dem Wandel sozialer Organisationen zu sozialwirtschaftlichen Unternehmen ergab sich auch ein Perspektivenwechsel im Führen und Leiten hin zu einem »Human Ressource Management«. Mitarbeitende in der sozialen Arbeit wie in Pflege- und Gesundheitseinrichtungen werden inzwischen ebenso als Produktivfaktor wie als Quelle von Innovation und Entwicklung angesehen. Es geht dabei um ein effektives, aber nachhaltiges bzw. (sozial-) wertsteigerndes Wirtschaften, welches nicht gegen, sondern lediglich mit den Mitarbeitenden möglich ist. Die Abkehr vom traditionellen Verständnis von Personalwirtschaft ist damit auch im betriebswirtschaftlichen Kontext des Sozialmanagements verbunden mit der Suche nach Konzepten vom Menschen als Triebfeder des Challenge- und Change-Managements in der Sozialunternehmung.

Entstehungshintergrund

Als Ergebnis seiner Lehrtätigkeit sowie seiner Praxisbeobachtungen legt Michael Herzka einen kleinen Band zu Herausforderungen der Führung und des Managements in sozialen Organisationen vor, dessen roter Faden insbesondere vom Umgang mit Widersprüchen und Paradoxien in Führungssituationen gekennzeichnet ist. Die Komplexität und die Eigenarten einer ökonomisch induzierten Führungs- und Leitungstätigkeit stellen in sozialwirtschaftlichen Betrieben Fragen an die Zukunftsfähigkeit BWL-lastiger Modelle, der Autor versucht in seiner Schrift, sich der einen oder anderen Antwort auf entsprechende Herausforderungen zu nähern.

Autor

Michael Herzka ist Studienleiter und Dozent für Nonprofit-Management an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zürich.

Aufbau und Inhalte

Das Buch enthält neun Kapitel sowie ein Literaturverzeichnis.

  1. Im einleitenden ersten Abschnitt schildert der Autor die Hintergründe seiner Überlegungen. Er möchte sich mit der Frage beschäftigen, was die Entwicklung hin zu ökonomischen Imperativen für Führungskräfte im Bereich der Sozialorganisationen bedeutet.
  2. Der zweite Abschnitt enthält einige Spezifizierungen, Abgrenzungen und Definitionen des Gegenstandsbereichs. Thematisiert werden Organisationen als Wirtschaftsakteure, das Wirtschaften ohne Profitmaximierung, der Charakter von Nonprofit-Organisationen sowie das Besondere von sozialen Organisationen.
  3. Untersucht wird im dritten Kapitel, was Führung und was Management sind, wer führt und was Führungskräfte tun, es werden aber auch Theorien der Führung im historischen Wandel dargestellt. Der Abriss beschreibt einen Bogen von frühen Ansätzen eines Taylors bis hin zu Erweiterungen und Infragestellungen jenseits systemtheoretischer Denkfiguren.
  4. Das vierte Kapitel stellt die Frage nach einer besonderen Führungs- und Managementlehre für den sozialen Sektor. Der Autor schildert dabei vor allem die Besonderheiten sozialer Organisationen und des Nonprofit-Managements und skizziert Ansätze zu einer Führungslehre für sozialwirtschaftliche Institutionen. Angesprochen werden aber auch »artistische Balanceakte«, die das Führen und Leiten in sozialen Organisationen kennzeichnen.
  5. In einem Zwischenfazit fragt Michael Herzka dann, ob Führungsmethoden in einer sozialen Organisation sich wirklich von (guten) Führungsmethoden in erwerbswirtschaftlichen Sphären unterscheiden (müssen). Seine These ist, dass soziale Organisationen »Besonderheiten in einem ausreichenden Ausmaß und … eigener Qualität aufweisen, die das Nachdenken über spezifische Führungsansätze und allenfalls gar eine entsprechende Managementlehre rechtfertigen«. Er kommt in diesem Kapitel zum Schluss, dass Führung nicht nur eine »dialogische Haltung« bedingt, sondern auch »Reflexion und Selbstreflexion« sowie »Wertekohärenz« benötigt.
  6. Im sechsten Kapitel wird folglich die dialogische Haltung (Dialogik) beschrieben. Herausgestellt wird dabei, unter anderem mit Exkursen zur Dialogik von Goldschmidt und mit Verweis auf Buber, der Wert des Widerspruchs und der Dialog als Methode.
  7. Im siebten Kapitel wird unter dem Motto »Führung heißt Hinterfragen« die Reflexion und Selbstreflexion als Kernaufgabe im Management herausgestellt. Das permanente, kritische Hinterfragen im Prozess der Selbsterkenntnis ist dem Autor dabei besonders wichtig. Dabei wird auch untersucht, wie Reflexion organisiert sein will.
  8. Das achte Kapitel stellt sich der Frage der Wertekohärenz nach innen und außen. Handeln im Widerspruch heißt glaubwürdige Anwaltschaft ebenso wie angemessene Führung und Widerspruch als Auftrag.
  9. Die Frage nach dem »Was ist zu tun?« beschließt (gleichsam als Ausblick) die Publikation. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Handwerk und die Kunst der Führung einer sozialen Organisation Fähigkeiten und Fertigkeiten verlangen, »die weit über die Formel „SozialarbeiterIn mit Grundwissen in Betriebswirtschaft“ hinausgehen«. Sozialmanagerinnen und Sozialmanager benötigen heutzutage ebenso eine hohe »Fachkompetenz im jeweiligen Arbeitsfeld« und »vielfältige Kenntnisse in Strategieentwicklung, Personalführung, Finanzfragen und Organisationsentwicklung, obwohl oder gerade weil sie sich in wenig beeinflussbaren Märkten bewegen«. Und – dies kann als Kernaussage dieser Publikation verstanden werden – Führungskräfte im sozialen Sektor benötigen nach Ansicht des Autors darüber hinaus »eine außerordentlich hohe Bereitschaft und Fähigkeit zur Reflexion und Selbstreflexion«.

Diskussion

Michael Herzka legt mit dieser Publikation eine Schrift vor, die den aktuellen Mainstream einer speziellen Betriebswirtschaftslehre für soziale Organisationen gut ergänzt. Fragen der Reflexion und Selbstreflexion als Schlüsselqualifikation bzw. Schlüsselqualitäten von Führungs- und Leitungskräften sozialwirtschaftlicher Organisationen stehen hier im Vordergrund der Diskussion um notwendige Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zu Recht wird auch in diesem Buch betont, dass das Führen und Leiten im sozialen Sektor im Zeitalter der einzelleistungsfinanzierten Einrichtungen und des Wettbewerbs Kenntnisse in den klassischen BWL-Bereichen Kostenrechnung, Personalwirtschaft, Absatzwirtschaft, Investitionsrechnung, Arbeits- und Steuerrecht usw. bedingen. Ebenso zurecht wird jedoch darauf verwiesen, dass – gerade weil in der Sozialwirtschaft die Mitarbeitenden eine zentrale Quelle von »Erfolg« sind – das erfolgreiche Führen und das Leiten von Verbänden, Trägern und Einrichtungen ein besonderes Maß an dialogischer Qualität, an Reflexion und Selbstreflexion sowie an Wertebewusstsein unabdingbar machen. Der von Michael Herzka vorgenommene Rückgriff auf die in manch frühen Schriften zum Sozialmanagement bereits fokussierten Tugenden des Führens und des Leitens im Bereich der sozialen Arbeit ist u.E. lediglich auf den ersten Blick »Retro«. Das Buch bringt vielmehr in Erinnerung, dass Motivation, Entwicklung und Erneuerung lediglich mit Führungskräften möglich sind, die auch die oben genannten »weichen Faktoren« berücksichtigen. Die Bezugspunkte des Autors sind dabei gut hergeleitete (post-) systemtheoretische Konzeptionen, die einen durchaus relevanten Zugang zu Problematiken des Führens und Leitens sozialer Organisationen (wieder-) eröffnen.

Fazit

Eine spannende Publikation zu Reflexion und Selbstreflexion im Sozialmanagement.


Rezension von
Prof. Dr. Harald Christa
Professor für Sozialmanagement an der Evangelischen Hochschule Dresden mit Schwerpunkt Sozio-Marketing, Strategisches Management, Qualitätsmanagement/ fachliches Controlling.
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Zitiervorschlag
Harald Christa. Rezension vom 13.11.2013 zu: Michael Herzka: Führung im Widerspruch. Management in Sozialen Organisationen. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-01419-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15531.php, Datum des Zugriffs 13.07.2020.


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