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Yigal Blumenberg, Wolfgang Hegener (Hrsg.): Die »unheimliche« Beschneidung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 02.10.2013

Cover Yigal Blumenberg, Wolfgang Hegener (Hrsg.): Die »unheimliche« Beschneidung ISBN 978-3-95558-034-6

Yigal Blumenberg, Wolfgang Hegener (Hrsg.): Die »unheimliche« Beschneidung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2013. 160 Seiten. ISBN 978-3-95558-034-6. D: 15,90 EUR, A: 16,40 EUR, CH: 22,90 sFr.
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Aufklärung versus Religion?

Die Entwicklungen, wie sie sich weltweit vollziehen als Zunahme von weltanschaulichem, fundamentalistischem Denken und gleichzeitig von laizistischen Einstellungen und Forderungen machen sich immer bemerkbar im Konflikt zwischen Aufklärung und religiösen Positionen – und den Geboten und Praktiken, die von den Religionsgemeinschaften vorgegeben werden. Die aufklärerische Entdeckung, dass sich der Mensch seines eigenen Verstandes bedienen könne und solle, um sein weltanschauliches Denken und Tun zu erkennen und zu regeln, ist dabei Brücke und Mauer zugleich. Mit Gebots- und Verbotsdiktaten, wie auch mit den Herausforderungen und Wagnissen zur kritischen, individuellen und gesellschaftlichen Selbstfindung, wird der Diskurs vorangebracht wie gebremst.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Die kontroversen Auseinandersetzungen darüber, ob und inwieweit von Religionsgemeinschaften verfasste Werte- und Normenvorstellungen in staatlich formuliertes, gesellschaftliches Denken und Handeln der Menschen Eingang finden soll und darf, werden spätestens seit den Zeiten der Aufklärung entweder als kulturimmanente Grundlage oder als unangemessene Einmischung thematisiert (Maxi Berger / Tobias Reichardt / Michael Städtler, Hrsg., „Der Geist geistloser Zustände“. Religionskritik und Gesellschaftstheorie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13711.php - Gerald Hartung / Magnus Schlette (Hrsg.), Religiosität und intellektuelle Redlichkeit, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14680.php - Jocelyn Maclure / Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12786.php). Anlass des kontroversen und in den öffentlichen Medien vehement ausgetragenen Diskurses ist ein Urteil des Kölner Landgerichts vom 7. Mai 2012 (26. Juni 2012), wonach die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen als Strafrechtsbestand zu werten sei, weil die Beschneidung das Wohl des Kindes verletze. Das sich daraufhin in heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen artikulierte Für und Wider, insbesondere veranlasst durch jüdische und muslimische Religionsvertreter, wurde vom Deutschen Bundestag am 12. Dezember 2012 mit einer Änderung des Paragraphen 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuches beantwortet. Demnach umfasse die „Personensorge“ auch das Recht, „in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll“ (vgl. dazu: Tilman Jens, Der Sündenfall des Rechtsstaats . Eine Streitschrift zum neuen Religionskampf, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15401.php).

Die in freier Praxis niedergelassenen Berliner Psychoanalytiker, Psychologe und Psychotherapeut Yigal Blumenberg und Wolfgang Hegener haben zum Kölner Urteil in der Zeitschrift Psyche eine kritische Stellungnahme verfasst, die von den Tageszeitungen FAZ und SZ aufgenommen wurde und zu einem medialen Schlagabtausch führte. Um die Kontroverse von den in den Medien praktizierten Alltagsmeinungen und Stereotypen zu befreien, geben Yigal Blumenberg und Wolfgang Hegener den Sammelband heraus, mit dem Ziel, wissenschaftliche Positionen aus den Bereichen der Kultur- und Erziehungswissenschaften, der Judaistik und der Psychoanalyse darzustellen, „die in der Debatte um die Beschneidung von Knaben in der jüdischen Tradition eine zentrale Rolle spielten“. Sie vermuten, dass „sich Deutschland mit der Kontroverse um die religiös begründete Beschneidung ihren nächsten gesellschaftlichen Eklat eingehandelt hat“, und „dass in diesen Auseinandersetzungen Geschichte wiederkehrt und die jüngste Debatte mit dem erneuten Hinweis auf die sogenannte ‚Auschwitzkeule‘ oder dem Vorwurf einer (sexuellen) Traumatisierung die religiös begründete Beschneidung verwerfen soll“. Damit sind die Positionen abgesteckt!

Aufbau und Inhalt

Im Beitrag „Von der Wiederkehr des Verdrängten“ setzen sich Blumenberg und Hegener mit den öffentlich geführten Kontroversen auseinander. Sie mahnen insbesondere an, dass in der Auseinandersetzung scheinbare wissenschaftliche, aufklärerische und moderne Auffassungen religiös motivierte, magische, barbarische und unmoderne entgegengesetzt und damit diskriminierende und ethno-kulturell mächtige Anprangerungen vorgenommen werden. Insofern, so argumentieren die Herausgeber, „erscheint die vorgebliche Moderne einer säkularen und aufgeklärten Sichtweise gegenüber der Beschneidung einem ‚schwarzen Loch‘ der Geschichtsvergessenheit entwichen zu sein“.

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, der auch mehrere Jahre Direktor des „Fritz Bauer Instituts – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust und seiner Wirkung“ war, diskutiert mit seinem Beitrag „Die Beschneidungsdebatte: Grenz- und Bewährungsfall einer advokatorischen Ethik“. Er benutzt den Begriff „advokatorische Ethik“, um damit eine „Theorie von Rechten und Pflichten sowie von Vorstellungen des guten Lebens (zu erklären, JS), die das Verhältnis von mündigen, verantwortlichen Personen hier sowie von noch-nicht-mündigen oder nicht mehr mündigen Personen dort zum Thema hat“, und bezogen auf die Thematik, „vorgreifende, am Besten der unmündigen Personen ausgerichtete Ein- und Vorgriffe“ unternimmt. Dabei grenzt er die jüdische Tradition der „Circumcision“ (natürlich) ab von der Menschenrechtsverletzung der Genitalverstümmelung bei Mädchen, wie sie im Islam (noch) praktiziert werden, aber auch von der Praxis der Beschneidung muslimischer Knaben im Alter von etwa acht Jahren „im Kreis einer weit geöffneten familialen Öffentlichkeit“. Die Argumentationen, die Brumlik dabei vornimmt, ähneln einem „Ja, aber…“ und einem „Nein, trotzdem…“, weil „es sich bei der Beschneidung achttägiger jüdischer Knaben um einen echten Grenzfall handelt“.

Wolfgang Hegener bringt in seinem Beitrag „Blutbeschuldigungen oder die Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem“ kulturgeschichtliche und psychoanalytische Anmerkungen ein. Mit einer historischen Replik über das Für und Wider von religiösen Riten, wie der Beschneidungspraxis, arbeitet der Autor die Anlässe, Positionsbestimmungen und Argumentationen im Verhältnis des Christentums zum Judentum heraus. Dabei legt er den Finger auf die im christlichen Glauben tatsächliche und sichtbare Fixierung auf „blutende“ Bilder und Mythen und vermutet dahinter einen latenten christlichen Antijudaismus und rassischen Antisemitismus. Er wirft den Beschneidungsgegnern vor, insbesondere wenn sie sich auf „globale Kinderrechte“ berufen, dass sie sich ihrer „eklatanten und fatalen Kultur- und Geschichtsvergessenheit nicht bewusst sind“.

Yigal Blumenberg reflektiert Zusammenhänge von „Trauma und Tradition“. Dabei unternimmt er den Versuch, die Bedeutung der jüdischen Tradition der Beschneidung im Kontext der kollektiven Identität aufzuzeigen, ihrer verborgenen Rationalität nachzugehen und dem Vorwurf einer Psychotraumatisierung zurückzuweisen. Dabei setzt er sich insbesondere mit den Auffassungen und Diktionen des Psychoanalytikers und Juristen Günter Jerouschek auseinander, der 2012 in einer Fachzeitschrift und im Internet den Beitrag „Beschneidung und das deutsche Recht – Historische, medizinische, psychologische und juristische Aspekte“ veröffentlicht hat. Blumenbergs Auffassung: Ein Verbot der (Säuglings-)Beschneidung träfe „den Kern des (jüdischen, JS) kollektiv überlieferten kollektiven Gedächtnisses“.

Alfred Bodenheimer, Religionsgeschichtler und Literaturwissenschaftler von der Universität Basel, gleichzeitig Professor für Hebräische und Jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, stellt mit seinem Beitrag „Verletzung von Körper und Würde“ Beobachtungen zum Begriffsdiskurs an. Dabei verweist er auf durchaus in den öffentlichen Auseinandersetzungen und Publikationen vorfindbare Diskrepanzen, etwa, dass das Ohrlochstechen dem Wohl des Kindes diene, weil es gesellschaftlich akzeptiert und deshalb auch kosmetisch begründbar sei, während die Beschneidung als Körperverletzung denunziert werde. Damit spiegelt er die Kontroverse zurück auf die Beschneidungsgegner und fragt, „ob die Stigmatisierung der Rituale von Minderheiten und darauf gemünzte Gesetze der adäquate Schritt ist, um die eigenen Ängste zu bewältigen“.

Der Frankfurter Psychoanalytiker Isidor J. Kaminer gibt mit seinem Beitrag „Die Brit-Milah (Bund der Beschneidung) – ein ‚Fortschritt in der Geistigkeit‘“ zu bedenken, ob nach dem Kölner Beschneidungsurteil künftig in jüdisches Leben in Deutschland möglich sei. Er unternimmt den verdienstvollen Versuch, historisch und weltanschaulich den religiösen Ritus des Brit-Milah im jüdischen Glauben darzustellen, auf die Bedeutung des Glaubensgrundsatzes hin- und die ideologischen und rassistischen Anklagen dagegen zurück zu weisen.

Fazit

Die rituelle und tatsächliche Beschneidung von Säuglingen stellt im jüdischen Glauben einen Akt des Bündnisses zu Gott dar. Von den Befürwortern dieses überlieferten Offenbarungs- und Glaubensbekenntnisses, das als unverzichtbar für die religiöse Identität gilt, wird zwar eingestanden, dass es sich bei der Beschneidung von etwa achttägigen Jungen um eine Körperverletzung handele; jedoch gleichzeitig festgestellt, sie erscheine als Körperverletzung nur, „wenn sie von ihrem Eingehülltsein in einen lebendigen und liebevollen Mentalitäts- und Traditionskontext… isoliert und entblößt wird“. Das Plädoyer der Autoren, das als Positionierung zu den in der Kontroverse zu Wort meldenden Argumentationen gegen die Beschneidung verstanden werden kann, besagt deshalb nicht mehr und nicht weniger als die Aufforderung, eigene und andere Identitätsentwicklungen nicht zu ideologisieren und zu verdrängen, sondern im individuellen und gesellschaftlichen, aufgeklärten Bewusstsein danach zu streben, was in einem Gedicht mit der Strophe zum Ausdruck kommt: Lass mich Ich sein!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.10.2013 zu: Yigal Blumenberg, Wolfgang Hegener (Hrsg.): Die »unheimliche« Beschneidung. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2013. ISBN 978-3-95558-034-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15533.php, Datum des Zugriffs 29.06.2022.


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