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Uwe Schimank: Gesellschaft

Cover Uwe Schimank: Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2013. 198 Seiten. ISBN 978-3-8376-1629-3. 13,50 EUR, CH: 16,90 sFr.

Reihe: Einsichten.
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Thema

‚Gesellschaft‘ ist ein Grundbegriff der Soziologie. Eine Reihe unterschiedlicher theoretischer Schulen und eine Fülle von Konzeptionen versuchen, diesen Begriff zu fassen. Um einen einführenden Überblick der soziologischen Gesellschaftstheorie bemüht sich das knapp 200 Seiten starke Buch von Uwe Schimank. Es richtet sich an Gesellschaftstheoretiker und auch „gesellschaftstheoretische Nicht-Experten: neben Studierenden auch Soziologinnen mit anderen fachlichen Spezialisierungen sowie andere Sozialwissenschaftler und interessierte Laien“ (S. 6). Dabei präsentiert der Autor seine „eigene Lesart soziologischer Gesellschaftstheorie“ (S. 7), d.h. einen handlungstheoretischen Zugang, mit dem eine Integration unterschiedlicher gesellschaftstheoretischer Perspektiven versucht wird. Auf diese Weise soll den LeserInnen ein „Werkzeugkasten theoretischer Konzepte und Modelle geliefert“ (ebd.) werden, der für Gesellschaftsanalyse und -diagnose benutzbar und nach Belieben erweiterbar ist.

Autor

Uwe Schimank ist Professor für Soziologische Theorie im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Bremen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a. soziologische Gesellschaftstheorien, Theorien gesellschaftlicher Differenzierung und soziologische Gegenwartsdiagnosen.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel widmet sich den Ausgangspunkten des in dem Buch dargestellten gesellschaftstheoretischen Denkens. Die darauf folgenden drei Kapitel bearbeiten drei große Theoriefamilien, nämlich

  • die Differenzierungstheorie (Kapitel 2),
  • die Ungleichheitstheorie (Kapitel 3) und
  • die Kulturtheorie (Kapitel 4).

Das fünfte Kapitel ist mit Perspektivenintegration überschrieben und geht auf Möglichkeiten ein, die drei behandelten Theorieperspektiven miteinander in Verbindung zu bringen.

Inhalt

Bevor der Autor im ersten Kapitel den handlungstheoretischen Bezugsrahmen seiner Gesellschaftstheorie darlegt, liefert er eine erste grobe Definition dessen, „was Gesellschaft als soziales Gebilde generell ausmacht […]: Gesellschaften sind die jeweils größte Art von relativ aus sich heraus reproduktionsfähigen sozialen Gebilden“ (S. 15, Herv. i.O.). Jede Gesellschaft stelle ein konturiertes integrales Ordnungsmuster dar, das zu identifizieren das zentrale Anliegen soziologischer Gesellschaftstheorie sei. Der handlungstheoretische Zugang Schimanks sieht Gesellschaft als Handlungszusammenhang und als „fortwährendes Wechselspiel von handelndem Zusammenwirken und gesellschaftlichen Strukturdynamiken“ (S. 30). Aus diesem Blickwinkel werden die drei Theoriefamilien Differenzierungstheorien, Ungleichheitstheorien und Kulturtheorien betrachtet.

Die differenzierungstheoretische Perspektive geht von der funktionalen Differenzierung von Gesellschaft aus, also von einer Gliederung in Teilsysteme, wie etwa Wirtschaft, Recht, Militär, Wissenschaft oder Politik, in denen die jeweiligen Akteure sehr verschiedenartig agieren. Als ein kontrovers diskutiertes Merkmal einer funktional differenzierten Gesellschaft führt der Autor das gesellschaftliche Primat der kapitalistischen Wirtschaft auf. Damit sind Akteure angesprochen, die als Unternehmer und Unternehmen an Gewinnerzielung und -maximierung als Leitwert des Handelns orientiert sind; damit ist auch gemeint, dass Natur, Geld und Arbeit wie Waren behandelt werden und der Markt als zentraler Governance-Mechanismus funktioniert (vgl. S. 51). Nach der Skizze des Gesellschaftsbildes aus einer differenzierungstheoretischen Perspektive fragt das Kapitel nach den Integrationsmechanismen und den Effekten auf die Lebenschancen in einer funktional differenzierten Gesellschaft, um anschließend die Entstehung einer solchen Gesellschaft und ihre Reproduktionsmechanismen nachzuzeichnen.

Die ungleichheitstheoretische Perspektive behandelt soziale Ungleichheit als das prägende Strukturmerkmal von Gesellschaft. Das Kapitel benennt dabei zunächst für die moderne Gesellschaft relevante Ungleichheitsdimensionen, wie z.B. Geldbesitz, Macht, Bildung, Geschlecht, Lebensalter und soziale Herkunft. Anschließend werden marktvermittelte Ungleichheiten als dominante Form sozialer Ungleichheit bestimmt. Das Erwerbseinkommen ist für den größten Teil der Gesellschaftsmitglieder das Instrument von Besser- oder Schlechterstellung und hängt davon ab, wie wichtig die Arbeitskraft des Einzelnen für wie viele konkurrierende Nachfrager ist und wie viel Lohn diese zu zahlen bereit sind (vgl. S. 88). Auch in diesem Kapitel wird nach den Integrationsmechanismen und Effekten auf die Lebenschancen gefragt, um anschließend Ungleichheitsdynamiken unter die Lupe zu nehmen. Der Wohlfahrtsstaat übernimmt in modernen Gesellschaften eine Korrektivfunktion im Hinblick auf eine Verbesserung der Lebenschancen für Schlechtergestellte.

Die kulturtheoretische Perspektive geht zunächst auf kulturelle Orientierungen als Deutungsstrukturen ein. „Kultur liefert den Sinn hinter dem Sinn“ (S. 117), so fasst es der Autor in einer Kurzformel zusammen und führt anschließend die kulturellen Orientierungen in evaluativer Hinsicht (Richtungen des Wollens, z.B. Idee der Freiheit), in normativer Hinsicht (Richtungen des Sollens, z.B. Idee der Menschenwürde) und in kognitiver Hinsicht (Richtungen des Könnens, also was „machbar“ ist) genauer aus. Zur Kultur der Moderne gehört die Fortschrittsidee, die mit einem kaum anfechtbaren Fortschrittsglauben verbunden ist. Dabei wird Fortschritt vor allem als Wirtschaftswachstum verstanden, das mit der Hoffnung auf eine Steigerung des persönlichen Lebensstandards verbunden ist. So fragt der Autor auch unter der kulturtheoretischen Perspektive nach Integrationsmechanismen und Lebenschancen in einer Kultur der Moderne und anschließend nach den Kulturdynamiken, also nach den Kämpfen darum, was als erstrebenswert, moralisch geboten und richtig gesehen wird (vgl. S. 136).

Die Perspektivenintegration versucht, die drei Stränge zunächst lose und dann eng zu koppeln und zeigt dabei mögliche Schnittstellen auf. In diesem letzten Kapitel fordert der Autor zudem die Gesellschaftstheoretiker auf, sich der Empirie auszusetzen und ihre abstrakten Modelle einmal an konkrete gesellschaftliche Phänomene anzulegen.

Diskussion

Das Buch bietet einerseits den Nicht-ExpertInnen Überblick und Zugang zu drei Strängen der Gesellschaftstheorie, nämlich einer differenzierungstheoretischen, einer ungleichheitstheoretischen und einer kulturtheoretischen Perspektive. Zugleich ist es mit seinem handlungstheoretischen Orientierungsrahmen und der Suche nach Schnittstellen zwischen den drei Theoriefamilien auch für ExpertInnen anregend und liefert informierten LeserInnen Denkanstöße. Um den Band für StudienanfängerInnen oder in soziologischen Texten ungeübte LeserInnen übersichtlicher zu machen, wären hin und wieder Zwischenüberschriften, Marginalien oder mehr Hervorhebungen zentraler Informationen im Text hilfreich gewesen.

Fazit

Dem Buch gelingt ein schwieriger Spagat: Es ist Überblick und Debatte zugleich. Auf knapp 200 Seiten bündelt es aktuelle Diskussionen soziologischer Gesellschaftstheorien und gibt zudem Denkanstöße für eine Weiterentwicklung der Gesellschaftsforschung.


Rezension von
Dr. Yvonne Niekrenz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Yvonne Niekrenz. Rezension vom 24.01.2014 zu: Uwe Schimank: Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-1629-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15548.php, Datum des Zugriffs 11.04.2021.


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