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Karl-Heinz Boeßenecker, Michael Vilain: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege

Cover Karl-Heinz Boeßenecker, Michael Vilain: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Eine Einführung in Organisationsstrukturen und Handlungsfelder sozialwirtschaftlicher Akteure in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 2., überarbeitete Auflage. 340 Seiten. ISBN 978-3-7799-2502-6. D: 26,95 EUR, A: 27,80 EUR, CH: 36,90 sFr.
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Thema

Die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege gehören zu den wichtigen, aber z.T. wenig bekannten Akteuren in der Sozialpolitik und in der Sozialwirtschaft. Sie sind nicht nur eine etablierte Form organsierter Nächstenliebe, sondern sie beschäftigen rund 1,5 Mio. Menschen und sie werden sind auch geprägt vom „Ringen um Macht, Zuständigkeiten, Einflusszonen und deren Verteidigung“ (S. 7). Dieser Sachverhalt soll v.a. Studierenden im Sozial- und Gesundheitswesen nahebracht werden.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band ist eine stark überarbeite Auflage des bewährten Lehrbuches mit stärkerer Betonung von Wettbewerb, Management, Sozialwirtschaft und neuerer Literatur sowie einem Koautoren (M. Vilain).

Inhalte

Die Entwicklung der freien Wohlfahrtspflege wird seit der Frühgeschichte der Bundesrepublik von vier Strukturmerkmalen geprägt:

  1. Dualität, d.h. der Existenz von öffentlichen und freien Trägern
  2. Subisiarität, d.h. des bedingten Vorrangs der frei-gemeinnützigen Träger
  3. Verändedominanz, d.h. der Einbindung der freien Träger in spitzenverbandliche Organisationen
  4. Subventionierung, d.h. der weitgehend öffentlichen Finanzierung.

Man könnte die hieraus resultierende enge Einbindung in die staatlichen und kommunalen Entscheidungsprozesse (Korporatismus) als weiteres konstitutives Merkmal ergänzen. Doch erodieren diese Strukturen seit den 90er Jahren. Zunehmend treten private, gewinnorientierte Anbieter in einer nunmehr stärker wettbewerbsmäßig organisierten Sozialwirtschaft auf. Neben diesen markliberalen Herausforderungen ist es die Europäische Union, die in den deutschen Wohlfahrtsverbänden und ihrer Bevorzugung durch den Staat tendenziell einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht sieht. Dahinter steht auch die Koexistenz unterschiedlicher Wohlfahrtsstaatsmodelle in Europa bzw. ein deutscher Sonderweg der Verbändewohlfahrt.

Den Kern des Buches bildet die Darstellung der sechs Spitzenverbände – Caritasverband, Diakonisches Werk, Arbeiterwohlfahrt, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Rotes Kreuz und Zentralwohlfahrtsstelle der Juden. Sie erfolgt nach einem einheitlichen Schema; behandelt werden

  • Entstehung, Selbstverständnis und Mission
  • Aufbau des Verbands und Organisationsstrukturen
  • Aufgabenprofil und Handlungsfelder sowie Einrichtungen
  • Tendenzen und Probleme der Organisationsentwicklung.

Um einige Beispiel für wichtige Informationen zu benennen: In übersichtlichen Tabellen werden die Zahl Einrichtungen (auch im Vergleich zu den öffentlichen Trägern) sowie das beschäftige Personal dargestellt und Auszüge aus den Satzungen aufgeführt. Organigramme zu den jeweiligen Verbänden veranschaulichen die Strukturen und Willensbildungsprozesse; selbst die kommunale Ebene wird nicht vergessen. Auch das komplexe Muster der Finanzierung (Zuschüsse, Entgelte aus den Sozialversicherungen, steuerliche Vorzüge, Beiträge, Spenden etc.) wird ausführlich und anschaulich ausgeführt.

Im Längsschnitt werden vier grobe Phasen der Entwicklung unterschieden, die je spezifische Muster aufweisen:

  • Bis in die 60er Jahre dominiert das (alte) Subsidiaritätsprinzip und der Korporatismus
  • In den 70er Jahren kommt es zu einer ersten Auflockerung durch die Selbsthilfebewegungen und zu einer neuen Subsidiarität
  • In den 90er Jahren beginnt die Markt- und Wettbewerbsorientierung sowie eine Pluralisierung und ein Managerialismus
  • Seit der Jahrtausendwende kommt es zu Individualisierung und zur Sozialwirtschaft; zu den neuen Themen gehören Effektivität, Effizienz und Nachhaltigkeit,

Für die weitere Entwicklung der Wohlfahrtsverbände in Deutschland macht Boeßenecker folgende Einschätzung geltend: „Es besteht kein Zweifel: die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege befinden sich im 21. Jahrhundert in einem schweren Fahrwasser. Unterschiedlichen Strömungen und Wellenstärken ausgesetzt, stehen sie durchaus in der Gefahr bestanden oder gar unterzugehen.“ (S. 293).

Eine Perspektive liegt in positivem Umgang mit der Individualisierung und Subjektorientierung, damit eine starke seinen Klienten unbenutzte Souveränität. Eine weitere Option besteht in der Weiterentwicklung von Kooperationen und Verletzungen etwa in Form von Träger übergreifenden Verbundsystemen. Am Ende könnten Wohlfahrtsverbände teil eines Konsortiums aus gemeinnützigen, lautebasierten, gewerblichen Bürger Organisationen und Akteuren darstellen. So könnte sie eine Zukunft haben.

Diskussion

Der Band liegt ein wichtiges Thema kompetent ab, er liefert wichtige Informationen zu den einzelnen Wohlfahrtsverbänden, aber auch zum Gesamtsystem der Spitzenverbände beziehungsweise der Sozialwirtschaft. Darin werden spannungsgeladene Entwicklungen wie auch erhebliche Veränderungen erkennbar und eingeordnet. An der einen oder anderen Stelle wäre sicherlich eine etwas vertiefte Behandlung der politischen Einflüsse hilfreich, ebenso ein Blick auf andere Sozialverbandes-und Wohlfahrtsstaatsmodelle.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um ein gut lesbares Basiswerk zum Thema, das als Einführung und Nachschlagewerk sehr gute Dienste leistet und fast alle wichtigen Aspekte detailreich anspricht. Durch die Neuauflage sind die Daten, Einschätzungen und wissenschaftliche Referenzen wieder auf dem aktuellen Stand.


Rezensent
Prof. Dr. Josef Schmid
Prof. für Politische Wirtschaftslehre und Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Tübingen, lehrt und forscht über Wohlfahrtsstaaten, Arbeitsmarktpolitik und Bürgerschaftliches Engagement in den Bundesländern. Er ist derzeit hauptamtlicher Dekan der Wirtschafts- Sozialwissenschaftlichen Fakultät
Homepage www.wip-online.org
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Zitiervorschlag
Josef Schmid. Rezension vom 26.03.2014 zu: Karl-Heinz Boeßenecker, Michael Vilain: Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Eine Einführung in Organisationsstrukturen und Handlungsfelder sozialwirtschaftlicher Akteure in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-2502-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/15550.php, Datum des Zugriffs 30.03.2017.


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