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Christel Manske: Inklusives Lesenlernen für Kinder ab drei [...]

Cover Christel Manske: Inklusives Lesenlernen für Kinder ab drei mit Down-Syndrom, für Leseratten und Legastheniker. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2013. 146 Seiten. ISBN 978-3-86541-468-7. 19,95 EUR.

Reihe: ICHS-Praxis - Band 4.
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Thema

Bei diesem Buch handelt es sich um einen Ratgeber, der die Theorie nicht zu kurz kommen lässt und dabei aus der Praxis geschrieben wurde. Er richtet sich an Lehrer, Erzieher und Eltern, also alle, die mit Kindern arbeiten und feststellen, dass der Zugang zum Schreiben und zur Sprache schwer ist. Die Autorin verbindet in ihrer Arbeit Erkenntnisse aus Wissenschaft und Theorie mit praktischen Erfahrungen aus ihrem Institut in Hamburg.

Autorin

Christel Manske ist Leiterin ihres eigenen Instituts für die Entwicklung funktioneller Hirnsysteme in Hamburg. Sie arbeitet mit Kindern, die aufgrund ihrer Besonderheiten (u. a. Autismus, Trisomie 21, ADHS, Hochbegabung) in der Regelschule auffällig oder vom gemeinsamen Lernen in der Klasse ausgeschlossen sind. Ziel ihrer Arbeit ist zum einen die Erforschung eines adäquaten Unterrichts, der von den Besonderheiten der Kinder ausgeht und zum anderen der Entwicklung geeigneter Methoden, die das Lernen und Verstehen anregen.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist Band 4 der ICHS Praxis Reihe des Lehmanns Media LOB. ICHS steht für International Cultural-historical Human Sciences. Dahinter verbirgt sich eine Schriftenreihe, die der kulturhistorischen Tradition verpflichtet ist (www.ich-sciences.de).

Aufbau

Das Buch umfasst auf 146 Seiten zehn Kapitel plus Literaturverzeichnis und Anhang.

Oben auf jeder Seite ist die jeweilige Überschrift abgedruckt. Das Buch endet mit einem Artikel von Carsten Weißbach, der über seine Erfahrungen mit der entwicklungsorientierten Lesedidaktik, die er im Institut von Frau Manske kennen gelernt hat, schreibt.

Das letzte Wort im Buch hat Ludmilla Filipovna Obuchova, die eine Einführung in das Problem der Entwicklungsaufgaben im Kontext der Theorie von Vygotskij verfasst hat.

  • Zusammenfassung
  • Die epochale Frage
  • Lernen in der Stufe der nächsten Entwicklung
  • Kinder die in meiner Praxis lernen
  • Wer ist der Lehrer
  • Meine pädagogischen Konsequenzen aus dem Paradigmenwechsel
  • Die menschliche Metamorphose
  • Die entwicklungsorientierte Lesedidaktik
  • Das Lernen der Lautsprache während der sensitiven Phase der Sprachentwicklung
  • Literaturverzeichnis
  • Carsten Weißbach: „Meine Erfahrungen mit der entwicklungsorientierten Lesedidaktik“
  • Anhang
  • Ludmilla Filipovna Obuchowa: „Einführung in das Problem der Entwicklungsaufgaben im Kontext der Theorie von Vygotskij“

Inhalt

Das Buch beginnt mit einer Zusammenfassung, die in 4 Sprachen abgedruckt ist. Danach stellt ManskeDie epochale Frage“, womit sie meint, dass Menschen mit Behinderung nicht durch den Defekt, sondern durch die Bedingungen der Umgebung behindert werden. Diese Frage begleitet sie durch ihr Leben und Schaffen. Kern des Ansatzes von Christel Manske bilden theoretischen Grundannahmen, die davon ausgehen, dass Lernen in der Stufe der nächsten Entwicklung geschieht. Dieser Begriff ist von Vygowski,j einem sowjetischen Psychologen, geprägt. „Mit dem Begriff Zone der nächsten Entwicklung bezeichnet Vygotskij alle Fähigkeiten, die das Kind ohne Hilfe eines anderen beherrscht.“ (S.16)

Wie in ihren anderen Veröffentlichungen auch stellt sie zur Erläuterung ihres Ansatzes Kinder vor, die in ihrer Praxis lernen. Dabei verwendet sie eine Reihe von Fotos oder Zeichnungen oft ergänzt durch Aussagen der Eltern.

Anhand dieser Beispiele erörtert sie im Abschnitt „Wer ist Lehrer“, welche Rolle ein Lehrer nicht haben sollte: Er ist kein Polizist, Richter, Prediger oder Jäger, der Fallen aufstellt. Für Manske ist ein Lehrer ein Schrittmacher von einer Entwicklungsstufe in die nächst höhere. Für sie selbst ist Vygowskij ein wichtiges Lehrervorbild. Für Vygowskij „ist die sogenannte geistige Behinderung nicht ein Unfall der Natur, sondern sie entsteht, wenn die adäquate soziale Kommunikation, der Zeichengebrauch nicht stattfindet und die Quelle menschlichen Bewusstseins, nicht sprudelt, sondern versiegt.“ (S.43).

Von Vygotskij hat sie den Ansatz des Lernens in der Stufe der nächsten Entwicklung übernommen, auf dessen Grundlage der Paradigmenwechsel fußt, der ihre pädagogischen Sichtweisen und Konsequenzen geprägt hat. Sie befasst sie sich mit dem Entwicklungsverlauf, den Bedingungen von Entwicklung, der Quelle von Entwicklung, Erscheinungsformen und Entwicklungsbesonderheiten sowie die Triebkräfte der Entwicklung.

Das Kapitel die menschliche Metamorphose befasst sich mit der Entwicklung vom Säugling zum Jugendlichen. In jeder Stufe ist ein Entwicklungsthema zentral. Auf der Stufe des Säugling geht es um das gemeinsam geteilte Empfinden und Wahrnehmen, im Kleinkindalter steht das gemeinsam geteilte Agieren mit Objekten im Mittelpunkt, das Vorschulkind beschäftigt sich mit der gemeinsam geteilten Symbolisieren, auf der Stufe des Schulkindes geht es um das gemeinsam geteilte Denken und auf der Stufe des Jugendlichen um das gemeinsam geteilte Bewerten. Eigens dafür entwickelte Schaubilder erklären diese Denkweise.

Auf Grundlage dieser Erkenntnisse begründet sich die entwicklungsorientierte Lesedidaktik von Manske, die an konkreten Beispielen wie das Erlernen des Buchstaben T oder M veranschaulicht werden.

Das Buch endet mit Erkenntnissen zum Lernen der Lautsprache während der sensitiven Phase der Sprachentwicklung sowie einem Literaturverzeichnis, dem Anhang und zwei Artikeln: Carsten Weißbach berichtet von seinen Erfahrungen mit der entwicklungsorientierten Lesedidaktik und Ludmilla Filipovna Obuchowa führt in das Problem der Entwicklungsaufgaben im Kontext der Theorie von Vygotskij ein.

Diskussion

Christel Manske hat eine Reihe von Büchern herausgebracht. Anfänglich veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Iris Mann. Im Mittelpunkt ihrer Bücher stehen die Erkenntnisse von Vygotskij, der hierzulande bis heute wenig bekannt ist. Das liegt sicherlich daran, dass seine Werke nicht in deutscher oder englischer Sprache erschienen sind. Vygotskijs Ansatz ist ein sehr fortschrittlicher, den er schon in den 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts verfasst hat. Ein Kern seiner Arbeiten ist die Erkenntnis, dass es keine Behinderung per se gibt, sondern dass diese von den Bedingungen der Umgebungsfaktoren geprägt wird. Vygotskij ist es ein Anliegen, keine Didaktik für schwer behinderte Menschen zu entwickeln, sondern sein Bestreben richtet sich darauf, eine dem Menschen und seiner Entwicklung adäquate Didaktik zu schaffen. Aus seiner Sicht sollte Ziel jeglicher Pädagogik das Bestreben sein, Kinder entsprechend ihren Fähigkeiten so optimal wie möglich zu fördern.

Aus diesen grundlegenden Theorien leitet Manske Erkenntnisse für ihre Praxis ab. Sie geht davon aus und hat es anhand zahlreicher Beispiele erlebt, dass z.B. Kinder mit Trisomie 21 keine geistige Behinderung per se haben. Diese Kinder sind in einer entsprechenden Umgebung in der Lage die Schriftsprache zu erlernen. Manske beginnt ihre Arbeit während der sensitiven Phase der Sprachentwicklung, die bereits mit dem zweiten Lebensjahr beginnt und bis zum sechsten Lebensjahr andauert. Entscheidend ist, das jeweilige Kind individuell zu fördern und zu fordern. Anhand von Fallbeispielen zeichnet die Autorin diese Entwicklungen überzeugend nach und belegt, wie durch "eine Kultivierung der einzigartigen Vielfalt" unterschiedlicher Lern- und Entwicklungswege syndromspezifischer Beeinträchtigung und Behinderungen aufgehoben werden können

Fazit

Es ist hierzulande ein weit verbreitetes Vorurteil, dass mit bestimmten Syndromen wie z.B. die Trisomie 21 automatisch eine Intelligenzminderung einhergeht. Dieses Vorurteil hält sich bis heute hartnäckig. Damit geht die Ansicht einher, dass Behinderung in der Person verankert ist. Folge dieser Haltung ist, dass sie als individuelles Merkmal definiert wird statt ihre Entstehung in einem systemischen Zusammenhang zu verstehen. Erst allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass das soziale Umfeld einen nicht unbeträchtlichen Anteil daran hat, wie Menschen sich entwickeln und wie diese Entwicklungen bewertet werden. In Spanien hat der erste Mensch mit Trisomie 21 ein akademisches Studium abgeschlossen. Im Film „Me too – wer will schon normal sein“ spielt Pineda Ferrer in der Rolle des Daniel seine frei erzählte Lebensgeschichte über den Kampf um Normalität.

Es ist sehr zu begrüßen, dass Christel Manske nicht aufgibt darauf aufmerksam zu machen, dass es andere Theorien und Erklärungsmuster gibt als die Ansicht, dass eine Behinderung in der Person verankert ist. Es ist aber auch zugleich erschreckend, dass diese Erkenntnisse, die auf den Begründer der kulturhistorischen Schule Lew Vygotskij (1896-1934) zurückgehen, bis heute wenig bekannt sind. Vygotskij schrieb schon in den 1930er Jahren des letzten Jahrhunderts, dass Entwicklung kein individuelles Geschehen ist, sondern es von Bedeutung ist, in welchem sozialen und kulturellen Kontext ein Kind aufwächst. Daraus zog er die Schlussfolgerung, dass Menschen mit Behinderung integrativ unterrichtet werden sollten. Unterricht muss so gestaltet sein, dass es eine soziale Interaktion zwischen dem Lehrenden und dem Lernenden gibt. Menschen mit Behinderung sind wegen eines biologischen Defektes nicht in der Lage vorhandenen Funktionen herauszubilden. Nicht die jeweilige Behinderung selbst ist problematisch, sondern der Umgang der Gesellschaft mit behinderten Menschen. Von Vygotskij stammt das charakteristische Zitat: „Die Blindheit als psychologischer Fakt ist keineswegs ein Unglück. Sie wird erst als sozialer Fakt zu einem solchen.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Lew_Semjonowitsch_Wygotski Zugriff am 5.2.2014). Das Buch erklärt Ansätze der kulturhistorischen Schule, die schon 90 Jahre alt sind und hierzulande leider zu wenig bekannt sind. Vieles was in dem Buch von Christel Manske mit dem Titel „Das Down-Syndrom. Begabte Kinder im Unterricht“ nicht erläutert wurde wird in diesem Buch vertieft. Eine Rezension zum o.g. Buch finden Sie unter www.socialnet.de/rezensionen/14536.php.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 11.02.2014 zu: Christel Manske: Inklusives Lesenlernen für Kinder ab drei mit Down-Syndrom, für Leseratten und Legastheniker. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2013. ISBN 978-3-86541-468-7. Reihe: ICHS-Praxis - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15553.php, Datum des Zugriffs 16.01.2019.


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