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Christel Manske: Epilepsie. Protokoll einer Heilung

Cover Christel Manske: Epilepsie. Protokoll einer Heilung. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2013. 110 Seiten. ISBN 978-3-86541-510-3. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.

Reihe: ICHS-Praxis - Band 5.
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Thema

Menschen werden von Fachleuten als behindert definiert – diese Erfahrungen machen Betroffene leider sehr oft in ihrem Leben. Dieses Buch erzählt die Geschichte von Ralf Fingerhut, der seine Medikamente gegen Epilepsie absetzt und nicht mehr benötigt, obwohl Ärzte etwas anderes prognostiziert hatten. Das Buch ist zugleich die Dokumentation der Arbeit von Christel Manske, die durch ihren Glauben an die Fähigkeiten ihrer Klienten Wege eröffnet, die anfänglich niemand für möglich gehalten hat.

Autorin

Christel Manske ist Leiterin ihres eigenen Instituts für die Entwicklung funktioneller Hirnsysteme in Hamburg. Sie arbeitet mit Kindern, die aufgrund ihrer Besonderheiten (u. a. Autismus, Trisomie 21, ADHS, Hochbegabung) in der Regelschule auffällig oder vom gemeinsamen Lernen in der Klasse ausgeschlossen sind. Die Erforschung eines adäquaten Unterrichts, der von den Besonderheiten der Kinder ausgeht, ist Ziel ihrer Arbeit. 

Entstehungshintergrund

1984 veröffentlichen Ralf Fingerhut und Christel Manske zum ersten Mal die Geschichte von Ralf Fingerhut. Titel des Buches: „Ich war behindert an Hand der Lehrer und Ärzte“. 2013 erscheint das Buch erneut unter dem Titel: „Epilepsie. Protokoll einer Heilung“.

Es ist Band 5 der ICHS Praxis Reihe des Lehmanns Media LOB. ICHS steht für International Cultural-historical Human Sciences. Dahinter verbirgt sich eine Schriftenreihe, die der kulturhistorischen Tradition verpflichtet ist (www.ich-sciences.de).

Aufbau und Inhalt

21 Kapitel auf 111 Seiten erzählen eine authentische Geschichte. Es ist das Protokoll einer Heilung von Ralf Fingerhut. Zahlreiche Bilder, die Herr Fingerhut selber gemalt hat, um seine Gedanken darzustellen, ergänzen seine Biografie. Einige Kapitel geben wortwörtlich die Gespräche zwischen Frau Manske und Herrn Fingerhut wieder.

Das Buch beginnt mit dem Editorial, in dem neben Ralf Fingerhut, Timo, Lukas und Sascha vorgestellt werden. Allen ist gemeinsam, dass ihre Fähigkeiten in unseren Bildungssystemen verkannt wurden. In der Arbeit mit Frau Manske eröffneten sich Entwicklungswege. Sie erkennt, wo die Talente liegen und fördert diese adäquat.

Die Vorgeschichte berichtet von dem Leben von Ralf Fingerhut der 1980 mit 20 Jahren von seiner Mutter bei Christel Manske vorgestellt wird. Diese lehnt zuerst ab. Ein Jahr später bringt Manske es nicht mehr über das Herz ihn wegzuschicken und stimmt einer Therapie zu.

Ich versuchte es besser zu verstehen. Ich suchte nach dem Kern“. Einmal in der Woche treffen sie sich für eine Stunde, um das Rechnen lernen. In der Schule war mehrfach erfolglos versucht worden, ihm das Rechnen beizubringen. Am Ende hieß es dann, er habe kein Rechenzentrum, eine Prognose, die sich als falsch herausstellte, denn im Verlauf der Therapie machte er zunehmend Fortschritte. Bei der gemeinsamen Suche nach dem Grund für die Probleme kristallisierte sich zunehmend heraus, dass die Rechenoperationen an sich nicht verstanden wurden, mit der Folge, dass Herr Fingerhut bis ins Erwachsenenalter blockiert war. Vor allen Dingen fiel es ihm schwer, die Bedeutung des Gleichheitszeichens zu verstehen. Auf dem Weg zur Lösung bedurfte es der Resonanz, d.h. der Lernstoff musste eine persönliche Bedeutung haben.

Herr Fingerhut fand diese in seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der es nicht hinnehmen will, dass die Meister in der Werkstatt für behinderte Menschen, in der er arbeitete, Gehaltssteigerungen bekamen und die behinderten Menschen leer ausgingen – beschrieben in dem Kapitel „die Meister erhöhen ihren Lohn eher als unseren Lohn“. Je stärker sein Selbstbewusstsein durch die Lernfortschritte wurde desto unzufriedener war er an seinem Montagearbeitsplatz in der WfbM. Er kündigte und fand einen neuen Arbeitsplatz als Hilfsgärtner in einem Gärtnerhof, der nach biologischen Verfahren arbeitete.

Im Kapitel „Die Tabletten vernichten die Geistesströme und die Denkknöpfe“ findet der Leser Fingerhuts Zeichnungen über Blockadevorgänge im Gehirn. Eine andere Zeichnung zeigt, wie das Gehirn bei einem epileptischen Anfall aussieht und was die Tabletten bewirken. Er schreibt: „Wenn ich die Tabletten nehme, dann lösen sich zwar die Krämpfe auf, aber sie löschen die Kraft“ (S. 58). Drei Monate nach Beginn der Therapie setzt Herr Fingerhut seine Tabletten gegen Epilepsie ab und erreicht damit etwas, was die Ärzte nicht prognostiziert hatten: er wird und bleibt anfallsfrei. Ein weiterer Nebeneffekt ist, dass er klarer denken kann, was seiner Entwicklung und seinem Lernfortschritt zugute kommt.

Das Buch endet mit dem Kapitel „Ich begann zu begreifen und weinte und weinte…“. Darin beschreibt die Mutter der Entwicklung ihres Sohnes und berichtet, wie es in seinem Leben weiter ging. Der Gärtnerhof in Bremen ging in Konkurs und ihr Sohn wurde arbeitslos. 1983 zog er nach Rieneck in ein SOS Kinderdorf. Dort hat er auch Arbeit gefunden. Sein größter Wunsch war dann, seinen Hauptschulabschluss nachzumachen, um dann den Gärtnerberuf „richtig zu lernen“ (S.110).

Diskussion

Es hat mich sehr berührend, wie Frau Manske sich auf ihren Klienten Ralf Fingerhut einstellt. Sie sucht den Dialog und lässt sich die Welt so erklären, wie er sie sieht und versteht. Sie arbeitet auf Augenhöhe und wird zum Lernpartner. Ihren Fragen ist anzumerken, wie neugierig sie ist, das Gegenüber kennen und verstehen zu lernen. Beiden gelingt es gemeinsam, dass Ralf Fingerhut am Ende das Rechnen beherrscht. In diesem Prozess wird er so selbstbewusst, dass er seine Tabletten absetzt. Damit kann er sich aus dem Gefängnis der Behinderung Epilepsie befreien.

Bewundernswert ist zudem die Haltung, wie Christel Manske mit ihren Klienten lernt. Kern ihrer Arbeit ist die Aufmerksamkeit zu teilen und gemeinsame Entwicklungswege zu gehen. Sie sucht nach den individuellen Bedeutungen, die das Lernen für diesen Menschen hat, weil sie gelernt hat, dass diese Zugänge eröffnen und Motivation schaffen. Diese Spurensuche, diese Art des gemeinsamen Teilens hat sie in ihrer Arbeit mit Schülern entwickelt, die als schlecht und schwierig galten. 1979 betitelte sie ihr Buch „schlechte Schüler gibt es nicht“. Die Veröffentlichung ist nun 34 Jahre her, aber die Diskussion ist aktueller denn je. Schon damals erkannte sie, dass es wenig Sinn hat, die Schüler mit einem gedachten Maßstab zu vergleichen und das Unterrichten auf diesen Maßstab auszurichten. Stattdessen eröffnet der Ansatz des individualisierten Lernens Wege und Möglichkeiten. Obwohl der Anspruch, jedes Kind dort abzuholen, wo es steht, Bestandteil der Lernpläne ist sieht es in der Praxis leider immer noch anders aus. Bis heute hält sich das Vorurteil, dass es schlechte Schüler gibt, eine Feststellung, mit der sich die Schule aus ihrer Verantwortung entzieht. Im Grunde ein Skandal!

Fazit

In den letzten Jahren wird Dr. Christel Manske zunehmend bekannt. Was viele nicht wissen ist, dass sie schon seit vielen Jahren publiziert hat, dies aber unter dem Pseudonym Iris Mann. Obwohl 20 Jahre nach Erscheinen des ersten Buches über Ralf Fingerhut vergangen sind, ist der Inhalt aktueller denn je. Es ist einerseits beschämend, wie wenig sich in 20 Jahren verändert hat und wie weit weg wir von der Anerkennung von Verschiedenheit der Menschen im Sinne der Inklusion sind. Gleichzeitig machen Lebensgeschichten, wie die des Ralf Fingerhuts Mut und bestärken darin, dass es Wege und Möglichkeiten gibt gerade bei denen, die von anderen schon aufgegeben wurden. Es braucht Menschen, die Mut haben Fragen zu stellen, sich auf das Gegenüber in gemeinsam geteilter Aufmerksamkeit einzustellen und damit den eigenen Blickwinkel so zu verändern, dass neue Perspektiven entstehen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 19.12.2013 zu: Christel Manske: Epilepsie. Protokoll einer Heilung. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2013. ISBN 978-3-86541-510-3. Reihe: ICHS-Praxis - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15554.php, Datum des Zugriffs 16.01.2019.


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