Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Klaus Hurrelmann, Matthias Richter: Gesundheits- und Medizinsoziologie

Rezensiert von Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers, 08.01.2014

Cover Klaus Hurrelmann, Matthias Richter: Gesundheits- und Medizinsoziologie ISBN 978-3-7799-2605-4

Klaus Hurrelmann, Matthias Richter: Gesundheits- und Medizinsoziologie. Eine Einführung in sozialwissenschaftliche Theorien von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 8., überarbeitete Auflage. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-2605-4. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
Reihe: Grundlagentexte Soziologie.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Zählpixel

Thema

Gesundheit und Krankheit werden zunehmend auch unter sozialwissenschaftlicher Perspektive betrachtet und die Berücksichtigung sozialer Determinanten auf politischer und behandlungsorientierter Ebene erscheint angesichts der zunehmenden sozialen Ungleichheit immer relevanter. Zur Einführung in sozialwissenschaftliche Gesundheitsforschung präsentieren Klaus Hurrelmann und Matthias Richter als bekannte Vertreter der Gesundheitswissenschaften ein kleines Lehrbuch mit Einbindung von aktuellen Theoriediskursen und empirischen Befunden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel:

  1. Gesundheits- und Medizinsoziologie – eine Standortbestimmung
  2. Bedingungen für Gesundheit und Krankheit – empirische Befunde
  3. Entstehung von Gesundheit und Krankheit – theoretische Ansätze
  4. Definition von Gesundheit und Krankheit – Wege zu einem integrativen Konzept
  5. Gesundheitsförderung – Strategien zur Optimierung der Gesundheitsverhältnisse
  6. Krankheitsprävention – Strategien zur Stärkung des Gesundheitsverhaltens

Im ersten Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit der jeweiligen Spezialisierung von Medizin- und Gesundheitssoziologie. Während erstere sich an der Disziplin der Medizin orientiert und allgemeine soziologische Erkenntnisse auf die Krankheitsanalyse ausrichtet, verstehen die Autoren Gesundheitssoziologie als Teilgebiet der Soziologie mit einem Schwerpunkt auf der Betrachtung des Wechselspiels zwischen Krankheit und Gesundheit und den Strukturen und Funktionen des Gesundheitssystems (12). Auch werden mögliche Arbeitsschwerpunkte beider Bereiche vorgestellt, wie z.B. soziale Bedingungsfaktoren, Auswirkungen der Krankenversorgung, Analyse von Teilsystemen, Optimierung der Verhältnisse, gesundheitliche und soziale Ungleichheit. Die verwandtschaftlichen Verhältnisse zu Nachbardisziplinen wie Gesundheitspsychologie, -pädagogik und Ökonomie werden danach skizziert, ohne die aktuelle Entwicklung bei der Akademisierung der Heilberufe oder den Beitrag Klinischer Sozialarbeit in Kontext zu berücksichtigen (20).

Mögliche Bedingungsfaktoren bei der Entstehung von Gesundheit und Krankheit über werden im zweiten Kapitel vorgestellt. Insbesondere die immer noch biomedizinische Dominanz bei der Ursachenforschung von chronischen Erkrankungen werden die sozialwissenschaftlichen Potentiale zur Erklärung der Wechselwirkung von Lebensbedingungen und Lebensweisen bei der Entstehung von Krankheiten gegenübergestellt. Insbesondere die Verwendung von Grafiken und prägnanten kurzen Textbeiträgen geben einen raschen Überblick über den Zusammenhang zwischen sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit. Im Fokus stehen insbesondere Aspekte von beruflicher Situation, Migrationsfolgen und weitere „soziale Lebensformen“ aber auch Einflüsse durch Lebensalter und Geschlecht (43ff.).

Im dritten Kapitel findet sich eine Vorstellung der zentralen Theorien der Gesundheits- und Medizinsoziologie zur Erklärung sozialwissenschaftlicher Befunde. Dazu finden sich bei Hurrelmann und Richter Gesellschaftstheorien mit Einführungen in die Lebensstilkonzeption, Netzwerktheorien, soziales Kapital und organisationstheoretische Fragmente. Des Weiteren stellen sie Public-Health-Theorien einschließlich Modelle über Risikofaktoren, Rollenverhalten, Bedürfnis- und Versorgungsorientierung, Interaktionstheorien und Systemtheorien vor. Daneben finden sich noch verschiedene Ansätze von Lerntheorien (95ff.) und insbesondere Bewältigungstheorien zur Erklärung des Umgangs mit möglichen Gesundheitsrisiken und Belastungen. Die Schwerpunktsetzung erfolgt hier auf traditionellen und kognitiv-transaktionalen Stresstheorien.

Hurrelmann und Richter entwickeln im vierten Kapitel „Wege zu einem integrativen Konzept“ (113ff.) bei der Definition von Gesundheit und Krankheit und stellen den bisherigen Begriffsbestimmungen mehrperspektivische Konzepte kritisch gegenüber, um schließlich für eine flexiblere Nutzung der Modelle je nach konkreter Fragestellung zu plädieren (139). Dazu werden sehr übersichtlich acht verschiedene Maximen zur Bildung von „konsensfähige[n]“ Definitionen eingeführt, um schließlich interdisziplinäre Nutzbarkeit zu erreichen. Zum Ende des Kapitels erfolgt noch die Darstellung von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung.

Zur Übersetzung in die Praxis erfolgt im fünften Kapitel die Vorstellung möglicher Strategien zur Verbesserung der Gesundheitsverhältnisse mit Unterscheidung in gesellschaftsweite und bereichsspezifische Strategien. Dazu gehören u.a. Gedanken über gesundheitspolitische Maßnahmen, Inklusionsförderung, Reduzierung sozialer Ungleichheit und Strategien hinsichtlich der Optimierung von Selbsthilfe und Förderung soziale benachteiligter Gruppen (162), um im Folgenden die Gestaltung „kommunaler und familialer Lebensräume“ (176ff.) zu erörtern.

Im sechsten Kapitel werden dann zur Vervollständigung Strategien auf der Verhaltensebene beschrieben. Gesundheitskommunikation zur Einflussnahme auf konkretes Gesundheitsverhalten steht hier im Vordergrund. Dazu unterscheiden die Autoren in Gesundheitserziehung, Gesundheitsaufklärung, Gesundheitsberatung und Gesundheitsaufklärung (198ff.) und stellen diesbezüglich elaborierte Maßnahmen vor.

Diskussion

Die mittlerweile achte überarbeitete Auflage zeigt schon alleine die Popularität dieses übersichtlichen und handlichen Buches. Der logische Aufbau, die hohe Leserfreundlichkeit und sinnvolle Verwendung von Grafiken führt zur raschen Erfassung von relevanten sozialen Determinanten im Kontext von Krankheit und Gesundheit. Insofern präsentieren Hurrelmann und Richter ein kleines Meisterwerk zur Nutzung gesundheits- und medizinsoziologischer Erkenntnisse auch für andere Disziplinen. Zweifellos erschließt sich den Leserinnen und Lesern die Bedeutung sozialer Faktoren zur Erklärung von Krankheitsentstehungen und gleichzeitig werden mögliche Strategien auf der operativen Ebene beschrieben. Insbesondere für die Soziale Arbeit erscheint der Nutzen groß, da sie in den Spannungsfeldern zwischen Theorie und Praxis sowie Verhalten und Verhältnisse zur Bearbeitung sozialer Probleme auf diese bezugswissenschaflichen Erkenntnisse nicht verzichten kann.

Fazit

Diese sehr erfreuliche Veröffentlichung kann ich uneingeschränkt für Studium und Praxis insbesondere in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit, Medizin, Pflege und in den Heilberufen empfehlen und sollte aufgrund der hervorragenden Qualität und des angemessenen Preises eine weite Verbreitung in der Fachwelt erfahren.

Rezension von
Prof. Dr. phil. Stephan Dettmers
M.A. Klinische Sozialarbeit, Dipl. Sozialarbeiter
Fachhochschule Kiel
Mailformular

Es gibt 20 Rezensionen von Stephan Dettmers.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stephan Dettmers. Rezension vom 08.01.2014 zu: Klaus Hurrelmann, Matthias Richter: Gesundheits- und Medizinsoziologie. Eine Einführung in sozialwissenschaftliche Theorien von Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 8., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-2605-4. Reihe: Grundlagentexte Soziologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15556.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht