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Katharina Mangold: Inbetweenness. Jugend und transnationale Erfahrungen

Cover Katharina Mangold: Inbetweenness. Jugend und transnationale Erfahrungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 340 Seiten. ISBN 978-3-7799-2911-6. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Die vorliegende Arbeit verortet sich im Forschungsfeld von Jugend und Transnationalität. Die Autorin geht der Frage nach, welche Erfahrungen junge Menschen aus Deutschland im Internationalen Freiwilligendienst in Uganda machen und wie diese Erfahrungen hergestellt werden. Anhand einer ethnographischen Analyse werden die Erfahrungen der Freiwilligen in einem Zwischenraum (Inbetweenness) verortet, der altersspezifisch (zwischen Jugend- und Erwachsenenalter) wie auch geographisch (zwischen Uganda und Deutschland) bedingt ist und die jungen Erwachsenen vor besondere Herausforderungen stellt.

Autorin

Katharina Mangold, Dr. phil. ist Absolventin des DFG-Graduiertenkollegs Transnationale Soziale Unterstützung der Universität Hildesheim und Mainz. Sie ist heute wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kinder- und Jugendforschung, Übergänge junger Erwachsener, Transnationale Soziale Unterstützung und Internationale Freiwilligendienste sowie qualitative Methoden der Sozialforschung.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit wurde mit dem Titel „zwischenWelten - Junge Erwachsene im Internationalen Freiwilligendienst. Eine ethnographische Studie transnationaler Erfahrungen“ von der Universität Hildesheim 2012 als Dissertation angenommen.

Aufbau

Die Publikation besteht aus sieben Kapiteln, die weiter untergliedert sind.

  • Die Einleitung gibt eine Übersicht über den Aufbau sowie eine Zusammenfassung der zentralen Elemente der Studie.
  • Danach folgt in Kapitel 2 ein theoretischer Überblick über das Thema Jugend und Transnationalität in dem der aktuelle Forschungsstand und der theoretische Rahmen der Studie dargestellt werden. In
  • Kapitel 3 wird das methodische Vorgehen erläutert. Dazu gehört eine ausführliche Darstellung der ethnographischen Vorgehensweise und der Auswertung gemäß der Grounded Theory. Zudem werden der Feldzugang und die beobachteten Freiwilligen vorgestellt.
  • Die Kapitel 4 bis 6 zeigen detailliert die Analyseergebnisse unter den Themen „Verortungen“, „Ringen um angemessenes Verhalten“ und „Gemeinsame Heimat herstellen“ auf.
  • Im letzten Kapitel 7 werden die Ergebnisse zusammenfassend dargestellt und Schlussfolgerungen gezogen.

Inhalt

Im ersten Teil verortet die Autorin die vorliegende Studie in der Jugendforschung und zeigt auf, dass es sich bei der Jugendphase um eine gesellschaftliche Konstruktion handelt, die im Verlauf der letzten Zeit immer mehr ausgedehnt resp. entgrenzt wurde. Ein Freiwilligendienst im Ausland kann deshalb als Orientierungsjahr betrachtet werden, das die jungen Erwachsenen vor Herausforderungen der Bewältigung von Übergängen stellt.

Transnationalität wird anschließend als theoretische Perspektive eingeführt, um die Alltagsgestaltung der jungen Erwachsenen zu untersuchen. Die Autorin spricht im Zusammenhang mit dem Forschungsfeld von drei Ebenen der Transnationalisierung. Erstens bietet die Migration nach Uganda den jungen Erwachsenen die Möglichkeit, Beziehungen zu Menschen in Deutschland im Transnationalen Raum zu leben. Zweitens können Interaktionen vor Ort zu transnationalen Verflechtungen und Lebenspraktiken führen. Drittens können gemäß der Autorin „Transprozesse“ innerhalb der Ideenwelt, der Orientierung und Handlungsweisen der jungen Erwachsenen entstehen (S.38). Durch dieses weite Verständnis von Transnationalität dient der „Trans“ Begriff in der vorliegenden Arbeit als analytisches Konzept, das die vielfältigen Arten der Überwindung und Durchdringung von Grenzen zu erfassen ermöglicht, die sich nicht ausschließlich auf Nationen oder Kulturen beziehen.

In Kapitel 3 wird die Forschungsmethode erörtert. Im Vordergrund steht die grundlegende Forschungshaltung, die gemäß der Grounded Theory durch Offenheit, Flexibilität und Sensibilität sowie dem Vergleich gekennzeichnet ist und sich deshalb ideal mit der „ethnographische Haltung“ (Schütze 1994) verknüpfen lässt. (S. 85) Diese Forschungshaltung nimmt die Autorin an, indem sie die Differenzkategorien nicht bereits im Vorfeld festhält, sondern diese aus dem Material heraus entwickelt.

Ausgewertet wurden die Beobachtungsprotokolle gemäß den einzelnen Auswertungsschritten der Grounded Theory. Beim Kodierungsverfahren entstanden die folgenden zentralen Kategorien, die in den folgenden Kapiteln ausführlich dargestellt werden:

Beim Thema Verortungen steht die Frage im Zentrum, wie sich die jungen Erwachsenen im Feld des Internationalen Freiwilligendienstes verorten. Zusammenfassend stellt die Autorin die Verortungen zwischen der Reproduktion von Bekanntem und der Herstellung von neuen Normalität(en) dar, die oft von der Gleichzeitigkeit beider Formen der Verortung gekennzeichnet sind. (S. 162)

Das zentrale Muster der Handlungssituationen der jungen Erwachsenen benennt die Autorin als „Ringen um angemessenes Verhalten“.

Die Verortungsprozesse der jungen Erwachsenen bilden die Grundlage für Prozesse der Konstruktion von Zugehörigkeiten: „Beide Welten kennen“ ist dabei das zentrale Zugehörigkeitskriterium, indem ein gemeinsamer Bildungshintergrund und gemeinsames (transnationales) Wissen relevant wird. Die Autorin benennt diesen Raum als „transnationalen Bubble“, in dem die Vermittlung, die Gleichzeitigkeiten, die Verflechtungen und Abwägungen als kontinuierliche Grenzüberschreitung konstruiert werden (Alter, Nationalität, Hautfarbe) (S.299) und der gleichzeitig als Schutz- und Experimentierraum bezeichnet werden kann (S.301).

In den Schlussfolgerungen der Arbeit bezeichnet die Autorin Inbetween („Dazwischensein“) als Schlüsselkategorie der vorliegenden Studie. Die Autorin stellt fest, dass die jungen Erwachsenen im Freiwilligendienst im Ausland vielfältige Erfahrungen machen. Uganda wird dabei einerseits zu einer Hintergrundkulisse für jugendspezifische Themen und Orientierungsherausforderungen, andererseits wird Uganda selbst durch seine spezifischen Gegebenheiten zur Herausforderung für die jungen Erwachsenen. Die Autorin zeigt auf, dass diese Doppelstruktur zu einer Intensivierung der Orientierungsphase führt.

In diesem Zwischenraum finden die Erfahrungen und Handlungen der jungen Erwachsenen statt, welche geprägt sind von verschiedenen Differenzkonstruktionen. Die Autorin identifiziert dabei Bipolarität als zentrale Charakteristik. Die beobachtete Handlungsstrategie des „Entweder-oder“ ist nach Auffassung der Autorin ein Versuch, die Komplexität durch die Herstellung von Bipolarität zu bewältigen. Diese führt zur Konstruktion von Sicherheit, ist jedoch mit der Gefahr der Stereotypisierung verbunden.

Zugleich bleiben in diesem Zwischenraum aber auch Ambivalenzen weiter bestehen oder müssen ausgehandelt werden und stellen somit gemäß der Autorin den eigentlichen Möglichkeits- wie auch Experimentierraum dar. Sie können zu einer Situation der Überwindung von Grenzen führen, indem Gleichzeitigkeit ausgehalten wird. In der Schaffung von Gruppen von vermeintlich „Gleichen“ werden beispielsweise Schutz- und Experimentiermöglichkeiten geschaffen, die Vermittlung bieten und die Überwindung von Bipolaritäten ermöglichen. Es entsteht eine Situation des „sowohl als auch“, die von der Autorin als „Trans“ bezeichnet wird.

Diskussion

Die Autorin zeigt anhand der Analyse der Erfahrungen von jungen Erwachsenen, die Herausforderungen der Bewältigung von Übergängen auf verschiedenen Ebenen auf. Die beobachteten jungen Erwachsenen mussten sich einer doppelten Ambivalenz stellen, die einerseits altersbedingt, andererseits durch den Ortswechsel bedingt hervorgerufen wurde. Es gelingt der Autorin aufzuzeigen, dass diese komplexe Situation dazu führen kann, bipolare Differenzen zu konstruieren, um damit Ambivalenzen zu reduzieren. Zugleich zeigt sich in diesem „Zwischenraum“ aber auch das Potential, Gleichzeitigkeiten auszuhalten und etwas Neues daraus zu erschaffen, das schließlich als „Transnationaler Raum“ bezeichnet werden kann.

Durch die schrittweise Heranführung an diese Erkenntnisse, die zudem mittels verschiedener konkreter Beispiele erläutert werden, können die Reflexionen der Autorin nachvollzogen werden und geben damit einen interessanten Einblick in das Leben der Freiwilligen im Auslandeinsatz in Uganda.

Gleichzeitig wird die vorliegende Studie durch die sehr ausführliche Darstellung der einzelnen Analyseschritte zu einer anspruchsvollen und etwas langatmigen Lektüre. An der Forschungsmethode der Grounded Theory und der teilnehmenden Beobachtung Interessierte bieten diese detaillierten Ausführungen hingegen ein sehr gutes Anschauungsbeispiel der methodischen Vorgehensweise und der Generierung zentraler Erkenntnisse.

In den Schlussfolgerungen werden die Haupterkenntnisse differenziert dargestellt und analytisch verdichtet. Die Ergebnisse ermöglichen Einblick in die Herausforderungen von jungen Erwachsenen im Freiwilligendienst im Ausland. Unter anderem wird aufgezeigt, wie Erfahrungen in einer derart komplexen Lebenssituation das Risiko in sich tragen, dass Komplexität durch die Konstruktion von Bipolaritäten zu bewältigen versucht wird. Deshalb kann es anstelle einer Erhöhung der interkulturellen Sensibilität auch zu Stereotypisierungen führen.

Fazit

Das Buch empfiehlt sich insbesondere für Fachpersonen, die mit jungen Erwachsenen in internationalen Kontexten arbeiten, sowie Personen, die sich für die Forschungsmethode der teilnehmenden Beobachtung und Grounded Theory im Transnationalen Raum interessieren. Die theoretische Einbettung dieser Erfahrungen in die Jugend- und Transnationalitätsforschung bietet eine gute Zusammenstellung über den aktuellen Forschungsstand. In den Schlussfolgerungen gelingt es der Autorin die Komplexität von Verortungen im transnationalen und altersspezifischen Zwischenraum aufzuzeigen und zu benennen. Damit gibt diese Studie neue Denkanstöße und bietet eine interessante Grundlage bei Fragen der Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung von jungen Erwachsenen in internationalen Kontexten wie bspw. des internationalen Freiwilligendienstes.


Rezensentin
Eveline Ammann Dula
Homepage www.soziale-arbeit.bfh.ch
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Zitiervorschlag
Eveline Ammann Dula. Rezension vom 10.02.2014 zu: Katharina Mangold: Inbetweenness. Jugend und transnationale Erfahrungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2911-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15558.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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