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Ralph Skuban: Pflegesicherung in Europa. Sozialpolitik im Binnenmarkt

Cover Ralph Skuban: Pflegesicherung in Europa. Sozialpolitik im Binnenmarkt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2003. 336 Seiten. ISBN 978-3-531-14049-0. 34,90 EUR, CH: 60,40 sFr.
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Überblick

Ralph Skuban hat mit seiner Studie über die unterschiedlichen Wege der "Pflegesicherung in Europa" nicht nur eine Forschungslücke in einem immer heftiger umkämpften Feld der Sozialpolitik geschlossen, sondern in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Buch vorgelegt.

Inhalt

Kern seiner Arbeit ist ein Dreiländervergleich der EU-Staaten Deutschland, Dänemark und Holland, die exemplarisch für verschiedene Grundtypen sozialstaatlicher Organisation stehen: das beitragsfinanzierte ("konservative") Versicherungsmodell deutscher Prägung; das steuerfinanzierte, bedarfsorientierte ("skandinavisch-sozialdemokratische") Modell Dänemarks und das "Mischsystem" Hollands. Trotz identischer Herausforderungen, so das Ergebnis der Komparatistik, beschreiten die einzelnen Staaten völlig unterschiedliche Wege hinsichtlich Finanzierung, Organisation und Leistungsbereitstellung im Bereich Pflege. Die gravierende Heterogenität der Systeme ist eines der Argumente, weshalb Skuban eine europäische Sozialpolitik in absehbarer Zukunft für höchst unwahrscheinlich gilt. Für Deutschland fällt als Erkenntnisgewinn der Studie zudem die Einsicht ab, dass die demografische Alterung zwar ein allgemeines, die entwickelten Staaten der nördlichen Hemisphäre betreffendes Phänomen ist, dass es aber bessere und schlechtere Wege gibt, sozialpolitische Antworten darauf zu formulieren: Eine zentrale Schwachstelle des deutschen Systems sei, sowohl im Bereich der Pflegesicherung wie in der Sozialen Sicherung allgemein, die einseitige Ausrichtung der Finanzierung auf abhängige Beschäftigungsverhältnisse. Hinzu komme auf der Ausgabenseite ein bis zur Absurdität am Budgetprinzip ausgerichteter Begriff der Pflegebedürftigkeit: Der Leistungskatalog, mithin die Frage der Bedürftigkeit, werde ausschließlich durch die Einnahmeseite, und daher durch gänzlich systemfremde Faktoren (z.B. Arbeitsmarktsituation) mitbestimmt.

Erweitert wird der komparatistische Teil der Arbeit schließlich durch die Einbeziehung der europäischen Dimension nationalstaatlicher Sozialpolitik. Ausgehend von einem historischen Überblick zur Entwicklung der sozialpolitischen Komponente der EU gelangt Skuban zu der zentralen, dreigliedrigen These: Weder existiere bereits eine einheitliche (integrierte) europäische Sozialpolitik, die diesen Namen verdiene; noch sei sie in absehbarer Zeit zu erwarten; zudem sei eine supranationale Sozialpolitik auch prinzipiell gar nicht wünschenswert, weil die EU auch in Zukunft kaum über die nötige Legitimation und Bürgersolidarität verfügen werde, um eine Umverteilung derart gigantischer Finanzressourcen leisten zu können. Das einzige, kleinere Manko des Buches - ein fehlendes Schlagwortregister - wird freilich durch die übersichtliche, klar und klug strukturierte Gliederung bestens kompensiert.

Zu schätzen wissen wird der Leser aber vor allem Eines: Skuban hat keine spröde, abstrakt-akademische Abhandlung verfasst, sondern ein ungemein lesefreundliches Buch geschrieben, ohne dabei im Geringsten Abstriche bei der fundierten Analyse zu machen. Exemplarisch hierfür genannt sei der Einstieg zur Betrachtung des Themenkomplexes "Alter, Familie, Pflegbedürftigkeit": Nicht eine technische Definition der Begriffe gibt Skuban einleitend, sondern einen ideengeschichtlich-philosophischen Abriss über die Sichtweise und Bewertung des Phänomens "Alter" im Verlauf der abendländischen Kultur. Skubans (sozialwissenschaftliche) Studie gewinnt dadurch nicht nur eine spannend zu lesende Abrundung und historische wie gesellschaftspolitische Verortung des Themenkomplexes, sondern überdies eine gedankliche Tiefe, die klar werden lässt, dass sich das Thema "Alter und Pflege" nicht auf die bloßen Fragen von Organisation und Finanzierung eines einzelnen Sozialversicherungszweiges reduzieren lässt.

Neben dem Blick für die großen Zusammenhänge zeichnet die Studie aber zugleich eine ungemein praxisnahe und problemorientierte Sichtweise aus. Diesem Ansinnen hat der Autor im "Auswege" genannten Abschlusskapitel exemplarisch Rechnung getragen. Ohne seine grundsätzliche Kritik am deutschen Modell zurückzunehmen, formuliert er - im besten Sinne: pragmatisch - Wege und Vorschläge zur Besserung der gegenwärtigen Situation. Weil der Politik häufig genug der finanzielle Spielraum fehle, reagiere sie zum Nachweis ihrer Handlungsfähigkeit bisher stets mit der Verschärfung bestehender Regulierungen - zum Nachteil aller Beteiligten: Die Folgen seien ökonomisch unsinnige Kostensteigerungen, Intransparenz und Demotivation auf breiter Front. Skuban plädiert daher, neben einer deutlichen Verbreiterung der Finanzierungsbasis, vor allem für eine weit stärkere Orientierung an der Ergebnisqualität von Pflege. Was nützt es, so fragt der Autor sinngemäß, wenn bei Einhaltung aller Regularien - von der Fachkraftquote über den Personalschlüssel bis zu den detaillierten Dokumentationsanforderungen - am Ende die pflegebedürftigen Menschen in ihren Betten wund lägen? Und was rechtfertige nachträgliche Auflagen, wenn eine Pflegeeinrichtung mit dem Einsatz geringerer Ressourcen bereits eine optimale Pflegequalität erreicht habe - außer, dass sie den Effekt erzielen, kostensteigernd zu wirken.

Fazit

An solchen Passagen wird deutlich, dass der Politikwissenschaftler viele Kenntnisse und Perspektiven des Praktikers hat einfließen lassen: Skuban leitet seit vielen Jahren eine stationäre Einrichtung für schwerst pflegbedürftige Menschen in der Nähe von München. Und dieser Tatsache ist es wohl in erster Linie zu danken, dass das Buch eine tiefe, über das akademische Verständnis der Zusammenhänge hinausgehende Substanz auszeichnet, die es von vielen Arbeiten zum Thema Pflegesicherung gründlich unterscheidet.


Rezensent
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
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Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 05.10.2004 zu: Ralph Skuban: Pflegesicherung in Europa. Sozialpolitik im Binnenmarkt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2003. ISBN 978-3-531-14049-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1556.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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