socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Cristina Allemann-Ghionda: Bildung für alle, Diversität und Inklusion

Cover Cristina Allemann-Ghionda: Bildung für alle, Diversität und Inklusion. Internationale Perspektiven. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2013. 260 Seiten. ISBN 978-3-506-77308-1. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 41,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Bildung für alle! Unter dieser Chiffre lässt sich zurzeit eine Vielzahl von Gegenwartskonzepten subsumieren, die aus historischer Perspektive zwar nicht immer neu sind, sich aber anschlussfähig an aktuellen erziehungswissenschaftlichen und humanistischen – und nicht zuletzt bildungsökonomischen – Zielformulierungen zeigen. Am Beispiel der Begriffe Interkulturalität, Diversität und Inklusion kann deutlich nachgezeichnet werden, wie gesellschaftstheoretische Analysen über den Weg supranationaler Organisationen (z.B. UNESCO, OECD) eine politische Strahlkraft entwickeln und – über den fachlichen Diskurs hinaus – bis weit in die Alltagspraxis von gesellschaftlichen Akteuren hineinwachsen. Bildung soll, so jedenfalls das politische Postulat, als Schlüssel zur Bearbeitung vielfältiger gesellschaftlicher und auch struktureller Problemlagen fungieren, was gerade oder vor allem die Auseinandersetzung mit den gegenwartsbestimmenden Themenfeldern Inklusion, Interkulturalität und Diversität erfordert. Mit dieser Auseinandersetzung beschäftigt sich Cristina Allemann-Ghionda in ihrem neuen Buch. Die Autorin dieser Monographie ist Universitätsprofessorin für Vergleichende Erziehungswissenschaft und Interkulturelle Pädagogik an der Universität zu Köln. Dass die Autorin selbst über vielfältige internationale Kontakte und Beziehungen verfügt, ist diesem Werk an vielen Stellen anzumerken: Sowohl der Bezug auf internationale (nicht nur angelsächsische) Quellen als auch die Dekonstruktion und Neubewertung zeitgenössischer Alltagskonzepte durch den internationalen Vergleich machen die Thesen und Befunde ihrer Auseinandersetzung in jeder Hinsicht glaubhaft und nachvollziehbar.

Aufbau

Das Buch von Cristina Allemann-Ghionda ist eine Monographie und umfasst 260 Seiten, die mit einigen Illustrationen und historischen Fotos angereichert sind. Die Gliederung ist sehr umfangreich und gibt detailliert Auskunft über die zu erwartenden Themen und Fragestellungen und unterstützt den Leser bei der Navigation durch dieses Buch. Die Auseinandersetzung mit den genannten Gegenstandsbereichen machen eine solche fein gegliederte Struktur erforderlich, weil sie von Natur aus bereits einen hohen Komplexitätsgrad aufweisen und in der Verknüpfung mit der Frage nach der pädagogischen Konsequenz ansonsten unüberschaubar würden.

Der Band enthält vier große Kapitel, wobei das letzte Kapitel einerseits als Konklusion dient und andererseits das Feld gegen Ende in Richtung Hochschulpolitik öffnet und somit Freiraum für eine Diskussion um Chancengerechtigkeit und Chancengleichheit zulässt.

Zu 1: Interkulturalität und Diversität

Der Beginn des Buches ist geprägt von theoretischen und etymologischen Auseinandersetzungen mit den Begriffen der Diversität und Interkulturalität. Allemann-Ghionda versteht es sehr anschaulich, zunächst die historischen Zusammenhänge von Diversität mit unserem zeitgenössischen Verständnis zu verknüpfen und macht damit sichtbar, dass Diversität keine Erfindung der Neuzeit ist, dennoch aber heute einer differenzierten Betrachtung der „vielen Gesichter des Diskurses über Diversität“ bedarf, wenn dieses Konzept Eingang in Bildungskonzepte finden soll. Dieser Anschluss findet zumeist über das Konzept der Interkulturellen Pädagogik statt und ist mittlerweile fester Bestandteil des erziehungswissenschaftlichen Diskurses. In Verknüpfung von Diversität und Interkulturalität als relevante Konzepte verdichtet die Autorin hier den Diskurs und macht einen Definitionsvorschlag, der Interkulturelle Bildung als „pädagogische Option“ begreift (S. 60). In diesem Modell verdichten sich Vorstellungen über die Analyse und die Vermittlung interkultureller Kompetenzen, die zu einer Kernaufgabe der Erziehungswissenschaft gehöre, ganz gleich, ob sie einem transversalen oder einem spezialisierten Ordnungsprinzip (Interkulturelle Pädagogik als Querschnittsthema oder als eigenes Fach) bei der Verortung innerhalb der Erziehungswissenschaft folgt.

Zu 2: Mehrsprachigkeit und Bildung

Im zweiten Kapitel widmet sich Allemann-Ghionda der Frage nach der pädagogischen Konsequenz von Mehrsprachigkeit als weltweites – und damit nicht nur auf Einwanderungsländer begrenztes – Phänomen. Folgt man den Ausführungen, so kann Mehrsprachigkeit kaum eindeutig definiert werden. Interessant ist wieder der historische Bezug: Die Autorin stellt den Wandel der wissenschaftlichen Rezeption und Deutung von Mehrsprachigkeit anschaulich dar, der von einer negativen Beurteilung Mitte des letzten Jahrhunderts (Mehrsprachigkeit als Behinderung!), über eine neutrale bis zu einer heute – vor allem durch den Bedeutungszuwachs frühkindlicher Bildung – nahezu durchgängig positiven Sicht auf Mehrsprachigkeit reicht (S. 72). Dabei wird im Folgenden der Mythos der frühkindlichen Mehrsprachigkeit relativiert (S. 86). Ebenso verweist Allemann-Ghionda auf die sozialisatorische und distinktive Dimension von Sprache: Wenngleich die dichotome Kategorisierung (elaboriert vs. restringiert) Basil Bernsteins mittlerweile überholt erscheine, behalten die sozial bedingten Unterschiedlichkeiten (und mit ihnen die Unterschiedlichkeiten in der Bewertung dieser Codes) im Bildungswesen noch immer ihre Relevanz, so die Autorin (S. 80), vor allem, weil sie sich in der zwei- oder mehrsprachigen Sozialisation reproduzieren. Neben diesen Befunden wird die Frage nach der Vermittlung von Sprachkompetenzen sowie der Zusammenhang von Mehrsprachigkeit und kognitiven Fähigkeiten anhand empirischer Ergebnisse erörtert. In der Übersetzung der dargestellten Befunde auf pädagogische Konsequenzen wird deutlich gemacht: „Eine normativ – also andere Sprachen exkludierende – einsprachige Bildung entspricht noch weniger als in früheren Jahrhunderten der gesellschaftlichen Realität.“ (S. 99) Auch zeige sich die Förderung von Mehrsprachigkeit für Minderheitssprachen und insbesondere für Migrantinnen und Migranten noch weitaus uneinheitlich (S. 104). Für den anschließenden Diskurs wird folgende Schlussfolgerung gezogen, und zwar dass die passive und aktive Kenntnis der Sprache des Anderen für eine gelungene interkulturelle Kommunikation zwar notwendig sei, aber keine hinreichende Bedingung darstelle. Für den eiligen Leser empfiehlt sich die umfassende Zusammenstellung der Autorin auf den Seiten 121 bis 123, die Eckpunkte einer reflektierten Förderung der Zweisprachigkeit, vor allem hinsichtlich junger Menschen mit Zuwanderungsgeschichte enthält und auch einige Alltagsmythen entzaubert.

Zu 3: Separation, Integration oder Inklusion

Dieses Kapitel stellt für mich den Kern dieses Buches dar, da es in besonderer Weise deutlich macht, wie die gängigen Diskurse um Diversität, Heterogenität und Interkulturalität in einer Leitformel verdichtet werden, die zurzeit eine unheimlich hegemoniale Kraft besitzt. Die Autorin verweist auf die Möglichkeiten und die mittlerweile vielfältigen empirischen Ergebnisse zu den Vorteilen einer inklusiven Pädagogik, ohne jedoch den kritischen Blick auf die Rezeption und die Entstehung dieses so schillernden Begriffes zu vernachlässigen. Bei dem Begriff der Inklusion scheint es einen ähnlichen Verbreitungsprozess wie beim Begriff der Diversität gegeben zu haben: beide tauchen zuerst in der englischsprachigen Literatur auf, werden über die supranationalen Organisationen legitimiert und mit großer Begeisterung in Europa aufgenommen. Vor allem in Deutschland zeigt sich hier eine begriffliche Engführung auf Menschen mit Behinderungen. Inklusion wird in vielen anderen Staaten meist weiter gefasst und vereint zudem das sozialwissenschaftliche Konstrukt der „sozialen Inklusion“ oder wird auf die gesamte Diversität bezogen (S. 128). Trotz der vielfach vorzufindenden positiven Einstellungen zu einer inklusiven Pädagogik bzw. inklusiven Bildung und den ermunternden empirischen Ergebnissen (hier z.B. verweisen auf Klaus Klemm) kommt Allemann-Ghionda zu der Feststellung, dass in Deutschland Menschen mit Zuwanderungsgeschichte von der Inklusionsdebatte nicht erfasst werden und nach wie vor Ziel einer „exklusiven“ Pädagogik und bzw. Bildung seien: „Diese mentale, ideologische Mauer verfügt über ein solides Fundament aus finanziellen Interessen und Zukunftdenken und beinhaltet das Risiko, dass Inklusion eine Illusion bleibt.“ (S. 133) Wie schon im vorangegangenen Kapitel (S. 98-104) werden im Folgenden die Stärken dieses Buches besonders deutlich. Die Autorin belässt ihre Ausführungen nicht bei einer Einschätzung, sondern unterzieht sie einem systematischen, internationalen Vergleich. Interessant wird dies vor allem beim Inklusionsverständnis und den national unterschiedlichen Implementierungsbemühungen, die auf große Unterschiede der Bildungssysteme bei der Vorstellung von Diversität und Inklusion verweisen (S. 139). Ähnlich geht die Autorin bei der Frage nach der Pädagogik der Diversität in Schulen in Europa vor. Der internationale Vergleich zeigt auch hier: „Die Einstellung der Bildungspolitik gegenüber Heterogenität und gegenüber einzelnen Typen von Differenzen im Vergleich zu einer hypothetischen Normalität bestimmen den Grad der Inklusivität auf einem Kontinuum zwischen Integration und Separation“ (S. 155). Ein verbindendes Element zwischen allen Bildungspolitiken scheint zu sein, soziale Ungleichheiten durch eine interkulturelle und inklusive Pädagogik ausgleichen zu wollen; doch erweise sich die nach wie vor feststellbare Benachteiligung von jungen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in allen hier vergleichenden Ländern nach wie vor stabil (S. 160), wobei es besonders Deutschland nicht gelinge, herkunftsbedingte Bildungsbenachteiligung zu kompensieren. Dieses Kapitel wird abgeschlossen mit einem Diskurs zur religiösen Diversität, die im deutschsprachigen Raum eher randständig bearbeitet wird. Es werden vier Möglichkeiten erörtert, durch die religiöse Vielfalt im Bildungssystem umgesetzt werden können, wobei auch hier große Unterschiede in den einzelnen Staaten sichtbar werden, die je nach Geschichte und Staatsaufbau eine eher inkludierende oder exkludierende Unterrichtsform bevorzugen oder eher die Kooperation zwischen Staat und Kirche bzw. die strenge Trennung eben dieser proklamieren (S. 164). Allemann-Ghionda plädiert hier für eine Verankerung religiöser Lehrinhalte in Curricula der allgemeinen Bildung, um eine möglichst breite Diskussion und Wissensvermittlung religiöser Inhalte und Unterschiede zu gewährleisten. Gegen Ende des Kapitels findet sich eine übersichtliche Darstellung der historischen Verortung der Themenfelder ‚Interkulturelle Pädagogik‘ und ‚Diversität‘ zwischen Universalismus und Partikularismus (S. 168), die in früheren Veröffentlichungen der Autorin ausführlicher dargestellt werden. Bei alledem leitet das dritte Kapitel mit der Frage in das vierte über, wie es denn nun dem Bildungssystem gelänge, vor dem Hintergrund struktureller und noch immer nachweisbarer Benachteiligung (vor allem von Menschen mit Migrationshintergrund) Bildungsgerechtigkeit herzustellen.

Zu 4: Der allgemeine Bildungsauftrag und die Herausforderung der Heterogenität

Dieses Kapitel beginnt mit einem Blick in die Geschichte der Pädagogik und nimmt den Prozess der Scholarisierung zum Anlass, den Gedanken, der mit der Idee „Bildung für alle“ verbunden ist, bereits frühzeitig in der Geschichte der Erziehungs- und Bildungssysteme zu verorten. So lässt sich feststellen, dass im Rahmen der Scholarisierung schon frühzeitig Hinweise auf den Inklusionsgedanken erkennbar waren. Der Übergang des Bildungsmonopols von der Kirche auf den Staat sowie die Verbreitung eines „Modells der institutionalisierten Bildung für die Massen“ (S. 174) habe, so die Autorin, zu einem weltweiten Durchbruch des Schulwesens geführt. Der Staat wiederum verlöre aber bei der Durchsetzung von Bildung in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr an Bedeutung. So verändere sich der allgemeine Bildungsauftrag zunehmend in Richtung eines Schulsystems zur Förderung von Individualisierungsstrategien, in denen die Mechanismen zur (Re-)Produktion sozialer Ungleichheiten durch das Bildungssystem und die damit verbundene Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft – trotz Bildungsexpansion und einigen vereinzelt zu beobachtenden Strukturveränderungen – noch immer durchschlügen. Gleiches könne ebenso in der Hochschullandschaft beobachtet werden sowie hinsichtlich der historischen Entwicklung zur „Massenuniversität“ (S. 200), getragen von der Ernüchterung der „Illusion der Chancengleichheit“ (Bourdieu/Passeron) bis hin zur Bologna-Reform, die eher die Gefahr der „Verflachung der Bildung und der Kompetenzen, die generiert werden sollen“ (S. 210) bewirke. Trotz steigender Studierendenzahlen und Konzepten wie „offener Hochschule“ ist es offenbar noch immer nicht gelungen, Migrantinnen und Migranten angemessen am Bildungserfolg partizipieren zu lassen. Hinsichtlich der Lehrerausbildung sieht die Autorin hier aber auch Perspektiven, denn mit der Flexibilität der Studiengangentwicklung (B.A. und M.A.) eröffneten sich auch Möglichkeiten, Diversität und Interkulturalität für das Studium der Erziehungswissenschaft festzuschreiben (S. 220). Allemann-Ghionda verweist weiter auf die Verschiebung der Dahrendorfschen Figur des „katholischen Arbeitermädchen vom Lande“, die in den 1950er und 1960er Jahren sinnbildlich für die Kumulation von Bildungsbenachteiligung in Deutschland stand, hin zu einem aktuell gültigen Bild des „jungen Mannes mit Migrationshintergrund an den Randbezirken der großen Städte“ (S. 214). Bei den weiteren Ausführungen in diesem Kapitel wird sichtbar, dass die postulierten (auch von deutschen neoliberalen Think Tanks ausgehenden) Strategien zur Förderung des Bildungserfolgs und von Bildungsgerechtigkeit für Migrantinnen und Migranten auf inklusive Bildungsmodelle setzen (S. 182). Für den Umgang mit Diversität können Konsequenzen abgeleitet werden, die sich auf die Vermittlung spezifischer Kompetenzen beziehen (hier z.B. Kommunikationskompetenz als Merkmal von Professionalität) (S. 216). Interkulturelle Kompetenz und Interkulturelle Kommunikation sollen als Querschnittsthema in die Lehrerausbildung integriert werden, wobei es nicht um die Kumulation von Wissensbeständen geht, sondern vor allem darum, den „eigenen Ethnozentrismus und Soziozentrismus zu reflektieren“, mit dem Ziel, „Lehrpersonen für den Unterricht unter den Bedingungen der Heterogenität bzw. der Diversität auszubilden“ (S. 218). So lohne auch hier ein Blick über den nationalen Tellerrand. Die Autorin wirbt als Konsequenz für die Einführung von Standards, allerdings nicht ohne die Gefahren von Standardisierungsprozessen zu diskutieren. Ihr Verständnis von Standards bezieht sich auch weniger auf festgeschriebene Handlungsanweisungen und Ausbildungsvorschriften, sondern zielt eher auf die Frage, was eine Lehrperson wissen und können muss, also was unter globalisierten, und somit heterogenen Bedingungen als Professionalität (hier des Lehrerberufes) zu verstehen ist. Die Autorin entwickelt dazu ein Modell der Lehrerkompetenz unter den Bedingungen der Diversität (S. 224-229). Das Buch endet aber auch mit kritischen Stimmen und Überlegungen vor dem Hintergrund einer drohenden Idealisierung der Gleichheit. „Ein Problemfeld ist die Frage, ob die absolute Gleichstellung und Gleichbehandlung aller Sprachregister und kultureller Artefakte (zum Beispiel: Literatur) wirklich zur Bildungsbeteiligung aller Gruppen und Individuen beitragen kann.“ (S. 231) „Das Postulat, Diversität und Heterogenität als Normalität zu betrachten und in den Bildungsinstitutionen der Herausforderung zu begegnen, wie es in zahlreichen bildungspolitischen Dokumenten heißt, reicht nicht aus, um eine Pädagogik der Diversität, die in einem umfassenden Sinne interkulturell ist, auch eine Bildung zu machen, die Chancengerechtigkeit für alle beabsichtigt und ermöglicht.“ (S. 237) Das Buch endet mit einer kritischen Bestandsaufnahme der deutschen Inklusionsbemühungen (die zumeist auf die die Differenzierung ability/disability beschränkt wird), die, wenn sie trivial verstanden und umgesetzt werden, einer Normalisierung Vorschub leisten, die der besonderen Situation gesellschaftlicher Akteure, und insbesondere Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, nicht gerecht wird. Daher wird es notwendig sein, inklusive Bildung (Bildung für alle!) auch oder vor allem unter Berücksichtigung von Diversität und interkultureller Heterogenität zu gestalten.

Diskussion

Unter dem „Dach“ der Leitformel „Bildung für alle“ stellt die Autorin in diesem Buch Zusammenhänge und relevante Verknüpfungspunkte zu drei bekannten Diskursen her: Inklusion, Interkulturalität und Diversität. Obwohl sich die Autorin diesen Diskursen eindeutig aus einer erziehungswissenschaftlichen Perspektive nähert, werden politische und sozialwissenschaftliche Analysen dennoch nicht ignoriert. Der Wert dieses Bandes liegt vor allem in der vergleichenden Herangehensweise: Viele der Analysen und Schlussfolgerungen der Autorin (gerade in Kapitel 2 und 3) fußen auf einem international vergleichenden Vorgehen, das durch seine systematische Darstellung sehr nachvollziehbar umgesetzt wurde. Die jeweiligen Auseinandersetzungen in diesem Buch beginnen stets mit einem genauen Blick der Autorin auf die etymologischen Grundsteine und historischen Entwicklungen der drei Themenfelder (Diversität, Inklusion, Interkulturalität), die für das Verstehen ihrer aktuellen (tlw. hegemonialen) Bedeutung wichtig sind. So lassen sich durch die beschriebenen Ähnlichkeiten bei der Verbreitung der beiden Diskurse Diversität und Inklusion durch supranationale Organisationen durchaus politisch-strategische oder sogar ökonomistische Intentionen erahnen. In dem Buch wird an vielen Stellen herausgearbeitet, dass die Formel „Bildung für alle“ eben nicht Konformität bedeute, sondern in erster Linie eine wissenschaftstheoretische und auch empirische Auseinandersetzung mit Unterschiedlichkeit und Diversität erfordere, die nicht nur auf die Erziehungswissenschaft beschränkt sei. Wenngleich die Folgen für die Lehrerausbildung und die pädagogischen Konsequenzen stets mitgedacht werden und Vorschläge für eine als Querschnittsthema (und somit disziplinbezogen transversal) angelegte Interkulturelle Pädagogik entwickelt werden, kann dieses Buch auch als eine kritische Bestandsaufnahme eines Bildungssystems gelesen werden, das mit den vielschichtigen politischen, gesellschaftlichen, aber auch disziplinimmanenten Aufforderungen allein überfordert scheint. Deutlich wird dies vor allem in den ernüchternden Befunden der nach wie vor vorherrschenden Bildungsbenachteiligung junger Menschen mit Migrationshintergrund. Die beschriebenen Versäumnisse bei der Herstellung von Bildungsgerechtigkeit geben durchaus Anlass zur Sorge, ob die proklamierte „Bildung für alle“ als neue Lösungsformel ausreicht. Allemann-Ghiondas Auseinandersetzungen machen unmissverständlich deutlich, dass Inklusion ohne Anerkennung und Beachtung von Diversität bzw. Heterogenität ihre Ziele verfehlt. Sie erweitern die von Annedore Prengel in den 1990er Jahren entwickelte Vorstellung einer „Pädagogik der Vielfalt“ mit dem besonderen Blick auf die pädagogischen Konsequenzen für die Beachtung von Interkulturalität und Diversität.

Fazit

Dieses Buch ist von der Themenstellung komplex und vielschichtig; dennoch schafft es die Autorin, die Aufmerksamkeit des Lesers stets aufrechtzuerhalten. Dies gelingt durch eine geschickte Strukturierung der einzelnen Abschnitte sowie durch einen gelungenen diskursiven Sprachstil. Wertvoll ist der Band auch durch die präzisen Beobachtungen von Allemann-Ghionda und aktuellen Bezüge zu den hier relevanten Diskursen und Konzepten. Das Buch liefert eine genaue historische und erziehungswissenschaftliche Einordnung der Begriffe Inklusion, Diversität und Interkulturalität und erlaubt durch den Bezug auf internationale Diskurse interessante Perspektiven und Neubewertungen. Ich habe dieses Buch als Grundlagenliteratur für Module vorgesehen, in denen im Masterstudiengang Diversität und Interkulturalität eine Rolle spielen. Es ist zwar kein ausgesprochenes Lehrbuch, es richtet sich aber an alle Studierende, Lehrende und Wissenschaftler/innen, die eine aktuelle Standortbestimmung und wissenschaftliche Einordnung dieser Diskurse suchen – nicht nur für das Feld der Erziehungswissenschaft.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Hensen
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Gregor Hensen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Gregor Hensen. Rezension vom 20.12.2013 zu: Cristina Allemann-Ghionda: Bildung für alle, Diversität und Inklusion. Internationale Perspektiven. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2013. ISBN 978-3-506-77308-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15561.php, Datum des Zugriffs 19.03.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung