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Adrian Itschert: Jenseits des Leistungsprinzips

Cover Adrian Itschert: Jenseits des Leistungsprinzips. Soziale Ungleichheit in der funktional differenzierten Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2013. 297 Seiten. ISBN 978-3-8376-2233-1. D: 29,80 EUR, A: 33,80 EUR.

Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - Band 10.
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Thema und Autor

Die Veröffentlichung beinhaltet eine theoriebezogene Auseinandersetzung mit dem Meritokratiemodell (meritum: das Verdienst). Einerseits hat dieses Modell immer noch eine erhebliche, wenn auch indirekte, Erklärungskraft bezüglich von Statuszuweisungen in modernen Gesellschaften. Andererseits sind Widersprüche, Kritik und empirisch fundierte Gegenargumente vorhanden, die speziell in der Ungleichheitssoziologie verankert sind. Denn Karriereselektionen und Statuszuweisungen folgen nicht den von dem Modell unterstellten Rationalitätskriterien, die z.B. einem verdienstvollen Akteur hohen Status und Anerkennung zuweisen, der könnte nämlich auch lediglich durch eine „Seilschaft“ und unverdienter Weise Rang und Namen bekommen haben. Nach einer grundlegenden Einführung in die Thematik setzt sich der Autor u.a. mit den Soziologen Randall Collins, Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann auseinander.

Der Autor, Adrian Itschert, lehrt an der Universität Luzern. Seine Forschungsgebiete sind Gesellschaftstheorie und politische Soziologie. Erschienen ist die vorgelegte Studie in der Reihe „Gesellschaft der Unterschiede“ im o.g. Verlag.

Inhalt

Der erste Abschnitt des Buches „Das Meritokratiemodell und die Ungleichheitssoziologie“ erarbeitet einen Überblick über theoretische Ansätze zur Klärung von vertikalen Mobilitäten und ihren zum Zuge kommenden Bedingungen hinsichtlich von Statuszuweisungen innerhalb der Gesellschaft. Letztendlich geht es um die berufliche Position welche ein Individuum im Gesellschaftssystem erreicht. Itschert verweist in diesem Zusammenhang auf Michael Young, einem Vertreter des Modells, der, so der Hinweis, mit seiner Auffassung zur Heroisierung des genialen Individuums beiträgt. Zu dieser elitentheoretischen Überspitzung kommt als zweites Merkmal des Modells, dass geeignete Talente knapp sind und als drittes Merkmal eine perfekte Durchlässigkeit in der sozialen Schichtung der Gesellschaft vorhanden sein muss. Aber ein analysierender Blick auf das Schulsystem zeigt bereits, das dieses System eben nicht vollständig rational organisiert ist. Überhaupt geht das Meritokratiemodell von einer lückenlosen Kettenrationalität aus, die Karriereselektion von der Familie über das Schulsystem und von dort bis in die Arbeitsorganisation und andere Funktionssysteme fortsetzt. Da Chancengleichheit der Individuen vorausgesetzt wird, scheint es sich um eine legitime Verteilungsordnung zu handeln. Bereits in dieser Grundskizze kritisiert Itschert das Modell erheblich: es gibt dort keine Ungerechtigkeiten, keine Entfremdung, keine Über- oder Unterforderung, kein Konflikt oder Protest. Sozusagen das Gegenmodell zur Meritokratie ist die ungleichheitssoziologische Mobilitätsanalyse, die im Grunde genommen eine empirische Widerlegung darstellt (z.B. durch gemessene Variablen wie Bildung und familiale Herkunft, Intelligenzquotient). Insbesondere zeigt die familiale Herkunft im Zusammenhang mit Bildung und Bildungsabschlüssen, dass die Abkoppelung von Schulkarrieren und Berufsrollen von dieser Herkunft eben nicht gegeben ist, wie es das Meriokratiemodell nahe legt. Allerdings fordern Vertreter des Modells wie z.B. Goldthorpe politische Interventionen, um Chancengleichheit zu erreichen – um in diesem Beispiel zubleiben. Problematisch bleibt, dass die ungleichheitssoziologische Mobilitätsanalyse eine starke Anlehnung an das meritokratische Modell besitzt, die darin besteht, dass sie Abweichungen von diesem System für illegitim erklärt. Das heißt, das Modell würde als gerecht empfunden wenn es denn der Wirklichkeit entspräche und Abweichungen davon als ungerecht bzw. als Stabilisierung von Ungleichheit interpretiert würden. Die Mobilitätsanalyse übernimmt also den normativen Maßstab des kritisierten Modells: „In gewisser Hinsicht sind deshalb die meisten Vertreter der ungleichsoziologischen Mobilitätsanalyse auch Vertreter des Merokratiemodells“ (S. 46).

Auf diesem Hintergrund erörtert dann der Autor Unterschiede zwischen Moderne und Alteuropa, beschreibt die klassische Mobiltätsanalyse und setzt sich daran anschließend mit dem konflikttheoretischen Modell des Statuszuweisungsprozesses von Collins, dem Differenzierungs- und Klassenmodell Bourdieus und dem systemtheoretischen Modell Luhmanns auseinander. Itsert analysiert die konflikttheoretische Theorietradition dahingehend, dass sie die konflikthaltigen Verteilungsungleichheiten mit ihrer Bindung an konkurrierende Statusgruppen überschätzt. Für den systemtheoretischen Zugang gilt eher, und zu Collins gegenläufig, dass funktional differenzierte Gesellschaften die Konfliktfähigkeit von sozialen Klassen und Interessengruppen einschränken. Für Bourdieu sind hingegen Statuszuweisungen an die Reproduktion der Klassenstruktur gebunden und erzeugen eine Illusion von Chancengleichheit.

Für Itsert nähern sich die theoretischen Zuweisungskonzepte nicht, weil die Bezugsprobleme von Rekrutierungsrationalität, Leistungsmotivation, Selektionslegitimation und Sozialintegration nicht aufeinander abstimmbar erscheinen. D.h. eine notwendige Mehrdimensionalität als Erklärungsmodus müsste eingeführt werden. Dieser Perspektive räumt der Autor allerdings nicht allzu große Realsierungschancen ein.

Diskussion

Die Veröffentlichung betreibt einen sehr ausführlichen Theorievergleich, der, da empirische Daten kaum eine Rolle spielen, auch kaum eine „Bodenhaftung“ erkennen lässt. Auf eine eigene Theorieentwicklung verzichtet der Autor, deutet aber diesbezügliche Perspektiven an. Der teilweise etwas rückwärtsgewandte Theorievergleich entbehrt allerdings nicht der Aktualität, wenn gesehen wird, dass zwei in der Wissenschaft renommierte Psychologen (Elsbeth Stern/Aljoscha Neubauer) Ergebnisse der Intelligenzforschung der letzten Jahre in Empfehlungen einfließen lassen, Intelligenzressourcen innerhalb der Gesellschaft zielgerichteter einzusetzen, auch um international konkurrenzfähig zu bleiben. Vorgeschlagen werden z.B. ein veränderter Selektionsmodus im Schulsystem und neue Zugangsregelungen zum Universitätsstudium. Das wäre ein Rationalitätsschub hinsichtlich der Rekrutierungsrationalität und der Selektionslegitimation – im Sinne Itserts. Dieses Beispiel zeigt aber auch, dass eine interdisziplinär ausgerichtete Analyse mehr erbringen kann als „nur“ ein soziologisch ausgerichteter Theorievergleich.

Fazit

Ein detaillierter Theorievergleich zum Aufbau, zur Entwicklung und Bedeutung von Meritokratiemodellen. Erkenntnisreiches Buch für Theoretiker und Analytiker im sozialwissenschaftlichen Feld.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 24.12.2013 zu: Adrian Itschert: Jenseits des Leistungsprinzips. Soziale Ungleichheit in der funktional differenzierten Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2233-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15564.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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