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Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik!

Rezensiert von Beate Sonsino, 26.03.2014

Cover Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik! ISBN 978-3-451-30909-0

Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik! Ein Jugendrichter zieht Bilanz. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2013. 4. Auflage. 140 Seiten. ISBN 978-3-451-30909-0. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Andreas Müller ist ein erfahrener Jugendrichter, der nach seiner eigenen Schätzung ca. 12.000 Jugendstrafverfahren verhandelt hat. Dazu zählen Skinhead-Gewalttaten, S-Bahn-Überfälle, Wiederholungs- und Intensivtaten. Er ist Praktiker und stößt als solcher immer wieder an die Grenzen der Justiz.

Das Lebensthema des Autors ist das Jugendstrafrecht. Er ist über das normale Maß hinaus engagiert und will etwas voranbringen. Aber er ist auch frustriert darüber, dass zum Beispiel Kirsten Heisigs „Neuköllner Modell“ nicht genügend umgesetzt wird, dass gerade bei Gewalttaten ein Täter nicht schneller vor dem Richter steht, sowohl zum Täter- wie zum Opferschutz.

Ein halbes Jahr nach dem Selbstmord von Kirsten Heisig hatte Andreas Müller eine tiefe psychische Krise und ging zur Behandlung in eine psychosomatische Klinik.

Er schrieb dieses Buch, weil er seine Überzeugung öffentlich machen möchte, dass mit sehr wenigen Änderungen im Jugendstrafrecht, viele der extremen Gewalttaten zu verhindern wären und die gesamte Jugendkriminalität innerhalb weniger Jahre um mindestens die Hälfte reduziert werden könnte. Das Buch soll verantwortliche Politiker, Justiz- und Innenminister und vor allem die deutschen „Sozialromantiker“ wachrütteln und dazu bewegen, Veränderungen vorzunehmen.

Autor

Jugendrichter Andreas Müller wurde 1961 geboren und erlebte schon sehr früh Gewalt in der eigenen Familie. Der Vater war Alkoholiker und starb auch früh an dieser Sucht. Der Bruder wurde nicht nur drogenabhängig, sondern auch straffällig und kam ins Gefängnis. Als Kind wurde Andreas Müller von Nachbarskindern und Klassenkameraden gehänselt. Er war blass, hatte rote Haare, war pummelig und lispelte. Sätze, wie „Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen!“ (S.14), hörte er immer wieder und hat er nicht vergessen. Er glaubt, dass sein konsequentes Vorgehen gegen Diskriminierung mit diesen eigenen Erfahrungen zusammenhängt.

Er war mit der Jugendrichterin Kirsten Heisig kollegial befreundet und beide hatten beruflich ähnliche Einstellungen und Vorstellungen.

Andreas Müller ist in seiner Funktion als Jugendrichter ebenso bekannt, wie auch umstritten. In den Medien konnte man über ihn schon als „Richter Gnadenlos“ oder „Härtester Richter Deutschlands“ lesen. Ähnliche Prädikate bekam auch Kirsten Heisig zugeordnet.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch ist neben dem Vorwort und dem Nachwort in achtzehn Kapitel unterteilt. Es werden viele autobiographische Details dargestellt, die in einen Bezug zu der Arbeit des Autors gesetzt werden. Verschiedene Problematiken werden anhand von Beispielen angesprochen.

Ich möchte in dieser Rezension wegen des begrenzten Umfangs nicht auf jedes Kapitel eingehen, sondern anhand einiger, ausgewählter Kapitel prägnante Problematiken und Kritiken am momentanen System herausgreifen und darstellen. Hierbei gehe ich auch auf die autobiographischen Teile ein, da diese den Lebensweg und die berufliche Entwicklung von Andreas Müller stark geprägt haben und bis heute beeinflussen.

Im Vorwort berichtet der Autor, dass das Jugendstrafrecht sein Lebensthema ist und er frustriert ist, weil unsere Gesellschaft nicht in der Lage ist, „... ein vernünftiges, auf die Probleme unserer Gesellschaft ausgerichtetes jugendrichterliches System auf die Beine zu stellen“ (S.7). Kirsten Heisigs Modell wird kaum umgesetzt (vgl. die Rezension).

Andreas Müller schrieb dieses Buch für Gewaltopfer, für die, die sich mutig in gewaltsame Auseinandersetzungen einmischten, für Hinterbliebene der Opfer, wie Tina K., deren Bruder brutal getötet wurde. Aber auch für die Gewalttäter schrieb er es, für die, die in den Knast mussten, da ihnen vom Staat nicht frühzeitig ihre Grenzen gezeigt wurden. Hierauf wird noch später eingegangen. Aber auch für Kirsten Heisig und andere Menschen, denen er sich verpflichtet fühlt, schrieb er dieses Buch. Er schrieb es außerdem, damit sich Menschen im öffentlichen Raum ohne Angst aufhalten können. Es ist auch ein Appell an die 16 Justiz- und Innenminister der Bundesländer. Sie sollten sein Buch, am besten zusammen mit Kirsten Heisigs Buch lesen und die notwendigen Veränderungen vornehmen.

Wie schon erwähnt, erlitt der Autor einige Monate nach dem Freitod seiner Kollegin Heisig eine psychische Krise.

Im Kapitel „Rote Haare, Sommersprossen sind des Teufels Artgenossen! Biographische Anmerkungen“ schildert der Autor, wie er im Kindesalter von Nachbarskindern, Klassenkameraden und Lehrern gehänselt und diskriminiert wurde. Das Aufwachsen zwischen der Alkoholsucht und den Gewaltausbrüchen des Vaters und dem Abrutschen des älteren Bruders wird ebenso beschrieben, wie der Überlebenskampf der Mutter mit ihren drei Kindern, nachdem der Vater am Alkoholismus gestorben war, als Andreas gerade mal elf Jahre alt war. Der Bruder gelangte in die Drogenszene und wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz in mehrjährige Haft. Obwohl Andreas in der Grundschule mit der Rechtschreibung große Probleme hatte und in Deutsch den Ruf als „Deutsch Versager“ (S.20) hatte, was damals dem Weg in eine höhere Schule im Wege stand, riet die Klassenlehrerin den Eltern zum Gymnasium. Diese wollten ihn eigentlich auf die Realschule schicken. Der Vater meldete ihn dann im Gymnasium an. Hier gab es Höhen und Tiefen, aber er bekam von einem Lehrer freiwillige Zusatzstunden in Deutsch und erlebte, dass man mit Unterstützung Einiges schaffen kann, was alleine so nicht gegangen wäre. Andreas schaffte es, sich einen eigenen Weg aus diesem familiären Drama zu schaffen. Er studierte Jura, wurde später Jugendrichter.

Im Kapitel „Mit dem ersten Fall sofort in medias res. Das Dolgenbrodt-Verfahren“ schildert der Autor seinen ersten Fall als sogenannter Berichterstatter für das Gericht. Dieser Fall bewegte sich im rechtsradikalen Bereich. Hier machte Andreas Müller erste Erfahrungen mit der rechten Szene. Im Kapitel „Meine Kampfansage an die rechte Szene“ geht er auf diesen Täterkreis noch ein.

Im Kapitel „Meine Arbeit als Richter. Depression abseits des Mythos“ geht der Autor auf das Alter seiner Klientel ein. Ab der Strafmündigkeit mit 14 reicht die Spanne bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres. Zwischen 18 und 21 sind es dann die Heranwachsenden. Vor dem 14. Lebensjahr ist das Familiengericht zuständig.

Müller erläutert in diesem Kapitel auch das Arbeitsaufkommen eines Jugendrichters. Im Idealfall wären 500 bis 600 Verfahren pro Jahr zu bearbeiten. Durch akuten Personalmangel kann ein Richter aber auch die Arbeit von anderthalb Richtern ableisten müssen. Eine Anklage wegen Körperverletzung wird mit 170 Minuten gerechnet. In etwa bleiben 3 Stunden für die Vorbereitung, das Einlesen in die Akte, das Anberaumen und Durchführen der Verhandlung und das Diktieren des Urteils, egal ob es einen Angeklagten oder mehrere gibt, ob ein Dolmetscher benötigt wird, was noch mal zeitaufwendiger ist, oder, ob der Angeklagte geständig ist oder noch weitere Zeugen geladen und Indizien gesammelt werden müssen. Für leichtere Fälle, wie Sachbeschädigung oder kleinere Diebstähle werden 110 Minuten gutgeschrieben. Das Zeitbudget des Richters setzt sich aus einer Art Mischkalkulation zusammen. Richter Müller sieht die Unabhängigkeit der Judikative durch akuten Zeitmangel bedroht. Um seine Arbeit sorgfältig zu machen, braucht er Zeit, mehr Zeit, als ihm und anderen Kollegen zugebilligt wird. Er opfert oft private Zeit, die seiner Familie und seiner eigenen Regeneration abgeht. Ein Richter kann unter diesem Zeitdruck nicht jede Akte vollständig lesen, er muss „Mut zur Lücke haben“ (S.42), schreibt Müller. Dieser kollektive Zeitmangel in der Justiz ist auch dafür verantwortlich, dass zunehmend Taten nicht mehr verfolgt werden. Verfahren werden im Vorfeld ohne Richter beendet. In diesem Zusammenhang kritisiert der Autor dass diese Praxis im Einklang mit der linken Sozialromantik, im Rahmen der sogenannten „Diversion“ (S.42) geschieht. Bei der Diversion werden statt eines jugendrichterlichen Verfahrens meist erzieherische Maßnahmen durch Sozialarbeiter eingeleitet. Es können soziale Tätigkeiten und Schadenswiedergutmachung eingesetzt werden. Für diese Maßnahmen gibt es verschiedene Hintergründe, z. B. den Täter nicht durch das Gericht zu stigmatisieren, erzieherische Hilfestellung zu bieten oder auch nur die Kostenersparnis im Justizsystem. Bei den linken Sozialromantikern kritisiert Müller, dass diese oft verklärt und unrealistisch glauben, in jedem Fall sei Knastvermeidung für das Wohl des Jugendlichen der einzige Weg für eine gute Zukunftsprognose. Der Autor lehnt die Diversion keinesfalls ab und will auch nicht jeden delinquenten Jugendlichen in den Vollzug bringen. Auch er arbeitet mit pädagogischen Auflagen. Allerdings erlebt er als Jugendrichter den inflationären Einsatz dieser Verfahren. So kommt es nicht selten vor, dass der gleiche Jugendliche drei bis vier Mal mit Verwarnungen und erzieherischen Maßnahmen zu tun hatte und dazwischen immer wieder mit neuen Taten weitermachte. Teilweise haben Jugendliche diese Erfahrung mit fünf oder sechs außergerichtlichen Maßnahmen gemacht, ohne einen Richter gesehen zu haben. Das kommt bei manchem Jugendlichen so an, dass ja doch nicht viel passiert, auch wenn er erneut Taten verübt. Ein frühzeitiger Kontakt mit dem Gericht, einem Richter in Robe, wäre in vielen Fällen wirksamer gewesen und hätte u. U. den Täter stoppen können. Ein frühzeitiges Eingreifen vor Gericht, kann den Täter u.U. rechtzeitig stoppen und potentielle neue Opfer vermeiden. Die Diversion ist bei Sozialarbeitern und der Jugendgerichtshilfe beliebt und bedeutet eine Kostenersparnis für die Staatsanwaltschaften, da sie weder Anklagen schreiben, noch Sitzungsdienste leisten müssen, stattdessen ist das Verfahren mit einem Formblatt zu erledigen.

Prof. Christian Pfeiffer, Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, kam als Doktorand in den späten Siebzigern im Rahmen einer Studie zu dem Ergebnis, dass freiheitsentziehende Maßnahmen, wie Jugendarrest, mehr Rückfälle produzieren, als ambulante Maßnahmen, wie Weisungen und Auflagen. Damals begann nach Andreas Müller der Trend, Arrest und Jugendstrafe um jeden Preis zu vermeiden, die Diversion wurde sofort zum Dogma (vgl. S. 44, 45). Andreas Müller nutzt kreative Möglichkeiten, wenn er einem Täter erzieherisch etwas vermitteln möchte. So hat er einen Jungen, der „Sieg Heil“ und „Ausländer raus“ gerufen hatte, in Begleitung eines Sozialarbeiters nach Kreuzberg geschickt und ihn da unter anderem das erste Döner seines Lebens essen lassen. Er wusste, dass dieser Junge bisher keine Kontakte zu den Menschen hatte, die er verjagen wollte. Auch ein Besuch in einem ehemaligen Konzentrationslager oder einen Aufsatz mit dem Thema, „Warum ist Sieg Heil-Rufen verboten?“ schreiben zu müssen, können erzieherischen Wert haben und sind Maßnahmen, die ein Richter anwenden kann. Andreas Müller zieht bei rechten Straftaten solche pädagogische Strafen dem Dienst nach Vorschrift, wie Geldbuße, Arbeitsstunden oder Arrest vor (vgl. S. 49).

Der Autor weist darauf hin, dass sich die Zeiten gewandelt haben, wir es heute mit anderen Tätergruppen und Tathergängen zu tun haben als zu der Zeit, wo Christian Pfeiffers Studie entstanden und dann zum Dogma geworden ist. Spätestens seit den Neunzigern haben wir es mit schwerster Jugendkriminalität, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit, Skinheadgewalt und vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, denen nicht mit wiederholter Diversion begegnet werden darf, zu tun (vgl. S. 46). Der Autor bedauert, dass er keine stärker ausdifferenzierten Möglichkeiten der stationären Maßnahmen zur Verfügung hat. Eine Jugendstrafe muss mindestens sechs Monate dauern, so ist es vorgeschrieben. Müller würde aber manchmal gerne nur einen oder zwei Monate als pädagogisch wirksam erachten. Längere Haftstrafen, wie das häufig von den konservativen Sozialromantikern gefordert wird, möchte er nicht. Die möglichen Haftstrafen von 10 bis 15 Jahren reichen einem Jugendrichter aus.

Auch die opferschädigende gängige Praxis der Justiz, aus Kostengründen und wegen Arbeitsüberlastung Verfahren einfach einzustellen, kritisiert der Autor. Dies kann u. U. stattfinden, wenn bereits erzieherische Maßnahmen eingeleitet worden sind oder wenn wegen einer schlimmeren Tat eine Verurteilung zu erwarten ist. Schlägt ein Täter in einem bestimmten Zeitraum zwei oder mehr Nasenbeine kaputt, kann es einem der Opfer passieren, dass der Täter in „seinem“ Fall nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Das ist für die Opfer sehr schmerzlich und kann außerdem auch bedeuten, dass sie in zivilrechtlicher Hinsicht keine Möglichkeit für Schadensersatz oder Schmerzensgeld zugesprochen bekommen können. (Vgl. S. 48-53).

Im Kapitel „Malen nach Zahlen. Warum Statistiken mit Vorsicht zu genießen sind“ berichtet der Autor über seine unbefriedigende Recherchearbeit, um den gegenwärtigen Stand der Jugendkriminalität in Deutschland ermitteln zu können. Er holte sich hierzu einen Journalisten mit ins Boot. Ein Schreiben mit zwei Fragebögen wurde als Presseanfrage an die entsprechenden Minister, Senatoren und/oder deren Pressesprecher der sechzehn Landesministerien für Inneres und Justiz verschickt mit der Bitte, diese Fragebögen ausgefüllt zurück zu schicken. Die Fragen an die Innenresorts bezogen sich u. a. auf Angaben, ob es spezielle Jugendkriminalitätskommissariate, spezielle Abteilungen für Intensivtäter bzw. Wiederholungstäter gibt, ob Jugendkriminalitätsstatistiken geführt werden und auf die Laufzeiten zwischen Tatbegehung und Abschluss der Ermittlungen, bzw. Übersendung der Akten an die Staatsanwaltschaft in den jeweiligen Jahren von 2008 bis 2012. Der Fragebogen für die Justizministerien der Länder wollte u. a. Angaben zu den Zahlen der Jugendstraftaten in diesem Zeitraum, den Zeitrahmen von der Tatbegehung bis zur Erstentscheidung eines Jugendrichters, ob Fälle nach dem Neuköllner Modell verhandelt werden, ob in deren Resort Statistiken über Intensivtäter und Wiederholungstäter und die von diesen begangenen Straftaten geführt werden. Abgesehen davon, dass einige Antworten völlig ausblieben, antworteten andere nicht wirklich auf die Fragen. Bayerns Justizministerium stellte eine Ausnahme dar. Häufig wurde einfach auf die jeweiligen Polizeilichen Kriminalstatistiken verwiesen, die allerdings viele der gestellten Fragen offen lassen. Sie vermeiden außerdem den Begriff „Intensivtäter“ und verwenden nur den Begriff der „Mehrfachtatverdächtigen“. Aus der Polizeilichen Kriminalstatistik für Deutschland für das Jahr 2012 geht hervor, dass etwa 31 % aller tatverdächtigen Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden „Mehrfachtatverdächtige“ sind. Die Zahl der gefährlichen Körperverletzung ist von 1992 bis 2007 um fast das Dreifache gestiegen, seitdem ist die Zahl rückläufig. Müller führt verschiedene mögliche Gründe für das Sinken der Zahlen an, u. a. dass mit absoluten Zahlen gearbeitet wird, es demografisch weniger Kinder, Jugendliche und Heranwachsende gibt und folglich weniger Straftaten. Aber auch eine neue Generation von Richtern und Staatsanwälten, die keine Furcht vor dem Verhängen stationärer Maßnahmen haben, könnten Einfluss haben. Im Bundesland Berlin sollen zwei Drittel der Intensivtäter einsitzen oder ihre Strafe verbüßt haben. Der Autor plädiert dafür, dass ein Täter spätestens nach der zweiten Gewalttat vor dem Jugendrichter stehen muss. Außerdem warnt er davor, weiter beim Personal von Polizei und Justiz einzusparen. Beim Amtsgericht Tiergarten wurden die Jugendrichterstellen um 25 Prozent gesenkt. (Vgl. S. 55-65).

Im Kapitel „Konservativ, links und ich. Dreierlei Sozialromantik und mein erster Schuss vor den Bug“ berichtet Müller, dass er 1997 in Bernau als echter Sozialromantiker angefangen hat, zu richten. Der Anspruch war, niemanden in Haft zu bringen, sondern über pädagogische Lösungen zu arbeiten. Er hatte bei der Staatsanwaltschaft den Ruf weg als „Der milde Müller“ (vgl. S. 67). Er glaubte daran, dass mit einer klaren Ansage und guter Sozialarbeit alle Angeklagten auf den rechten Weg zu bringen seien. Der Fall Dennis, der durch diverse Einbrüche mit Diebstahl schon mehrfach aufgefallen war, Auflagen und Weisungen durch Müllers Vorgänger erhalten hatte, brachte Müller zur Kehrtwende. Hier war es Zeit, dass dieser Jugendliche deutlich erfährt, dass mit pädagogischen Mitteln nichts erreicht wurde und nun eine andere Konsequenz folgen muss, nämlich Einsitzen. Dennis machte in der Haft eine Lehre und lud den Autor später zu seinem Geburtstag ein. Eine Bestätigung für den Jugendrichter.

Die linken Sozialromantiker kritisiert der Autor, da sie undifferenziert jeglicher ambulanten Maßnahme den Vorzug vor stationären geben. Die Zeit seit der stark beeinflussenden Studie von Pfeiffer hat sich aber verändert. Begriffe wie Intensivtäter, Wiederholungstäter oder Schwellentäter gab es damals noch nicht. Massenhafte Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit und massenhaft Migrantenjugendliche, die durch fehlgeleitete Migrationspolitik ein extremes Aggressionspotential aufweisen, waren in den Siebzigern auch kein Thema. Abgesehen davon, dass es bei den linken Sozialromantikern nur um die Täter geht und die Opfer nicht berücksichtigt werden. Als Hort der linken Sozialromantik bezeichnet Müller die DVJJ, die „Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe e. V“. Hier gilt das Gebot des Zuwartens und der ambulanten Maßnahmen (vgl. S. 72-76). Aber es gibt auch die konservativen Sozialromantiker. Konservative Justizpolitik will „Härte“, „Durchgreifen“ und „Unnachgiebigkeit“, Romantik ist gekennzeichnet durch Idealisierung der Wirklichkeit. Es wird hier häufig davon ausgegangen, dass ein erhöhter Strafrahmen die Jugendkriminalität verhindern könnte. Der Autor bestreitet das. Er wünscht sich nur eine Erhöhung des Jugendarrestes, nicht als Verschärfung zu sehen, sondern als Verbesserung der erzieherischen Möglichkeiten. In die gleiche Richtung geht seine Befürwortung des Warnschussarrestes. So wirkt eine Bewährungsstrafe bei einigen Tätern wie ein Freispruch. In diesen bestimmten Fällen kann der Warnschussarrest einen anderen Eindruck vermitteln (vgl. S. 141f).

Im Kapitel „Meine Kampfansage an die rechte Szene. Kooperation macht stark“ beschreibt Andreas Müller sein Vorgehen nach seinem Amtsantritt in Bernau gegen rechte Gewalttäter, die im Ort das „Regiment übernommen hatten“ und die Bürger in Angst und Schrecken versetzten. Aufgeklärt von einem Springerstiefelträger, dass diese nicht einfach ein Kleidungsstück sind, sondern den Trägern Macht verleihen und sehr gut als Waffe eingesetzt werden können, lernte der Richter seine Lektion. Von nun an verbot er in seinen Verhandlungen diese Stiefel, drohte mit Ordnungsgeld und Ordnungshaft, nahm den Schutzpanzer der Träger und zeigte, wer der Chef im Gerichtssaal ist. Auch Springerstiefelverbot als sogenannte „Weisung an die Lebensführung“ verhängte er. Dazu wurde eine enge Kooperation zwischen Jugendgericht und Polizei installiert. Die gängige Praxis ist die fehlende Vernetzung zwischen Jugendgerichten und örtlichen Polizeistellen, oft dauert es Monate, bis ein Verstoß über die Akte zum Staatsanwalt und Gericht gelangt. Die Namen derer, die Springerstiefelverbot hatten, wurden von Müller an die örtliche Polizei weitergegeben. Bei Erwischen mit den Stiefeln wurden Jugendarrest verhängt oder Bewährungen widerrufen. Das sprach sich alles schnell herum. Über eine TV Sendung kam dem Autor zu Ohren, dass es bei den rechten Schlägern im Ort hieß „Seit der Müller da ist, lassen wir die Fäuste in den Taschen…“. (Vgl. S 81-91).

Im Kapitel „Mike, Heiko und andere Schläger. Warum Generalprävention ein Thema ist, das unbedingt ins Jugendrecht gehört“ erläutert der Autor mit Hilfe von einigen Fällen, die Notwendigkeit, das Ganze im Blick zu haben. Hierzu zählen auch die Opfer mit ihrem Leid und ihrem Anspruch auf Strafe für den Täter, die Prognose für das zukünftige Wirken des Täters und auch die Wirkung auf das Umfeld des Täters. Die Generalprävention ist vom Gericht zu berücksichtigen. Einer der Gewalttäter, den er verurteilt hatte und der ihm noch nach seiner Entlassung aus dem Vollzug drohte, sagte viel später zu Müller, dass es zu Schlimmerem gekommen wäre, wenn er ihn nicht frühzeitig weggesperrt hätte.

Im Kapitel „Zu oft zu spät. Warum ich statt Jugendrichter Erziehungsrichter sein müsste“ wird aufgezeigt, dass der Jugendrichter erst für straffällige Jugendliche ab 14 Jahren zuständig ist, aber häufig aus gleicher Familie jüngere Geschwister schon auffällig oder gefährdet sind. Hierüber hat der Jugendrichter aber weder Informationen, noch könnte er präventiv aktiv eingreifen. Müller wünscht sich diesbezüglich die Funktion eines Erziehungsrichters. Auch der Haftgrund „Rettung“ sollte ihm an die Hand gegeben werden, um z. B. Drogen- und Alkoholabhängigen, die regelmäßig Straftaten verüben, bereits vor rechtskräftiger Entscheidung in Gewahrsam nehmen zu können, zum Schutz vor sich selbst und zum Schutz der Gesellschaft. Hierfür sollte es spezielle Abteilungen im Strafvollzug mit sofortiger Therapie geben. Dass soziale Stellen den Datenschutz vor den Kinder- oder Opferschutz stellen, ist gängige Praxis und für den Autor nicht mit seiner Forderung nach Vernetzung zum Täter- und Opferschutz vereinbar.

Im Kapitel „Intensivtäter. Warum der Staat an der Entstehung eine Mitschuld trägt“ greift Andreas Müller die Problematik der Intensivtäter noch einmal auf. Die Nutzung des vorliegenden Datenmaterials ist schwierig, da es keine einheitliche Definition von Intensivtäter gibt. Auch innerhalb der Bundesländer gibt es bei der Polizei und der Justiz unterschiedliche Definitionen. Ab zehn aufgedeckten Straftaten innerhalb eines Jahres wird zumeist von einem Intensivtäter gesprochen. In der „Polizeilichen Kriminalstatistik“ wurden erstmals 2012 Zahlen dieser Tätergruppe veröffentlicht, aber mit der Umschreibung „Mehrfachtatverdächtige“. Durch nicht vorhandene Vernetzung der Institutionen und dem mangelnden Tempo der Justiz liegt hier eine Mitschuld am Entstehen von Intensivtäterkarrieren. In Berlin wurde die erste Intensivtäterabteilung aufgebaut. In Brandenburg ist im Allgemeinen der gleiche Jugendstaatsanwalt für einen bestimmten Bezirk und die gleichen Jugendlichen zuständig. Das ist bei den Gerichten gesetzlich geregelt, indem für Jugendliche und Heranwachsende immer derselbe Jugendrichter, des für den Wohnort des Angeklagten verantwortlichen Gerichts zuständig ist. (vgl. S. 152). Für die Staatsanwaltschaften ist das nicht vorgesehen. In Brandenburg, Bayern, Baden-Württemberg, Bremen und NRW wurde intern das Ortsprinzip eingeführt. Vielerorts, so auch in den Intensivtäterschwerpunkten Berlin und Hamburg, wird dieses Ortsprinzip nicht durchgesetzt, wobei dieses Vorgehen den einzelnen Täter schneller und effektiver vor Gericht bringen und die Jugendkriminalität reduzieren könnte. Der Autor setzt sich für einen gesetzlichen Zwang hierzu ein, wenn keine Einsicht und freiwillige Umstrukturierung bei den Staatsanwaltschaften erfolgen. Bei der Polizei scheint es auch, von einigen Ausnahmen abgesehen, wenige zentrale Ermittlungskommissariate nur für Intensivtäter zu geben. Da offenbar eine Vielzahl von Taten von einer kleinen Gruppe von Tätern verübt wird, ist dies nur schwer zu verstehen. Die Erfahrung und Erkenntnis des Autors besagen, dass Intensivtäter leichtes Spiel haben, da sie ständig durch ein Netz schlüpfen können, weil es nicht eng genug ist. Das begünstigt ihr Treiben. Es vergeht häufig viel Zeit, in der immer wieder andere Stellen und Personen mit dem einzelnen Täter zu tun haben, bis bemerkt wird, dass einer für viele Dinge verantwortlich ist. (Vgl. S. 144-154).

Im Kapitel „Richter der Kiffer? Wieso die Legalisierung von Cannabis kein Drama, sondern eine Wohltat für diesen Staat wäre“ setzt sich der Autor mit dem Thema Cannabis auseinander. Er kritisiert die Kriminalisierung der Droge und setzt sich für die Legalisierung der Droge ein. Nach Andreas Müller sieht die konservative Sozialromantik in Cannabis eine Einstiegsdroge, die quasi unweigerlich zum Konsum von Heroin führt. Diese Auffassung wird auch von vermeintlich aufgeklärten Sozialdemokraten und sogar von Bundesdrogenbeauftragten vertreten. Die zulässige Menge der Droge, die noch nicht juristisch verfolgt wird, ist bundesweit immer noch nicht einheitlich geregelt. So kann in einem Bundesland verfolgt werden, was in einem anderen straffrei ist. Andreas Müller zitiert Sachverständige, ausgewiesene Cannabis Experten der FU Berlin, aus den Niederlanden und vom Institut für Suchtforschung in Zürich und eine große Studie, die belegen, „dass die geltenden Regelungen die Faktenlage hinsichtlich der Gefährlichkeit von Cannabis nicht mehr abbildeten“ (vgl. S. 158). Auch das Bundesverfassungsgericht hatte schon 1994 festgestellt, dass nach allen wissenschaftlichen Erkenntnissen belegt sei, dass Cannabis keine Einstiegsdroge sei (vgl. S 162). Wenn Politiker anders argumentieren, sind sie demnach uninformiert oder populistisch. Der Autor beruft sich auf die langjährige Erfahrung der Niederlande, die zeigt, dass trotz der Legalisierung dort weniger gekifft wird als in der Bundesrepublik. Er fordert die einheitliche Freigabe auf Bundesebene von sechs Gramm. Der Verkauf könnte, natürlich unter Berücksichtigung des Kinder- und Jugendschutzes, in Apotheken oder staatlichen Stellen stattfinden. Die Gerichte könnten Gelder sparen (in Deutschland werden jährlich über 100.000 Ermittlungsverfahren wegen Cannabisdelikten geführt), der illegale Markt würde zusammenbrechen, die Zahlen der Beschaffungskriminalität sinken und der Staat könnte, wie auf Alkohol und Tabak, Steuern erheben und somit zusätzliche Einnahmen haben. Diese Gelder könnten in eine vernünftige Präventionsarbeit investiert werden, denn allgemein gilt, dass Alkohol, Tabak und Drogen nur Genussmittel sein sollten und dass Kinder- und Jugendliche lernen sollten, sie nicht im Übermaß zu konsumieren, da dies eine schädliche Wirkung hat. Der gesundheitlichen Problematik, die sich eben auch bei Tabak und Alkohol stellt, kann nicht über Verbote oder Kriminalisierung entgegengewirkt werden, sondern durch Aufklärung und stabile Elternhäuser. Auch die medizinische Wirkung von Cannabis ist belegt, aber ein Kranker, der es sich beschafft, ist vor Gericht auch ein kleinkrimineller Kiffer.

Im Kapitel „Der Öffentlichkeitsarbeiter. Warum es wichtig ist, auch als Richter den Mund aufzumachen“ beschreibt der Autor die Bedeutung der Pressearbeit und Öffentlichkeitsarbeit eines Jugendrichters. Es kann mit diesem Mittel auf Missstände im Jugendrecht aufmerksam gemacht und der Blick für die Opfer geschärft werden, was ein Gegengewicht zu der sonst vorherrschenden Konzentration auf die Täter darstellt.

Das Kapitel „Eine Art von Seelenverwandtschaft. Warum ich mich dem Erbe Kirsten Heisigs verpflichtet fühle“ beschreibt die tiefe Verbundenheit zu dem Mensch Kirsten Heisigund seine fachliche Übereinstimmung mit ihr. Sie hatte das Neuköllner Modell erarbeitet und erfolgreich umgesetzt. Sie hatte erkannt, dass die langen Zeiten zwischen Tatbegehung und Erstentscheidung eines Gerichtes mit durchschnittlich neun bis zwölf Monaten, bei Schwellentätern oder Intensivtätern begünstigend wirken. Bei den Jugendlichen kommt das erst mal so an, dass da sowieso nichts passiert und sie weitermachen können. Da die Jugendgerichte vorrangig eine erzieherische Aufgabe haben, ist das schnellere Reagieren auf Straftaten eine unverzichtbare Notwendigkeit, um den Jugendlichen zu zeigen, dass sie einen Fehler begangen haben und ziemlich schnell eine Konsequenz folgen wird; dass es sich also nicht lohnt so weiter zu machen. Bei diesem Modell ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den ermittelnden Polizeibeamten, der Staatsanwaltschaft und dem Richter vorgesehen. So kann ein Täter, der erwischt wird und geständig ist, oder bei klarem Sachverhalt innerhalb einiger Wochen schon vor dem Richter stehen. Dieses Modell wird deutschlandweit kaum genutzt und ist sogar oft bei hochrangigen Justizpolitikern unbekannt. Sowohl Heisig als auch Müller hatten immer den Schutz des Jugendlichen (vor noch mehr Straftaten) und den potentiellen Opferschutz im Auge. Bei Müller mit seinen konsequenten Urteilen im rechtsradikalen Bereich wurde dieses Vorgehen noch geduldet, bei Heisig, deren Klientel vorwiegend Migranten Jugendliche waren, wurde schnell mal Ausländerfeindlichkeit unterstellt. Dabei besuchte sie in ihrer Freizeit türkische und libanesische Familien, um mit ihnen über die Probleme ihrer Kinder zu reden. Sie lebte einen hohen sozialen Einsatz, der schon an Sozialarbeit erinnert.

Aber Müller denkt auch oft darüber nach, ob er den Selbstmord seiner Kollegin hätte verhindern können, bei den Signalen, die sie ausgesendet hatte, wenn er über mehr Wissen und Interpretationsfähigkeit dieser Zusammenhänge verfügt hätte. Das beschäftigt ihn noch sehr.

Das Kapitel „Christian Pfeiffer, die DVJJ und die Deutungshoheit im Justizwesen. Im Reich der linken Sozialromantik“ setzt sich mit dem Wirken von Christian Pfeiffer und seinem Einfluss auf die DVJJ auseinander. Müller berichtet in diesem Abschnitt von öffentlichen Verunglimpfungen, die ihn und Kirsten Heisig durch Pfeiffer trafen. Unter dem Druck eines offenen Briefes von 21 Berliner Jugendrichtern und einer Rede Müllers auf einer Tagung des Geschäftsführenden Ausschusses des DVJJ wurde die erwähnte Pressemitteilung von der Website der DVJJ weggenommen. (Vgl. S. 203-213).

Im Kapitel „Was zu tun ist. Modernes Jugendrecht“ beschreibt Müller u. a. seine Wunschvorstellung von Jugendrecht. Bisher ist der Jugendrichter nur für strafrechtlich relevante Fälle ab vierzehn Jahren zuständig. Fälle unter vierzehn Jahren kommen zum Familiengericht. Häufig stehen Jugendliche vor dem Jugendrichter, die jüngere Geschwister haben, die schon auffällig geworden sind und sich eine kriminelle Karriere abzuzeichnen beginnt, wovon er aber nichts erfährt, weil diese eben noch nicht strafmündig sind. Müller setzt sich für die Zusammenführung der jugend- und familienrichterlichen Aufgabe ein, was als Definition des Erziehungsrichters zu verstehen wäre. Der Hintergedanke ist das präventive Wirken. Die Möglichkeit eines frühen Einwirkens auf die Familie und jüngere, gefährdete Geschwister wäre gegeben. Dass dies möglich ist, hat ein Hamburger Kollege gezeigt, der auch mit den Zahlen belegen konnte, dass das ein guter Weg ist. Gescheitert ist er aber dennoch. Diese Veränderung kann langfristig nur funktionieren, wenn die Jugendrichter bereit sind, sich in die neue Materie, also das Familienrecht einzuarbeiten, wenn gleichzeitig eine Veränderung bei den Jugendämtern und der Polizei stattfindet. Die Politik müsste über eine Gesetzesänderung debattieren und die Justiz müsste für die pädagogischen Maßnahmen über die Mittel verfügen. Bisher kommt es vor, dass ein Jugendrichter eine ambulante Maßnahme anordnet, die aber vom zuständigen Landkreis oder Bezirksamt letztendlich nicht bezahlt wird. Bei diesem Outsourcing wird häufig auch noch der billigste Träger für eine Maßnahme beauftragt, wobei die Qualität dann auch noch auf der Strecke bleiben kann, da die Jugendämter zunehmend nur noch die Finanzierung regeln, selbst aber nicht mehr kontrollieren. Dies alles in einer Hand zu lassen wäre sinnvoll. Die Kosten für all das würden unter denen der Folgekosten liegen, wenn nicht rechtzeitig eingewirkt wird. Ein entsprechendes Zeitbudget müsste dem Erziehungsrichter allerdings zur Verfügung stehen.

Im Unterkapitel „Die sollen mich kennen! – Präsenz des Jugend- bzw. Erziehungsrichters vor Ort“ geht der Autor auf die Notwendigkeit des Präsenz-Zeigens eines Jugend- bzw. Erziehungsrichters im Kiez und in Schulen ein. Aber auch die stärkere Vernetzung mit der Polizei, dem Jugendamt und den Trägern von Jugendhilfemaßnahmen ist sehr wichtig. Hierfür ist auch ein entsprechendes Zeitbudget notwendige Voraussetzung.

Im Unterkapitel „Anwendung des Neuköllner Modells“ beklagt Müller erneut die mangelnde Umsetzung des Neuköllner Modells. Nach seiner Recherche versuchen nur die Bundesländer Berlin und Bayern das Modell langsam zu etablieren. In Berlin soll wissenschaftlich ausgewertet werden, warum es so selten angewendet wird.

Auch die Ausweitung der Anwendung des Neuköllner Modells auf Heranwachsende von 18 bis 20 Jährige müsste möglich werden.

Ebenso sollte die Möglichkeit der Verhängung des Jugendstrafvollzuges von weniger als sechs Monaten dem Richter zur Verfügung stehen, dies in gesonderten Abteilungen, nicht bei den Langzeitinsassen. Auf der anderen Seite solle der Jugendarrest, der nur bis zu vier Wochen zu verhängen ist, auch auf mindestens drei Monate auszuweiten sein. Dem Jugendrichter sollte einfach eine viel differenziertere Palette pädagogischer Maßnahmen zur Verfügung stehen.

Bei Bewährungsstrafen sollte die Möglichkeit bestehen, dass zumindest ein kleiner Teil der Haft vollstreckt werden kann.

Bei dem sogenannten Warnschussarrest, dessen Verhängung nun möglich ist, sollte die derzeitige Begrenzung auf vier Wochen noch einmal überdacht werden. Eine Option von drei Monaten wäre in bestimmten Fällen pädagogisch sinnvoll.

Diskussion

Das vorliegende Buch ist schwer einzuordnen. Es enthält sehr viele schonungslose, ehrliche und intime Details aus dem Elternhaus des Autors, seinem Leben und seiner beruflichen Arbeit, ist also teilweise autobiographisch. Es enthält aber auch viele sachliche und fachliche Informationen zur Arbeit eines Jugendrichters und den Grenzen, die ihm das System vorgibt. Es handelt sich nicht um ein Fachbuch. Dafür ist es nicht objektiv und sachlich genug, auch ist es keine Autobiografie. Es ist eine Mischung aus autobiografischen Teilen und einer Beschreibung des Berufsalltags eines Jugendrichters mit vielen Ideen bezüglich Veränderungen, die dem Jugendrichter ein besseres Handwerkszeug an die Hand geben könnten. Es ist ein mutiges Buch, weil es sehr persönliche Erlebnisse darstellt und sich der Autor hierdurch auch angreifbar macht. Es ist nicht distanziert, sondern sehr emotional verfasst, was dem Leser den Menschen Andreas Müller näher bringt. Man spürt förmlich sein Engagement. Jugendrichter sein, ist nicht einfach ein Job für ihn.

Die Sprache ist auch für Laien verständlich, aber der Text und die Kapitel sind etwas unsystematisch und bei mancher Wiederholung fragt sich der Leser, warum hat er das nicht in dem anderen Kapitel, wo es schon einmal angeklungen ist, zu Ende behandelt; es wäre verständlicher und systematischer.

In dem Buch ist mit offener Kritik an seinem, man kann schon sagen, Gegenspieler, Professor Pfeiffer und den Verantwortlichen der Politik nicht gespart worden. Da kann Andreas Müller auch mal etwas polemisch werden, wenn er Christian Pfeiffer als Guru der deutschen Kriminologen bezeichnet. Aber offenbar kam aus dieser Ecke auch einiges Unschöne und Unsachliche über Kirsten Heisig und auch auf Andreas Müller Gerichtetes. Schade, dass offenbar von beiden Seiten kein Dialog mehr möglich ist. Auf der einen Seite der Theoretiker, Forscher und auf der anderen Seite der Praktiker, der zu seinen Fällen das dazugehörige Gesicht und die Geschichte kennt, der in der Praxis einfach Dinge erlebt, die dem Forscher verborgen bleiben. Eine sachliche Auseinandersetzung könnte die Arbeit beider befruchten. Christian Pfeiffer könnte von der praktischen Erfahrung des Jugendrichters profitieren und Andreas Müller durch den Ruf und Einfluss, den Christian Pfeiffer bei der DVJJ und in der Politik genießt, sofern er ihn von seinen Forderungen überzeugen könnte.

Wenn man den Inhalt des Buches abgleicht mit diversen Zeitungsinterviews und den Autor mehrfach in Fernsehsendungen gesehen und gehört hat, nimmt man ihm sein leidenschaftliches Engagement ab. Hier spricht eben nicht der Forscher im Lehrstuhl, sondern der Jugendrichter aus der Praxis. Vielfach habe ich gelesen, dass Andreas Müller einer ist, der „brennt“, dem kann ich mich nur anschließen. Nur einer, der brennt, kann auch ausbrennen und er scheint so mit Leib und Seele dabei zu sein, dass er gefährdet ist. Vor ihm stehen die Jugendlichen, nicht selten haben sie, bevor er sie vor seinem Richtertisch stehen sieht, mehrfache Verwarnungen und/oder sozialarbeiterische Hilfen, Arbeitsauflagen o.ä. hinter sich, haben aber gerade so weitergemacht, wie bisher. Er weiß, man hätte diese Jugendlichen viel früher stoppen müssen und können. Andreas Müller denkt hier nicht nur an die Täter, die bei frühzeitiger richtiger Konsequenz jetzt nicht so viel auf dem Kerbholz hätten, also nicht so lange Haftstrafen absitzen müssten, sondern er denkt auch an die Opfer, die inzwischen weiter produziert wurden. In den Augen der Täter erscheint eine Verwarnung nach der anderen, oder wiederholte erzieherische Maßnahmen so, dass ihnen ja nicht viel passiert, warum also stoppen? Der Autor kennt Vieles, was seine Angeklagten erlebt haben, aus eigener Erfahrung, er kann sich in sie hineinversetzen. Aber verstehen, bedeutet nicht, gewähren lassen oder die fünfte, sechste Chance zu geben und die Gefahr einzugehen, dass es weitere Opfer gibt und der Täter immer noch nicht zur Einsicht gelangen.

Andreas Müller ist kein „Richter Gnadenlos“. Er will keine härteren Strafen. Wenn er gegen vorzeitiges Beenden von Verfahren oder inflationär angewendete Diversion ist, dann nicht, weil er härter bestrafen will, sondern weil er sinnvoll erzieherisch einwirken möchte.

Aus jahrelanger pädagogischer Arbeit kann ich Vieles, was der Autor hier schildert, bestätigen. Für diese Jugendlichen, und wir sprechen nicht von denen, die einmalig schwarz gefahren sind oder im Laden einen einzigen Diebstahl begangen haben, haben Erwachsene, die mehrfach verwarnen und nicht konsequent sind „keine Eier in der Hose“. Solche Äußerungen habe ich in meiner langjährigen pädagogischen Arbeit öfter gehört. Ich hatte den Ruf als streng, aber gerecht und hörte von manchen Jugendlichen auch Jahre später, dass sie nicht durch ständiges Verwarnen gelernt haben, sondern durch klare Konsequenzen. Warum lernen wir Verantwortlichen nicht von unserer Klientel? Nicht selten geben sie uns später die Rückmeldung, dass sie weiter gemacht hätten, wenn nicht endlich die Notbremse gezogen worden wäre. Eigentlich suchen gerade diese Jugendlichen Grenzen. Diese Grenzen müssen wir Erwachsene, muss unsere Gesellschaft ihnen zeigen. Wenn es die Elternhäuser in manchen Fällen nicht mehr leisten, die Schulen häufig auch nicht, dann spätestens die Jugendrichter, so frühzeitig, dass kriminelle Karrieren nicht noch gefördert werden.

Im pädagogischen Bereich ist es relativer Konsens, dass auf Fehlverhalten zeitnah eine Reaktion und Konsequenz folgen muss, warum sollte bei straffälligem Verhalten von der Justiz nicht ähnlich gehandelt werden?

Die Kritik am System ist berechtigt. Kann es sein, dass Jugendrichter so überlastet sind, dass sie beim Aktenlesen „Mut zur Lücke haben müssen“? Darf es sein, dass aus Kostengründen oder Arbeitsüberlastung Verfahren eingestellt werden oder es aus diesen Gründen zu einer Diversion statt zu einer Gerichtsverhandlung kommen kann? Hier muss man Andreas Müller recht geben, dann ist die Judikative bedroht!

Wenn er beschleunigte Verfahren fordert, weiß er, wovon er redet. Sofern ein junger Gesetzesbrecher erst ein Jahr nach der Tat vor dem Richter steht, weiß er u. U. selbst nicht mehr, wen er zusammengeschlagen hat, wer noch dabei war, wo er gestohlen hat oder was er beschädigt hat. Bis zur Verhandlung hat er vielleicht sogar noch weitere Taten begangen.

Die Forderung nach der Funktion des Erziehungsrichters macht ebenso Sinn wie der Wunsch nach einer besser ausdifferenzierteren Palette pädagogischer Maßnahmen für den Jugendrichter. Auch die Forderung, dass von einem Jugendrichter verhängte pädagogische Maßnahmen auch aus Mitteln der Justiz gezahlt werden sollen, damit sie auch wirklich umgesetzt, finanziert und kontrolliert werden, ist berechtigt. Ich kenne die Problematik mit der Finanzierung, der teilweise mangelnden Qualität und laschen Umsetzung ohne Kontrollen aus eigener Erfahrung, die manches jugendrichterliche Urteil zu Nichte machen kann. Natürlich würde das auch nur besser funktionieren, wenn die Richterkollegen von Andreas Müller eine ähnlich engagierte Berufs- und Arbeitsauffassung wie dieser hätten und die benötigten Gelder dann auch wirklich ausreichend vorhanden wären und zur Verfügung stehen würden.

Eine bessere Vernetzung und ein besserer Austausch zwischen Polizei und Jugendrichter, gerade im Gewalttäterbereich und beim Existieren von Auflagen, ist ebenfalls eine berechtigte Forderung, die einen Jugendlichen vor einer Intensivtäter Karriere bewahren und potentielle neue Opfer schützen kann. Auch ich würde hier den Schutz des Jugendlichen und eventuell neuer Opfer höher ansetzen als den Datenschutz.

Zum Thema Cannabis wurde der Autor durch die Erfahrung mit seinem Bruder sehr geprägt. Diesen sieht er als Opfer der Drogenpolitik. Ohne diese hätte er nach Müller eine andere Entwicklung machen können, wenn er statt Kriminalisierung Hilfe bekommen hätte. Ob sein Bruder angebotene Hilfe angenommen hätte, wissen wir alle nicht. Aber dass die Familienverhältnisse einen erhöhten Konsum begünstigt haben, liegt nahe. Die Forderung, Cannabis mit Alkohol gleich zu stellen, ist nachvollziehbar, beides sind Drogen, die bei zu viel Konsum schädlich sind. Alkohol ist legal, Cannabis nicht. Bei Cannabis ist die zulässige, nicht juristisch verfolgte Menge, nicht einmal bundesweit einheitlich geregelt. Das ist ein untragbarer Zustand. Dass Cannabis keine Einstiegsdroge ist, also nicht unweigerlich zu Heroin u. ä. führt, scheint hinreichend von verschiedenen Suchtexperten und durch diverse Studien belegt. Die Problematik bei der Droge ist nicht die Droge selbst, sondern die Persönlichkeit des Konsumenten und dessen Umfeld. Auch beim Bruder von Andreas Müller wird die eigene Persönlichkeit, geprägt durch die familiäre instabile und belastende Umgebung im Elternhaus, den problematischen Konsum begünstigt haben, nicht die Droge selbst zur Sucht geführt haben. Dem Gedanken, dass sowohl bei Alkohol-, Tabak- und Cannabis Genuss auf Aufklärung gesetzt werden soll und der beste Schutz vor Missbrauch in einer stabilen Persönlichkeit und einem positivem Umfeld besteht, kann man zustimmen. Die Gefahr von Cannabis liegt in den psycho-sozialen Risikofaktoren des Konsumenten und im frühen Alter des Konsumbeginns (unter 16 Jahren). Dass der illegale Markt mit all seinen Auswüchsen bei der Freigabe von Cannabis zusammenbrechen würde und der Staat mit Steuern, wie bei Alkohol und Tabak, noch Einnahmen hätte, die der Prävention zu Gute kommen könnte, leuchtet ein.

Cannabis für Schwerkranke freizugeben, ist eine berechtigte Forderung. Ob generell der Besitz von sechs Gramm der Droge erlaubt sein soll, darüber kann man u. U. streiten.

Fazit

Das vorliegende Buch ist lesenswert, vor allem für die Hauptzielgruppe verantwortliche Politiker, Justizminister und „Sozialromantiker“. Aber ich empfehle es auch Staatsanwälten, Jugendrichterkollegen von Andreas Müller und Sozialarbeitern der unterschiedlichen Träger, die Jugendliche betreuen und Jugendhilfemaßnahmen anbieten, von Jugendämtern, der Jugendgerichtshilfe und Bewährungshelfern. Verwarnungen und mehrfache pädagogische Maßnahmen mögen oft gut gemeint sein, sind aber nicht immer angebracht und erfolgversprechend. Ein Jugendrichter soll den Erziehungsgedanken verfolgen und das bedeutet eben auch, zumindest bei Gewaltdelikten, schnelles und konsequentes Handeln. Dies zum Schutz des Täters, um eine klare Grenze aufzuzeigen, aber auch zum Opferschutz. Ich wünsche mir als Pädagogin und Bürgerin mehr Müllers!

Rezension von
Beate Sonsino
M.A. - Tätig in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischem Fachpersonal
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Zitiervorschlag
Beate Sonsino. Rezension vom 26.03.2014 zu: Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik! Ein Jugendrichter zieht Bilanz. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2013. 4. Auflage. ISBN 978-3-451-30909-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15569.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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