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William J. Dobson: Diktatur 2.0

Cover William J. Dobson: Diktatur 2.0. Ob Russland oder Ägypten, China oder Syrien: Diktaturen sind kein Auslaufmodell. Doch nichts fürchten sie mehr als das eigene Volk. Ein Frontbericht. Karl Blessing Verlag (München) 2012. 495 Seiten. ISBN 978-3-89667-471-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.

Aus dem Engl. von Enrico Heinemann und Karin Schuler.
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Thema

Nach Jahrzehnten, in denen jedermann die Demokratie auf einem unaufhaltsamen Vormarsch wähnte, scheint sich das Blatt in der jüngeren Vergangenheit wieder gewendet zu haben. Neben defekten Demokratien bestimmen autoritäre Regimes zunehmend das Bild. Und vielerorts werden Rückschritte in der Qualitätswahrnehmung von demokratischer Regierungsqualität vermeldet. Zudem haben sich die letzten verbliebenen autokratischen Regimes den Gegebenheiten der heutigen Zeit besser angepasst. In der Wahrnehmung von Wiliam J. Dobson tobt ein Kampf zwischen den autokratischen Machthabern und Ihren Schergen auf der einen und zunehmend professionalisierten und professionell beratenen Freiheitskämpfern auf der anderen Seite. Für seinen „Frontbericht“ hat der Autor eine Reihe von Ländern bereist und vor Ort mit den Protagonisten und Feldherren dieser Schlacht Gespräche geführt, deren Essenz er in seinem Band präsentiert.

Autor

Der 1973 in Rhode Island/USA geborene William J. Dobson verfügt über akademische Abschlüsse, die ihn als politikwissenschaftlich beschlagenen Autor ausweisen. Sein Schwerpunkt lag bis dato allerdings eher im journalistischen Bereich als in der Publikation von akademischen Texten.

Er beschäftigt sich intensiv mit Fragen der Internationalen Politik und fungierte über Jahre als Herausgeber der Zeitschriften Foreign Policy bzw. Foreign Affairs. Ihm wurden in der Vergangenheit diverse Auszeichnungen verliehen; darunter der Titel eines Young Global Leaders und diverse Ehrenmitgliedschaften in Forschungsinstituten der internationalen Beziehungen.

Aufbau

Die Monografie von etwa 500 Seiten besteht aus acht Kapiteln, denen ein Prolog voran gestellt ist. Ein Epilog bildet den inhaltlichen Abschluss vor einer längeren Danksagung und einem Anmerkungsapparat, welcher die Endnoten des Fließtextes beinhaltet. Auf ein Literaturverzeichnis wurde verzichtet.

Inhalt

In seinem Prolog macht der Autor klar, dass er den Totalitarismus für ein Phänomen des 20. Jahrhunderts hält, welches sich mit Ausnahme Nordkoreas inzwischen überlebt habe (S. 18). Die modernen autoritären Regimes sähen sich neuen Herausforderungen gegenüber, und sie begegneten diesen mit modernen Strategien. Den Widerständlern stünden mit den Kommunikationsmitteln des 21. Jahrhunderts neue Instrumente im Kampf gegen autoritäre Regimes zur Verfügung, so dass die autoritären Regimes sich einer „durchdachten Architektur“ bedienen müssten, um die Angriffe abzuwehren (S. 22). Bei diesen Kämpfen um die demokratische Verfassung von (Transformations)Staaten kommt nicht erst seit dem Ende der bipolaren Weltordnung den Vereinigten Staaten von Amrika eine besondere Bedeutung zu. Diese Rolle der USA stellt der Autor ambivalent dar (S. 23). Der Arabische Frühling habe gezeigt, dass – mit oder ohne Unterstützung von außen – auch in extrem repressiv regierten Ländern ein Kampf zwischen Herrschern und Beherrschten tobe, welcher über die Zukunft von Diktatur und Demokratie entscheide (S.28).

In den folgenden Kapiteln werden verschiedene Staaten, in denen der Kampf um das politische System tobt, fokussiert. Zwar sind diese Kapitel beispielsweise mit „Der Zar“ (Wladimr Putin), „El Commandante“ (Hugo Chavez) oder „Der Pharao“ (Husni Mubarak) überschrieben, doch selten verharrt Dobson an einem Standort. Statt dessen wechseln Gesprächspartner und Szenen rund um den Globus. Das mit „Staatsfeinde“ überschriebene zweite Kapitel spielt beispielsweise in China, Russland und Venzuela, wo jeweils Gespräche mit Dissidenten nachgezeichnet werden.

Die Darstellung der Lage in den betreffenden Ländern erhält vor allem durch die Zitate aus den Gesprächen mit Aktivisten oder Repräsentanten der Regimes genuine Qualität, hält jedoch wenig bis dato Unbekanntes bereit. Das verhält sich im siebten Kapitel, „die Profis“, anders: Die hier vorgestellte Organisation zur professionellen Schulung von gewaltfreien Kämpfern gegen diktatorische Regimes dürfte für die meisten Leser einen substantiellen Informationsgewinn bedeuten.

Die im achten Kapitel, „Die Technokraten“, gelingende Vorstellung einer vom westlichen Mainstream abweichenden Demokratievorstellung durch Zitate eines Vertreters des chinesischen Apparates (S. 420-425) gehört wahrscheinlich zu den instruktivsten Passagen des Buches.

Der kurze Epilog schließt mit einer optimistischen Erwartung bezüglich der zu erwartenden Erfolge der Vorkämpfer für die Demokratie. Dieser Optimismus des Autors wird nicht genährt durch idealistische Vorstellungen sondern durch die gewachsene Professionalität bei den Verfechtern von Freiheit und Pluralismus.

Diskussion

Dieser in weiten Teilen eher seicht aber gut lesbar formulierte Beitrag zur Diskussion um die Verfassung und Zukunft von Diktatur und Demokratie in Schlachtfeldstaaten bereichert den Diskurs in mehrerlei Hinsicht. Die journalistisch zusammengetragenen Zitate von Schlüsselfiguren im Kampf um das politische Regime gewähren tiefe Einblicke und sind dazu geeignet, in die Gedankengebäude der Protagonisten vorzudringen. Unter wissenschaftlicher Betrachtung bleibt der Band jedoch einiges schuldig. Das liegt nicht nur an dem fehlenden Literaturverzeichnis und den teilweise unvollständigen Quellenangaben in den Endnoten, sondern vor allem an der mangelnden Einbeziehung von einschlägiger Fachliteratur. Formulierungen, wie die, dass eine Partei selbst an die eigenen Lügen glaube, und die Klassifizierung dieser These als „schlichte Wahrheit“ durch den Autor selbst (S. 322), belegen, dass es sich um ein journalistisches Reportagebuch, nicht aber um eine wissenschaftliche Analyse handelt.

Der Bezeichnung der DDR als „Bilderbuchausgabe eines totalitären Staates“ (S. 20) würden manche Totalitarismusforscher widersprechen. Über diesen Aspekt ließe sich zweifellos ein eigenes Buch verfassen. Weniger haltbar ist die Aussage des Autors, dass das rumänische Volk seinen ehemaligen Diktator Ceausescu hingerichtet habe (S. 358). Und einige der Einschätzungen des Autors bezüglich der Chancen der Opposition in Venezuela oder auch der Demokratiefähigkeit der Ägypter (S. 384) sind seit der Drucklegung durch die Realität überholt und widerlegt worden.

Fazit

Vor allem der flüssig formulierende Schreibstil und die reportageartige Darstellung machen diesen Band zu einer angenehmen Lektüre, deren Inhalt mitunter fesselnd präsentiert wird. Doch die nach sehr ähnlichem Muster abgefassten Kapitel lassen den akademisch interessierten Leser zuweilen eine analytische Tiefe vermissen. Der Autor verzichtet auf prägnante Zusammenfassungen seiner Befunde sondern belässt es bei einem deskriptiven Zugang ohne ein Analyseraster oder ein wissenschaftliches Schema erkennbar zu machen. Der starke Bezug auf Gespräche mit Personen aus dem Feld des Konfliktes um die Demokratie in den jeweiligen Ländern ist zugleich Stärke und Schwäche des Buches. Es bezieht aus diesen Zitaten ein hohes Maß an Authentizität und Praxisnähe, vernachlässigt dabei jedoch in Teilen den für eine politikwissenschaftliche Analyse unverzichtbaren Bezug auf objektive Daten und Sekundärliteratur. Nichtsdestotrotz stellt die Publikation einen erfrischenden Beitrag zur Diskussion um die Zukunft der diktatorisch geprägten Regimes dieser Welt dar.


Rezension von
Dr. Harald Schmidt
M.A.
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Zitiervorschlag
Harald Schmidt. Rezension vom 03.06.2014 zu: William J. Dobson: Diktatur 2.0. Ob Russland oder Ägypten, China oder Syrien: Diktaturen sind kein Auslaufmodell. Doch nichts fürchten sie mehr als das eigene Volk. Ein Frontbericht. Karl Blessing Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-89667-471-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15570.php, Datum des Zugriffs 24.09.2021.


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