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Jan Volmer: [...] Misshandelte und missbrauchte Jungen [...]

Cover Jan Volmer: Bewegt ins Gleichgewicht. Misshandelte und missbrauchte Jungen in psychomotorischer Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. 128 Seiten. ISBN 978-3-497-02405-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Das Buch soll Psychomotorik-Therapeuten und Motopäden sowie Kinder- und Jugendlichentherapeuten helfen den Körper und die Bewegung in die traumazentrierte Psychotherapie einzubeziehen.

Autor

Der Autor, Diplom-Pädagoge, Systemischer Therapeut und Berater (SG), arbeitet als pädagogischer Leiter am Psychotherapeutischen Zentrum Bad Mergentheim/Fachklinik für Traumatherapie und ist wissenschaftlicher Leiter der Akademie Bad Mergentheim.

Aufbau

Das Buch behandelt fünf Themenbereiche: die Traumatisierung bei Jungen als Folge von Misshandlung und Missbrauch, die Leitgedanken und der Sinn psychomotorischer Therapie mit ihnen, die Rahmenbedingungen psychomotorischer Therapie, die Diagnostik, Therapieplanung und -dokumentation sowie die Themen und Inhalte der psychomotorischen Therapie. Die Arbeit schließt mit einer Schlussbemerkung und Literaturempfehlungen.

Zu 1. Traumatisierung bei Jungen als Folge von Misshandlung und Missbrauch

In diesem Kapitel grenzt der Autor zunächst das Trauma von negativen Lebensereignissen ab, gibt einen Überblick über Risiko- und Resilienzfaktoren und eine kurze Typisierung von Traumata. Die Symptomtrias Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung „Posttraumatischer Belastungsstörungen“ dient dazu ein Trauma zu erkennen. Danach erklärt der Autor die Begriffe des sexuellen Missbrauchs und der körperlichen Misshandlung sowie deren mögliche Symptome. Die Bewältigungsversuche von traumatisierten Jungen zeigen geschlechtsspezifische Merkmale, die der Autor herausarbeitet, wobei er auf die Wahrnehmungsblockaden des Umfeldes gegenüber Jungen als Opfer hinweist, da diese meist emotionslos von dem Erlebten berichten, ihre Wehrhaftigkeit überschätzt wird und Jungen selbst das Erlebte häufig bagatellisierten. Der eigentliche Schwerpunkt des Kapitels konzentriert sich auf die körperlichen Ausdrucksformen einer Traumatisierung. Hierfür werden körperliche Erfahrungen nach physiologischen, emotionalen und kognitiven Aspekten unterschieden und jeweils die gravierenden körperlichen Auswirkungen von Missbrauch und Misshandlung auf die Kinder beschrieben. Die verinnerlichten negativen Körpererfahrungen führen zu Symptomen im Bereich des Bewegungsverhaltens, im Umgang mit dem eigenen Körper und im körperlichen Umgang mit anderen. Den Abschluss bildet die Darstellung und kurze Erläuterung der vier Phasen der Traumatherapie und eine Übersicht über die traumatherapeutischen Verfahren bei Kindern. Die Gruppentherapie gilt als erste Wahl bei misshandelten und missbrauchten Kindern.

Zu 2. Psychomotorische Therapie mit misshandelten und missbrauchten Jungen

Die psychomotorische Therapie richtet sich an der Trauma- bzw. Psychodynamik misshandelter und missbrauchter Jungen aus und berücksichtigt die besondere Bedeutung der therapeutischen Beziehung. Dabei versteht sich die psychomotorische Therapie als begleitende und ergänzende Maßnahme in den Phasen der Stabilisierung und Ressourcenorganisation einer umfassenderen traumatherapeutischen Behandlung. Die verinnerlichten negativen Körpererfahrungen sollen durch positive Körpererfahrungen korrigierend beeinflusst werden. Diese sollen den Heilungsprozess anregen und das sprachlich oft nicht ausdrückbare Erlebnis über den Körper und Bewegung mitteilbar machen. Für Jungen ist es in der Therapie wichtig, die eigene Stärke und Wehrhaftigkeit zu erfahren und zugleich die Sensibilität und Achtsamkeit für den Körper wieder zu gewinnen und die eigene Verletzbarkeit anzuerkennen. Die körper- und bewegungsorientierte Therapie hat gute Argumente für sich, der Autor benennt aber abschließend zusätzlich ernst zu nehmende Bedenken.

Zu 3. Rahmenbedingungen psychomotorischer Therapie

Das dritte Kapitel erläutert das Therapiesetting und die Therapieprinzipien. Trotz fehlender empirischer Belege wird aufgrund klinischer Erfahrungen die Gruppentherapie bevorzugt. Sie erleichtere die Überwindung der Isolation und Stigmatisierung und fördere zudem die gegenseitige Unterstützung bei der Entwicklung von Bewältigungsstrategien. Sie diene vor allem der psychischen Stabilisierung und Ressourcenaktivierung. Ein männlicher Therapeut sei für Jungen von Vorteil, da die Väter häufig fehlen und sich ein gleichgeschlechtlicher Therapeut besser als Identifikationsfigur eignet als ein gegengeschlechtlicher. Als prozessorientierte Psychotherapie liegen ihr das Prinzip der Selbstorganisation, das bipolare und das emotionsregulatorische Prinzip zugrunde.

Zu 4. Von der Diagnostik zur Therapieplanung und -dokumentation

Eine sorgfältige operationalisierte, psychodynamische Diagnostik für Kinder und Jugendliche (OPD-KJ) bildet die Basis der psychomotorischen Therapie. Sie wird ergänzt durch eine qualitative körper- und bewegungsbezogene Diagnostik, so dass sich die Diagnostik insgesamt auf folgende Achsen erstreckt: Beziehungs-, Konflikt- und Strukturebene, Bewegungsverhalten, Umgang mit dem eigenen Körper und körperlicher Umgang mit anderen. In der Praxis wird ein Leitfaden für die qualitative und spielorientierte Diagnostik eingesetzt, den der Autor vorstellt und am Fallbeispiel des 7-jährigen Kevin illustriert. In Anlehnung an die Therapieziele der „Klinischen Bewegungstherapie“ werden dann allgemeine, spezielle und störungsspezifische Therapieziele bestimmt. Auch sie werden beispielhaft für die psychomotorische Therapie mit Kevin beschrieben. Das Kapitel schließt mit Hinweisen zur Dokumentation und Prozessdiagnostik.

Zu 5. Themen und Inhalte der psychomotorischen Therapie bei misshandelten und missbrauchten Jungen

Im fünften Kapitel werden am Beispiel Kevin die für die Therapie zentralen Problemfelder misshandelter und missbrauchter Jungen herausgearbeitet: Bindung, Selbstwert, Macht und Ohnmacht und Impulssteuerung.

Bei misshandelten Jungen sind fast immer beziehungsrelevante Störungen zu beobachten. Der Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung ist daher oft schwierig und mit spezifischen Gefahren (Helferideologien) verbunden. Der Autor geht auf sie ein und beschreibt eine bindungsförderliche therapeutische Haltung. Zur Erläuterung korrigierender Beziehungserfahrungen in der psychomotorischen Arbeit greift er auf das Konzept der beziehungsorientierten Bewegungspädagogik von Veronica Sherborne zurück.

Misshandlung und Missbrauch sind Erfahrungen von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Schwäche. Jungen fällt es schwer diese Gefühle anzunehmen, da sie im Widerspruch zu ihrer Geschlechtsrolle stehen. Für die psychomotorische Arbeit benötigt der Therapeut Autoriät, eigene Regulationsfähigkeit und ein echtes Interesse an der Bindung zu dem Jungen, um ihm aus der Ohnmachtsfalle heraushelfen zu können die Machtverhältnisse wieder gerade zu rücken.

Die mit Misshandlung und Missbrauch verbundenen Erniedrigungen und Demütigungen verletzen die seelische Integrität der Jungen und führen zu schwerwiegenden Minderwertigkeitsgefühlen. Die psychomotorische Therapie versucht selbstwertsteigende Erfahrungen über Wertschätzung und Ermutigung, Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Hilfe bei der Entwicklung eines realistischen Selbstbildes zu vermitteln.

Die Fähigkeit der Selbstbeherrschung angesichts innerer und äußerer Erregung muss erlernt werden. Vielen Eltern von Missbrauchsopfern scheint die Fähigkeit zu fehlen, dies ihren Kindern beizubringen. Misshandlungstrauma können zum Verlust der erlernten Selbstregulation führen. Das (Wieder)Erlangen dieser Fähigkeit bildet daher den Mittelunkt der stabilisierenden Arbeit mit traumatisierten Jungen, wofür kompetente Bindungspersonen wichtig sind, die mit ihrer Arbeit auf der körperlichen und der Beziehungsebene ansetzen.

Körperlich und sexuell spiegeln die Jungen den Missbrauch oder die Misshandlung durch ungestüme oder außergewöhnlich vorsichtige Bewegungen wieder, sind schmerzunempfindlich oder außergewöhnlich wehleidig, stellen eine übergroße oder überhaupt keine körperliche Nähe her, überbetonen Sexualität oder leugnen sie, beschäftigen sich pausenlos mit ihrem Körper oder vernachlässigen ihn. Korrigierende Körpererfahrungen lassen sich nicht durch vorgefertigte Programme, sondern nur durch eine beziehungsgestaltende Arbeit erreichen, in der Fürsorglichkeit, Behutsamkeit, Angemessenheit und Taktgefühl, insbesondere im körperlichen Umgang und im Reden eine zentrale Rolle spielen. Der Autor stellt mit Blick auf gewisse Präventionsmaßnahmen fest, dass auch das Reden über sexuelle Übergriffe schockieren und die Bewältigungsmöglichkeiten von Kindern überfordern kann.

Zu 6. Schlussbemerkungen und Literaturempfehlungen

Im Schlusskapitel geht der Autor auf die Auswirkungen der Beschäftigung mit der Thematik für den Therapeuten selbst ein und betont die Notwendigkeit einer guten Selbstfürsorge.

Diskussion

Der Autor informiert in einer auch für Laien sehr gut verständlichen Weise, wissenschaftlich fundiert, gut strukturiert und übersichtlich über die psychomotorische Therapie misshandelter und missbrauchter fünf- bis zwölfjähriger Jungen.

Er arbeitet vor allem klar die Unterschiede zwischen den Bewältigungsversuchen von traumatisierten Jungen und Mädchen, sowie die Wahrnehmungsblockaden des Umfeldes gegenüber Jungen als Opfer heraus. Zudem beschreibt er anschaulich und differenziert den körperlichen Ausdruck der Traumata dieser Jungen.

Die psychomotorische Therapie als begleitende und ergänzende Maßnahme im Rahmen einer umfassenden traumatherapeutischen Behandlung wird überzeugend damit begründet, dass über Körper und Bewegung das sprachlich oft nicht ausdrückbare Erlebnis mitteilbar werden kann. Für missbrauchte oder misshandelte Jungen ist es wichtig, sowohl die eigene Stärke und Wehrhaftigkeit zu erfahren, als auch Sensibilität und Achtsamkeit für den eigenen Körper wieder zu gewinnen und die eigene Verletzbarkeit anzuerkennen. Äußerst verständlich erklärt der Autor die Rahmenbedingungen und die Struktur der psychomotorischen Therapie von der Diagnostik über die Therapieplanung bis zur Dokumentation. Die besondere Stärke des Bandes liegt in den am Beispiel Kevin herausgearbeiteten zentralen Problemfeldern der psychomotorischen Therapie misshandelter und missbrauchter Jungen: Bindung, Selbstwert, Macht und Ohnmacht, Impulssteuerung.

Vermisst werden Hinweise zu den Ergebnissen der traumatherapeutischen Behandlung, insbesondere zu den spezifischen Beiträgen der psychomotorischen Therapie. Die Ausführungen zur Notwendigkeit männlicher Therapeuten sind mit den beiden Standardargumenten (fehlende Väter, Identifikationsfigur) doch recht knapp gehalten.

Klar zu stellen ist, dass die vom Autor aufgestellten Listen möglicher Symptome für einen sexuellen Missbrauch bzw. eine Misshandlung überwiegend völlig unspezifisch sind. So können z. B. sozialer Rückzug und regressives Verhalten (Daumenlutschen etc.) oder Verträumtheit (S. 19 für sexuellen Missbrauch) und körperliche Verletzungen, Rückzug und Ängstlichkeit, Sprachentwicklungsstörungen (S. 21 für misshandelte Kinder) als Folge vieler anderer belastender Ereignisse, wie etwa Trennung der Eltern, Überforderung in der Schule, emotionale Vernachlässigung etc. oder als Folge von Unfällen auftreten.

Fazit

Denjenigen, die sich wissenschaftlich fundiert und gut verständlich über die psychomotorische Therapie als begleitende und ergänzende Maßnahme im Rahmen einer umfassenden traumatherapeutischen Behandlung misshandelter und missbrauchter fünf- bis zwölfjähriger Jungen informieren wollen, kann das Buch uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Els
Fachbereich Soziale Arbeit, Hochschule Niederrhein Datenschutzbeauftragter der Hochschule Niederrhein


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Zitiervorschlag
Michael Els. Rezension vom 19.12.2013 zu: Jan Volmer: Bewegt ins Gleichgewicht. Misshandelte und missbrauchte Jungen in psychomotorischer Therapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-497-02405-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15577.php, Datum des Zugriffs 12.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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