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Gerda Engelbracht, Andrea Hauser: Mitten in Hamburg Die Alsterdorfer Anstalten 1945 - 1979

Cover Gerda Engelbracht, Andrea Hauser: Mitten in Hamburg. Die Alsterdorfer Anstalten 1945 - 1979. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 326 Seiten. ISBN 978-3-17-023395-9. 19,90 EUR.
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Thema

Eine öffentliche Debatte über die Gewalt in den Heimen der 1950er und 1960er Jahre, die vor allem auch durch die Berichte Betroffener ausgelöst wurde, ist angestoßen. Nicht nur die Ev. Stiftung Alsterdorf in Hamburg hat ein derartiges Aufarbeitungsprojekt in Auftrag gegeben, es gibt viele andere Einrichtungen, die Fragen von Gewalt und Missbrauch nachgingen. Dieses Buch handelt von der Zeit zwischen 1945 und 1979. Die Autorinnen befragten Bewohner_innen und Mitarbeiter_innen, die aus ihrer Sicht Zeugnis ablegen konnten über die Lebenswirklichkeit in der Anstalt in dieser Zeit.

Autorinnen

Gerda Engelbracht und Dr. Andrea Hauser sind freiberufliche Kulturwissenschaftlerinnen, die in der Agentur Engelbracht und Hauser, Geschichts- und Kulturkonzepte zusammenarbeiten. Neben Forschungsprojekten haben beide zahlreiche Ausstellungen konzipiert und umgesetzt. Die Autorinnen wurden von einem wissenschaftlichen Beirat begleitet, zu dem auch eine Protagonistin, die die Zustände damals kritisiert hat gehörte. Birgit Schulz ist Mitglied des Vorstandes der Ev. Stiftung Alsterdorf.

Entstehungshintergrund

Eine öffentliche Debatte über die Gewalt in den Heimen der 1950er und 1960er Jahre, die vor allem auch durch die Berichte Betroffener ausgelöst wurde ist angestoßen. Dieses Buch handelt von der Zeit zwischen 1945 und 1979. Es wurden Zeitzeugen wie Bewohner_innen und Mitarbeitende befragt, die aus ihrer Sicht Zeugnis ablegen konnten über die Lebenswirklichkeit in der Anstalt. 1979 waren es vor allem Mitarbeiter_innen, die auf die unmenschlichen Zustände in der Anstalt, auf die „Herabwürdigung, Entmündigung und Gewalt“ (M. Wunder, Beirat) von Menschen mit Behinderung aufmerksam gemacht haben. Der Protest entstand elf Jahre nach dem Aufbruch der Studenten und vier Jahre nach dem Enquete Bericht zur Lage der Psychiatrie, der 1975 erschienen war.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 4 Kapitel auf 326 Seiten. 119 Fotos und zahlreiche Interviews ergänzen die Aufarbeitung. Die Interviews sind vom Text abgehoben.

Die Aufarbeitung beginnt mit dem Jahr 1945. Das erste Kapitel befasst sich mit Wiederaufbau und Konsolidierung – Die Alsterdorfer Anstalten 1945-1954. In dieser Zeit trägt man die „Hypothek des Nationalsozialismus“. Mittels Betriebsausschüssen wird die Entnazifizierung „von unten“ betrieben. Volkmar Herntrich, kirchlicher Multifunktionär, wird kommissarischer Anstaltsleiter. Es wird beschrieben wie die Alsterdorfer Anstalten sich im ersten Nachkriegsjahrzehnt entwickeln.

Das zweite Kapitel befasst sich mit Alsterdorf als „Gelebte Diakonie“ 1955-1967. Es geht um die Modernisierung sowohl baulich als auch inhaltlich. Das christliche Anstaltsmilieu erlebt Umbruch und Krise, die Alsterdorfer Schwesternschaft wandert in die Bedeutungslosigkeit. Einzug erhält mit der Ausbildung des Pflegepersonals eine neue Fachlichkeit. Die Berufsfachschule für Kinderpflegerinnen wird gegründet und die Krankenpflegeausbildung kommt hinzu.

Kapitel 3 trägt den Titel „Leben im Spannungsfeld von Geborgenheit und Zwang“ und lässt die Betroffenen selber zu Wort kommen.

Das Buch endet im Jahr 1979 mit dem 4. Kapitel „Das Ende der Verwahranstalt 1968-1979“. Ein neues Management wird eingeführt, strukturelle Veränderungen und baulichen Entwicklungen nimmt Fahrt auf. Markstein auf den neuen Wegen der Rehabilitation ist die Eröffnung des Werner Otto Institutes. Neue pädagogisch-psychologische Therapiekonzepte und Beschäftigungs- und arbeitstherapeutische Angebote werden entwickelt. Die Ausbildung erlebt einen Paradigmenwechsel vom medizinisch-pflegerischen zum heilpädagogischen Ansatz. Entscheidend für diese Reformen war ein Kreis von Kollegen, der die Missstände öffentlich machten.

Im Anhang befindet sich eine Übersicht der Gebäude des Anstaltsgeländes, eine Liste der Interviews, Abkürzungen, Archiv, Literatur, Personenregister sowie Bildnachweise.

Diskussion

Angestoßen durch die Berichte Betroffener gelangen in Deutschland zunehmend Erkenntnisse über das Leben in den Heimen der 1950er und 1960er Jahre an die Öffentlichkeit und lösen eine Debatte über Gewalt und Missbrauch aus. Diese hat dazu beigetragen, dass andere Großeinrichtungen wie auch die Ev. Stiftung Alsterdorf in Hamburg ein Aufarbeitungsprojekt in Auftrag gegeben haben. Darin stehen vor allem Menschen mit Behinderung im Fokus. Viele sind bis heute aufgrund ihrer Behinderung nicht in der Lage, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen und sich Gehör zu verschaffen. Deshalb sind derartige Bücher so wichtig. Leider endet die Aufarbeitung im Jahr 1979. Das ist das Jahr, in dem ein Kreis von engagierten Mitarbeitenden eine Öffentlichkeit erhält und eine Debatte auslöste, die zur Aufklärung der unmenschlichen Zustände beigetragen hat.

Es ist sehr wichtig, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die Zeugen dieser Zeit waren. Bemerkenswert sind die Berichte der Zeitzeugen mit Behinderung, sie bekommen eine Stimme und Veröffentlichungen dieser Art verschafft ihnen Gehör.

Bedauerlich ist, dass die Chance, auf die Lebenswirklichkeit und Probleme von Menschen mit Behinderung heute, 34 Jahre später, aufmerksam zu machen, ungenutzt blieb. In der Gliederung findet man am Ende des Buches zwar die Überschrift „ Basis für eine grundlegende Reform – Ausblick“, dahinter verbirgt sich aber nur eine halbe Buchseite, auf stichwortartig einige Entwicklungen in Deutschland bis 1979 auflistet.

Fazit

Leser, die sich für die Geschichte der Ev. Stiftung Alsterdorf und dem Leben in großen Anstalten allgemein interessieren bekommen lebensnahe Einblicke in diese Zeit von 1945 bis 1979. Zeitzeugen mit Behinderung kommen zu Wort, was zu begrüßen ist. Mitarbeitende werden für ihr beherztes Engagement nach 34 Jahren gewürdigt. Das Buch gibt Einblicke in die Vergangenheit und regt zum Nachdenken an, wie weit wir aktuell davon entfernt sind, Menschen wieder an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Unsere heutige Zeit ist geprägt von der Betonung der Rechte von Menschen mit Behinderung. Ihre Hilfsangebote sollen individuell zugeschnitten werden, damit sie am Leben in der Gesellschaft teilhaben können. Diese Ansprüche gehen aber nicht mit der notwendigen finanziellen Ausstattung einher. Stattdessen werden von den Entscheidungsträgern zunehmend leere öffentliche Kassen beklagt, mit der Folge, dass vor allem auch im Behindertenbereich massive Einsparungen drohen. Dabei werden wieder gerade diejenigen, die auf Unterstützung angewiesen sind und sich aus eigenen Mitteln nicht wehren können, an den Rand der Gesellschaft gedrängt und von ihrem Recht auf Teilhabe ausgeschlossen. Die Folgen einer solchen Entwicklung für Mensch und Gesellschaft können in diesem Geschichtsbuch anschaulich nachgelesen werden.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 19.11.2013 zu: Gerda Engelbracht, Andrea Hauser: Mitten in Hamburg. Die Alsterdorfer Anstalten 1945 - 1979. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-023395-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15579.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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