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Armin Schneider: Fragebogen in der Sozialen Arbeit

Cover Armin Schneider: Fragebogen in der Sozialen Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. 214 Seiten. ISBN 978-3-8252-4013-4.

UTB 4013.
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Autor

Armin Schneider hat eine Professur für Empirische Sozialforschung, Sozialmanagement und Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Hochschule Koblenz inne.

Thema

Der Verfasser legt mit Fragebogen in der Sozialen Arbeit einen umfangreichen Überblick über Konzeption, Einsatz und Auswertung von Fragebogen in der Sozialen Arbeit im engeren und in der Sozialforschung im weiteren Sinne vor. Einleitend wird geklärt, dass eine Befragung „in der Sozialen Arbeit wie auch in anderen Lebensbereichen nicht als neutrale, wissenschaftlich sozusagen ‚keimfreie‘ oder ‚destillierte‘ Methode betrachtet werden [kann]“ (S. 7), und dass der Fragebogen als „typisches standardisiertes Erhebungsinstrument“ (S. 8) „alle Vorteile, die eine quantitativ orientierte Methode haben kann, aber auch alle Nachteile, die in dieser Methodik liegen“ (ebd.) aufweist.

Aufbau

Der Band informiert in acht Einzelkapiteln über

  1. Fragebogen und Soziale Arbeit,
  2. Fragebogen in Forschung, Diagnose und Intervention,
  3. Vorannahmen und Theorie zum standardisierten Fragebogen,
  4. Methodik des Fragebogens,
  5. Fallstricke, Unwägbarkeiten und Herausforderungen,
  6. Auswertung, Analyse und Interpretation,
  7. Fragebogen und externe Wirkung und
  8. Gütekriterien für einen guten Fragebogen in der Sozialen Arbeit.

Inhalt

Im ersten Kapitel „Fragebogen und Soziale Arbeit“ wird zunächst Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft in die Tradition von Mary Richmond, Alice Salomon, Jane Addams, Johann Hinrich Wichern und anderen ForscherInnen gestellt, die gewissermaßen Pionierarbeit in der Entwicklung von Disziplin und Profession leisteten, indem sie versuchten, Fürsorge empirisch abzusichern und methodisch weiter zu entwickeln. Hieran schließen sich Ausführungen zu verschiedenen Fragetypen, -funktionen und -wirkungen an, bevor Schneider auf die „Kunst der Fragestellung“ zu sprechen kommt und Gebote für die Konstruktion zielführender Fragen formuliert.

Das zweite Kapitel „Fragebogen in Forschung, Diagnose und Intervention“ geht von der Feststellung aus, dass „Forschung als systematische Erkenntnisgewinnung […] in der Sozialen Arbeit wie in allen anderen Sozialwissenschaften einige Besonderheiten [hat]. So z.B. sind die Reichweiten von Erkenntnissen in der Sozialen Arbeit selten universell in dem Sinne, dass sie für alle Zeiten, Orte und Kulturen gleichermaßen gelten“ (S. 23). Die drei Teilbereiche der Erforschung und der Diagnose von sowie der Intervention in soziale Konstellationen werden im Hinblick auf die Formulierung von Fragebogen getrennt betrachtet, und zunächst mit einer kurzen methodologischen Einführung in Ziele und Gütekriterien sozialwissenschaftlicher Forschung vorbereitet. Neben „rein empirischen“ Gütekriterien wie Objektivität, Validität und Reliabilität formuliert der Autor mit Bühner 2011 auch forschungsethische Aspekte wie „Zumutbarkeit, Nützlichkeit, Fairness und Nichtverfälschbarkeit“ (S. 26). Er konstatiert eine „Spannung zwischen einer wissenschaftlichen Objektivität und einer Parteilichkeit für Menschen in ihren Problemlagen“ (S. 27) bei der Fragebogenerhebung. Der Zusammenhang der Fragebogenerhebung mit der Diagnose (genauer – mit verschiedenen Diagnoseformen) wird auf rund zwanzig Seiten ausführlich beleuchtet, bevor die Unterthemen Fragebogen und Intervention bzw. Evaluation, Wirkungsorientierung und Wirkungsforschung im Fokus stehen.

Das dritte Kapitel „Von den Vorannahmen und der Theorie zum standardisierten Fragebogen“ beginnt mit Hintergründen und Zielen einer sozialwissenschaftlichen Datenerhebung und geht nach einer Darstellung von Hypothesentypen und -funktionen auf die Unterthemen der Operationalisierung einer wissenschaftlichen Fragestellung und auf die Entwicklung und Anordnung der Fragen ein. Weitere Inhalte sind u. a. die „dramaturgische“ Gestaltung des Fragebogens (vgl. S. 84) und die Triangulation von Forschungsgegenstand und verwendeten Methoden.

Im vierten Kapitel „Methodik des Fragebogens“ erklärt der Verfasser eingangs in der Formulierung von Frage-Antwort-Einheiten drei Aspekte für besonders beachtenswert: „semantisch-inhaltliche (sprachlich verständlich und eindeutig beantwortbar), sprachlich-grammatikalische (Perspektive und Umfeld der Befragten sind zu beachten) und psychologische Aspekte“ (S. 93f.). Seine Empfehlungen zur Itemformulierung und die Darstellung verschiedener Frageformen werden gefolgt von Ausführungen über Antwortformen und -formate, wobei Schneider verschiedene Antwortskalen in Übersichtstabellen nebeneinander stellt (vgl. S. 104f.).

Das fünfte Kapitel „Fallstricke, Unwägbarkeiten und Herausforderungen“ stellt Risiken und Schwierigkeiten dar, welche in Teilen auf die gesamte Feldforschung verallgemeinert werden könnten (vgl. die Urteilsfehler auf S. 138f.), und die der Verfasser mit Hinweisen zum Feldzugang und mit einer Reflexion zum Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit ergänzt.

Das sechste Kapitel behandelt die „Auswertung, Analyse und Interpretation“, denn „[b]ei einer regelgeleiteten Fragebogenerhebung wird selten nur die Darstellung von Fakten bedeutsam sein, sondern auch die Erkenntnisse in Richtung einer Theorie oder einer Weiterentwicklung der Theorie oder der Praxis“ (S. 149). Die einzelnen Unterkapitel des sechsten Abschnitts thematisieren die Datenbereinigung und Datenanalyse und grundlegende Analyseverfahren inhaltsanalytischer oder statistischer Art (wobei beide Herangehensweisen mit mehreren Übersichten illustriert werden) sowie Aspekte der Generalisierung und Interpretation. Die Interpretation der erhobenen Daten kann, wie Schneider anhand eines Beispiels zeigt, „zu ganz unterschiedlichen Empfehlungen und Handlungen führen […] je nachdem welcher Wert handlungsleitend dahinter steht“ (S. 179).

Im siebten Kapitel „Fragebogen und externe Wirkung“ positioniert sich der Autor erneut zum Zusammenhang von Befragung und (forschungs)ethischer Haltung und macht in diesem Zusammenhang unter anderem auf die Persönlichkeitsrechte der Befragten und auf allgemeine ethische Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens aufmerksam. „Zusammengefasst stehen in erster Linie Nachvollziehbarkeit, eine intellektuelle Redlichkeit und eine selbstkritische Haltung im Vordergrund, die auch für die Güte einer jeden Fragebogenerhebung in der Sozialen Arbeit und deren Auswertung handlungsleitend sein sollten“ (S. 185). Von potenziellen Gefährdungen der von ihm schon angeführten Gütekriterien Objektivität, Validität und Reliabilität geht Schneider zu Dokumentationsstandards wissenschaftlicher Befragungen und schließlich zu Fragen der Veröffentlichung – und letzten Endes auch der Platzierung und Vermarktung der Forschungsresultate über.

Ein kurzer Verweis auf „Halbwertzeiten der Erkenntnis“ (S. 195) und auf die illusorische Sicherheit empirisch gewonnener Daten leiten zum achten Kapitel über, der überblickhaften Aufzählung von „Gütekriterien für einen guten Fragebogen in der Sozialen Arbeit“. Der Autor führt in diesem Zusammenhang den Nutzen, die Wissenschaftlichkeit und Angemessenheit, das Abwägen von Alternativen, die Partizipation von Betroffenen und Beteiligten, die Orientierung an den AdressatInnen im Sinne einer Konformität mit der gesellschaftlichen Rolle der Sozialen Arbeit, die Sensibilität gegenüber Menschen und ihren individuellen und sozialen Situationen, die Offenheit für neues und schließlich das Einbringen der Forschungsresultate in wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Diskurse auf (vgl. S. 197ff.).

Diskussion

Armin Schneider bezieht im Zusammenhang mit der Forschung in der Sozialen Arbeit wiederholt wissenschaftsethisch Position, indem er bspw. seiner Meinung Ausdruck verleiht, dass „Forschung in der Sozialen Arbeit im Besonderen auf die individuelle und soziale Situation der befragten Rücksicht nehmen [muss]“ (S. 26) und „[e]ine so verstandene Forschung […] auch Grenzen und Gefahren von einzelnen Instrumenten, die beim Fragebogen z. B. in einer zu starken Beachtung von Mehrheiten oder in der Gefahr von Stigmatisierungen liegen, zu überwinden [versucht]“ (S. 26). Seine umfangreichen und im besten Sinne „dichten“ Ausführungen über die Vorbereitung, Konzeption und Nutzung von Fragebogen zur Forschung, Diagnose, Intervention und Wirkungsforschung in der Sozialen Arbeit werden systematisch dargeboten und mit übersichtlichen Grafiken versehen (vgl. S. 21 zu Geboten für die Formulierung von Fragen, die Checkliste für Diagnosefragebogen auf S. 47 oder die ausführliche Checkliste vor einer Fragebogenerhebung auf S. 90f.). Die Orientierung wird so wesentlich erleichtert und das Praxishandbuch mithin nicht nur für Expertinnen und Experten, sondern in besonderem Maße auch für Studierende der Sozialwissenschaften (und bei weitem nicht nur der Sozialen Arbeit) interessant und gewinnbringend. Die Informationsmenge ist für den zur Verfügung stehenden Umfang recht hoch und thematische Übergänge z. B. von Antwortskalen zu Befragungsmodi (S. 111), die teilweise recht „technischen“ Exkurse v. a. im vierten Kapitel und die breite Aufzählung von möglichen Verzerrungen im fünften Kapitel könnten Forschungsneulinge auch entmutigen anstatt sie zu eigenen Schritten auf dem Gebiet der empirischen Sozialforschung anzuspornen.

Fazit

Trotz der genannten Punkte legt der Verfasser mit „Fragebogen in der Sozialen Arbeit“ einen uneingeschränkt empfehlenswerten Band vor, der sich nicht nur forschungsethisch klar positioniert, sondern durch die stringente Gliederung und das umfangreiche Sachregister auch als Nachschlagewerk zur empirischen Sozialforschung dienen kann.


Rezension von
Dr. Sven Werner
Fakultät Erziehungswissenschaften der Universität Erfurt
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Zitiervorschlag
Sven Werner. Rezension vom 05.06.2014 zu: Armin Schneider: Fragebogen in der Sozialen Arbeit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2013. ISBN 978-3-8252-4013-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15583.php, Datum des Zugriffs 25.09.2020.


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