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Andreas Kruse: Alternde Gesellschaft – eine Bedrohung?

Cover Andreas Kruse: Alternde Gesellschaft – eine Bedrohung? Ein Gegenentwurf. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2013. 55 Seiten. ISBN 978-3-7841-2406-3. D: 7,50 EUR, A: 7,80 EUR, CH: 11,50 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit kontrovers - 2.
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Thema

Mit persönlichen Ressourcen das Alter als positiv gestaltbar zu erleben ist die verneinende Antwort auf den Buchtitel „Alternde Gesellschaft – eine Bedrohung?“. Der führende deutsche Gerontologe Andreas Kruse zeigt die individuellen und gesellschaftlichen Potenziale der heutigen Altengeneration auf die Titelfrage seiner 56seitigen Schrift als Gegenentwurf gegen die vermeintliche Altersbedrohung auf. Dieses mit sozialphilosophischen, psychologischen, sozial- und pflegewissenschaftlichen Kategorien arbeitende Plädoyer für ein bis zuletzt aktiv gestaltbares Alter übersieht die Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt, nicht. Der vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge bei Lambertus verlegte Aufruf bringt die als Alters-Verletzlichkeiten beschriebenen Defizite aber in eine Zusammenschau mit den von Kruse den alten Menschen zugeschriebenen Potenzialen von Generativität, Mitverantwortung, Selbstsorge und Gerotranszendenz.

Autor

Univ.-Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Pipl.-Psychologe Andreas Kruse ist Direktor des Instituts für Gerontologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg sowie Vorsitzender der Altenberichtskommission und Mitglied der Familienberichtskommission der Bundesregierung.

Aufbau und Inhalt

Die Schrift „Alternde Gesellschaft – eine Bedrohung?“ will Schluss machen mit der Vorstellung, alte Menschen seien nur eine Last für Familie und Gesellschaft. In den Vordergrund werden die Potenziale alter Menschen in Arbeitswelt, Gesellschaft und für sich selbst gerückt. In der Gerotranszendenz sieht der Autor eine Möglichkeit, dass das Individuum auch sein Lebensende positiv verbringen kann, indem es sich eine eigene außerweltliche Zukunftsperspektive eröffnet.

Seinen kurzen, positiven Abriss zum Alter gliedert Kruse in neun Abschnitte.

Zunächst geht er von der Gestaltbarkeit des Alters und von den Verarbeitungsmöglichkeiten der Einbußen des hohen Alters aus. Insofern lehnt er den einseitigen Altersdiskurs als abwegig ab.

Über das gesamte Alter hin vorhandene Potenziale und gehäuft im neunten Lebensjahrzehnt auftretende Verletzlichkeiten werden immer im Zusammenhang betrachtet.

In der Arbeitswelt vermögen alte Menschen produktiv zu sein dank ihrer Fähigkeit, mit Problemsituationen förderlich umzugehen und dank ihrer generativen Möglichkeiten, die jüngere Mitarbeiterschaft positiv zu motivieren.

Mit ihrer Selbstsorge entwickeln alte Menschen auch die Bereitschaft, die Schöpfung zu bewahren. In praktizierter Mitverantwortung engagieren sie sich für die notwendigen ökologischen und friedlichen Lebensbedingungen für nachwachsende Generationen.

In der sorgenden Gemeinschaft generieren Familien und bürgerschaftlich Engagierte die Ressourcen, um allen alten Menschen ein selbstständiges und selbstverantwortliches Leben zu gewährleisten. Auch die Kommunen sollten für ihre Altenhilfe Leistungen der Pflegeversicherung erhalten. Altenhaushalte mit hohen Einkünften bräuchten nicht das volle Spektrum an Sozialleistungen abzurufen.

In einer altersfreundlichen Kultur mit partizipativen Gelegenheitsstrukturen können sich alte Menschen einbringen.

Die steigende Zahl Dementer ist immer von ihren noch vorhandenen basalen Fähigkeiten und von ihrer mitschwingenden Sensibilität her zu begreifen.

Eine pflegefreundliche Kultur eröffnet biografische und zukunftsoffene Perspektiven und sorgt für eine angstfreie Atmosphäre. Hiermit lässt sich Leben in seiner Rundung zu einer geöffneten Perspektive bringen.

Die Kreativität in der von Verletzlichkeiten durchzogenen Lebensend-Phase erhellt Kruse am Beispiel der letzten Werke des Komponisten Johann Sebastian Bach.

Diskussion

Kruses die Alterspotenziale heraus stellende Schrift sieht Möglichkeiten zur aktiven Selbstbestimmung alter Menschen über alle Phasen des Alters hinweg von den Jungen Alten über die Alten in der Umbruchsphase bis zu den Hochaltrigen und Sterbenden hin. Die lange geläufige Differenzierung in die stärker produktiven Jung-Alten und in die nur noch Hilfen entgegen nehmenden Alt-Alten wird bei Kruse gar nicht mehr so vorgenommen. Er sieht nicht nur die generativen Kompetenzen der Erfahrungs- und Problemlösungs-Weitergabe, sondern schreibt gerade auch den Personen mit hohen Verletzlichkeiten im neunten Lebensjahrzehnt die Fähigkeiten zur Horizontöffnung und zum Perspektivengewinn am Lebensende zu. Das ist die sehr gewinnbringende Sicht der Gerotranszendenz im Stadium des zu Ende gehenden Lebens. Hierin liegt ein fruchtbarer interdisziplinärer gerontologischer Ansatz, der neben der psycho-medizinischen auch eine philosophisch-theologische Dimension umfasst.

Die Produktivität auch sehr alter Menschen ändert jedoch nichts daran, dass ihre Aktivität das Mitwirken von jüngeren Angehörigen oder zumindest von sozialen Möglichkeitsstrukturen erfordert. Dieses individuell-soziale Zusammenspiel ist für Kruses Positiv-Sicht unabdingbar.

Wieweit die begleitenden Wünsche Kruses nach sozialpolitischen Umlagerungen von Hilfsmitteln erfüllt werden wie die Selbstaufbringung der Hilfekosten durch Gutgestellte und die Leistungsgewährung von Sozialleistungsträgern an die Kommunen steht dahin. Die Abgrenzung zwischen Eigenleistern und Fremdleistungsempfängern wird kaum exakt und befriedigend vollziehbar und, wenn schon, dann politisch nicht durchsetzbar sein (Barriere Gleichheitssatz). Und die Hilfen für die Kommunen sind eher eine Frage des finanzpolitischen Transferausgleichs denn eine sozialpolitische Aufgabe. Im Übrigen ist hier seit 2009 mit den vor Ort errichteten Pflegestützpunkten nach § 92c SGB XI des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes bereits ein guter Weg beschritten.

Fazit

Mit seinem Gegenentwurf gegen die angeblich bedrohliche, alternde Gesellschaft ist es Andreas Kruse gelungen, uns allen eine realistisch-hoffnungsvolle Perspektive für das Altern vorzulegen. Diese seine mit gutem Willen verwirklichbare Vision vom produktiven Altern ist ein Silberstreifen für die Abenddämmerung des Lebens.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 30.10.2013 zu: Andreas Kruse: Alternde Gesellschaft – eine Bedrohung? Ein Gegenentwurf. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-7841-2406-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15589.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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