Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Dirk Lange, Holger Onken u.a.: Politisches Interesse und politische Bildung

Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hansen, 10.02.2014

Cover Dirk Lange, Holger Onken u.a.: Politisches Interesse und politische Bildung ISBN 978-3-658-01943-3

Dirk Lange, Holger Onken, Andreas Slopinski: Politisches Interesse und politische Bildung. Zum Stand des Bürgerbewusstseins Jugendlicher und junger Erwachsener. Springer VS (Wiesbaden) 2013. 120 Seiten. ISBN 978-3-658-01943-3. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.
Reihe: Bürgerbewusstsein - Band 6. Research
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Autoren

Dirk Lange lehrt Didaktik der Politischen Bildung an der Leibniz Universität Hannover und ist Bundesvorsitzender der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB).

Holger Onken ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Hannover und Oldenburg.

Andreas Slopinski ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Standortbestimmung

Bei dem Buch handelt es sich um eine empirische Wasserstandsmeldung aus dem Jahr 2009: „Zum Stand des Bürgerbewusstseins Jugendlicher“. Es geht um das Citoyen-Verständnis junger Leute: „idiotes“ oder „polites“?

Drei Abschnitte untergliedern das Buch:

  1. Grundlagen: Jugend als Lebensphase – Was ist politisches Interesse? – Was sind und wie ermittelt man individuelle Zukunftserwartungen? – Theoretische Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens.
  2. Empirischer Teil - Auswertung der Schülerbefragung 2009 nach:

    • politischem Interesse,
    • persönlichen Zukunftserwartungen
    • Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2009.
  3. Fazit: Nicht Ablehnung sondern Desinteresse gefährden die Demokratie.

Politische Sozialisation

Sozialisationsprozesse des Jugendalters stehen im Mittelpunkt, insbesondere die Frage nach der politischen Sozialisation, die das Ziel verfolgt, die Heranwachsenden mit der Identität eines mündigen Bürgers auszustatten. Maßgebliche politische Orientierungen und Handlungsweisen werden in der Jugendphase geprägt und nahezu festgelegt, so dass sie im Erwachsenenalter oft nur noch geringfügig verändert werden können.

Gut 30% der 17 bis 24jährigen in Deutschland interessieren sich heute für Politik. Der mäßige Anteil ist nicht zuletzt den Anforderungen der speziellen Lebensphase geschuldet: „Gegenüber dem Erwerb von Schul- und Berufsqualifikationen, der Ablösung vom Elternhaus und dem Aufbau von Partnerschaften, die für die Heranwachsenden unmittelbar relevant sind, erhält der Lebensbereich der Politik nur eine nachgeordnete Bedeutung.“ (S. 33)

Forschungsdesign

Unmittelbar nach der Bundestagswahl 2009 werden im Oldenburger Land rund 1200 Schüler an Berufsbildenden Schulen und Gymnasien im Alter zwischen 17 und 24 Jahren befragt. Und zwar, erstens, nach ihrem politischen Interesse und ihren politischen Orientierungen, zweitens, nach ihren persönlichen Zukunftserwartungen und, drittens, nach ihrem konkreten Wahlverhalten bei der zurückliegenden Bundestagswahl. Die Ergebnisse werden korreliert mit Geschlecht, Herkunftsfamilie, Schichtzugehörigkeit und (angestrebtem) Bildungsabschluss.

Bekanntes wird bestätigt

Je höher das Haushaltsnettoeinkommen der Familie, je höher die soziale Herkunftsschicht, je höher der (angestrebte) Bildungsabschluss, je zuversichtlicher der persönliche Blick in die Zukunft, umso größer das politische Interesse, das politische Wissen und das politische Engagement, gemessen an konventionellen Formen der politischen Partizipation. Bei Jungen jeweils etwas mehr als bei Mädchen. – Wiederholt betonen die Autoren, dass ihre Ergebnisse im Großen und Ganzen bestätigen, was schon aus anderen Jugend-Studien – Shell-Studien, DJI (= Deutsches Jugend-Institut) -Survey – bekannt war. Was neu ist, ist die Tendenz zum Zukunftspessimismus bei den Mittelschicht-Jugendlichen. Hier scheint sich zu bestätigen, dass in der Epoche der „flüchtigen Moderne“ (Zygmunt Baumann) die Mittelschicht zur prekären Soziallage wird, während sich die Oberschicht im Wohlleben sonnt und sich die Unterschicht keine Hoffnungen mehr macht.

Paradoxien

Wiederholt fallen in dem Buch Paradoxien auf, die man in holzschnittartiger Vergröberung so formulieren könnte: Die politisch stark Interessierten unter den Jugendlichen beklagen das geringe Interesse ihrer Generation an Politik; die politisch gering Interessierten hingegen erkennen darin kein bedenkliches Manko.

Die politisch stark Interessierten klagen darüber, „dass sich die Parteien immer ähnlicher“ werden – gehen aber zur Wahl. Die politisch gering Interessierten finden nicht, dass sich die Parteien immer ähnlicher werden, mithin stehen tatsächlich Alternativen zur Wahl – aber sie gehen nicht wählen. – Das ist, wie gesagt, sehr vereinfacht ausgedrückt, um eine paradoxe Tendenz deutlich werden zu lassen.

Haltbarkeit empirischer Tagesbefunde

Wie schnelllebig unsere Zeit ist, mag man vielleicht an einer Feststellung auf S. 113 erkennen. Die Studie hat erbracht, dass die Jugendlichen sich am häufigsten durch Fernsehen und Tageszeitungen über Politik informieren. „Die Bedeutung des Internets als Quelle für politische Informationen … wird überschätzt.“ Das ist der Stand von Ende 2009; ob er heute noch zutrifft? Nach allem, was wir hören, ist das Fernsehen in den Augen der Heranwachsenden ein „Alte-Leute-Medium“ und die Tageszeitung ein auch ökologisch bedenkliches und darum abzulehnendes „Holzmedium“, für dessen Papier unschuldige Wälder bluten mussten.

Fazit

Eine Gefahr für die Demokratie der bald 65jährigen Bundesrepublik besteht heute weniger durch deren grundsätzliche Ablehnung, sondern vielmehr durch das Desinteresse, durch die Distanz und Entfremdung zwischen den zur „politischen Klasse“ verformten politischen Institutionen / Repräsentanten, eine abgeschwächte Form der Nomenklatura, und den jungen Heranwachsenden mit prekärer Zukunft. Wenn doch an der Schließung dieser Kluft zu arbeiten ist, wie es evident zu sein scheint, dann müsste politische Bildung ein starkes Interesse an einer längeren Reichweite haben und auch auf die Politiker in Legislative und Exekutive einwirken wollen. Als Experten der politischen Bildung wissen die Verfasser natürlich, dass die beste politische Bildung von einer guten Politik ausgeht.

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
Mailformular

Es gibt 100 Rezensionen von Klaus Hansen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 10.02.2014 zu: Dirk Lange, Holger Onken, Andreas Slopinski: Politisches Interesse und politische Bildung. Zum Stand des Bürgerbewusstseins Jugendlicher und junger Erwachsener. Springer VS (Wiesbaden) 2013. ISBN 978-3-658-01943-3. Reihe: Bürgerbewusstsein - Band 6. Research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15594.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht