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Mathias Blanz, Frank Como-Zipfel u.a. (Hrsg.): Verhaltensorientierte soziale Arbeit

Cover Mathias Blanz, Frank Como-Zipfel, Franz J. Schermer (Hrsg.): Verhaltensorientierte Soziale Arbeit. Grundlagen, Methoden, Handlungsfelder. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. 265 Seiten. ISBN 978-3-17-021973-1. 29,90 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit.
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Thema

Die Herausgeber verweisen im Klappentext darauf hin, dass der verhaltensorientierte Ansatz in der Sozialen Arbeit als eine innovative Art des Umgangs mit sozialpädagogischen Fragestellungen zu sehen und auf alle Anwendungs- und Praxisbereiche übertragbar ist. In diesem Sinne versteht sich das Buch als umfassendes Grundlagenwerk, das diesen neuen Ansatz als Zugang zur Begründung sozialpädagogischen Handelns in unterschiedlichen Praxisfeldern der Sozialen Arbeit vermitteln will. Das Werk will zeigen, „wie die Praxis der Sozialen Arbeit von einem soliden Verständnis der Verhaltenstheorie profitieren kann und wie dies zu besseren Ergebnissen im gesamten Bereich ihrer Aufgaben und Aktivitäten führt“ (S. 7). Zudem führt es in die ethischen, wissenschaftlichen, theoretischen und methodologischen Grundlagen verhaltensorientierter Sozialer Arbeit ein.

Autoren

Mathias Blanz promovierte 1988 an der Universität Marburg mit einer sozialpsychologisch orientierten Schrift, habilitierte 1998 im Rahmen eines DFG-Forschungsprojekts über Determinanten sozialer Kategorisierung an der Universität Münster. Seit 2002 lehrt er als Professor an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt mit den Schwerpunkten Sozialpsychologie, Organisationspsychologie, Kommunikationswissenschaft und Medienpsychologie.

Frank Como-Zipfel ist diplomierter Sozialarbeiter, Dr. phil. und lehrt als Professor Sozialpädagogische Methoden mit empirisch-verhaltensorientiertem Schwerpunkt und ist Leiter des Studienschwerpunkts „Soziale Arbeit mit psychisch-kranken und suchtkranken Menschen“ an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule für angewandte Wissenschaften der Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

Franz J. Schermer ist Diplompsychologe, psychologischer Psychotherapeut und promovierte 1982 an der Julius Maximilians Universität Würzburg im Hauptfach Psychologie über arbeitsbezogene Handlungsstrategien, Leistungsangst und Selbstbild im Kontext der Schule. Nach verschiedenen Tätigkeiten in der psychologischen Beratung und als Lehrbeauftragter an der Universität Erlangen und der Simon-Ohm Fachhochschule in Nürnberg 1983 Berufung auf die Professur für Psychologie am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und mit der Leitung des Vertiefungsmoduls „Schulsozialarbeit“ betraut. Als Lehr- und Forschungsschwerpunkte gelten Basisstrategien der verhaltensorientierten Handlungslehre, allgemeine sowie klinische Psychologie und Statistik.

Entstehungshintergrund

Das Werk ist offensichtlich aus der Erkenntnis entstanden, dass die Bedeutung der Verhaltensorientierung für die Soziale Arbeit in Deutschland - im Gegensatz zum angloamerikanischen Bereich - immer noch zu gering entwickelt, somit ein Defizit erkannt worden ist. Zudem spielte das Bedürfnis, eine nicht zu unterschätzende bewusste und gezielte Schwerpunktsetzung auf eine verhaltenstheoretische Orientierung bei der Gestaltung des Studiengangs Soziale Arbeit klar erkennbar zu machen, sicher eine gewisse Rolle.

Aufbau

Das Buch eröffnet mit einem Geleit- und einem Vorwort; danach erfolgt die Abhandlung zunächst der Grundlagen sowie der Methoden und sodann der Handlungsfelder einer Verhaltensorientierten Sozialen Arbeit, jeweils in verschiedene Kapitel untergliedert. Dies gilt insbesondere für das Kapitel III, das in vierzehn Unterkapitel aufgeteilt ist.

Den Abschluss bilden je ein Literatur- und ein Autorenverzeichnis.

Inhalt

Im ersten Hauptkapitel erläutern die Autoren Frank Como-Zipfel und Christoph Bördlein (tätig im Psychosozialen Dienst und betrieblichem Gesundheitsmanagement des Bundesrechnungshofs in Bonn) die wissenschaftshistorischen und -theoretischen Grundlagen einer Verhaltensorientierten Sozialen Arbeit, während die Herausgeber Mathias Blanz und Franz J. Schermer im zweiten Hauptkapitel die Methoden der Verhaltensorientierten Sozialen Arbeit erläutern. Dieser Beitrag wendet sich zuerst einer Erläuterung des Methodenbegriffs insbesondere bezogen auf die Soziale Arbeit zu. Zunächst wird die frühere Sichtweise, Methode verstanden als Arbeitsfeld – gekennzeichnet etwa als Einzelfallarbeit, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit – abgegrenzt von jenem Methodenbegriff, der die Vorgehensweisen bei der Arbeit mit hilfsbedürftigen Menschen meint. Methode weist sodann die Eigenschaften Regelbasierung, Zielorientierung, Handlungsorientierung, Planbarkeit, Umsetzung und Evaluation auf, was sich letztlich mit den Hauptelementen des erwachsenenbildnerischen Vorgehens bei der Gestaltung von Seminarprogrammen und deren Durchführung in Einklang bringen lässt (Anm. d. Verf.). Das daraus resultierende methodische Handeln in der Sozialen Arbeit wird laut Galuske „als planvolle, nachvollziehbare und damit kontrollierbare Gestaltung von Hilfsprozessen“ verstanden, die es zu reflektieren und zu überprüfen gelte (vgl. S. 64). Die Autoren erläutern die Trias Konzept, Methode, Technik, untermauert durch entsprechende Literaturangaben und ein Anwendungsbeispiel anhand einer Fallstudie, ehe auf die Verhaltensorientierung sowohl als Konzept wie auch als Methode der Sozialen Arbeit insbesondere durch eine ausführliche Belegung mit Literaturangaben eingegangen und mit Diagrammen etc. veranschaulicht wird. In weiteren Unterkapiteln kommen die Methoden zur Gestaltung der Arbeitsbeziehung, verhaltensdiagnostische Methoden, Datenerhebungsverfahren, verhaltensorientierte Interventionsmethoden und schließlich Evaluationsmethoden ausführlich und mittels Literaturanalyse zu Wort.

Wenden wir uns nun dem eigentlichen Kern der Publikation zu, der sich der Handlungsfelder einer Verhaltensorientierten Sozialen Arbeit – als da sind Menschen mit Behinderungen, alte, psychisch erkrankte, suchtkranke, straffällige Menschen, Menschen mit tiefgreifenden Entwicklungsstörungen, Kinder und Jugendliche, oder aber die Verhaltensorientierte Soziale Arbeit in Schule und Bildung, mit Familien, im Gesundheitsbereich und im Zusammenhang mit der Supervision – zuwendet. Aus der Fülle dieser elf Handlungsfelder sollen hier lediglich die drei Bereiche: alte Menschen, Schule und Bildung sowie der Gesundheitsbereich herausgegriffen und näher besehen werden.

Anita Plattner (promovierte Humanbiologin und Mitglied des Münchener Rings unabhängiger Sachverständiger) bearbeitet in ihrem Beitrag das Handlungsfeld verhaltensorientierte Arbeit mit alten Menschen und hier vor allem die Förderung bei beginnender Alzheimer-Demenz. Nach einer Einleitung, in der sie darauf hinweist, dass verhaltensorientierte Handlungsmöglichkeiten das Fortschreiten der Erkrankung etwas abbremsen können (S. 120), beleuchtet sie vor allem einen professionellen Umgang mit Demenz-Klienten im Frühstadium und erläutert exemplarisch ein verhaltensorientiertes Vorgehen bei einem Klienten mit Alzheimer-Demenz; hierbei handelt es sich um eine Einzelfalldarstellung. Plattner führt nacheinander eine qualitative, eine quantitative, eine funktionale und schließlich eine Ziel-Analyse durch, ehe sie zu einer Interventionsplanung, die sich methodisch nach dem Konzept des Verhaltensorientierten Kompetenztrainings VKT richtet, kommt. Es werden sodann die Themen der Interventionssitzungen und die angewandten Techniken tabellarisch aufgeführt, ehe eine Evaluation folgt. Zusammenfassend stellt die Autorin fest, dass zwar keine umfangreichen Erfolgsstudien über eine verhaltensorientierte Intervention bei beginnender Demenz vorliegen, dass aber durch eine psychosoziale Intervention mittels einfühlsamer verhaltensorientierter Aktivierung und Motivierung des Klienten eine Progression der kognitiven Symptomatik verlangsamt wird, um so einen Leistungsverlust bewältigen zu können.

Edeltrud Marx (Dipl.-Sozpäd., Privatdozentin und Professorin für Psychologie im Fachbereich Sozialwesen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln) und Raphaela Trinks (Dr. päd. , Dipl. Sozarb., Dipl.Sozpäd., nebenamtlich Lehrende im Fachbereich Sozialwesen der gleichen Fachhochschule) wenden sich in ihrem Beitrag zur Verhaltensorientierten Sozialen Arbeit in Schule und Bildung der ‚Förderung von induktivem Denken und Sprachleistung‘ – vor allem unter Berücksichtigung der verschiedenen Varianten des Denktrainings von Karl Josef Klauer - zu. Nach einer kurzen Erläuterung von dessen präskriptiver Theorie des induktiven Denkens werden Vergleiche von Merkmalen von Objekten, von Relationen zwischen Objekten vorgenommen und die Kernaufgaben des induktiven Denkens tabellarisch erfasst, Programmvarianten und Adressaten genannt, ehe anhand einer verhaltensorientierten Projektdarstellung die Intelligenz- und Sprachförderung bei Kindern in benachteiligten Stadtteilen sowohl einer qualitativen, quantitativen wie auch funktionalen und zielorientierten Analyse unterzogen wird. Dem folgt die konkrete Durchsetzung der Verhaltensmodifikation, es werden Materialien und Vorgehen erläutert und das Training schließlich evaluiert.

In einem letzten Teil des Beitrags wird ein weiteres verhaltensorientiertes Gruppenprojekt vorgestellt. Hier geht es um ein Training von Schulkindern mit einer Spezifischen Spracherwerbsstörung (SSES). Bei den Probanden handelt es sich um eine 67-köpfige Gruppe von sieben- bis neunjährigen Schulkindern, die gezielt auf eine längerfristige Steigerung ihrer Intelligenz- und Sprachleistung hin trainiert werden; dies soll durch den Einsatz bestimmter Aufgaben aus dem Denktraining von Kindern I und II zur Förderung induktiven Denkens nach Klauer und eines Präpositionstrainings mittels jeweils zehn Lektionen erreicht werden. Es werden dabei Bildmaterial, Spielzeug, Figuren und Spiele verwendet. Als Ergebnis halten die Autorinnen fest, dass die beiden Denktrainings „sowohl signifikanten Einfluss auf das induktive Denken als auch auf die Sprachvariablen haben“ (S. 198). Daraus wird der Schluss gezogen, dass die Trainings zum induktiven Denken von Klauer signifikante und nachhaltige Effekte erzielen können und deshalb zu wünschen wäre, dass sie sich als zentraler Bestandteil Verhaltensorientierter Sozialer Arbeit etablieren und schließlich nicht nur die zu Fördernden, sondern auch die Studierenden der Sozialen Arbeit bei Planung, Durchführung und Evaluation erweiterte Kompetenzen erwerben könnten

Diskussion

Wie eingangs schon darauf hingewiesen wurde, greift das Buch nicht nur tief in den Katalog unterschiedlicher, für eine Verhaltensorientierte Soziale Arbeit relevanter Handlungsfelder, es erhebt damit auch indirekt den Anspruch der umfassenden Abhandlung derselben. Die einzelnen hier nicht weiter näher betrachteten Bereiche, wie etwa die Soziale Arbeit mit alten Menschen, mit psychisch oder auch suchtkranken Menschen etc. werden von den Einzelbeiträgen in ähnlicher Weise abgehandelt, wie die oben näher ausgeführten. Stets wird auf eine Fülle begleitender Literatur hingewiesen, was aber nicht selten (vgl. auch den Methodenteil), aber durchaus mehr oder weniger notwendigerweise den Eindruck einer fundierten Literaturanalyse zu vermitteln vermag. Sicher erreicht das Buch damit das Ziel, die Studierenden oder in der Sozialen Arbeit bereits Tätigen mit einer ausgewiesenen Forschungs- und Praxislage bezüglich einer Verhaltensorientierten Sozialen Arbeit zu konfrontieren. Andrerseits macht es dies dem Leser hinsichtlich der Lesbarkeit mancher Texte nicht immer einfach.

Fazit

Die Herausgeber legen ein praxisbezogenes, mit vielen Tabellen, anschaulichen Grafiken und Boxen sowie mit umfassender Literaturauswertung versehenes Kompendium an konkreten Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit vor, das ein entschiedenes Plädoyer für eine empirisch fundierte verhaltensorientierte Sozialarbeit abgibt, ohne dabei prätentiös bzw. dominant eine spezifische Fachorientierung im praktischen Sozialen Handeln vorzugeben. Das als Lehrbuch ausgelegte Werk ist in hohem Maße geeignet, eine bis vor noch nicht allzu langer Zeit geringe Rezeption der aus dem angloamerikanischen Bereich stammenden Verhaltensorientierten Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum die nötige Resonanz und Akzeptanz sowohl bei Studierenden, Lehrenden und auch Berufspraktikern zu verschaffen und ist deshalb besonders als Pflichtlektüre zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 27.01.2014 zu: Mathias Blanz, Frank Como-Zipfel, Franz J. Schermer (Hrsg.): Verhaltensorientierte Soziale Arbeit. Grundlagen, Methoden, Handlungsfelder. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-17-021973-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15596.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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