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Peter Bieri: Eine Art zu leben

Cover Peter Bieri: Eine Art zu leben. über die Vielfalt menschlicher Würde. Hanser Verlag (München) 2013. 381 Seiten. ISBN 978-3-446-24349-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Mit Würde geboren

„Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bildet) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Diese in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung zuvorderst postulierte Definition des Menschseins und der in Artikel 1 eindeutig gesetzte Grundsatz – „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“ – gilt als globale Ethik und Verpflichtung für alle Menschen. Grundlegende, gesetzte, erworbene und „gefühlte“ Werte und Normen, die ein gerechtes und friedliches Zusammenleben aller Menschen auf der Erde fordern und regeln wollen, unterliegen freilich immer auch der Misere, dass die dabei implizierten Annahmen von Einsicht, Verantwortungsbewusstsein und Friedfertigkeit allzu oft nicht vorhanden sind und von Egoismen, Opportunismen und Nationalismen überlagert werden. Die aristotelische Auffassung, dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist, das aufgrund seiner Vernunft- und Sprachbegabung nicht nur in der Lage, sondern auch gewillt ist, ein gutes, gelingendes Leben für sich und alle Menschen anzustreben, hinkt hinter den Ansprüchenb und Wirklichkeiten hinter her, das zeigen die vielfältigen philosophischen und politischen Anstrengungen über die Jahrtausende hinweg, (vgl. dazu z. B.: Wolfgang Huber, Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15602.php). Anlässlich des 50. Jahrestages der Veröffentlichung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat der damalige Generalsekretär der UNESCO, Federico Mayor, dazu aufgerufen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um endlich von einer „Kultur des Krieges“ zu einer „Kultur des Friedens zu kommen und eine „universelle Verantwortung“ weltweit zu etablieren (UNESCO-Kurier 10/1998: Menschenrechte – Der Kampf geht weiter). Die Frage nach der Durchsetzung der Menschenrechte scheitert ja nicht nur an den individuellen und nationalen Verständigungsschwierigkeiten, auch nicht nur an kulturspezifischen Auslegungen, sondern offensichtlich an der Unfähigkeit, ein gemeinsames, humanes, globales, ethisches Verständnis vom „guten Leben“ für alle Menschen auf der Erde zu generieren (Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12425.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Weil der Begriff der „Würde“ so eindeutig ist und gleichzeitig so unterschiedlich gedeutet wird, ist es lohnenswert und verdienstvoll, dass sich einer daran macht, nach Klarheit im lokalen und globalen gesellschaftlichen Diskurs zu suchen. Peter Bieri, 1944 in Bern geboren, eilt der Ruf vorauseilt, als „Querdenker“ und „Unangepasster“ zu gelten. Er hat als Philosoph an den Universitäten Bielefeld, Marburg und an der FU in Berlin gelehrt und ist mit dem Pseudonym Pascal Mercier auch als Schriftsteller tätig. Mit seiner Kritik am (kapitalistischen, auf ökonomische Nutz- und Verwertungsprozesse hin ausgerichteten) Wissenschaftsbetrieb reiht er sich ein in Phalanx derjenigen, die davor warnen, dass die wissenschaftliche Wissensakkumulation von der Kapitalakkumulation verdrängt wird (Yehuda Elkana / Hannes Klöpper, Die Universitäten im 21. Jahrhundert. Für eine neue Ethik von Lehre, Forschung und Gesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/11785.php; Jens Sambale / Volker Eick / Heike Walkenhorst, Hrsg., Das Elend der Universitäten. Neoliberalisierung deutscher Hochschulpolitik, 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6833.php). Im Büchlein „Wie wollen wir leben?“ veröffentlicht Bieri drei Vorlesungstexte zu den Fragen: Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? – Warum ist Selbsterkenntnis wichtig? – Wie entsteht kulturelle Identität? (Peter Bieri, Wie wollen wir leben? 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12313.php).

Aufbau und Inhalt

Bieri setzt erst einmal das metaphysische und philosophische Verständnis voraus, das hinter den Würdebegriff steht und definiert Würde „als eine bestimmte Art und Weise, ein menschliches Leben zu leben … (als) ein Muster des Denkens, Erlebens und Tuns“. Er geht davon aus, dass ein wacher und genauer Blick auf die vielfältigen Lebenserfahrungen genügt, um diesem ethischem Wert auf die Spur zu kommen. Er nähert sich der Herausforderung, indem er drei Fragen stellt: Wie werde ich von anderen Menschen behandelt? – Wie behandle ich andere Menschen? – Wie stehe ich zu mir selbst?. Es sind fraglos philosophische Fragen nach dem Kantischen Dreischritt: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen“. Diese Prämissen lassen sich in Gebote meißeln, in Gesetze gießen oder in Verfassungen schreiben. Damit können sie sich zu Richtschnüren oder Fesseln entwickeln. Es könnte aber auch gelingen, die Würde des Menschen als ein Wagnis zu verstehen, als eine Herausforderung, die im tagtäglichen Denken und Tun sich ausbreitet, konfrontiert und als Hindernis oder gar als Falle auftut. Der Autor nähert sich der Problematik dadurch, dass er feststellt: „Unser Leben als denkende, erlebende und handelnde Wesen ist zerbrechlich und stets gefährdet – von außen wie von innen. Die Lebensform der Würde ist der Versuch, diese Gefährdung in Schach zu halten“. Menschliche Würde ist gegeben, sie muss aber tagtäglich im Leben der Menschen neu erworben, erkämpft, bewahrt und verteidigt werden. Dabei ist zu reflektieren, dass die Grundwerte, die der Würde des Menschen aufsitzen – Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden – unverzichtbar, überall und für jeden Menschen gültig und nicht relativierbar sind. Würde ist also Aufgabe und Herausforderung!!

Der Autor gliedert seine Gedankengänge, die er als unfertig und unvollständig erkennt, aber eben als seine Überzeugungen formuliert – in der Hoffnung, sie mögen dem Leser und die Leserin anregen, eigene Überlegungen zu seiner und der Würde aller Menschen zu machen – in acht Kapitel. Im ersten denkt er über die „Würde als Selbständigkeit“ nach. Es geht um das der Freiheit zugehörige Menschenrecht der Selbstbestimmung im Denken und Handeln (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php sowie: Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13124.php). Subjekt und nicht Objekt sein, Selbständigkeit durch Selbsterkenntnis erwerben und Formen und Versuchen entgegentreten zu können, die Würde in Frage stellen oder gar aushebeln.

Dazu ist ohne Zweifel das Nachdenken über „Würde als Begegnung“ notwendig. Und zwar auf „Augenhöhe“, wie dies im Diskurs um gleichberechtigte Kommunikation und Kooperation genannt wird: „Würde hat mit der Bereitschaft zu tun, sich durch eine Begegnung verändern zu lassen“.

Im dritten Kapitel geht es um „Würde als Achtung vor Intimität“, ein in Begegnungs-, Beziehungs- und Erziehungsprozessen schwieriger Akt zwischen Zuwendung, Anerkennung und Vereinnahmung. Hier spielen nicht selten schmerzhafte Erfahrungen wie Schamgefühl, Verschwiegenheit, aber auch Ehrlichkeit und Zivilcourage hinein.

„Würde als Wahrhaftigkeit“, eine im wahrsten Sinne des Wortes wahrhafte Bedeutsamkeit. Es geht um Aufrichtigkeit und ihre Grenzen im menschlichen Miteinander, aber auch um das Bemühen, in Auseinandersetzungen über unterschiedliche Meinungen und Positionen das eigene Gesicht und das des anderen zu wahren.

„Würde als Selbstachtung“, wie das fünfte Kapitel umschrieben ist, gehört zu einem weiteren Baustein zum Errichten des Gebäudes „Würde“. Ein Gedicht über das Selbstsein endet mit der Strophe: „Lass mich ich sein!“. Es sind die Selbst- und Weltbilder, die Selbsterkenntnis und -achtung ermöglichen, wie auch zerstören können. Bedeutsam hierbei ist die Fähigkeit und Kompetenz, Verantwortung für sich und sein eigenes Leben zu übernehmen, und dabei zu erkennen, dass dies nur möglich ist durch die Übernahme der Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft der gesamten Menschheit, wie dies Enrique Barón Crepo (1992) ausdrückt.

Im sechsten Kapitel stellt Bieri fest, dass „Würde als moralische Integrität“ zu verstehen ist: „Das ist das Kennzeichen moralischen Handelns und der Kern moralischer Achtung und Rücksichtnahme, dass die Interessen anderer für mich ein Grund sein können, etwas zu tun oder zu lassen“.

„Würde als Sinn für das Wichtige“; aber: was ist das Wichtigste im Leben der Menschen? Was kann es bedeuten, in seinem Leben einen Sinn zu sehen? Und welchen? Die Beantwortung kann Schlamassel und Chuzpe bewirken, Egoismen und Selbstlosigkeiten hervorrufen, Großzügigkeit und Engherzigkeit bestätigen, Selbstmitleid zum Gebirge gemacht und Anruf und Auslieferung sein. Oft genug wird Wichtiges zum Prinzip erhoben und damit Konflikt erzeugt, der das (scheinbar) Unwichtige überbordet. Bieris Rat: Sich den Sinn für die Proportionen bewahren!

„Würde als Anerkennung der Endlichkeit“, damit beschließt der Autor seine Reflexionen über die Würde des Menschen. In der Tat: Die Würde des Lebens ist nur dann vollständig zu erfassen, wenn die Würde des Todes ihr Recht erhält. Als kürzlich der Deutschlandfunk die Meldung verbreitete, dass der angesehene und anerkannte katholische Theologe und Reformer Hans Küng beschlossen habe, wegen seiner unheilbaren und fortschreitenden Krankheit ein Schweizer Sterbehilfe-Institut in Anspruch zu nehmen, da konnte man die beiden Seiten der Mentalitäten geradezu spüren, die in der Gesellschaft virulent sind: Der Tod als selbstbestimmtes Ende des Lebens oder ein erduldetes! "Unsere Würde im Sinne der Selbständigkeit verlangt, dass wir, die Kranken, selbst darüber bestimmen können, was der Arzt noch mit uns macht und was nicht. Wir haben die letzte Autorität darüber“ (vgl. auch: Michael de Ridder, Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9666.php).

Fazit

Bei seinen Reflexionen über die Vielfalt der menschlichen Würde benutzt Peter Bierli eine Fülle von literarischen Quellen. Die eingebauten Zitate sollen dabei Begründungen für die jeweiligen Aspekte und Thesen liefern. Der Autor hält sich mit eigenen Interpretationen zurück und will den Leser in seine „Gedankengänge … verwickeln und ihn zum Komplizen … machen, im leidenschaftlichen Versuch, Klarheit zu gewinnen“. In den Literaturhinweisen notiert er kurzgefasste Erläuterungen zu den Quellenmaterialien; er verweist so auf Herkunft, Zeitläufte, Tendenzen und outet eigene Positionen.

Man könnte noch einen weiteren Begriff heranziehen, um individuelle und gesellschaftliche Aufmerksamkeit darauf zu richten, die Lebenshaltung „Menschenwürde“ stärker in das Bewusst- und Tätigsein der Menschen zu bringen: „Achtsamkeit“, ein Begriff, der mittlerweile sogar im Management-Training Eingang gefunden hat! Weil der Begriff der „Menschenwürde“ auf der einen Seite als eine allzu selbstverständliche, existenzphilosophische Setzung betrachtet und damit auch wenig hinterfragt wird, andererseits aber auch allzu oft Menschenwürde und Menschenrechte verletzt werden, im individuellen und gesellschaftlichen Alltag, wie im globalen Zusammenhang, ist es sehr verdienstvoll und hilfreich, wenn Peter Bieri mit seinem Buch eine alltagsverständliche Diskussion ermöglicht!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.10.2013 zu: Peter Bieri: Eine Art zu leben. über die Vielfalt menschlicher Würde. Hanser Verlag (München) 2013. ISBN 978-3-446-24349-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15601.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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