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Wolfgang Huber: Ethik

Cover Wolfgang Huber: Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod. Verlag C.H. Beck (München) 2013. 320 Seiten. ISBN 978-340-66556-0-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,50 sFr.

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Ethik ist die Reflexion humaner Lebensführung

„The right to swing my fist ends where the other man´s nose begins“. Diese eingängige wie entwaffnende Erkenntnis eines amerikanischen Richters ist nichts anderes als die Übersetzung des Kantischen kategorischen Imperativs, der im Alltagssprachlichen so zum Ausdruck kommt: „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu!“. Im Sinne der aristotelischen Philosophie ist der anthrôpos ein menschliches Lebewesen, das kraft seiner Vernunftbegabung und seiner Fähigkeit, in Gemeinschaft mit den Mitmenschen zu leben, fähig und in der Lage ist, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und ein gutes, gelingendes Leben zu führen. Die Werte und Normen, die diesen Prämissen zugrunde liegen, finden wir in den gesellschaftlichen Orientierungen, den politischen Verfasstheiten, den Weltanschauungen und dem kulturellen Sosein des menschlichen Lebens. Ethische Haltungen sind also selbstverständlich, wie gleichzeitig schwer zu verwirklichen. Vor allem in Zeiten des lokalen und globalen kulturellen und gesellschaftlichen Wandels, in dem nur allzu leicht vormals selbstverständliche Begrenzungen (damit allerdings auch Eingrenzungen und Unfreiheiten) und Gewissheiten in Frage gestellt werden. Die von den Vereinten Nationen eingesetzte Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat in ihrem Bericht (1995) dazu aufgefordert, eine „globale Ethik“ zu leben mit der Begründung: „Der kulturellen Vielfalt liegt als verbindendes Element eine globale Ethik zugrunde. Sie definiert Mindeststandards, die für alle Gemeinschaften gelten… Internationale Standards für Menschenrechte, Demokratie und Minderheitenschutz sind wichtige Prinzipien einer globalen Ethik. Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Unwissenheit, Krankheit, Elend und Ausgrenzung sind Übel, die noch nicht eingedämmt sind. Sie werden noch genährt durch kulturelle Traditionen einer engstirnigen Selbstsucht, von Vorurteilen und irrationalem Hass“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Unsere kreative Vielfalt, 2. erweit. Ausgabe, Bonn 1997, S. 76).

Entstehungshintergrund und Autor

Das Bonmot des spanischen Europa-Abgeordneten Enrique Barón Crespo anlässlich des 1991 vom Europa-Parlament veranstalteten Kolloquiums „Das Universelle und Europa“, dass jeder einzelne von uns tagtäglich die Verantwortung für die Zukunft der gesamten Menschheit mit sich trägt, macht deutlich, welche Herausforderungen und Schwierigkeiten zutage treten, eine globale Ethik im individuellen und gesellschaftlichen Leben der Menschen zu verwirklichen. Um eine für die Menschen auf der Erde „konsensfähige Ethik“ zu entwickeln, bedarf es der individuellen, lokalen und globalen Auseinandersetzungen darüber, wie eine „kommunikative Vermittlung zwischen den universellen Normen der Ethik des Sollens und den – möglicherweise miteinander unvereinbaren – Wertungen der Selbstverwirklichung in den verschiedenen Lebensformen“ (Karl-Otto Apel) verwirklicht werden kann.

Dieser Herausforderung stellt sich der derzeitige Professor für Theologie in Berlin und Heidelberg, Mitglied des Deutschen Ethikrats, ehemaliger Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, mit seinem „Vademecum der Ethik“. Die Herausgabe des Buches steht im Zusammenhang mit dem Projekt „Ethik“, das der Autor im DVD-Seminar der ZEIT-Akademie durchgeführt hat ,in dem er in 16 Vorlesungen die wichtigsten Begriffe der Ethik praxisnah, anschaulich und im aktuellen Kontext diskutiert.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung, in der er den Fragen nachgeht, warum Ethik heute so schwierig zu definieren und strittig ist, wie sich die Grundwerte Freiheit und Gerechtigkeit zueinander verhalten, sich begrenzen und ausufern, welche Bedeutung Religiosität dabei hat, und wie richtiges, gutes vom falschen, schlechten Leben zu unterscheiden ist, gliedert Wolfgang Huber sein Nachdenken über Ethik in die Kapitel

  • „Zusammenleben“, mit der Frage: „Hat die Familie Zukunft?“ –
  • „Menschliche Würde: Gibt es eine ‚Schwangerschaft auf Probe?‘“ –
  • „Behinderung: Wollen wir den perfekten Menschen?“ –
  • „Grundbedürfnisse: Gehört das Essen nicht zur Moral?“ –
  • „Armut: Wie lässt sich Ungerechtigkeit abbauen?“ –
  • „Kultur: Gibt es auch kulturelle Grundnahrungsmittel“ –
  • „Gewissen: Lässt sich Gewissensfreiheit lernen – und schützen?“ –
  • „Verantwortung: Wie wird man ein Weltbürger?“ –
  • „Informationszeitalter: Beherrschen uns die Medien?“ –
  • „Arbeit: Leben wir, um zu arbeiten?“ –
  • „Profit: Was ist der Zweck der Wirtschaft?“ –
  • „Wissenschaft: Dürfen wir alles, was wir können?“ –
  • „Medizin: Gibt es ein Menschenrecht auf Gesundheit?“ –
  • „Politik: Lassen sich Macht und Moral verbinden?“ –
  • „Toleranz: Wie viel Verschiedenheit halten wir aus?“ –
  • „Krieg und Frieden: Wie weit reicht unsere Verantwortung?“ –
  • „Generationengerechtigkeit: Was hinterlassen wir unseren Nachkommen?“ –
  • „Alter: Was heißt ‚Vater und Mutter ehren?‘“ –
  • „Sterben: Wann ist es Zeit für den Tod?“.

Die jeweils den einzelnen Themenbereichen zugeordneten Fragen öffnen die Türen, um Blicke und Bestandsaufnahmen auf die vielfältigen gesellschaftlichen Zustände zu richten, die Problembereiche und Konfliktsituationen zu verdeutlichen und nach verträglichen, humanen Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Fazit

Die in der ZEIT-Akademie veröffentlichten Vorlesungen über Grundfragen des Lebens, die als vier DVD zu jeweils vier Lektionen/Vorlesungen vorliegen, werden in der Ankündigung wie folgt beschrieben: „Die Vorlesungsreihe ist sehr gut strukturiert und die einzelnen Abschnitte in Länge und Inhalt sehr gut aufeinander abgestimmt. Prof. Huber bemüht sich, auch schwierige philosophische Zusammenhänge dem Laien verständlich zu machen, und das gelingt ihm vorbildlich“. Diese Charakterisierung gilt auch für das Buch „Die Grundfragen unseres Lebens“. Die Anordnung der mit der Einleitung insgesamt 20 Themenbereiche weicht von der DVD-Vorlesungsreihe mit 16 Lektionen ab. Es geht aber auch in dem Buch darum, „die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod“ zu thematisieren, Pro und Contra zu diskutieren, die real existierenden Wirklichkeiten mit den wünschenswerten, real-utopischen und philosophisch-achtbaren, humanen Entwürfen für ein gutes, gelingendes, gerechtes Leben zu konfrontieren. Es wäre verwegen und unlogisch zu erwarten, dass Wolfgang Huber mit seinem „Vademecum der Ethik“ allgemeingültige Antworten auf die vielfältigen Fragen, Problemsituationen und positiven wie negativen Entwicklungsprozesse des lokalen und globalen menschlichen Daseins formuliert; und es wäre verdächtig und zudem einseitig, würde er Rezepte und Gebote, etwa im Sinne der christlichen Lehre, postulieren. Vielmehr zeigt er mit dem Buch eindringlich und hilfreich auf, dass Fragen stellen und Nachdenken über das richtige, philosophische humane Denken und Handeln tragfähige und weiterführende Antworten ermöglichen: „Die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Tun ist nicht nur von dem Wissen über Handlungsbedingungen und Handlungsfolgen abhängig, sie ist auch abhängig von Handlungsmotiven, die unter anderem durch unsere Hoffnungen geprägt sind“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.10.2013 zu: Wolfgang Huber: Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod. Verlag C.H. Beck (München) 2013. ISBN 978-340-66556-0-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15602.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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