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Stephan Convent: Einkommen für alle?

Cover Stephan Convent: Einkommen für alle? Arbeitsmarktrelevante Verhaltensänderungen junger gering Qualifizierter nach der Implementation eines steuerfinanzierten Universaltransfers. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. 497 Seiten. ISBN 978-3-8300-6806-8. D: 128,80 EUR, A: 132,50 EUR.

Schriftenreihe Wirtschaftspolitik in Forschung und Praxis - Band 61.
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Thema

Der Autor leistet einen Beitrag zur Diskussion über die Reform des deutschen Sozialstaats, indem er die möglichen Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens auf den Arbeitsmarkt diskutiert. Konkret untersucht er, welche Auswirkungen ein Grundeinkommen in Höhe von 600 Euro mit einer Transferentzugsrate von 50 Prozent auf das Arbeitsmarktverhalten junger, erwerbsloser Menschen mit geringer Qualifikation hat.

Autor

Der Autor beschreibt sich in der Einleitung selbst als Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit ist als Dissertation am Internationalen Hochschulinstitut Zittau angenommen worden.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit ist in sechs Teile gegliedert.

In Teil A stellt Stephan Convent zunächst die Rahmenbedingungen, insbesondere die Entwicklung des Arbeitsmarktes im Kontext der demografischen Entwicklung dar. Anschließend skizziert er ganz grundsätzlich das Verhältnis von „Arbeit und Mensch“ (Überschrift Kap. 5, S. 29), indem er zunächst den historischen Wandel des Arbeitsbegriffs hinsichtlich dessen positiven wie negativen Assoziationen nachzeichnet und anschließend die seit den 1980er Jahren geführte Diskussion um das „Ende der Arbeit“ sowie die daraus folgenden Auswirkungen und möglichen Handlungsoptionen vorstellt. Zusammenfassend identifiziert er zwei gegensätzliche Standpunkte zur Entwicklung der Arbeit: einerseits die Position der durch technologischen Fortschrift induzierten Arbeitslosigkeit, andererseits die Position der durch den Sozialstaat selbst induzierten Arbeitslosigkeit.

In Teil B charakterisiert Convent den deutschen Sozialstaat unter Rückgriff auf Gøsta Esping-Andersen als konservativen Wohlfahrtsstaat. Die Systemprinzipien des deutschen Sozialstaats erörtert er anhand von vier unterschiedlicher Logiken: Fürsorge, Versorgung, Sozialversicherung und Bürgerversicherung. Anschließend diskutiert Convent die aktuelle Lage des „Sozialstaats 2010“, der durch die „Agenda 2010“ der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder geschaffen worden sei. Hier verweist Convent insbesondere auf die widersprüchlichen Anreize im Bereich der Grundsicherung für Arbeitsuchende, da die Pflicht zur Arbeit verschärft worden, aber zugleich die Transferentzugsrate bei einer Kombination von Sozialleistung und Erwerbsarbeit zu hoch sei.

Convent unterscheidet in Teil C mit Verweis auf Studie von Björn Wagner vier Grundeinkommensdiskurse (den neoliberalen, den sozialliberalen, den sozial-egalitären und den emanzipatorischen), kategorisiert in Anschluss an Georg Vobruba gesellschaftspolitische, ökonomische und sozialpolitischer Gründe für ein Grundeinkommen, diskutiert die Höhe, die Besteuerung sowie die Transferentzugsrate als Gestaltungselemente des Grundeinkommens und stellt schlussendlich als konkrete Modelle zum einen den Vorschlag von Dieter Althaus (Ministerpräsident des Freistaats Thüringens a.D.) und zum anderen den Vorschlag von Götz Werner (Chef der Drogeriekette DM) vor.

In Teil D grenzt Convent den Untersuchungsgegenstand auf geringqualifizierte ALG-II-Empfänger_innen der ostdeutschen Bundesländer Thüringen und Sachsen-Anhalt ein und erläutert seine theoretischen Annahmen, die auf der Theorie Rationaler Wahl beruhen. Mit Rückgriff auf das Menschenbild des RREEMM (Restricted, Resourceful, Expecting, Evaluating, Maximizing Man) und die Theorie des subjektiv erwarteten Nutzen (Subjective Expected Utility) sollen die Handlungswahlen der jungen geringqualifizierten erklärt werden.

In Teil E modelliert Convent eine Heuristik zu den möglichen Anreizwirkungen eines, wie er es nunmehr nennt, Bürgergeldes in Höhe von 600 Euro bei einer Transferentzugsrate von 50 Prozent. Im „Anreizkarree des Bürgergeldes“ stehen sich auf der vertikalen Achse die Reproduktion und die Bildung und auf der horizontalen Achse Erwerbsarbeit und Schattenwirtschaft gegenüber. Aus der theoretischen Erläuterung dieser möglichen Anreizmechanismen leitet Convent zwei Hypothesen ab: Erstens, der Karreepol Erwerbsarbeit verliere an Bedeutung, und, zweitens, tendierten Personen mit niedrigem Schulabschluss überproportional dazu, sich aus der Erwerbsarbeit zurückzuziehen.

Abschließend präsentiert Convent in Teil F seine eigentliche empirische Studie. Er verdeutlicht, warum er nicht die geringqualifizierten ALG-II-Empfänger_innen direkt befragt, sondern stattdessen 349 Fallmanager aus Thüringen und Sachsen-Anhalt, die gut 34.000 junge, arbeitslose Geringqualifizierte betreuen. Als Hauptgrund nennt er die Gefahr des so genannten sozial erwünschten Antwortverhaltens. Die bei dieser indirekten Erhebung, also bei der Befragung von Fallmanagern, auftretenden methodischen Schwächen bezeichnet Convent als Spezifika der Interviewpartner im Verhältnis zu gering Qualifizierten.

Die Ergebnisse der Befragung der Fallmanager bestätigen die zuvor formulierten Hypothesen. Die Anreizreize zur Erwerbsarbeit und Bildung schwächen sich ab. Gleichzeitig steige aber der Anreiz zur Reproduktionsarbeit. Dazu zähle unter Umstände auch die Überlegung, (weitere) Kinder zu kriegen.

Diskussion

Stephan Convent legt eine Studie zum Thema Grundeinkommen vor, die in weiten Teilen bereits Bekanntes zusammenfassend darstellt. Daraus ergibt sich durchaus ein Gebrauchswert, da die Diskussionen um ein Grundeinkommen sich zwar nicht unbedingt qualitativ vertieft, aber ständig quantitativ erweitert.

Neben der Finanzierbarkeit gehören die Auswirkungen auf das Arbeitsmarktverhalten zu den am häufigsten vorgebrachten Einwänden gegen ein bedingungslos, also ohne Voraussetzungen, Gegenleistungen und Wohlverhaltensansprüche, gezahltes Grundeinkommen. In der empirischen Untersuchung des möglichen Arbeitsmarktverhaltens liegt die große Stärke der vorliegenden Arbeit. Aber zugleich liegt in der vorgelegten empirischen Studie auch die größte Schwäche des Buches. Denn erstens erscheint die getroffene Auswahl nach Alter und Erwerbsstatus nicht zwingend: Denn Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt haben erwerbslose unter 25-Jährige ebenso wie erwerbstätige unter 25-Jährige in prekärer Beschäftigung. Der Anreiz, das Erwerbsverhalten zu verändern, wäre bei beiden der gleiche. Während die einen den (Wieder-) Eintritt in den Arbeitsmarkt dank Grundeinkommen ablehnen könnten, könnten die anderen den Austritt aus dem Arbeitsmarkt bevorzugen. Der zentrale Unterschied zwischen den erwerbslosen und den prekär beschäftigten unter 25-Jährigen liegt nicht in der möglichen Anreizwirkung eines Grundeinkommen, sondern vielmehr darin, dass die zu dieser Anreizwirkung befragten Fallmanager zu den letztgenannten nicht als aussagefähige Experten hätten vorgestellt werden können. Das wäre ein akzeptabler forschungspragmatischer Grund, wenn denn die Auswahl der Fallmanager als Experten in Sachen Arbeitsmarktverhalten erwerbsloser unter 25-Jähriger angemessen wäre. Doch genau das ist, zweitens, fraglich. Einige wichtige Gründe hierfür, wie möglicherweise vorhandene Stereotype, Vorurteile und geschlechtsspezifische Diskrepanzen seitens der Fallmanager, benennt Convent kritisch, ohne jedoch erkennbare Konsequenzen daraus zu ziehen. Fallmanager können nicht mehr als nur Mutmaßungen über die Handlungsmotive der jungen unter 25-Jährigen im Alg-II-Bezug anstellen. Warum diese Mutmaßungen zu valideren Aussagen führen soll als eine direkte Befragung der Betroffenen, ist nicht ersichtlich. Denn die Fallmanager können ihr Wissen über die Verhaltensmuster der Zielgruppe nur aus dem Verhalten der Gruppe selbst schließen. Sie können das, weil sie evtl. die Betroffenen selbst gefragt haben. Hier wäre aber das bereits erwähnte Problem des sozial erwünschten Verhaltens eher größer als bei einer direkten Befragung der unter 25-Jährigen, da es in der Kommunikation zwischen Fallmanager und „Kunde“ eben nicht nur um sozial erwünschtes, sondern zusätzlich auch um sozialrechtlich und insbesondere sanktionsrechtlich relevantes Antwortverhalten geht. Genau genommen hätte der Untertitel der Studie also lauten müssen: Vermutungen von Fallmanagern über das arbeitsmarktrelevante Verhalten von jungen Erwerbslosen nach Einführung eines Grundeinkommens in Höhe von 600 Euro.

Fazit

Neue Erkenntnisse zum Thema Grundeinkommen bietet die vorliegende Studie von Stephan Convent nicht. Und auch die empirische Untersuchung, wie sich das Arbeitsmarktverhalten unter 25-jähriger, erwerbsloser gering Qualifizierter nach Einführung eines Grundeinkommens in Höhe von 600 Euro bei einer Transferentzugsrate von 50 Prozent ändern könnte, ist fragwürdig, da nicht die Betroffenen selbst, sondern ihre Fallmanager befragt worden sind.

Wer jedoch nach theoretischen Ansätzen fragt, wie sich ein Grundeinkommen auf das Arbeitsmarktverhalten von jüngeren Erwerbslosen auswirken könnte, wird in Convents Dissertation einen Überblick zu einigen Antworten finden.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Brütt
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Fachhochschule Kiel;
Homepage sozarb.h-da.de/personen/lehrende/christian-bruett/


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Zitiervorschlag
Christian Brütt. Rezension vom 14.11.2013 zu: Stephan Convent: Einkommen für alle? Arbeitsmarktrelevante Verhaltensänderungen junger gering Qualifizierter nach der Implementation eines steuerfinanzierten Universaltransfers. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-8300-6806-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/15608.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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